1. bookVolume 74 (2016): Edition 2 (April 2016)
Détails du magazine
License
Format
Magazine
eISSN
1869-4179
Première parution
30 Jan 1936
Périodicité
6 fois par an
Langues
Allemand, Anglais
Accès libre

Sozialraum und Governance. Handeln und Aushandeln in der Sozialraumentwicklung

Publié en ligne: 30 Apr 2016
Volume & Edition: Volume 74 (2016) - Edition 2 (April 2016)
Pages: 171 - 173
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Magazine
eISSN
1869-4179
Première parution
30 Jan 1936
Périodicité
6 fois par an
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Allemand, Anglais

Alisch, Monika (Hrsg.) (2015): Sozialraum und Governance. Handeln und Aushandeln in der Sozialraumentwicklung. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. = Beiträge zur Sozialraumforschung, 12. 205 S.

Für die Raumordnung sind Planung, Steuerung und Kontrolle ihrer Projekte von hoher Bedeutung. Gegenwärtig werden die diesbezüglichen politischen Prozesse mit Hilfe des Konzepts der Governance diskutiert – als ein Mechanismus politischer Koordination, der auf unterschiedlichen Ebenen, von verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren (Staat, Markt, zivilgesellschaftliche Akteure, informelle Netzwerke) und von heterogenen Akteuren gestaltet wird.

Daneben hat sich auf der Ebene der sozialpolitischen Ordnung alltäglicher Nahräume der Begriff des Sozialraums als zunehmend wirkmächtig erwiesen. Für die Raumordnung ist dieser Ausdruck insofern von Bedeutung, als damit sozialpolitische Konzepte auf kommunaler Ebene lanciert werden (das Programm „Soziale Stadt“ mit seinen Derivaten), es werden Mittelverteilungen definiert (Sozialraumbudgets) und Möglichkeiten von Emanzipation und Regierung mittels alltagsbezogener Nahräume thematisiert (z. B. Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe).

Ein Band, der die Perspektiven von Sozialraum und Governance in sich vereinigt, ist damit unbestreitbar auf der Höhe des sozialwissenschaftlichen Diskurses, in dem sich Fragestellungen zur Praxis kommunalpolitischen Aushandelns mit einem transformierten Politikverständnis des aktiven, effektiven und subjektiv involvierten Bürgers verbinden. Die Herausgeberin des Werkes, Monika Alisch, ist Professorin im Fachbereich Sozialwesen an der Hochschule Fulda und Leiterin bzw. Sprecherin des „Zentrums Gesellschaft und Nachhaltigkeit – Centre of Research for Society and Sustainability“ (CeSSt). Neben ihr kommen in dem Sammelband auch Mitarbeitende verschiedener Projekte der Sozialraumforschung zu Wort. Im Einzelnen finden sich nach einer konzeptionellen Einleitung der Herausgeberin insgesamt fünf Aufsätze zu (Sozial-)Raumentwicklungsprozessen und den Logiken des Handelns (Abschnitt 1) sowie – unter der Fragestellung „Good local Governance“ oder „schwache Interessen“? – vier Beiträge zu den verschiedenen Facetten der Interessen von Bewohnerinnen und Bewohnern des „Sozialraumes“ (Abschnitt 2).

Monika Alisch formuliert in ihrem das Werk eröffnenden Beitrag die Perspektive auf die inhaltliche Definition des sozial- und politikwissenschaftlichen Governance-Konzepts, indem sie die einschlägigen Publikationen zielsicher versammelt, zu Wort kommen lässt und für eine kritische Einschätzung der im Folgenden ausgeführten Erfahrungswerte sozialwissenschaftlicher Raumforschung disponiert. In seiner Darstellung „Der »Sprung über die Elbe« — Zivilgesellschaftliche Strategien der Teilhabe an Stadtentwicklungsprozessen auf den Hamburger Elbinseln“ stellt Jonas Hufeisen das gleichnamige Stadtentwicklungsprojekt in Hamburg 2006–2013 vor. Dass in einem solchen Projekt fehlende positive Vorerfahrungen und daraus resultierendes mangelndes Vertrauen der Governance Abbruch tun können (vgl. S. 24), vermag der Verfasser auch empirisch zu belegen. Schließlich legt Hufeisen drei Idealtypen für zivilgesellschaftliche Strategien der Teilhabe vor (vgl. S. 37 ff.).

Mark Borne diskutiert die „Wohnungslosenhilfe im Kontext urbaner Transformationsprozesse in Berlin-Neukölln“ mittels sozialräumlicher Erklärungsansätze (S. 49 ff.). In diesem Zusammenhang kann Borne den „Komplex“ (S. 59) der Wohnungslosigkeit umfänglich nicht allein als Folge aus individuellen Motiven darlegen, sondern zeigt ihn ebenso sehr als von Bedingungsfaktoren abhängig, die aus dem Wohnungsmarkt unmittelbar (durch Knappheit der spezifischen Wohnungsangebote) oder mittelbar (über Stigmatisierungen) herrühren.

Der Stadtentwicklung unter dem Blickwinkel von „Planungsperspektiven in der Stadt(teil-)entwicklung“ wendet sich Michael John zu und gelangt gerade durch seine Betrachtungen von „Akteurslogiken“ zu einer dezidiert auf Urban Governance gerichteten Perspektive (vgl. S. 73 ff.). Im Hinblick auf die unterschiedlichen sektoralen und professionellen Herkünfte der Planenden macht John die Notwendigkeit einer Steuerung auf der Metaebene aus.

Widersprüche und Eigensinnigkeiten im Sinne subjektiver Selbstverständlichkeiten bei Akteurinnen und Akteuren sozialer Arbeit untersuchen Simone Oros, Carola Schilling und Alexandra Woite für urbane Lebensräume unter wissenssoziologischer (K. Mannheim), bedürfnisinterpretierender (N. Fraser) sowie interkultureller (A. Kalpaka) Perspektive. Dabei dechiffrieren sie Governance im Sinne eines Regierungsformates unterschiedlicher Akteure als widersprüchliche und nicht selten zugleich Konflikte vermeidende Handlungstendenz (vgl. S. 101 ff.), in der dennoch Spielräume für freiheitliche Ausgestaltung gegeben sein können (vgl. S. 107).

In seinem „Beispiel zur Governance in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe“ verweist Daniel Singer unter sozialräumlicher Perspektive zunächst auf die heterogene Nutzung des Begriffs Sozialraumorientierung (vgl. S. 109), um auf dieser Grundlage Fachkräfte öffentlicher und freier Jugendhilfeträger in Bremen-Gröpelingen nach ihrer Sicht auf Sozialraumorientierung zu befragen. In diesem Zusammenhang ermittelt er unterschiedliche Aspekte von Kooperation und Beteiligung (vgl. S. 117 f.), zum Teil verschwimmende Grenzen des Sozialraums (vgl. S. 119 f.) sowie herausfordernde Aspekte bei der Einhaltung des Datenschutzes (insbesondere im Hinblick auf das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung), die sich im Rahmen der geforderten Vernetzung von Akteuren und Ressourcen im Sozialraum mitunter zeigen können (vgl. S. 120).

Katharina Barleben, Roger Glaser und Kristjana Krawinkel analysieren in ihrem Text (S. 125 ff.) das „Scheitern eines Ansatzes partizipativer, sozialraumorientierter Jugendhilfeplanung“. Dabei macht insbesondere die Passage zu den „Umsetzungserfahrungen“ (S. 131 ff.) deutlich, inwieweit die konkret in Szene gesetzten Prozesse von Governance stets von Machtspielen durchzogen sein können. Die vom Verfasser bzw. den Verfasserinnen vorgelegte Konfliktanalyse (vgl. S. 134 ff.) tut ein Übriges, um diese Seite der Governance ins Blickfeld zu rücken.

„Bedürfnisse zwischen Projektzielen, Projektsteuerung und Interpretation“ (S. 139 ff.) thematisiert Yvonne Rubin bezogen auf ein Projekt des „Wohnens im Alter“. Am Beispiel der Stadt Eschwege zeigt sie unter Rekurs u. a. auf das dortige „Soziale Stadt“-Wohngebiet „Auf dem Heuberg“ (vgl. Evers/Schulz/Wiesner 2004), dass die einzelnen Akteure sich „nur sehr schwer zur Entwicklung von Ideen oder Aktionen bewegen [lassen], die über ihre geschäftlichen Belange […] hinausgehen“ (S. 142). Dies sei umso gravierender, als im konkreten Beispiel „die artikulierten Bedürfnisse und Projektideen der älteren Bewohner_innen“ (S. 144) gänzlich unbeachtet blieben.

Zu vergleichbaren Ergebnissen kommen auch Monika Alisch und Patricia Hofmann in ihrer Untersuchung der Partizipationsrealitäten von Projektverantwortlichen und Projektnutzenden, die sie im Hinblick auf Aspekte von „Good local Governance“ (S. 157) unter Rückbezug auf Clemens/Nowak/Ruß et al. 2010 und deren Sozialraumbezug analysieren. Im untersuchten professionellen Verständnis von lokaler Partizipation (vgl. S. 160 ff.) zeigt sich, inwieweit Milieudifferenzen zu interpretativen und letztlich auch anwendungsbezogenen Fehlleistungen führen können (vgl. S. 170).

Der abschließende Aufsatz verbindet noch einmal die Themenfelder Sozialraum und Governance, indem er die „Wiener Lokale Agenda 21 als Good-Governance-Modell?“ aufgreift. Diese Initiative für nachhaltige Stadtentwicklung diskutieren Anja Bederke und Anneke Schilling, um die Planung „komplexe[r] Formen von Koordination und Steuerung“ (S. 180) als multilaterales Geschehen unterschiedlicher Ebenen zu skizzieren. Auch dabei treten mögliche Grenzen, insbesondere bei der Kooperation unterschiedlicher Akteure, zu Tage (vgl. S. 193 f.).

Durch seinen Bezug auf eine Vielzahl hochaktueller Fragestellungen ist der Sammelband ein reichhaltiges Reservoir an Planungs- und Handlungswissen für die Gestaltung urbaner und sozialer Räume. Probleme der Feldforschung werden deutlich, wenn feldimmanente Akteure massiven Einfluss auf die Forschungsprojekte nehmen (vgl. S. 125 ff., 143 ff.). In solchen Kontexten ebenso wie in den empirisch untersuchten Zusammenhängen gelingt es dem Band überzeugend, die Machtperspektive innerhalb der Governance-Strukturen sichtbar und auf diese Weise bearbeitbar zu machen. Der bereits im Titel angeführte Sozialraumbegriff wird entweder physisch, administrativ, subjektiv oder hegemonial konzeptualisiert und findet nicht selten in einer Melange dieser semantischen Stränge Verwendung (vgl. z. B. S. 121 oder auch 137). Diese Mischung ermöglicht einerseits unterschiedliche Perspektiven auf ein komplexes Konzept der Sozialforschung. Mitunter hätten jedoch diesbezüglich explizite Reflexionen das Mitvollziehen der Argumentationsgänge erleichtert. Zudem wäre vereinzelt auch eine vertiefte Darstellung von Konzepten und Forschungsbefunden denkbar (so etwa zum Eingriff vonseiten der Steuerungsebene in die Selbstorganisation, vgl. S. 104; ferner bei der Kategorisierung der schwachen Interessen, vgl. S. 172), um auf diese Weise die diskursive Anschlussfähigkeit der vorgelegten Argumentationen zu erhöhen.

Insgesamt lässt sich zum hier besprochenen Sammelband sagen, dass es den Verfasserinnen und Verfassern gelingt, ein vielgestaltiges und dynamisches Themenfeld politischer Steuerung der (lokalen) Raumordnung darzustellen, aufzubereiten und für eine darauf aufbauende politik- ebenso wie sozialwissenschaftliche Reflexion nutzbar zu machen. Mithin eignet sich der vorliegende Band ebenso sehr für an den politischen Grundlagen ihres Handelns interessierte Raumforscherinnen und Raumforscher wie für jene Praktiker und Praktikerinnen, die auf strategischer Ebene Raumplanung zu verantworten haben.

Clement, U.; Nowak, J.; Ruß, S.; Scherrer, Ch. (2010): Einleitung: Public Governance und schwache Interessen. In: Clement, U.; Nowak, J.; Scherrer, Ch.; Ruß, S. (Hrsg.): Public Governance und schwache Interessen. Wiesbaden, 7–26.ClementU.NowakJ.RußS.ScherrerCh2010Einleitung: Public Governance und schwache InteressenClementU.NowakJ.ScherrerCh.RußS.Public Governance und schwache InteressenWiesbaden7–2610.1007/978-3-531-92267-6Search in Google Scholar

Evers, A.; Schulz, A.; Wiesner, C. (2004): Netzwerkanalyse und dialogische Begleitung – Schlussbericht (Untersuchungszeitraum 2002 bis 2004). Gießen. http://www.hegiss.de/he_download/Begleitforschung/Begleitforschung_04.pdf (01.02.2016). = HEGISS Materialien, Begleitforschung, 4.EversA.SchulzA.WiesnerC.2004Netzwerkanalyse und dialogische Begleitung – Schlussbericht (Untersuchungszeitraum 2002 bis 2004Gießenhttp://www.hegiss.de/he_download/Begleitforschung/Begleitforschung_04.pdf(01.02.2016). = HEGISS Materialien, Begleitforschung, 4Search in Google Scholar

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