1. bookVolume 72 (2014): Edition 3 (June 2014)
Détails du magazine
License
Format
Magazine
eISSN
1869-4179
Première parution
30 Jan 1936
Périodicité
6 fois par an
Langues
Allemand, Anglais
Accès libre

Raum – Mensch – Gerechtigkeit. Sozialethische Reflexionen zur Kategorie des Raumes

Publié en ligne: 30 Jun 2014
Volume & Edition: Volume 72 (2014) - Edition 3 (June 2014)
Pages: 269 - 271
Détails du magazine
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Format
Magazine
eISSN
1869-4179
Première parution
30 Jan 1936
Périodicité
6 fois par an
Langues
Allemand, Anglais

Schneider, Martin (2012): Raum – Mensch – Gerechtigkeit. Sozialethische Reflexionen zur Kategorie des Raumes

Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 726 S.

Ich muss gestehen, dass ich nach der Lektüre der Dissertation von Martin Schneider zur Verräumlichung sozialer Ungleichheit etwas ermattet, aber auch erfüllt war. Daher gleich vorweg: Es ist weder empfehlenswert noch sinnvoll, dieses Buch in einem Durchgang zu studieren. Zu vielschichtig sind Quellenanalysen, Fußnoten, Anregungen und weiterführende Literaturhinweise. Schneider, ein unter anderem in partizipativen Dorf- und Regionalentwicklungsprozessen erfahrener Sozialethiker und katholischer Grundsatzreferent, ist ein lebender Beleg dafür, dass sich die Elternzeit (auch) von einem Mann durchaus kreativ nutzen lässt.

Ausweislich des Vorworts (S. 16) hat Martin Schneider die vorliegende Dissertation – immerhin 726 Seiten stark – in der Kinderbetreuungsphase und zudem in den Räumen verfasst, in denen er selbst bereits seine Kindheitsjahre verbrachte; insofern gibt es Parallelen zu dem Rezensenten dieses gehaltvollen, wirklich anregenden Buches. Wollte man sämtlichen Aspekten in einer Buchbesprechung gerecht werden, müsste man wohl zwangsläufig scheitern. Kurz gefasst, geht es Martin Schneider um die verantwortliche Gestaltung von Räumen. Überzeugend – und für sich genommen jeweils schon eine separate Dissertation wert – sind die von Schneider tief dringend bearbeiteten Hauptthemen, beispielsweise der Raum als Thema in Theologie und Sozialethik (S. 21–91) sowie die Raumtheorieansätze in Geographie und Soziologie (S. 114–193). Außerordentlich gut gefällt mir auch der Abschnitt zur „Entwicklung und Ausdehnung des Lebensraumes“, der psychologische, moralisch-ethische, religiöse, ökonomische und juristische Aspekte des Raums untersucht (S. 311–398). Die Facetten reichen hier beispielsweise von der „Geopsyche“ Willy Hellpachs über die unheilvollen Auswirkungen der klassischen Geopolitik Friedrich Ratzels – von Schneider unter „Raum als Unwort“ subsumiert – bis hin zur Bindung an Räume zur Schaffung von Raumidentität. Nicht zuletzt die Theologie beschäftigt sich mit der im Raum materialisierten sozialen Teilung, die sich etwa in der personenbezogenen Wohneigentumsförderung auf Kosten der öffentlichen Bauförderung nicht nur in den banlieus Frankreichs manifestiert. Auch die Debatte um die Zukunfts- und Finanzierungsfähigkeit des Programms „Soziale Stadt“, die neue Wohnungsnot und die Problematik der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen durch – je nach Sichtweise – kräftige Aufwertung respektive Gentrifizierung in boomenden Agglomerationen macht deutlich, dass sich (Stadt-) Planung in Deutschland zukünftig verstärkt mit sozialethischen Belangen zu befassen hat.

Zweifellos muss das Soziale neu gedacht werden, etwa im Sinne der von Schneider thematisierten sozialethischen Zugänge, der räumlichen Gerechtigkeit (S. 399 ff.) sowie des Faktors Wohnen als globale Welt- und Raumaneignung (S. 393). Die ungleiche Verteilung von Boden fordert kritische Überlegungen hinsichtlich der Balance der Machtverhältnisse in einer Gesellschaft nach wie vor heraus. Eigentümer und Nicht-Eigentümer werden a priori aufgrund ihrer Rechtsstellung ungleich behandelt. Letztere nehmen nicht an der Wertsteigerung ihres Grund und Bodens teil; mehr noch, sie subventionieren diese Wertsteigerung der Eigentümer durch ihren Wunsch nach einer Wohnung oder ihr Angewiesensein auf öffentliche Infrastruktureinrichtungen mit. Mit Schneider könnte man daher die Aufteilung der Erde in diejenigen Grundstücke, die nun in privatem Eigentum gehalten werden, als eine „parzellierte Privatisierung“ bezeichnen, die global betrachtet durchaus der Logik des „Washington Consensus“ der Weltbank folgt (S. 292). Die Privatisierung eines Teils der Erdoberfläche zugunsten der Wenigen ist insbesondere dann problematisch, wenn sie den sozialen Lebensbereich der Vielen ernsthaft beschneidet. Pierre Bourdieu spricht insoweit von „neoliberaler Invasion“ (S. 515). Insbesondere bei dem Wohneigentum ergebe sich auf diese Weise sowohl ein Gleichheits- wie auch ein Verteilungsproblem. Das Eigentümerbelieben in Gestalt der ‚Baufreiheit‘, das im Sinne der Rawls‘schen Differenztheorie auch als negative gesellschaftliche Gleichheit wirken kann (aber nicht muss), zeigt sich auch in Leerstand und Segregation.

Kapitel 5 der Publikation ist meines Erachtens der Kernabschnitt. Dort widmet sich Schneider der räumlichen Dimension individueller Freiheitsrechte (S. 401–491). Der Schutz des eigenen Raums dient der Freiheit des Einzelnen. Gleichzeitig gibt es eine räumliche Dimension von sozialer Gerechtigkeit im Sinne eines Vorrangs der sozialen vor der räumlichen Nähe (S. 516), der kulturellen und ethnischen Segregation und von Peripherisierungsprozessen in Deutschland, die Schneider unter dem Terminus „Spatial Injustice“ (unter Bezug auf Edward Soja) zusammenfasst. Auffallend ist, dass der Autor für die Kategorisierung des Raums fast vollständig ohne Verweise auf Baugesetzbuch oder Raumordnungsgesetz auskommt. Dafür überrascht Schneider den Leser – im Rahmen der „sozialethischen Zugänge“ und der räumlichen Dimension der Freiheitsrechte – mit Querverweisen zum Grundgesetz (Raum und Verfassung). Er nennt die Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 16 GG), den Zugang zum Raum des Internets, aber auch die Verletzungen der Privatsphäre durch Netzwerkplattformen, das Briefgeheimnis, die Gewährleistung der Vertraulichkeit, die Integrität informationeller Selbstbestimmung und vor allem das Persönlichkeitsrecht aus Art. 2 GG. In diesem Abschnitt hätte durchaus auch Art. 14 GG (Eigentumsgewährleistung) seinen Platz gehabt, nimmt doch Privatheit eine umstrittene sozialethische Bedeutung ein.

Räume verändern sich selbst in dem Maße, wie sich dasjenige ändert, was sich in einem Raum abspielt. Die globalen Entgrenzungsprozesse, so Schneider, bedeuteten nicht ein Ende des Raumes, sondern eine permanente Konstitution von Räumen (S. 643).

Zwischenfazit:

Die Monographie zieht ihre Stärke sowohl aus der Integration sozialethischer Gedanken in die Raum- und Ressourcennutzung als auch aus der Konkretisierungsmöglichkeit dieser Aspekte für die Raumplanung. Der Zugang zu Rohstoff- und Energiequellen fungiert in Anlehnung an Eva Barlösius als „Gerechtigkeitsmaß für Ressourcen“. Mehr denn je geht es um einen sachgerechten Ausgleich zwischen der zukünftig auf Klimaneutralität und Energieeffizienz hin ausgerichteten Raumnutzung und dem Grundstückseigentum als einer räumlichen Dimension der Freiheitsrechte und der Menschenwürdegarantie (S. 401 ff.). Möglicherweise wird die Förderung der regenerativen Energien gleichsam als sozialethischer Auftrag zukünftig auch dazu führen, dass die hierfür erforderlichen Flächen in kommunalem Eigentum zur lokalen Energiesuffizienz genutzt werden.

Einige spannende Fragen ergeben sich hieraus: Wird die Energiewende Instrumente für eine sozialpflichtige Bodennutzung wie Teilhabe, räumliche Inklusion und Gemeinschaftsgüter wiederbeleben können? Es gibt einigen Grund zur Annahme, dass die Energiewende in den Regionen und Kommunen Deutschlands auf fruchtbares Terrain fällt, wenn Lasten und Gewinne gerecht verteilt werden. Langfristig jedenfalls ist die Mitwirkung – Schneider folgend: Beteiligung statt Verteilung – sämtlicher Bodeneigentümer und -nutzer zur Realisierung der Neuerungen im Energiesektor erforderlich. Dabei ist die Energiewende eine nachgerade einmalige Chance, die Debatte um Gemeinschaftsgüter mit Rohstoff- und regenerativen Energiefragen zu verknüpfen und vielleicht auch die Problematik der Peripherisierungstendenzen mit zu verarbeiten. Schneider verknüpft die sozialethische Frage der Peripherie und des „Ausblutens“ bestimmter ländlicher Gebiete mit der Zentrum-Peripherie-Dualität; er verweist auf die „Verschärfung von negativen Kontexteffekten durch die Kultur der Perspektivlosigkeit“ (S. 544 ff.), die in städtischen Gebieten regelrecht einer Logik der Gettoisierung gleichkäme.

Kritisch setzt sich Schneider mit der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse auseinander, argumentierend, dass eine Neuinterpretation des Gleichwertigkeitspostulats erforderlich ist zugunsten einer Gleichwertigkeit, nicht als Einebnung sämtlicher Unterschiede, sondern unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dazu zählten ein gewandeltes Staatsverständnis, die Globalisierung der Ökonomie sowie der demographische und sozioökonomische Strukturwandel (S. 566–586). Dass die Wirtschaftskraft im Osten pauschal schrumpft, wie der Autor behauptet, kann in dieser Absolutheit keineswegs behauptet werden. Da fehlt es der Arbeit an aktuellen, belastbaren Daten – Daten kommen ohnehin nur sehr wenige vor. Überhaupt vermisse ich in den Schlusskapiteln das ‚Fleisch‘, das heißt aussagekräftige Belege und Raumbeispiele für die Thesen, die zwar mit umfassender Literatur belegt werden, aber eben doch nur deskriptiv aufgeführt und nicht verifiziert werden. Der Verfasser bietet kaum konkrete Handlungsalternativen oder Gesetzesinterpretationen beispielsweise des Gleichwertigkeitspostulats aus Art. 72 Abs. 2 GG.

Wenn Schneider ausführt, dass einerseits boomende Regionen sich durch eine hohe Wohn- und Freizeitqualität auszeichnen und andererseits traditionelle Industriestädte wie die Ruhrgebietsstädte, wie Braunschweig/Salzgitter und „insbesondere die ostdeutschen Städte“ (S. 576) zu den Verliererregionen gehören, klingt dies doch arg nach Allgemeinplätzen, Pauschalurteilen und ist im Übrigen sachlich teilweise falsch und mittlerweile widerlegt.

Das Schlusskapitel 6 leitet ein Zitat von Marc Augé ein: „Wir müssen lernen, den Raum neu zu denken.“ Schneider plädiert für einen Paradigmenwechsel – weg von der Verteilungs- und hin zur Beteiligungsgerechtigkeit. Mir fehlt allerdings auch hier die Einbettung dieser finalen Analysen, Konzepte und Forderungen in das Planungsrechtsregime. Konkret: Wie bekommen Raumplaner diese Ansätze in das Recht und in die Planungssysteme hinein? Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Autor der Versuchung unterlegen ist, sämtliche, auch randständige Theorien zu Raum und Raumkonzepten darlegen und die relevante Literatur dazu auswerten zu müssen. Zahlreiche, in sich verschachtelte Exkurse mit bis zu fünf Gliederungsebenen erschweren die Übersicht. Möglicherweise wären bei über 700 Seiten Text, wenigen graphischen Auflockerungen und 3.055 Fußnoten statt (lediglich) sechs Hauptkapiteln mindestens 10 bis 15 Abschnitte zielführender gewesen. Ein abschließendes Stichwortverzeichnis wäre bei einem Standardwerk wie diesem mehr als segens- und hilfreich. Zahlreiche wörtliche Zitate verlängern die Arbeit unnötig und bringen nicht immer den erhofften Erkenntnisgewinn, jedenfalls für mich nicht. Das umfängliche Literaturverzeichnis fällt etwas willkürlich, möglicherweise sogar einseitig aus. Denn viele national und international namhafte Raumtheoretiker, Raumplaner, Bodenpolitiker und Landmanager sucht man dort vergeblich. Dafür finden sich beispielsweise 16 verarbeitete Werke von Henri Lefebvre oder 13 Publikationen von Peter Sloterdijk. Dennoch ist das Opus wegen seiner tief gehenden sozialgeographischen und ethischen Gedanken zur Erlangung von Gleichheit, Öffentlichkeit, Partizipation und Kooperation eine Fundgrube. Das ‚Zuviel‘ an Information ist wohlwollend in Kauf zu nehmen.

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