1. bookVolume 74 (2016): Edizione 5 (October 2016)
Dettagli della rivista
License
Formato
Rivista
eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
Lingue
Tedesco, Inglese
Accesso libero

Theorien in der Raum- und Stadtforschung. Einführungen

Pubblicato online: 31 Oct 2016
Volume & Edizione: Volume 74 (2016) - Edizione 5 (October 2016)
Pagine: 475 - 476
Ricevuto: 10 Feb 2016
Accettato: 27 May 2016
Dettagli della rivista
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eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
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Tedesco, Inglese

Oßenbrügge, Jürgen; Vogelpohl, Anne (Hrsg.) (2014): Theorien in der Raum- und Stadtforschung. Einführungen

Münster: Westfälisches Dampfboot. 350 Seiten

Mit der „Neuen Kulturgeographie“ und der seit 2004 jährlich stattfindenden Tagung gleichen Namens hat sich in der deutschsprachigen Humangeographie der Anspruch etabliert, bei empirischen Arbeiten auf Theorieangebote aus den Sozial- und Kulturwissenschaften zurückzugreifen. Die Bandbreite der Bezüge ist groß und es finden sich sowohl vertiefte Auseinandersetzungen mit einzelnen Ansätzen oder Theorietraditionen als auch eher oberflächliche Querverweise auf Lehrbuchniveau. Auch werden in der doch recht überschaubaren Community viele verschiedene Ansätze rezipiert, auf die sich dann meist nur wenige Personen beziehen, was nur selten Diskussionen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen relevanten Theorien aufkommen lässt.

Für Studierende der Humangeographie kann diese Situation verwirrend sein. In ihren Studiengängen finden mitunter nur jene Ansätze Erwähnung, mit denen die – meist wenigen – Lehrpersonen selbst arbeiten, andere werden gegebenenfalls zwar erwähnt, aber kaum eine Theorie wird im modularisierten Studium wirklich vertieft. Angesichts dieser Lage ist der vorliegende Band insbesondere für die Lehre vollumfänglich zu begrüßen. Studierende (aber auch Kolleginnen und Kollegen) mit gewissen Grundkenntnissen finden hier fundierte und durchgehend gut geschriebene Einführungen in für das Fach Humangeographie relevante sozial- und kulturwissenschaftliche Theorien, die gleichermaßen die Originale ernst nehmen und die Bezüge zu Themen der Stadt- und Raumforschung aufzeigen.

Der Sammelband besteht aus insgesamt 21 Kapiteln, die meist von zwei Autoren bzw. Autorinnen gemeinsam verfasst wurden. Die Einleitung (Oßenbrüge/Vogelpohl) verdeutlicht den Anspruch des Sammelbandes, „Anstöße […] für eine intensivere Theoriedebatte in der Raum- und Stadtforschung“ (S. 9) geben zu wollen und skizziert knapp und präzise das Konzept des Bandes. Es folgen sechs kurze Kapitel (von Niewöhner, Oßenbrügge, Necker, Bogumil/Seuberlich, Dangschat und Breckner), in denen diskutiert wird, wie Stadt und Raum in unterschiedlichen Disziplinen thematisiert wurden und werden. Diese Kurzbeiträge sind einerseits lesenswert, andererseits ist ihr Anspruch, damit Diskussionen aus anderen Disziplinen zu erschließen, gleichwohl ein hoher Anspruch und vermutlich kaum erfolgreich einzulösen. So ist die sehr gelungene Darstellung der jüngeren Fachgeschichte der Humangeographie durch Jürgen Oßenbrügge für Studierende und Lehrende im Fach sehr zu empfehlen. Ob sie in ihrer präzisen Knappheit für Fachfremde wirklich instruktiv ist, scheint weniger sicher. Der Rezensent empfand die Kapitel zu Disziplinen, deren Debatten ihm bislang kaum bis gar nicht bekannt sind, eher als Ausgangspunkte für eigene Lektüreanstrengungen denn als Überblick.

Sehr gelungen sind die 14 Kapitel zu unterschiedlichen Theorien, die den Hauptteil des Bandes ausmachen. Stets werden grundsätzliche Positionen und Begriffe bestimmt, relevante Autorinnen und Autoren sowie zentrale Quellen vorgestellt, schließlich die Art und Weise diskutiert, wie die jeweilige Theorie in der geographischen und/oder der Stadtforschung verwendet wurde und wird. Letzteres erfolgt meist unter Bezugnahme auf konkrete Studien, was die Anwendungsmöglichkeiten der Theorien gut verdeutlicht.

Die einzelnen Kapitel führen anhand unterschiedlicher Gegenstände in Theoriedebatten ein. Während einige Kapitel ganze Theorietraditionen und deren Diskussionszusammenhänge vorstellen – Feminismus (Bauriedl/Schurr), Regulationstheorie (Heeg), Akteur-Netzwerk-Theorie (Höhne/Umlauf), Marxismus (Kemper/Wiegand) –, fokussieren andere speziell auf bestimmte Autorinnen und Autoren und ihre Werke, z. B. Lefebvre (Ronneberger/Vogelpohl), Laclau/Mouffe (Glasze/Wullweber), Butler und Haraway (Strüver), Luhmann (Redepenning/Wilhelm), Bourdieu (Deffner/Haferburg). Wieder andere gehen von spezifischen Konzepten aus: Grenzen und Scales (Scheuplein), Institutionen (Affolderbach/Mössner), Gouvernementalität (Rosol/Schipper); oder sie befassen sich mit speziellen Themenfeldern wie Natur (Dietz/Engels) und Migration (Pott/Tsianos). Einzelne Kapitel hervorzuheben scheint angesichts der gleichermaßen hohen Qualität wenig hilfreich. Alle genügen dem von Mitchell (2014) in einem wunderbaren kurzen Text erhobenen Anspruch an gute wissenschaftliche Arbeit (der auch in der Einleitung zitiert wird): Theorien und Abstraktionen sollen die Welt plausibel vereinfachen und sie nicht künstlich verkomplizieren.

Manche Unterschiede fallen wohl nur auf, wenn das Buch untypischerweise komplett gelesen wird, wie das in der Regel nur für Rezensionen geschieht. So bemühen sich einige Kapitel um eine stärker essayistische Form (etwa Bauriedl/Schurr), andere um maximale Systematik (etwa Redepenning/Wilhelm). Wenige Kapitel bearbeiten explizite Fragestellungen unter Rückgriff auf verschiedene Diskussionen (etwa Scheuplein), während die meisten Überblicksdarstellungen einer Theorie liefern. Manche Kapitel sind mit nur wenig Vorkenntnissen gut zu verstehen (etwa Kemper/Wiegand), während andere voraussetzungsvoller sind (etwa Strüver) oder gar – für ein Einführungsbuch nicht s geeignet – neue Begrifflichkeiten vorschlagen (so Pott/Tsianos, S. 123).

Die gewählte Form mit separaten Einführungen in unterschiedliche Theoriediskussionen ermöglicht es den Leserinnen und Lesern ganz hervorragend, sich einzelne oder auch mehrere dieser Diskussionen so zu erschließen, dass eine eigene Vertiefung gut möglich wird. In der Zusammenschau verschiedener Kapitel wird zudem die von der Herausgeberin und dem Herausgeber betonte „zentrale Gemeinsamkeit“ aller Beiträge deutlich: „Raum und Stadt werden durchweg als gesellschaftlich produzierte Verhältnisse aufgefasst“ (S. 11). Dieser zentrale Aspekt aller unter dem breiten Terminus „Neue Kulturgeographie“ gefassten Theoriebezüge, der noch vor zwei Dekaden von vielen im Fach als Provokation aufgefasst worden wäre, wird mit dem Band als Stand der Dinge normalisiert, ohne ihn in Abgrenzung zu Geodeterminismus, Raumfetischismus oder naivem Empirismus begründen zu müssen. Das ist gut so und wurde höchste Zeit.

Möglicherweise steht der Band damit auch für den Beginn einer neuen Herausforderung, die sich vielen von uns insbesondere in der Lehre und bei der Betreuung von Qualifikationsarbeiten stellt: die Unterschiede zwischen den oberflächlich irgendwie ähnlich klingenden Theorien in präziser Weise herauszuarbeiten. Hier hat sich zu bewähren, was Hannah (2016) als eine der Stärken der deutschsprachigen geographischen Theoriediskussion ausgemacht und als „slow theory“ bezeichnet hat: die Tendenz, sich neue theoretische Impulse intensiv und bewusst anzueignen und nicht, wie im angloamerikanischen Kontext häufig der Fall, die schnelle Synthese auf der Basis oberflächlicher Ähnlichkeiten zu suchen, weil alle begrifflichen Unterscheidungen ohnehin als theoretische Fiktionen entlarvt bzw. denunziert werden. Denn letztgenannter Aspekt mag auf abstrakter Ebene zutreffen, in der Praxis der theoriegeleiteten Forschung aber wird seine Überbetonung Ungenauigkeiten und Name Dropping auf Kosten relevanter Erkenntnisse über Gesellschaft und ihre Räume befördern.

Hannah, M.G. (2016): Innovations in the afterlife of the Cold War: German-language human geography. In: Social & Cultural Geography 17, 1, 71–80.10.1080/14649365.2015.1066841HannahM.G.2016Innovations in the afterlife of the Cold War: German-language human geographySocial & Cultural Geography1717180Apri DOISearch in Google Scholar

Mitchell, D. (2014): A complicated fetish. In: Social & Cultural Geography 15, 2, 125–126.10.1080/14649365.2013.868149MitchellD.2014A complicated fetishSocial & Cultural Geography152125126Apri DOISearch in Google Scholar

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