1. bookVolume 78 (2020): Edizione 1 (February 2020)
    TEMPORÄRE RÄUMLICHE NÄHE – AKTEURE, ORTE UND INTERAKTIONEN
Dettagli della rivista
License
Formato
Rivista
eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
Lingue
Tedesco, Inglese
Open Access

Book Review: Steinführer, Annett; Laschewski Lutz; Mölders, Tanja; Siebert, Rosemarie (Hrsg.) (2019): Das Dorf. Soziale Prozesse und räumliche Arrangements Münster: Lit Verlag. = Ländliche Räume: Beiträge zur lokalen und regionalen Entwicklung 5. 210 Seiten

Pubblicato online: 06 Nov 2019
Volume & Edizione: Volume 78 (2020) - Edizione 1 (February 2020) - TEMPORÄRE RÄUMLICHE NÄHE – AKTEURE, ORTE UND INTERAKTIONEN
Pagine: 107 - 109
Ricevuto: 31 Jul 2019
Accettato: 08 Oct 2019
Dettagli della rivista
License
Formato
Rivista
eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
Lingue
Tedesco, Inglese

Die anhaltende Polarisierung in strukturstarke und strukturschwache Räume, die Auflösung der Dichotomie von Stadt und Land sowie das Aufbrechen traditioneller Geschlechterrollen machen es erforderlich, abseits der Qualität der territorialen Kohäsion von Stadt und Land die Lebens- und Versorgungsqualität der Menschen vor allem in ländlichen Gemeinden genauer zu betrachten. Dies ist deshalb wichtig, weil gerade hier in sehr unterschiedlichem Maße das demographische, wirtschaftliche und vor allem soziale Gefüge zunehmend aus der Balance gerät. Damit wird auch das Potenzial, sich mittels sozialer Innovationen sowie im Kontext von Selbstverantwortung im kleinsträumigen Maßstab – namentlich auf dem Dorf – selbst zu helfen, beeinflusst. Somit ist das Dorf nicht nur das Forschungslabor bzw. Experimentierfeld der Raum- und Planungswissenschaften, sondern hat sich auch in der Soziologie und anderen Sozialwissenschaften als Forschungsgegenstand etabliert.

Ein Beleg hierfür ist das vorliegende Buch „Das Dorf. Soziale Prozesse und räumliche Arrangements“, erschienen als Band 5 der Reihe „Ländliche Räume: Beiträge zur lokalen und regionalen Entwicklung“. Während es das Ziel der Schriftenreihe ist, den interdisziplinären Dialog über den Wandel in den Dörfern sowie die Art und Konsequenzen der Veränderungen des Wandels anzustoßen, wenden sich die Herausgeberinnen und Herausgeber dieses Bandes konkret an die Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler mit dem Appell, sich eingehender mit dörflichen Lebensweisen zu befassen. Hierzu dienen zwei Themenfelder: die Veränderungsbereitschaft und Raumaneignung und die dörfliche Gemeinschaft und deren Verständnis für bzw. Verhältnis zur Natur.

Dieses als Sammelband konzipierte Werk enthält dazu neun fallbeispielbasierte Beiträge aus drei europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Island). Die Beiträge sind strukturell ähnlich aufgebaut: Auf die themenzentrierte Darstellung des Wandels und dessen theoretische Rahmung folgt die Erörterung, wie ein Dorf auf eben diesen Wandel reagiert. Diese umfasst jeweils die Darlegung der methodischen Vorgangsweise, eine umfassende Ergebnisdarstellung und Diskussion der empirischen Befunde sowie Hinweise auf weiterführenden Forschungsbedarf.

Den Beiträgen ist ein Einleitungsbeitrag der Herausgeberinnen und Herausgeber vorangestellt, der in die Geschichte der sozialwissenschaftlichen Dorfforschung einführt und die historisch-gesellschaftlichen Hintergründe des Wandels in den Zugängen und des Gegenstandes der sozialwissenschaftlichen Dorfforschung in Deutschland darlegt. Daran schließt Jens A. Forkel mit seinem Beitrag über die Zusammenhänge zwischen dörflichem Geschichtsbewusstsein, sozialem Zusammenhalt und Teilhabe an. Er greift damit das Thema der zunehmenden Heterogenisierung der Dorfbevölkerung auf und beschreibt den Ansatz, im Wege der Geschichtsvermittlung die Kohäsion von Personen unterschiedlichen Alters und ihre Ortsbindung zu stärken. Dies illustriert er am Beispiel der Narrative zweier älterer Dorfbewohner, die die Subjektivität thematischer Priorisierungen und Bedeutungszusammenhänge ans Licht bringen. Inwiefern dadurch das Ziel erreicht wird, hinterfragt der Autor kritisch.

Heinrich Becker und Gesine Tuitjer erklären in ihrem anschließenden Beitrag über 60 Jahre Dorfforschung in Deutschland, dass sozialwissenschaftliche Forschungstätigkeiten eng an die Interessen der Raumpolitik, das heißt der Auftraggeber geknüpft sind. Damit spiegelt die hierbei retrospektiv erörterte einzige Langzeitstudie im deutschsprachigen Raum zum Thema „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel“ (S. 85) das Faktum wider, dass ländliche Räume bzw. Dörfer seit jeher, wenn auch in unterschiedlichem Maße und abhängig vom politischen System, im Sog sozioökonomischer Veränderungen stehen.

Gesine Tuitjer bringt mit ihrem Beitrag „Lokale Geschlechterarrangements und räumliche Praktiken“ die Geschlechterperspektive in die Diskussion um dörfliche Lebensqualität ein. Sie geht der Frage nach, ob und inwiefern sich die bewusste Entscheidung von Frauen für ein Leben mit Familie auf dem Land mit einem modernen Frau-Sein in Einklang bringen lässt. Die Autorin weist hierbei auf die Vielfalt an individuellen Arrangements und Situationsbewertungen hin, setzt sich mit den Schattenseiten des ländlichen Idylls auseinander und erklärt damit, warum pauschale dörfliche Zuschreibungen im Zusammenhang mit einem guten Leben auf dem Land unzulässig sind. Den Schlusspunkt dieses analytischen Beitrags bildet der Aufruf, mit Merkmalsbeschreibungen reflektierter umzugehen.

Den Defiziten im Kontext der Auseinandersetzung des Nexus von Zentrum und Peripherie widmet sich der Beitrag von Claudia Heffner. Sie erklärt, worauf die Handlungsfähigkeit und das Selbsthilfepotenzial von Dörfern fußen und dass der problemzentrierte Diskurs über ländliche Räume vor dem Hintergrund wachsender räumlicher Disparitäten kontraproduktiv wirkt. Besser sei es, so die Autorin, die gegenwärtige Situation und die Zukunft der Dörfer sachorientiert im Rahmen einer „Normalerzählung“ (S. 107) zu reflektieren. Potenzialorientiert nähert sich Sigrid Kroismayr in ihrem Beitrag über „Kleinschulschließungen im Ortsteil – eine gabentheoretische Betrachtung“ (S. 119) einem österreichischen Fallbeispiel an. Sie zeigt, wie es durch die Geschicklichkeit der politischen Verantwortlichen und das Entgegenkommen der betroffenen Dorfbewohnerinnen und ‑bewohner gelingen kann, mit den Konsequenzen der Ausdünnung von sozialer Infrastruktur gemeinsam kreativ umzugehen. Aus der Schilderung der einzelnen Phasen – von der Ankündigung der Schließung der Kleinschule bis zur gemeinsam erarbeiteten Lösung für die Nachnutzung des nun leerstehenden Schulgebäudes – geht klar hervor, dass die günstige Akteurkonstellation und die funktionierende Dorfgemeinschaft in diesem Fall zum Erfolg geführt haben und somit weder der Bürgerbeteiligungsprozess noch die Lösung einfach übertragbar sind.

Inwiefern es gelingen kann, in Dörfern von heute die Nachbarschaft als zentralen Bestandteil einer funktionierenden Dorfgemeinschaft wiederzubeleben, zeigen Katja Rachow und Vera Sparschuh in ihrem Beitrag über vier Dörfer bzw. Kleinstädte im Nordosten Deutschlands. Ihre empirischen Befunde bringen ans Licht, dass Nachbarschaft und gegenseitige Unterstützung Zeit zum Wachsen brauchen und es vor allem von der Wohndauer und weniger vom Siedlungstyp abhängt, ob man einander hilft. Damit geben die Autorinnen angesichts der hinsichtlich Alter und Wanderungsbiographie zunehmend heterogen zusammengesetzten Dorfbevölkerung Anlass zur Hoffnung, wenngleich sie einräumen, dass die Übertragbarkeit der Befunde, in Ermangelung einer soliden empirischen Datenbasis, in andere räumliche Kontexte und unter Beachtung der individuell verschiedenen Möglichkeiten und Bereitschaft kaum möglich und daher umfangreiche Raumforschung erforderlich sei.

An letzteren Aspekt knüpft Linda Langes Beitrag über das bürgerschaftliche Engagement multilokal lebender Personen für das Dorf an. Sie versucht, das „Leben an mehreren Orten“ (S. 153) typologisch zu fassen und erklärt, wie Ortsbindung, Engagement und abwechselnde An- und Abwesenheit zusammenwirken (können). Ihre Aufforderung, nach neuen Möglichkeiten der Teilhabe multilokal lebender Personen am Dorfleben bzw. der Dorfentwicklung zu suchen, begründet sie vorrangig damit, dass in Zukunft die Anzahl der multilokal lebenden Personen zunehmen wird.

Beate Friedrich widmet sich in ihrem Beitrag der Frage, wie Dörfer mit umweltpolitischen Konflikten umgehen. An zwei verschiedenen Beispielen aus Deutschland wird gezeigt, welchen Einfluss externe Interessen bzw. konkrete Projektvorhaben, die mit Eingriffen in den Naturraum bzw. die Veränderung von Umweltqualitäten verbunden sind, auf die Herausbildung der sozialen Kohäsion in der Dorfgemeinschaft selbst haben bzw. auf die Entstehung von Bündnissen zwischen der Dorfbevölkerung (= dem Land) und den Vertreterinnen und Vertretern städtischer Interessen. Die Autorin spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Schließungs-bzw. Öffnungsprozessen und weist am Ende des Beitrags auf die Bedeutungsvielfalt von Ländlichkeit – allen voran als Identifikationsoberfläche und Konfliktkategorie (S. 182) – hin.

Alexander Dobesons Beitrag knüpft an dieses Thema an und zeigt am Beispiel eines isländischen Fischerdorfes, wie heterogen die Bewohnerinnen und Bewohner auf den liberalen Kapitalismus im Zusammenhang mit dem Fischfang reagieren. Dadurch kommen sowohl die Sensibilität als auch die Labilität der Dorfgemeinschaft zum Ausdruck, die sich in der unterschiedlichen Anpassungsbereitschaft der Bewohnerinnen und Bewohner an die neuen (extern) vorgegebenen Rahmenbedingungen und der unterschiedlichen Bewertung der sich verändernden Lebensumstände und (infrastrukturellen) Gestalt des Dorfes zeigt. Der Autor schließt mit der Feststellung, dass mit der Auslöschung der Kleinbootfischerei nicht nur die (ökonomische) Eigenständigkeit, sondern auch die (kulturelle) Identität verloren gegangen sei.

In einem abschließenden Kapitel fassen Lutz Laschewski, Tanja Mölders und Annett Steinführer die Anliegen und Erkenntnisse der Beiträge aus sozialwissenschaftlicher Sicht zusammen und formulieren daraus thesenartig Fazits und Schlussfolgerungen für die interdisziplinäre und transdisziplinäre Dorfforschung. Sie plädieren einerseits dafür, das Dorf sowohl als „physisches Gebilde“ (S. 203) wie auch als „mentales Konstrukt“ (S. 203) zu begreifen, um das Wesen bzw. den Wandel der dörflichen Gesellschaft bzw. Gemeinschaft (in Zukunft) besser verstehen zu können. Andererseits weisen sie auf die (verstärkte) Berücksichtigung der dörflichen Vielfalt hinsichtlich Geographie, Funktionalität, Struktur und Symbolik hin und fordern die Dorfforscherinnen und -forscher zu mehr Sachorientierung im Forschungsprozess auf.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in das Themenspektrum, die theoretischen Fundierungen, das methodische Repertoire sowie das Engagement, in dem und mit dem sozialwissenschaftliche Dorfforscherinnen und -forscher arbeiten. Dabei zeigt sich eine Präferenz für qualitativ-explorative, querschnittorientierte und systembeschreibende methodische Zugänge. Diese schaffen vertiefende Einblicke in kleinsträumige Lebenswelten, die für die Raum- und Planungswissenschaften interessante Erkenntnisse zu Tage fördern, wenngleich sich das akribisch gesammelte Material aufgrund des Fehlens inhaltlich und zeitlich vergleichbarer Studien bedauerlicherweise derzeit (noch) kaum in größere räumliche Zusammenhänge bringen lässt. Ungeachtet dessen regt dieses Buch die Leserinnen und Leser zu einem Wechsel der Perspektive auf aktuelle Fragen der Weiterentwicklung und Planung ländlicher Räume an. Zudem fordert es dazu heraus, sich in eine neue Fachsprache einzuarbeiten. Auch das macht dieses Buch zu einer anregenden Lektüre sowohl für Raum- und Planungswissenschaftlerinnen/-wissenschaftler als auch für interessierte Studierende.

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