1. bookVolume 65 (2007): Edizione 6 (November 2007)
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License
Formato
Rivista
eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
Lingue
Tedesco, Inglese
Accesso libero

Rezensionen

Pubblicato online: 30 Nov 2007
Volume & Edizione: Volume 65 (2007) - Edizione 6 (November 2007)
Pagine: 546 - 557
Dettagli della rivista
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Rivista
eISSN
1869-4179
Prima pubblicazione
30 Jan 1936
Frequenza di pubblicazione
6 volte all'anno
Lingue
Tedesco, Inglese

Rüdiger Glaser, Hans Gebhardt, Winfried Schenk GEOGRAPHIE DEUTSCHLANDS Unter Mitarbeit von Roland Baumhauer, Bernhard Eitel u. a. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007

„Heutige Länder- und Landeskunden verstehen sich ais ‚adressatenorientiert’ – sie sind Produkte für eine breitere Öffentlichkeit, welche auf der Basis der Fachdisziplin Geographie Themen und Problemlagen auswählen, die in den Augen eben dieser Öffentlichkeit ais wesentlich und vordringlich gelten können“.

„Länderkundliche Darstellungen werden nicht für wissenschaftstheoretische Auseinandersetzungen geschrieben, sie sind kein ‚Forschungsinstrument’, sondern eine sachbuchartige Darstellungsform, die für verschiedene Nachfragegruppen verfasst wird. Hierzu zählen die interessierte Öffentlichkeit, Studierende, Fachplaner, Schulen, die Politik und die Wirtschaft. Die Aussagen müssen natürlich wissenschaftlich fundiert sein und beruhen zudem häufig auf eigenen Forschungen zu Spezialproblemen, wie anhand des Literaturverzeichnisses zu erkennen ist. In diesem Sinne will das vorliegende Buch eine aktuelle, zugleich auch anwendungs- und planungsbezogene Darstellung im Stile eines Lehrbuchs sein“.

Um diesen selbst gestellten Anspruch (S. 11, 18) zu erfüllen, entwerfen die Bearbeiter der „Geographie Deutschlands“ auf 265 Textseiten ein natur- und kulturräumliches Bild Deutschlands, das in acht Hauptkapitel gegliedert ist. Dabei versuchen sie sich von den länderkundlichen Schemata aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die von den geologischen Grundlagen des Raums ausgehend bis zu Bevölkerung und Wirtschaft fortschritten, abzusetzen. Die Hauptkapitel lauten nun etwa „Deutschland ais Raum – naturräumliche und gesellschaftliche Kontraste“, „Die Dimension der Zeit – von der Natur zur Kulturlandschaft“, „’Made in Germany’ – Wirtschaft und Gesellschaft“ oder „Raumentwicklung und Raumplanung in Deutschland im 21. Jahrhundert“. Sie sind jeweils in eine Reihe von Unterkapitel gegliedert, die in unterschiedlicher Intensität allgemeingeographische Einführungen zur Thema tik voranstellen, um dann auf je spezifische regionale Ausprägungen einzugehen. Häufig werden auch kurze wissenschaftliche Einführungen zur im Kapitel behandelten Thematik in andersfarbig unterlegten Kästen beigefügt. Hier hätte man sich eine stärkere Stringenz in der Hinsicht gewünscht, dass z. B. die behandelte regionale Thematik zunächst systematisch in einem vorgeschalteten Abschnitt allgemeinwissenschaftlich erläutert worden wäre. Dies hätte dem Charakter eines Lehrbuchs wesentlich eher entsprochen und sich den Lesern einprägsamer erschlossen.

Der sicher mutige Versuch, heute eine Landeskunde zu verfassen, ist nur nach von einem Verfasserteam zu leisten. Daraus resultiert zwangsläufig trotz aller Kooperationsfähigkeit eine unterschiedliche Gewichtung der Schwerpunkte des Gesamtwerks. So ist es zum einen zu begrüßen, dass die einzelnen Kapitel auch die Namen der Verfasser tragen, und es ist von der Konzeption her auffallend, dass die Kapitel, die sich mit dem Menschen und seinem Wirken im Raum Deutschland auseinandersetzen, quantitativ das Übergewicht darstellen. Da gerade diese Abschnitte an vielen Stellen den Versuch unternehmen, eine Vernetzung mit dem Naturraum herzustellen, etwa im Bereich der Umweltbelastungen oder von Naturrisiken und -katastrophen, ist nicht auszuschließen, dass hinsichtlich bestimmter Themen kapitelübergreifende Redundanzen entstehen, z. B. bei der Besprechung des demographischen Wandels.

Aus Sicht der Raumordnung interessiert besonders das Kapitel 7 „Raumentwicklung und Raumplanung in Deutschland im 21. Jahrhundert“. In ihm erfolgt wie auch in vorhergehenden Kapiteln im Wesentlichen eine allgemeine Auseinandersetzung mit der räumlichen Planung in Deutschland, während z. B. Ergebnisse räumlicher Planung auf Landes- oder – beispielhaft -, auf regionaler Ebene nicht dargestellt werden. Räumliehe Planung, Raumplanung, Regionalentwicklung, Regionalpolitik werden begrifflich ziemlich gleichbedeutend nebeneinander verwendet, so dass hier besonders das zutrifft, was an anderer Stelle des Buches als zurzeit typisch für die humanwissenschaftliche Geographie bei der „Ausarbeitung regionaler Geographien“ reklamiert wird: die „stärkere zeit- und kontextgebundene ‚Erzählung’ über die Probleme einer bestimmten Region“ (S. 17) – „Erzählung“ wohl gemeint als die Wiedergabe sich kursorisch einstellender Gedanken zu einem bestimmten Thema, weniger im Stile eines Lehrbuchs. Darüber hinaus fällt auf, dass in diesem Kapitel Themen untergebracht werden, die sicher an anderer Stelle eine bessere Zuordnung gefunden hätten. Das gilt z. B. für den Abschnitt Bildung und Wissenschaft, der in einer aktuellen Landeskunde wohl eher in das Kapitel „Wettbewerbsfähigkeit – die Chancen des Standorts Deutschland“ (S. 184 ff.) gepasst hätte.

Diese Bemerkungen sollen aber keinesfalls den gewonnenen Gesamteindruck schmälern, dass es sich – bei allen Schwierigkeiten der Strukturierung – um den verdienstvollen Versuch handelt, die heutigen Raumstrukturen Deutschlands darzustellen und vor dem Hintergrund der wesentlichen Einflussfaktoren – von den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur bis hin zu solchen zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur – und auch in den historischen Zusammenhängen zu analysieren und zu bewerten. Sicher hilfreich dabei sind an vielen Stellen die bildlichen Darstellungen, die die räumlichen Strukturen verdeutlichen helfen. Nicht zu vergessen das umfangreiche Register, das die Inhalte des Buches auch für die gezielte Nachforschung erschließt.

Insoweit kann das Buch als anregendes „Lesebuch“ zum Diskurs – auch wenn die fast beliebige Verwendung dieses Begriffs in dem Werk ihn möglicherweise etwas überstrapaziert – über den bisherigen und zukünftigen Weg des Raumes Deutschland verstanden werden. Dies gilt besonders in der Hinsicht, dass sich der Leser mit den Bewertungen der Autoren auseinandersetzt und durch die einzelnen Kapitel dazu angeregt wird, sich für den Raum Deutschland nicht nur stärker zu interessieren, sondern womöglich auch für seine regionale Entwicklung zu engagieren.

Klaus Selle (Hrsg.) Planung neu denken. 2 Bde. Dortmund: Rohn Verlag 2006 (584 bzw. 608 S.)

Mit „Planung neu denken“ hat Klaus Seile als Herausgeber (unter Mitwirkung von Lucyna Zalas) ein zweibändiges Werk vorgelegt, das sich intensiv mit der aktuellen Situation „der“ Raumentwicklung im deutschsprachigen Raum befasst. Dabei erfolgt die Konzentration auf den deutschsprachigen Raum aus sachlichen Gründen, und es wird nicht nur auf die Raumplanung als solche Bezug genommen, sondern es werden auch Aspekte der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Fachplanung(en) mit einbezogen, so dass es angebracht erscheint, von Raumentwicklung zu sprechen. Die Leitfrage beider Bände ist jedoch, wie öffentliche Akteure zur räumlichen Entwicklung beitragen können.

Davon ausgehend analysieren im ersten Band über 30 Aufsätze verschiedener Autoren die Situation der Raumentwicklung heute. Das Autorenspektrum reicht dabei von Albers über Dangschat und Ganser bis hin zu Prigge und Spiegel. Einigkeit herrscht bei allen dahingehend, dass es in einer Zeit der Globalisierung und – Deregulierung, die bisweilen eine „neue Unübersichtlichkeit“ mit sich bringt – so bei Dangschat nachzulesen -, nach wie vor einer Instanz bedarf, die die räumliche Entwicklung lenkt. Dabei wird zum einen auf die Entwicklung des aktuellen Planungssystems Bezug genommen und zum anderen diskutiert, welche Formen aus dessen Geschichte heraus geeignet sind, um den aktuellen Herausforderungen gewachsen zu sein. Einige Aspekte ziehen sich wie ein roter Faden durch viele der im Band enthaltenen Aufsätze. So scheint z. B. das „Ende der Bürgerbeteiligung“ herkömmlicher Art nahe, und es erscheint eine Ablösung durch Konzepte absehbar, die mehr auf Kooperation der unterschiedlichen Akteure setzen. Der Entscheidungsprozess in der Verwaltung wird moderiert, und an die Stelle umfassender Planungssysteme tritt eine starke Projektorientierung, die mittels Management zu überwachen ist. Dieser Ansatz bringt es allerdings mit sich, dass die der Planung bislang innewohnende Gesamtsicht der Dinge bzw. der ganzheitliche Ansatz in den Hintergrund rückt. Die regionale Perspektive gewinnt zusätzlich an Bedeutung, da nur auf dieser Ebene die Kommunikationsbeziehungen geschaffen werden können, die die nötigen Prozesse vorantreiben können bzw. da es nur so möglich ist, die jeweiligen regionalen Besonderheiten hinreichend zu berücksichtigen.

Insofern vermittelt der erste Band von „Planung neu denken“ eine Gesamtübersicht über die in der theoretischen Diskussion der vergangenen Jahre besprochenen Ansätze; echte „neue“ Ansätze hingegen gibt es nicht. Dennoch bietet die Gesamtschau der verschiedenen Ansätze zahlreiche Denkanstöße, wie Planung zu verändern wäre – schließlich ist sie rechtlich normiert und würde eine Veränderung auch eine änderung des Rechtsrahmens erfordern. Insofern kann der erste Band gute Ansatzpunkte dafür liefern, warum eine Anpassung eher früher als später nötig wäre.

Der zweite Band spiegelt die theoretischen Ausführungen des ersten Bandes an der Praxis. Hier ist ein deutlicher Bezug zum Planeralltag vorhanden und zeigt sich, dass viele Elemente, die die Theorie bereits als nicht mehr zeitgemäß beschreibt, nach wie vor wichtig sind und genutzt werden. Mit ebenfalls deutlich mehr als 30 Aufsätzen von Autoren wie Blotevogel, Knieling, Priebs, Häußermann und Wiegandt wird auch hier ein breites Themenspektrum abgedeckt. Vor allem wird versucht, die modernen kooperativen Ansätze, die in der Planung seit einigen Jahren zur Anwendung kommen, anhand von Projekten und konkreten Erfahrungen zu schildern. Häufig wird die Forderung des ersten Bandes nach einem stärkeren Projektbezug der Planung bestätigt, ohne jedoch hinreichend zu hinterfragen, was denn eigentlich im aktuellen Planungssystem steckt. Nur ein Beitrag des Herausgebers stellt hierzu vorab Ergebnisse aus einem Forschungsvorhaben vor und verweist darauf, dass die Forschung sich sonst mit den Leuchttürmen und den herausragenden Projekten der Planung befasst, nicht jedoch mit dem Hauptgeschehen im Planeralltag selbst.

Und so wird die geübte Kritik dem vorliegenden Werk eigentlich selbst zum Verhängnis: Bei den geschilderten Projekten handelt es sich vielfach um eben diese Leuchttürme oder Sonderprojekte – Soziale Stadt, Stadt 2030 oder IBAs. Zudem fällt auf, dass der Ansatz des ersten Bandes, neben der Regional- und Stadtplanung auch Prozesse der Fachplanung mit einzubeziehen, im zweiten Band nicht mehr weitergeführt wurde. Auf die hier angewandten Verfahren wird weder Bezug genommen noch gibt es hier „neu“ gedachte Ideen. Und das, obwohl gerade hier der Handlungsdruck am größten ist, denn der Widerspruch zwischen Ökonomie, Ökologie und bürgerschaftlichen Interessen tritt wahrscheinlich nirgends so deutlich zutage wie bei Großprojekten, die nach Fachplanungsrecht abzuwickeln sind. Stattdessen wird jedoch die „kleinste“ Ebene, das Quartiersmanagement, ausführlich mit in die Ausführungen einbezogen. Daran wird auch erkennbar, dass das Hauptaugenmerk aller Autoren auf der „Stadt“ als der Siedlungsform der Zukunft liegt, während Probleme oder Lösungen kleinerer oder ländlicher Siedlungen, in denen ja dasselbe Planungsrecht Anwendung findet, nicht thematisiert werden.

Insofern birgt das vorliegende Werk von Klaus Seile noch zahlreiche Lücken, an denen angesetzt werden kann, um Planung „neu“ zu denken – die Notwendigkeit zu diesem Schritt wird im gesamten Werk mehr als deutlich. Dabei geht es um nicht weniger als die Kreation eines neuen Planungsverständnisses, dem ein neu gestaltetes Planungssystem folgen muss. Zahlreiche bekannte Elemente werden sich hier wiederfinden, so Pläne verschiedener Art und kooperative Verfahren. Doch das Zusammenwirken dieser Elemente neu zu definieren und die Planung somit für die aktuellen Herausforderungen wie Schrumpfungsprozesse etc. zu ertüchtigen, wird die Aufgabe der kommenden Jahre sein. Wer dann fragt, warum sich die Planung mit einer Redefinition ihrer selbst befassen muss und sollte, dem sei das Werk von Klaus Seile als Grundlage empfohlen.

Marcus Menzl Leben in Suburbia. Raumstrukturen und Alltagspraktiken am Rand von Hamburg Frankfurt a.M.: Campus 2007 (445 S.)

Der Rand der Stadt rückt derzeit meist entweder als städtebauliches oder als umweltpolitisches Problem in den Blickwinkel der Wissenschaft – als Ort „zwischenstädtischer Gestaltungsaufgaben“ oder exzessiven „Flächenverbrauchs“. Die sozialwissenschaftliche Stadtforschung hingegen hat sich – ganz im Sinne der viel konstatierten Renaissance des Lebens in der Stadt – wieder verstärkt den Vorgängen im Inneren der Städte zugewandt. Vor diesem Hintergrund setzt die im Zuge des DFG-Projekts „Suburbanisierung im 21. Jahrhundert“ entstandene Arbeit von Marcus Menzl ein Zeichen: Sie führt eindrucksvoll vor Augen, wie stark das „Leben in Suburbia“ sowohl in der ideellen als auch der alltagspraktischen Mitte unserer Gesellschaft nach wie vor verankert ist, und belegt damit zugleich die anhaltende sozialwissenschaftliche Relevanz des Suburbanisierungsphänomens.

In der Einleitung zu seinem Buch gibt Menzl zunächst einen konzisen Überblick zum Forschungsstand und justiert dann die eigene Untersuchungsperspektive. Im Mittelpunkt seines Interesses steht der Alltag von jungen Familien im suburbanen Raum: „Wie geht es nach dem meist mit vielen Erwartungen befrachteten Umzug in ein Eigenheim am Rande der Stadt weiter?“ (S. 41). Dieser Frage geht Menzl am Beispiel der Gemeinde Henstedt-Ulzburg im nördlichen Hamburger Umland nach, die er im zweiten Kapitel – reich, aber etwas kleinformatig bebildert – vorstellt. Im vollen Bewusstsein des Variantenreichtums suburbaner Gemeinden hatte er einen Fallstudienort gesucht, der „in deutlicher Weise die ‚klassischen’ Strukturmerkmale des Siedlungstyps Suburbia (bezüglich der Wachstumsorientierung, der Bebauungsstruktur, der Sozialstruktur, der Pendelstruktur usw.) aufweist“ (S. 61). Dies ist ihm augenscheinlich geglückt: Im Zuge der weiteren Lektüre lernen wir Henstedt-Ulzburg als suburbane Mittelschichtsgemeinde aus dem Bilderbuch des 20. Jahrhunderts kennen, deren Alltag einer von Menzls Interviewpartnern so beschreibt: „Wir fahren also morgens gemeinsam in die Stadt, die Väter, und die Kinder gehen gemeinsam in die Schule“; die Frauen haben in der Regel „nur Teilzeitjobs oder arbeiten gar nicht. Kümmern sich also um die Kinder“ (S. 196).

Im Zentrum der empirischen Annäherung an das Leben in Suburbia stehen 45 problemzentrierte Interviews, die der Autor vor allem mit jungen, im Zuge der Familiengründung von Hamburg nach HenstedtUlzburg gezogenen Ehern, aber auch mit Personen geführt hat, die andere Bewohnergruppen vertreten (z.B. kinderlose Ehepaare, alteingesessene Landwirte). Dieses Interviewmaterial wurde offenbar – die methodischen Ausführungen sind relativ kurz gehalten – mit einem Mix aus qualitativer Inhaltsanalyse und fallorientierten Rekonstruktionsverfahren „in die Zange“ genommen.

Auf dieser Grundlage unterzieht Menzl die suburbane Weh Henstedt-Ulzburgs dann entlang mehrer Themenkreise einer akribischen und stringent ausgeführten Analyse. Kapitel 3 dreht sich um Fragen der Motivation und Begründung für einen Umzug in den suburbanen Raum. Kapitel 4 befasst sich mit den „Alltagsarrangements“ suburbaner Kernfamilien, die nach vollzogenem Umzug vielfach erst wieder in ein (neues, suburbanes) Gleichgewicht gebracht werden müssen. Kapitel 5 behandelt den Prozess der sozialen Integration der Suburbanitinnen und Suburbaniten am neuen Wohnort und illustriert, welche Energie und welches Geschick dieser Prozess vor allem ersteren abverlangt. Kapitel 6 problematisiert, wie die soziale, aber auch die baulich-räumliche und funktionale Homogenität der Wohngebiete in Henstedt-Ulzburg das suburbane Leben bestimmt, und wirft dabei unter anderem ein Schlaglicht auf die Persistenz des vor allem in älteren US-amerikanischen Studien dokumentierten Phänomens des „Keeping up with the Joneses“. Kapitel 7 zeichnet die Perspektive nach, in der Suburbanitinnen und Suburbaniten selbst ihren Wohnort sehen. Kapitel 8 verlässt zunächst die Perspektive auf den Alltag im suburbanen Raum und skizziert – allerdings recht knapp – Machtkonstellationen und kommunale Entwicklungspolitiken-in der Untersuchungsgemeinde; exemplifiziert wird diese Skizze dann am wiederum alltagsnahen Beispiel des Vergaberegimes für die kommunalen Kindergartenplätze (womit zugleich ein überaus anschaulicher Beleg dafür geliefert wird, wie überfällig die jüngst entfalteten familienpolitischen Aktivitäten der Bundesregierung waren). Kapitel 9 schließlich bindet die Ergebnisse noch einmal zusammen und schlägt eine Brücke zum Verwendungskontext. Seine entlang dieser Themenkreise sinnvoll gegliederten empirischen Befunde verdichtet Menzl zu einer Reihe interessanter theoretischer Anregungen – z. B. dem Theorem der „Alltagsarrangements“ (Kap. 3) oder den Typologien zur Wanderungsentscheidung (Kap. 4) sowie zu Ortsbindung und Großstadtbezug (Kap. 7) wobei an der einen oder anderen Stelle eine noch engere Bezugnahme auf Ergebnisse anderer Studien denkbar wäre.

Insgesamt gelingt es Menzl in beeindruckender Weise, die Beantwortung seiner forschungsleitenden Frage nach dem suburbanen Alltag mit der Diskussion neuer und alter, aber nach wie vor aktueller Grundprobleme der Suburbanisierung zu verbinden. Drei Aspekte erscheinen mir besonders bemerkenswert: Erstens wird deutlich, dass dem zeitdiagnostischen Mainstream zum Trotz das fordistische Gesellschaftsmodell, zumindest im suburbanen Raum, durchaus noch sehr lebendig ist. Deutlich wird aber auch, dass – auf individueller Ebene – eine diesem Modell entsprechende Lebensführung zunehmenden Anfechtungen ausgesetzt ist; zugleich darf bezweifelt werden, dass – auf kommunaler Ebene – das Leitbild der mittelschichtsfamilienfreundlichen Wohngemeinde noch allzu große Zukunftsperspektiven eröffnet. Zweitens arbeitet Menzl heraus, welch unterschiedliche Herausforderungen das suburbane Leben für Frauen und Männer bereithält, und unterstreicht damit die anhaltende Bedeutung der Geschlechterdimension, die gerade in der jüngeren deutschen Suburbanisierungsforschung viel zu wenig thematisiert wurde. Drittens belegt die Studie einmal mehr, dass Raumstruktur und Alltagsleben bzw. soziale Prozesse (keineswegs nur) am Stadtrand nicht in einem einseitigen Determinationsverhältnis (egal in welcher Richtung) stehen, sondern sich in wechselseitiger Abhängigkeit entwickeln. Auf der Grundlage seiner empirisch gewonnenen Einsichten in dieses Wechselverhältnis formuliert Menzl immer wieder auch Anregungen für Kommunalpolitik und Raumplanung. Damit unterstreicht er zugleich die Praxisrelevanz der Stadtsoziologie – und bildet ein Gegengewicht zur „ästhetizistischen“ Variante des Suburbia-Diskurses, der es um die Gestaltung der Zwischenstadt zu tun ist, zuweilen auch ohne genauer zu wissen, was dort eigentlich vor sich geht.

Eine kleine Spitze gegen das gut geschriebene und spannend zu lesende Werk sei abschließend erlaubt: Schade, dass auch ein Qualitätsverlag wie Campus über kein Lektorat mehr verfügt, mit dem sich der grassierenden Verpassivierung reflexiver Verben erwehrt werden könnte. Das freilich mindert in keiner Weise die Freude über diesen überzeugenden Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Stadtforschung, der endlich ein empirisch detailliertes Bild des suburbanen Lebens der deutschen Mittelschicht zeichnet.

Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.) Brennpunkt Stadt. Lebens- und Wirtschaftsraum, gebaute Umwelt, politische Einheit. Festschrift für Heinrich Mäding zum 65. Geburtstag Berlin: Difu-Sonderveröffentlichung 2006 (618 S.)

Die voluminöse Festschrift zu Ehren von Prof. Dr. Heinrich Mäding erschien anlässlich seiner Verabschiedung aus dem Amt des Leiters des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu), dessen Geschicke er 14 Jahre (1992 bis 2006) und damit länger als jeder seiner Vorgänger gelenkt hat. Das Difu verantwortet auch die Herausgabe des Buches. Es ist eine Festschrift in schlichter Aufmachung, aber trotzdem vollem Ornat mit Vorwort, Grußwort, Geleitwort als ausführlicher Würdigung von Werk und Wirkung des Geehrten, seiner Kurzbiographie und Bibliographie, mit 37 Fachbeiträgen und schließlich einem Abschiedswort. Mit ihren Beiträgen erweisen Kollegen, Kooperationspartner, Schüler, Freunde und Mitarbeiter (insgesamt 39 Männer und vier Frauen) dem Adressaten der Festschrift ihre Referenz und zollen dem langjährigen, hoch geachteten Hochschullehrer und Institutsleiter Respekt: ein ehemaliger Minister, drei amtierende Oberbürgermeister, eine Oberbürgermeisterin, 25 Professoren, eine Vorgängerin und der Nachfolger im Amt, elf langjährige Mitarbeiter des Difu, sechs hohe Beamte aus Bundes- und Länderministerien und weitere namhafte Persönlichkeiten aus Forschung, Kommunal- und Verbandspolitik (Doppelzählungen unvermeidlich). Dieses Buch kann darüber hinaus auch als eine Mischung von Würdigung und Leistungsschau des Difu verstanden werden, einer der großen und einschlägigen, über Jahrzehnte erfolgreichen und angesehenen Forschungs- und Beratungsinstitutionen der Bundesrepublik Deutschland.

Der „Brennpunkt Stadt“ ist sehr geräumig, wie auch aus dem Untertitel des Buches deutlich wird. Die Beiträge sind nach übergreifenden Themenfeldern gruppiert, die ungefähr den breit gefächerten Aufgabenbereichen des Difu entsprechen (in Klammern die Zahl der Beiträge): Politik und Verwaltung (5), Stadtentwicklung und Recht (13), Wirtschaft und Finanzen (5), Umwelt und Verkehr (4), Stadtgeschichte und Kultur (4). Dem voran gestellt sind sechs inhaltlich breiter angelegte Beiträge, die unter der Rubrik „Deutsche Städte und Trends/Megatrends: Herausforderungen im 21. Jahrhundert“ zusammengefasst wurden.

Festschriften stehen nicht gerade im Ruf hoher inhaltlicher und formaler Kohärenz. Auch für diese Festschrift gilt das Motto des Theaterdirektors im Vorspiel von Goethes Faust: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ Nicht nur die inhaltliche Breite ist außerordentlich. Im Buch steht Grundlegendes neben Detailfreudigem. So finden sich darin zum großen Teil lesenswerte urbanistische Ausführungen grundsätzlicherer Natur. Dietrich Henckel liefert „Einige Thesen zur Zukunft der Stadt“, Werner Heinz thematisiert kritisch die „Globalisierung und kommunale Transformationsprozesse“, Karl-Dieter Keim kommentiert instruktiv und erhellend die „aktuelle Neubestimmung des raumordnerischen Prinzips der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“, Klaus Wolf gibt Antwort auf die Frage „Urbs, quo vadis?“. Daneben gibt es ebenso juristische Abhandlungen, die sich mit wichtigen aktuellen Einzelfragen des Baurechts befassen, wie Gerd Schmidt-Eichstädts Aufsatz über „Städtebauliche Verträge im Kontext der Neuregelungen des Europarechtsanpassungsgesetzes EAG Bau 2004“, oder detaillierte Einblicke in empirische Untersuchungen, wie den mit umfassendem Datenmaterial bestückten, aufschlussreichen Artikel von Jürgen Friedrichs („Hat die Förderung von Wohneigentum positive Effekte in einem benachteiligten Wohngebiet?“).

Das Buch bietet Fallberichte aus allen Ecken der Republik. Man erfährt, mit welchen Politikansätzen sich die Städte Hannover (Herbert Schmalstieg) und Heidelberg (Beate Weber) dem demographischen Wandel stellen, wie die Esslinger Verwaltung in den letzten zehn Jahren umgebaut wurde und welche Erfahrungen dort mit dem Neuen Steuerungsmodell gesammelt wurden (Jürgen Zieger).Welche komplexen Organisationsformen für die länderübergreifende Kooperation zwischen Bremen und seinem niedersächsischen Umland nach Jahrzehnten wechselseitiger Ignoranz gefunden wurden und wo diese ihre Schwerpunkte setzt (Ralph Baumheier) ist ebenso Thema wie der Wandel von Funktion und Wirkung der grenzüberschreitenden Leitbilder im Bodenseeraum von ihren Anfängen bis heute und deren Bewertung im Lichte regionaler Governance-Forschung (Joachim Blatter, Roland Scherer). Das dankbare Beispiel der jüngeren Stadtgeschichte Dresdens und der Stadtvisionen, denen man in den verschiedenen Epochen folgte – von der Gartenstadt Hellerau über die Prager Straße des Wiederaufbaus bis zur den aktuellen historischen Rekonstruktionen in der Altstadt – nimmt Albrecht Göschei zum Anlass, scharfsinnig über das Verhältnis von politischer Macht und professionellem Leitbild zu reflektieren.

Unter den Beiträgen ist manches eigens für das Buch verfasst und persönlich zugeeignet, anderes berichtet aus laufender Forschungs- und Planungspraxis, weniges ist aufgewärmt. Häufig nehmen die Autoren – mit Respekt oder in Dankbarkeit – auf das Werk des Geehrten Bezug, indem sie auf seinen wissenschaftlichen Beitrag zu den Themen (und das sind viele) oder gemeinsame Kooperationszusammenhänge verweisen. Vieles ist sorgfältig, sogar geschliffen formuliert. Wo der Beitrag auf einen Vortrag zurückgeht, wird der Duktus des gesprochenen Worts meist nicht geleugnet. Ganz gelegentlich darf man sich aber auch über wahre Spiegelstrichorgien und sperriges Verwaltungswissenschaftlerdeutsch wundern.

Betrachtet man das Buch als Spiegel der Fachdebatte in der ersten Hälfte des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends, so lassen sich über die unterschiedlichen Einzelbeiträge hinweg einige Schwerpunkte identifizieren:

Ein Fokus sind die Auswirkungen von Globalisierung und europäischer Integration auf die lokale Ebene. Mit Verve argumentiert Hartmut Häussermann gegen den „Ausverkauf der kommunalen Wohnungsbestände“ an international agierende Anlagenfonds und für die Bewahrung der politischen und kulturellen Essenz der europäischen Stadt. Mit den „Auswirkungen der europäischen Integration auf die Rolle der Kommunen im politischen Mehrebenensystems“ befasst sich der Beitrag von Dieter Grunow. Den „Umweltschutz im Spannungsfeld zwischen europäischen Vorgaben und kommunaler Verantwortung“ behandelt Joachim Lorenz. Den rechtlichen Auswirkungen der europäischen Integration auf lokaler Ebene widmet sich der schon erwähnte Beitrag von Schmidt-Eichstädt. Den Konvergenzen und Divergenzen in den städtebaulichen Planungssystemen in England, Frankreich und Schweden geht ein synoptisch angelegter Artikel von Helmut Wollmann nach – sehr informativ für all die, die sich mit international vergleichender Stadtforschung befassen.

Einen weiteren Fokus, eng mit ersterem zusammenhängend, bilden die veränderte Rolle des Staates und der lokalen Verwaltungsebene in der Folge dieser Prozesse und insbesondere die verschiedenen Ansätze, durch neue Konzepte Handlungsspielräume zurückzugewinnen. Hierzu darf man den bilanzierenden und für den Rezensenten sehr lehrreichen Überblicksartikel von Christoph Reichard zu Wunsch und Wirklichkeit des Neuen Steuerungsmodells in den deutschen Kommunen, das Plädoyer von Ulrich Hatzfeld für neue strategische Allianzen in der Stadtplanung sowie den äußerst materialreichen und informativen Beitrag von Busso Grabow über Städterankings zählen.

Ein Schwerpunkt sind schließlich „die Herausforderungen für die Städte in Zeiten des Schrumpfens“ (Klaus Borchard). Den Übergang „von der Knappheit an Flächen zur Knappheit an Menschen“ und dessen Rückwirkungen auf Stadtstruktur und Städtebau skizziert Erika Spiegel. Welchen Beitrag das Förderprogramm Stadtumbau Ost zur Anpassung der sozialen und technischen Infrastruktur an die veränderte Nachfrage in schrumpfenden Städten leisten kann, führen Peter Runkel und Anja Röding aus.

Es fällt auf, dass das alte Schlagwort Nachhaltigkeit in den Überschriften nicht mehr und das neue Schlagwort Klimawandel noch nicht auftaucht und beide nur indirekt in den Beiträgen zu Verkehr und Umwelt angesprochen werden, etwa im Aufsatz von Klaus J. Beckmann über „Stadt- und Regionalverkehr im Dilemma“.

Angesichts der großen Zahl der Beiträge ist es aussichtslos, hier auf alle eingehen und sie gar kommentieren zu wollen. Insbesondere bei den nicht wenigen Aufsätzen über Kommunalfinanzen und kommunale Verwaltungsorganisation möchte sich der Rezensent zurückhalten, er versteht zu wenig davon. Damit ist auch das grundsätzliche Dilemma eines inhaltlich und konzeptionell derart breit angelegten Buches benannt. Wer sich für die Krise der Kommunalfinanzen, für neue Organisationsformen der kommunalen Verwaltung, für das Problem der Stadtplanung in schrumpfenden Städten oder für neue Rechts- und Verfahrenselemente in der räumlichen Planung interessiert, der kann in diesem Buch jeweils mit drei bis vier einschlägigen, zum Teil sehr erhellenden und weiterführenden Artikeln rechnen. Aber diese befinden sich in der Nachbarschaft von dreißig weiteren Beiträgen, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Die Gefahr ist groß, dass „Perlen“, von denen es auch in diesem Buch nicht wenige gibt, unentdeckt bleiben.

Heinrich Mäding, heute der Präsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, wird sich über diese Festschrift, die ihm sein Institut zum Abschied gewidmet hat, und die zahlreichen, oft lesenswerten Beiträge von Wegbegleitern mit ihren zahlreichen persönlichen Zueignungen sehr gefreut haben. Ob die eindrucksvolle Würdigung seiner Person und seines Wirkens auch eine ergiebige Wissensquelle und hilfreiche Lektüre ist, wird jede Leserin und jeder Leser selbst entscheiden müssen. Niemanden wird alles interessieren können, aber jeder dürfte zumindest einen Aufsatz finden, der ihm in seiner Tätigkeit nutzen kann, sei es in der kommunalen Praxis oder im wissenschaftlichen Betrieb. So sind sie, die Festschriften.

Charles Landry The Art of City-Making London: Earthscan 2006

The Art of City-Making is laden with assumptions that shape what I say, the suggestions I make and the preferences I have. … I subscribe to a secular humanist position that privileges civic values, which in essence seek to foster competent, confident and engaged citizenship. Mine is an attitude or philosophy concerned with the capabilities, interests and achievements of human beings rather than the concepts of science or theology. It does not decry the virtues of science or the sustenance religion or other belief systems give. It is simply that its focus is on how people live together.” (Landry 2006, S. 12 f.)

Einleitung

In der deutschsprachigen Literatur zur Stadtentwicklung, zum Stadtumbau, zur Stadtplanung und zu Governance finden sich in den letzten Jahren zunehmend Arbeiten, die sich an Begriffen wie Kreativität, Innovation und auch Kunst orientieren. Charles Landrys Buch „The Creative City“ (2000), das auszugsweise ins Deutsche übersetzt wurde, fand darin regelmäßig Berücksichtigung. Nun liegt auf Englisch Landrys Monographie „The Art of City-Making“ vor (alle Verweise auf Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch). Man kann es als sein Hauptwerk bezeichnen, mit dem er sowohl seine weltumspannenden Beobachtungen und Erfahrungen zur Stadtentwicklung als auch allgemeine, stärker konzeptionell orientierte Überlegungen zusammenfasst. Eine kritische Würdigung mit Betonung des Letzteren ist ohne eine eigene Positionsbestimmung kaum möglich, zu vielfältig ist das Buch, um es erschöpfend behandeln zu können. Diese Rezension ist aus der Perspektive eines Wissenschaftlers geschrieben, der sich mit Fragen der strategischen Planung der Stadtentwicklung beschäftigt. Charles Landry sieht sein Buch nicht als ein wissenschaftliches Werk, sondern mehr als einen engagierten und normativen Beitrag zur Praxis des „Stadtmachens“. Ziel der Rezension ist es nicht zuletzt, Hinweise zur Lektüre für Leser mit wissenschaftlichem und/oder praktischem Interesse zu geben.

Das Buch im Überblick

Das Buch im A5-Format umfasst 462 eng bedruckte Seiten (vom Titelblatt bis zum Index inklusive Fotos verteilt auf zwei Einschübe). Es wird möglicherweise nur wenige Leser geben, die es in einem durch von vorn bis hinten lesen. Auf der Basis einer recht selektiven Lektüre der Literatur zur Stadtentwicklung verknüpft das Buch eine Vielzahl von Basisannahmen, allgemeinen Konzepten, Handlungsprinzipien sowie Beobachtungen und Erfahrungsberichten zu einem – im Grundsatz – kohärenten Ganzen. Dieses Ganze erhebt nicht weniger als den Anspruch, eine umfassende normative (nicht unbedingt neue) Orientierung für die Stadtentwicklung zu bieten. Diesen Anspruch sucht Landry anhand von sieben Kapiteln zu realisieren.

Kapitel 1 – Ouvertüre

Diese Einleitung zu den folgenden Kapiteln ist einer der stärksten Buchteile. Hier erläutert Landry die Grundidee des Buches, seine Grundüberzeugungen und deren Relevanz für die Lösung praktischer Fragen der Stadtentwicklung. Die Grundidee zielt darauf, „städtische Kreativität“ als raumbezogene Synthese individueller und sozialer Kreativität für ethisch begründete Ziele fruchtbar zu machen, die sich nicht wenige Stadtpraktiker (und auch Forscher/innen) seit langem auf die „Fahnen geschrieben“ haben (z.B. produktiver Umgang mit kultureller Unterschiedlichkeit in Städten, Verminderung lokaler und globaler Umweltbelastungen). Das Besondere des Buches von Landry besteht damit in dem mit Verve vorgetragenen Plädoyer für eine Hinwendung zu kreativen Formen der Zielerreichung, weniger in der Begründung von Zielen.

Kapitel 2 bis 4 – Wahrnehmung und Beschreibung von Trends der Stadtentwicklung

Diese drei Kapitel untersetzen den an Eigenschaften künstlerischen Handelns orientierten Bezugsrahmen Landrys. Sie suchen Wahrnehmungsmuster zur und Wirkungen der Stadtentwicklung zu verdeutlichen, die im Fall einer engen, vorrangig an professionellen Standards (von Planern, Ingenieuren, Projektentwicklern usw.) orientierten Vorgehensweise aus dem Blick geraten (die Wahrnehmung der Stadt mit allen fünf Sinnen, kumulative Wirkungen, vor allem Umwelteinwirkungen, urbane Praktiken, wie z. B. das morgendliche Teetrinken in London, S. 78).

Kapitel 5 – Erklärung und Interpretation von Trends, Problemen und Herausforderungen

Hervorstechend ist hier die Überzeugung, dass ein kreativer Umgang mit Fragen der Stadtentwicklung die Loslösung vom starren Entweder-oder-Denken erfordert (eine Idee, die sich seit geraumer Zeit auch in der deutschen Planungsliteratur findet). Landry arbeitet deshalb verschiedene Paradoxien und Antriebskräfte des Wandels heraus, ohne dabei einer theoretisch informierten Argumentation zum Management spannungsreicher Anforderungen zu folgen. Beispielsweise argumentiert er für eine ausgewogene Stadtpolitik, die Risiken und Gelegenheiten („opportunities“) in den Blick nimmt.

Kapitel 6 und 7 – Anregungen und Inspirationen für eine kreative Stadtentwicklung

Ein weiterer Hauptteil des Buches beschäftigt sich stärker handlungsorientiert mit der Frage, wie kreative Städte zur Lösung lokaler und globaler Probleme sozialer, ökonomischer, kultureller und ökologischer Art beitragen können. Anders als „The Creative City (mit dem Untertitel „A Toolkit for Urban Innovators“) dienen diese Kapitel eher der Inspiration, als dass sie möglichst instruktive Handlungsanleitungen geben. Überzeugend ist vor allem auch der Hinweis, dass kreative Städte (bzw. Handelnde, die sich für ihre Stadt engagieren) nicht selbst von sich behaupten, kreativ zu sein, sondern eine solche Zuschreibung anderen Akteuren überlassen. „Thus the focus should at first be introspective, attending to changing, if necessary, the intellectual infrastructure in which ideas are generated, facilitating a learning culture in both attitudinal and institutional terms, being ultra-aware of the conditions in which creativity flourishes or flounders, and aiming high.“ (Landry 2006, S. 424)

Beurteilung

Die Stärke von „The Art of City-Making“ ist seine breite, viele Themen und Handlungsansätze zur Stadtentwicklung umfassende normative Orientierung. Daraus ergibt sich zugleich aber auch seine Schwäche. Nicht alle Konzepte und Leitideen werden näher erläutert und in ihren Beziehungen geklärt; zwischen dem allgemeinen Bezugsrahmen zur „Kunst des Stadtmachens“ und den Beispielen (z.B. Amsterdam, Bilbao, Dubai, Singapur) besteht manchmal eine nur schwer zu erkennende Verbindung.

Breite normative Orientierung als Stärke

Das Buch von Landry handelt nicht allein von den sog. „kreativen Industrien“ (Theater, Film, Mode usw.). Kunst, so Landry, ist als Metapher für die Stadtentwicklung insgesamt und für alle daran Beteiligten von Bedeutung (Bürger, Politiker, Planer, Unternehmer, Künstler usw.). Die Kunstmetapher ist deshalb auch mehr eine Lockerungsübung zur Loslösung von einer Fixierung auf professionelles, spezialisiertes Denken denn ein Plädoyer zur Orientierung an einem bestimmten Kunstideal. „The Art of City-Making“ bindet unter dieser Leitidee eine überbordende Fülle von Themen und Handlungsansätzen zu einem lesbaren Ganzen zusammen. Dabei umspannt das Spektrum sowohl klassische Planungsthemen (z.B. Zersiedlung, Urbanität) wie auch neuere, stärker prozessorientierte Ansätze (z.B. „inklusive Planung“, „Management von Paradoxien“). Das Buch vermittelt damit eine breite normative Orientierung zur Stadtentwicklung. Das Argument von Landry, dass das Machen von Stadt die Integration zahlreicher Einzelzugänge zur Stadtentwicklung erfordert, gilt nicht nur für die reale Stadt, sondern auch für das Schreiben von Büchern über sie. Es ist einer klaren und übersichtlichen Gliederung und dem guten Schreibstil von Landry zu danken, dass man sich in einem so breiten Bezugsrahmen nicht verliert.

Die Schwäche: der Griff in die Leere und lose Beziehungen

Die Metapher der Kunst findet sich zunehmend in der Literatur zum Management von Organisationen und Netzwerken. Organisationswissenschaftler wie Kathleen Eisenhardt und Karl Weick nutzen die auch von Landry verwendete Metapher des Jazz (z. B.. S. 7), um Wandel hin zu kreativen Organisationen zu fördern. Bisher bleibt allerdings noch in vielen (nicht in allen) Hinsichten offen, wie diese Metapher zum Verständnis und zur Veränderung von Organisationen und Netzwerken in konkreten Prozessen zu nutzen ist und welche spezifischen Wirkungen dies hat. Dies gilt in besonderem Maße für Arbeiten zur Stadtentwicklung, was auch Landry für urbane Kreativität sieht (S. 404). Einen systematischen Zusammenhang zwischen allgemeinem Bezugsrahmen und empirischer Evidenz wird man folglich auch in Landrys Buch nicht finden. Dies ist natürlich auch nicht zu erwarten von einem normativen Buch, das das Bestehende verändern bzw. zur Veränderung motivieren will. Dennoch hätte man sich eine etwas stärker fokussierte Argumentation gewünscht, um damit die kritischen Stellen des Buches besser ausloten zu können. So greift man manchmal ins Leere, wenn man auf interessante neue Ausdrücke stößt und nähere Erläuterungen sucht (z.B. „management of fragility“, S. 386). Oder man sieht nur eine lose Beziehung zwischen allgemeinem Argument und empirischer Evidenz (z. B. Ethik, Kreativität, Zersiedlung und Verkehrsaufkommen, z.B. S. 29, 408). Meine Empfehlung ist, dass Praktiker den behaupteten Nutzen des Buches durch überzeugtes Handeln prüfen (was allerdings einige Zeit für Lektüre und Interpretation erfordert). Die Wissenschaft könnte stärker eingegrenzte Zusammenhänge anhand empirischer Arbeiten durchleuchten (z. B. zum Zusammenhang zwischen der Akteurseigenschaft „kollektive Orientierung lokaler Akteure an der Kunstmetapher“ und der Performanzwirkung „besseres Stadtmachen im Sinne der Herstellung von Urbanität“).

Fazit

„The Art of City-Making“ ist das Buch eines Beraters und Stadtenthusiasten. Es motiviert zu Optimismus, zum Handeln und zur Widerrede. Es propagiert keine neue Beratungsmode und hat eine sowohl systematisch-wissenschaftliche als auch eine stärker handlungsbezogene und experimentelle Auseinandersetzung verdient. Es ist damit ein lesenswertes Buch für alle, die sich für Fragen der Stadtentwicklung interessieren (z. B. Bürger, Stadtpolitiker, Planer, Wissenschaftler, Künstler und auch Theologen). Länge und thematische Fülle von „The Art of City-Making“ legen ein differenziertes Vorgehen nahe: Hat man nur wenig Zeit und ein primär wissenschaftliches oder praktisches Leseinteresse, können die Ouvertüre und ausgewählte Kapitel bzw. Abschnitte im Mittelpunkt stehen. Nimmt man sich mehr Zeit und verfolgt dabei ein wissenschaftliches und praktisches Leseinteresse, sollte man es von vorn nach hinten lesen und dann nach Möglichkeiten des lokalen Handelns suchen.

Friedrich Lenger, Klaus Tenfelde (Hrsg.) Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert. Wahrnehmung – Entwicklung – Erosion Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2006 (526 S., s/w-Abb.)

Mehr und mehr sind es die Parvenüs unter den Metropolen, die unser Bild derselben bestimmen. Das rapide Wachstum, die boomende Dynamik insbesondere ihrer asiatischen Spielart, so selbstgewiss wie vergangenheitsvergessen, brennt sich in Form glitzernder Hochhausschluchten und formidabler Shopping-Malis ins Gedächtnis: Shanghai, Sao Paulo, Kuala Lumpur – Städte, die sich in letzter Zeit herausgeputzt haben wie ein Mädchen vom Lande, dem das Land aber immer noch spürbar anhaftet. Es ist dies eine Kategorie von Metropolen, die zum einen über eine enorme Bevölkerungszahl (d.h. mehr als fünf Millionen Einwohner) verfügt, zum anderen in schnell wachsendem Maße von einer polyzentrisch-fragmentierten, diskontinuierlichen sozialräumlichen Struktur geprägt ist. Und sie stellt augenscheinlich just die Art von Stadt dar, von der man sich mit dem Terminus „Europäische Stadt“ bewußt abgrenzen will. Nur in der kontrastierenden Bezugnahme scheint bestimmbar, was unter den Bedingungen urbaner Globalisierung genuin „europäisch“ ist.

Allerdings hat dieser Begriff im Fachdiskurs der letzten Jahren eine derartige Konjunktur erlebt, dass in Rezeption und Anwendung zunächst einmal eine gewisse Vorsicht angeraten ist. Allerorts rekurriert man leitbildhaft auf die europäische Stadt, werden ihre angeblichen Werte und Errungenschaften für Entwicklungen reklamiert, die dies möglicherweise gar nicht hergeben. Mit solchen Verkürzungen will der vorliegende Aufsatzband – erfreulicherweise – nichts zu tun haben. Einleitend benennt Friedrich Lenger, einer der beiden Herausgeber, die mehrheitsfähigen Chrakteristika: „eine geringere Wachstumsdynamik, eine schwächere Suburbanisierung, eine stärkere Zentrumsorientierung privaten Wohnens wie repräsentativer öffentlicher Bauten und Institutionen, eine stärkere sozialstaatliche Überformung und eine wirksamere städteplanerische Gestaltung“. Zugleich weist er indes daraufhin, dass andere, „ältere Definitionsbestandteile wie ein stark ausgeprägter Stadt-Land-Gegensatz, rechtliche und politische Autonomie oder die Marktfunktion der Stadt“ in der jüngeren Diskussion nur mehr eine Randexistenz führten.

Vielfach werden heute auf die „Europäische Stadt“ – oft idealtypisch abgegrenzt von der „Amerikanischen Stadt“ – große Hoffnungen zur Lösung städtischer Probleme projiziert, vor allem bezüglich sozialer Ausgrenzung und Segregation, aber auch hinsichtlich eines unterstellten Zusammenhangs von Ökologie und Dichte oder zur Abwendung des vermeintlich drohenden Verkehrsinfarkts. Der Begriff schwebt aber in der Gefahr – wie seine nur allzuoft stattfindende Verkürzung auf Stadtbild und städtebauliche Figuren lehrt –, dass mit und in ihm ein Mythos kultiviert wird. Eben das vermeidet diese Aufsatzsammlung, indem sie die zentralen Ausgangsfragen klären will: Was macht die europäische Stadt aus? Wodurch ist ihre Entwicklung gekennzeichnet? Was lässt sich darunter subsummieren, was nicht? Wie verhält sie sich zu anderweitigen urbanen Entwicklungen? Ist sie ein überholtes, weil von Erosion bedrohtes oder ein zukunftsfähiges Modell?

Zwanzig Autoren stellen die europäische Stadt gewissermaßen auf den Prüfstand, indem sie entweder breitere Zusammenhänge ins Visier nehmen oder regionale Fallstudien vorlegen. Dabei führen differenziert angelegte Fragen verständlicherweise zu differenzierten Antworten. Dennoch sind sich die meisten Autoren einig, dass es nicht darum geht, ein Leitbild zu begründen, wohl aber die Chance zu sehen, unsere Stadttradition den sich verändernden ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Und implizit wird auch auf die kulturelle Seite als die eigentliche „europäische“ Qualität hingewiesen – was letztlich heißt, die europäische Stadt als eine bestimmte historisch geprägte und ex post interpretierte Form der Zivilgesellschaft zu begreifen, die immer noch auf ihre Herkunft als „gebildete Bürgergesellschaft“ zu verweisen scheint und eine gewisse Exklusivität für sich beansprucht.

Bei der Suche nach den prägenden Spezifika der europäischen Stadt im 20. Jahrhundert verweist Hartmut Kaelbe explizit auf Macht und der Einfluss der Stadtverwaltungen: Sie sei in Europa stets weitaus größer gewesen als außerhalb, „in den USA ebenso wie in Indien und China“. Ein wichtiges Vehikel und Instrument dieser Macht habe insbesondere die Stadtplanung dargestellt: „Europa war das Eldorado der Stadtplanung. In der weltweiten Debatte über Stadtplanung kamen die Modelle immer aus Europa. Europäer übernahmen selten Stadtplanungsmodelle aus anderen Kontinenten.“ Das besondere Gewicht einer langen Tradition rechtlicher Verfasstheit betont hingegen Joachim Rückert; er unterstreicht zugleich aber auch deren Relativierung in der jüngeren deutschen Vergangenheit: „Die Städte sind rechtlich zu Gemeinden unter anderen Gemeinden abgestiegen, die Dorfgemeinden erlangten die prinzipiell gleiche kommunale Selbstverwaltung.“ Klaus Tenfelde, der zweite Herausgeber, widmet sich in dekonstruierender Absicht einem konstitutiven Element aller Urbanitätsdiskurse – dem Stadt-Land-Gegensatz im 20. Jahrhundert: „Konflikte zwischen Stadt und Land waren Durchlauferhitzer für anders disponierte Konfliktlagen, meistens im Rahmen einer wie immer verursachten, sowohl ökonomischen als auch politischen Krisenlage der jeweils untersuchten Gesellschaften, so dass in nachweislichem Konflikthandeln vielfach fragmente oder Leitorientierungen anderer konfliktorischer Dispositionen nachweisbar sind und sogar überwuchern können.“ Mit anderen Worten: Dichotome Gegenüberstellungen verfügen nur mehr über wenig Erklärungskraft. Denn nicht nur in Deutschland haben sich die „Lebensstile in Stadt und Land einander stark angenähert. Das schließt auch die bäuerlichen Familien ein. Beim Konsumverhalten gibt es nur noch geringe, in der individuellen Mobilität allenfalls Richtungsunterschiede: der tägliche, wochentägliche und jahreszeitliche Daseinsrhythmus hat sich angeglichen. Auch in der Familienbildung und im generativen und religiösen Verhalten sind die ehemals starken Differenzen auf Reste geschrumpft.“

Wenn demzufolge nicht mehr von Stadt und Land als geographisch getrennte, unterschiedliche Lebensweisen gesprochen werden kann, dann ist dies allerdings keineswegs identisch mit jenem Grundsatzbild urbaner Entwicklung, das der renommierte Schriftsteller Thomas Pynchon in seinem Roman in „The Crying of Lot 49“ schon vor vierzig Jahren skizzierte: „it was less an identifiable city than a grouping of concepts – census tracts, special purpuse bond-issue districts, shopping nuclei, all overleid with access roads to its own freeways“. Sich mit der „Europäischen Stadt“ analytisch auseinanderzusetzen, ist – nicht nur vor einem solchen Hintergrund – noch immer (oder immer noch) ein lohnenswertes Unterfangen. Wenngleich die hier versammelten Aufsätze mehrheitlich aus einer stadthistorischen Warte verfasst wurden, stellen sie mitnichten eine fachwissenschaftliche Verengung des Themas dar. Sie sind vielmehr eine wirkliche Bereicherung.

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