1. bookVolume 73 (2015): Edizione 6 (December 2015)
Dettagli della rivista
License
Formato
Rivista
eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
Lingue
Tedesco, Inglese
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Kulturlandschaftspolitik. Die gesellschaftliche Konstituierung von Kulturlandschaft durch Institutionen und Governance

Pubblicato online: 31 Dec 2015
Volume & Edizione: Volume 73 (2015) - Edizione 6 (December 2015)
Pagine: 445 - 446
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Rivista
eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
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Tedesco, Inglese

Gailing, Ludger (2014): Kulturlandschaftspolitik. Die gesellschaftliche Konstituierung von Kulturlandschaft durch Institutionen und Governance. Detmold: Verlag Dorothea Rohn. = Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung, Band 4. 426 S., 39 Abb

Dass Kulturlandschaften über gesellschaftliche Interaktionsprozesse hergestellt und somit als Forschungsgegenstand über konstruktivistische Zugangsperspektiven greifbar werden, gilt schon länger als wesentlicher Bestandteil der Landschaftsforschung (vgl. hierzu Leibenath/Heiland/Kilper et al. 2013). Ludger Gailing verortet sich mit seiner Dissertationsschrift „Kulturlandschaftspolitik. Die gesellschaftliche Konstituierung von Kulturlandschaft durch Institutionen und Governance“ deutlich im Kanon einer konstruktivistisch orientierten Kulturlandschaftsforschung.

Er geht von der Feststellung aus, dass die kollektive Konstituierung von Kulturlandschaften eine politische Querschnittsaufgabe ist und somit ihre „politische Bedingtheit“ (S. 20) ein reizvolles Forschungsthema darstellt. Im Zentrum der Arbeit steht die konsequente Zusammenführung kulturlandschaftsbezogener Forschungsansätze mit den in den Sozial- und Politikwissenschaften prominenten Forschungssträngen zum Neo-Institutionalismus und zu raumbezogener Governance. Auf der Grundlage dieser Prämissen postuliert Ludger Gailing die übergreifende Zielsetzung, „Erkenntnisse zu der von Institutionen und Governance geprägten Konstituierung von Kulturlandschaften zu generieren“ (S. 23).

Nach der Einleitung und der Beschreibung des konkreten Forschungsansatzes in den ersten beiden Kapiteln widmet sich der Autor zunächst einer akribischen Begriffsarbeit (Kap. 3). Diese fußt auf einer Rekonstruktion einzelner, für das Verständnis von Kulturlandschaft elementarer Nachbar- und Teilbegriffe (Kultur und Natur sowie Raum und Region). Die Ausführungen eint eine durchweg sozialkonstruktivistische Haltung, die in der Ablehnung einer essenzialisierenden oder reifizierenden (vergegenständlichenden) Perspektive auf den Forschungsgegenstand Kulturlandschaft mündet. Allerdings verweist Ludger Gailing bereits an dieser Stelle darauf, dass die Betonung gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse nicht die Bedeutung physisch-materieller Phänomene verschleiern dürfe; diese liegen jeder Deutung gewissermaßen als „primordiale Faktoren“ (S. 203) und interpretationsfähige Signifikanten einer Landschaft zugrunde und werden im Prozess der Kulturlandschaftspolitik wirksam. Im weiteren Verlauf der Ausführungen werden dem Leser insgesamt 25 unterschiedliche Lesarten von Kulturlandschaft präsentiert, wobei sich der Autor hier insofern positioniert, als er Kulturlandschaften zuvorderst als sozial konstruierte Räume, als Resultate kollektiver Konstituierungen und als ontologisierte Entitäten sowie als politische Räume bzw. als regionale Handlungsund Institutionenräume begreift (S. 92).

Im vierten Kapitel behandelt Ludger Gailing die beiden der Arbeit zugrunde liegenden theoretischen Begriffe „Institutionen“ und „Governance“. Er begründet die Fokussierung auf diese beiden Debattenstränge treffend damit, dass sie als „Komplementäre“ einer auf die Rekonstruktion der „politischen Bedingtheit“ von Kulturlandschaften ausgerichteten Analyse aufzufassen seien. Während der Governance-Begriff die Bedeutung kollektiven Handelns hervorhebt, verweist die institutionentheoretische Perspektive auf die Strukturen, die gesellschaftliches Handeln ermöglichen und zugleich restringieren.

Im fünften und sechsten Kapitel löst der Autor schließlich sein in der Einleitung gegebenes Versprechen ein, die Komplexität der theoretischen Herleitungen im Sinne eines „iterativen Zwiegesprächs“ (S. 24) mit empirischem Material zu konfrontieren. Eindrucksvoll rekonstruiert er die schillernden Facetten der Kulturlandschaftspolitik im Spreewald, indem er zunächst die relevanten sektoralen Institutionensysteme des Naturschutzes, der Denkmalpflege, der Tourismuspolitik, der Politik zur Entwicklung des ländlichen Raums und der Raumplanung und -entwicklung dechiffriert (Kap. 5), um anschließend die Kulturlandschaft Spreewald als regionalen Handlungs- und Institutionenraum zu thematisieren (Kap. 6). Im Hinblick auf die sektoral orientierten Subsysteme stellt der Autor fest, dass sehr heterogene ontologische Setzungen und Wertzuschreibungen, die sich in differenzierte Wahrnehmungs- und Handlungsmuster übersetzen, wirksam werden. Besonders aufschlussreich ist die Gegenüberstellung der in diesem Geflecht informeller und formeller Institutionen verankerten Organisationsstrukturen und Akteurskonstellationen. Sehr treffend ist hier die Feststellung, dass die sektoralen Institutionensysteme offensichtlich gänzlich unterschiedliche „Begabungen“ (S. 195) für die gesellschaftliche und kollektive Konstituierung von Kulturlandschaften aufweisen. Intersektorales Handeln stellt somit eine Kernherausforderung im Rahmen der Kulturlandschaftspolitik dar.

Am Beispiel des regionalen Handlungs- und Institutionenraumes Spreewald zeigt Ludger Gailing im sechsten Kapitel das räumlich zentrierte Zusammenspiel der unterschiedlichen sektoralen Handlungslogiken auf. Er unterscheidet dabei, einer Mehrebenenperspektive folgend, zwischen den physisch-materiellen Aspekten einer Kulturlandschaft, der ontologisierten (auf eine bestimmte Weise als „seiend“ unterstellten) Kulturlandschaft selbst und den kutturlandschaftlichen Handlungsräumen. Zentral ist für ihn dabei der langfristige Prozess der Ontologisierung. Toponyme (raumbezogene Eigennamen), Grenzen, Traditionen, Narrative, Raumbilder, bestimmte Raumzuschreibungen und Symbole sind Faktoren einer Ontologisierung, die als regionale informelle Institutionen fundamental auf das Handeln individueller und kollektiver Akteure wirken und eine Brückenfunktion zwischen den physisch-materiellen Aspekten der Kulturlandschaft und dem Akteurshandeln in eigens definierten Handlungsräumen darstellen.

Vor dem Hintergrund dieser Tatsache betrachtet der Autor sodann die kurz- bis mittelfristig wirksamen Phänomene der Kulturlandschaftspolitik im Spreewald und legt dabei fünf Governance-Aspekte zugrunde (Skalierung, Pfadabhängigkeit, Passfähigkeit, horizontale und vertikale Interaktion). Dabei werden unterschiedliche Handlungsräume (u. a. UNESCO-Biosphärenreservat Spreewald, Naturpark Niederlausitzer Landrücken, Wirtschaftsraum Spreewald, LEADER-Region „Spreewald-PLUS“) in ihren komplexen Interaktionen berücksichtigt. Es werden fünf Governance-Grundtypen präsentiert, denen insgesamt 26 Governance-Formen zugeordnet sind, die anhand konkreter praktischer Bezüge final beleuchtet werden.

Zweifelsohne stellt das Buch eine Bereicherung der konstruktivistischen Landschafts- und Kulturlandschaftsforschung dar. Es überzeugt durch eine äußerst fundierte theoretisch-konzeptionelle Verortung und präsentiert ein fein justiertes analytisches Raster für die Dekonstruktion der politischen Bedingtheit von Kulturlandschaften. Besonders inspirierend sind seine an vielen Stellen hervortretenden theoretischen Weiterentwicklungen, die dem Buch eine besondere Qualität verleihen. Der theoretischen Detailarbeit ist es dann aber auch geschuldet, dass die Ausführungen an einigen Stellen beinahe etwas überkomplex wirken. Insbesondere die zahlreichen Typisierungen von Kulturlandschaftsverständnissen, grundlegenden Governance-Aspekten und den diesen untergeordneten Governance-Formen sind in ihren Zusammenhängen nicht leicht aufzufassen. Vor allem die insgesamt 26 präsentierten Governance-Formen im Rahmen der Kulturlandschaftspolitik sind nicht immer trennscharf und lassen Raum für Interpretationen. Die feinen Unterschiede beispielsweise zwischen einer „projektbezogenen Vernetzung von Einzelakteuren“ und „kooperativen Foren und Prozessen“ bleiben etwas unklar. Ein fast schon altbekanntes Problem stellt in diesem Zusammenhang das Herunterbrechen des Theoretischen auf die Ebene der Empirie dar. Ein Blick in die umfangreiche Liste der geführten Interviews lässt erahnen, welch große Menge an „Insiderwissen“ den Ausführungen hinterlegt ist. Gerade im Vergleich mit dem empirisch breit unterfütterten sechsten Kapitel fällt aber auf, dass im fünften Kapitel weit weniger empirisches Material direkt eingebunden wurde.

Eine letzte Anmerkung sei noch erlaubt: Ludger Gailing bietet mit seiner Ausarbeitung geradezu auf der Hand liegende Bezüge zur Planungskulturforschung an, die es zukünftig zu berücksichtigen gilt. Insbesondere die unglaublich tiefschichtige theoretisch-konzeptionelle Auseinandersetzung mit ontologischen Setzungen, Wertzuschreibungen und Wahrnehmungs- und Deutungsmustern im Rahmen der Kulturlandschaftspolitik ist für Planungskulturinteressierte von großer Bedeutung.

Leibenath, M.; Heiland, S.; Kilper, H.; Tzschaschel, S. (Hrsg) (2013): Wie werden Landschaften gemacht? Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Konstituierung von Kulturlandschaften. Bielefeld.LeibenathMHeilandS.KilperH.TzschaschelS.(Hrsg)2013Wie werden Landschaften gemacht? Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Konstituierung von KulturlandschaftenBielefeld10.1515/transcript.9783839419946Search in Google Scholar

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