1. bookVolume 66 (2008): Edition 3 (May 2008)
Détails du magazine
License
Format
Magazine
eISSN
1869-4179
Première parution
30 Jan 1936
Périodicité
6 fois par an
Langues
Allemand, Anglais
Accès libre

Rezensionen

Publié en ligne: 31 May 2008
Volume & Edition: Volume 66 (2008) - Edition 3 (May 2008)
Pages: 290 - 298
Détails du magazine
License
Format
Magazine
eISSN
1869-4179
Première parution
30 Jan 1936
Périodicité
6 fois par an
Langues
Allemand, Anglais

Schricke, Esther Lokalisierungsmuster und Entwicklungsdynamik von Clustern der Optischen Technologien in Deutschland. Untersucht am Beispiel von Clusterstrukturen in Thüringen, Bayern und Niedersachsen Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2007 (246 S., 25 Tab., 30 Abb.)

Die gelungene und lesenswerte Dissertation von Frau Schricke greift die nach wie vor aktuelle Fachdiskussion urn Cluster auf und leistet einen weiteren Beitrag zum Verständnis der raumwirksamen Effekte solcher Branchenkonzentrationen. Die Clusterdebatte ist zwar nicht mehr ganz neu, und in den letzten Jahren ist eine Vielzahl an Studien erschienen, die sich mit dem Phänomen räumlich konzentrierter Branchen beschäftigt haben. Jedoch gelingt es der Autorin in vorbildlicher Weise, den aktuellen Stand des Clusteransatzes aufzubereiten und kritisch zu reflektieren. Auf der Basis dieses soliden Fundaments wurden die Forschungsfragen und Untersuchungshypothesen abgeleitet.

Eine weitere Bereicherung erfährt der aktuelle Fachdiskurs durch die Auswahl der Untersuchungsbranche sowie der methodischen Vorgehensweise. Erst in den letzten Jahren wurden die Optischen Technologien zunehmend auch von der deutschsprachigen Wirtschaftsgeographie als interessantes Untersuchungsfeld entdeckt. Zuvor standen eher die beschäftigungsintensiven Bereiche des verarbeitenden Gewerbes (Automobilindustrie, Maschinenbau oder die Chemische Industrie) sowie die wissensintensiven Dienstleistungsbranchen im Fokus empirischer Arbeiten. Die Optischen Industrien stellen jedoch aus mehreren Gründen eine interessante Untersuchungsbranche dar: Erstens gehörten die Optischen Technologien zu den wenigen Branchen der Hochtechnologie und in Teilbereichen sogar zur Spitzentechnologie, in denen Deutschland zu den weltweit führenden Produktions-und Entwicklungsstandorten gehört. Entsprechend lassen sich an diesem Beispiel die Bedeutung und die Ausgestaltung der forschungs- und entwicklungsrelevanten Verflechtungsbeziehungen zwischen den Unternehmen sowie zwischen Forschungseinrichtungen und den Firmen aus räumlicher Perspektive gut analysieren. Zweitens spielen aufgrund ihres Querschnitts charakters die Verflechtungen zu vielfältigen Anwendungsbereichen und damit zu unterschiedlichen Kunden und Märkten eine Rolle, die sich in entsprechend vielfältigen FuE-Prozessen niederschlagen.

Auch methodisch bereichert die vorgelegte Arbeit die bisherigen Clusterstudien durch die systematische Erfassung und Darstellung der regionalen Verflechtungsbeziehungen. Durch die Darstellung der räumlichen Muster der Innovationskooperationen unter Verwendung der Software NetDraw konnte die Autorin aufzeigen, dass sich die drei Suchräume in Thüringen, Bayern und Niedersachsen bezüglich der Intensität und Dichte ihres Kooperationsnetzwerks deutlich voneinander unterscheiden. Während im thüringischen Suchraum um Jena und Ilmenau sehr intensive zwischenbetriebliche Vernetzungen festgestellt wurden, weist das Cluster in Bayern um München, Nürnberg-Erlangen sowie Regensburg eher lose regionale Verbindungen auf. Die Darstellung wirft die Frage auf, ob München zusammen mit Nürnberg-Erlangen und Regensburg als ein Cluster bezeichnet werden kann oder ob es sich nicht eher um drei voneinander weitgehend unabhängige räumliche Konzentrationen handelt. Zudem wird aus den Netzwerkdarstellungen und den zitierten Experteninterviews die zentrale Bedeutung von Forschungseinrichtungen innerhalb der Innovationsprozesse sowie bezüglich der regionalen Verflechtungsbeziehungen deutlich. Drittens wird aus der Darstellung des gesamten Kooperationsnetzwerks aller befragten Unternehmen in den drei Suchräumen deutlich, dass sich wissensrelevante Beziehungen nicht nur innerhalb von Clustergrenzen abspielen, sondern auch die Verflechtungen über die eigenen Clustergrenzen hinaus von großer Bedeutung sind. Einzig der zugrunde liegende Algorithmus geht aus den Ausführungen im Text nicht klar hervor. Er basiert nach Angaben der Autorin auf einer Hauptkomponentenanalyse; jedoch bleibt unklar, welche Variablen in welcher Art und Weise zur Darstellung der Vernetzungsstrukturen einbezogen wurden. Ein entsprechender methodischer Anhang am Ende der Arbeit wäre daher wünschenswert gewesen.

Bezüglich der theoretisch abgeleiteten Forschungsfragen und Hypothesen kommt Schricke zu stichhaltig belegten und argumentativ überzeugend dargestellten Ergebnissen: Sie zeigt unter anderem auf, dass sich Cluster hinsichtlich des Musters der lokalisierten Aktivitäten voneinander unterscheiden und an den jeweiligen Standorten verschiedene Clustervorteile zum Tragen kommen. Der durchgängige Befund nahezu aller Clusterstudien wird bestätigt, dass ein spezialisierter Arbeitsmarkt eine wichtige Determinante bezüglich der Entwicklungsdynamik eines Clusters darstellt. Demgegenüber erfährt die Bedeutung von spezialisierten lokalen Zulieferbetrieben aufgrund der Untersuchungsergebnisse und entgegen der üblichen Darstellungsweise des Clusteransatzes eine klare Relativierung. Das Argument der besonders günstigen Zuliefersituation innerhalb eines Cluster muss zukünftig also vorsichtiger verwendet werden. Auch die üblichen Argumente bezüglich der Bedeutung der räumlichen Nähe auf die Art und Intensität der Zusammenarbeit werden relativiert, denn es wurde kein grundlegender Unterschied bei der Zusammenarbeit mit Partnern innerhalb eines Clusters oder außerhalb der Konzentrationen festgestellt. Entsprechend stellen Innovationen durch Zufallskontakte, die sich aus der räumlichen Nähe ergeben haben, eher eine Ausnahmeerscheinung dar. Die Bedeutung von Promotoren für die Clusterentwicklung wurde bestätigt, wobei diese Rolle nicht unbedingt mit den großen Unternehmen vor Ort verbunden ist. Aus den Ergebnissen werden zum Abschluss der Arbeit entsprechende Handlungsempfehlungen abgeleitet und wird weiterer Forschungsbedarf aufgezeigt.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei der Dissertation von Frau Schricke um eine überzeugende Leistung. Sie stellt eine sehr interessante Untersuchungsbranche im Kontext des nicht mehr ganz jungen Clusteransatzes vor. Die Entwicklung des theoretischen Rahmens und der daraus abgeleiteten Forschungsfragen ist stringent. Die methodische Vorgehensweise der Netzwerkanalyse ist innovativ, so dass die erzielten Ergebnisse insgesamt eine Bereicherung für die Clusterforschung sind.

Iva Mossig (Gießen)

Peter Kirchhoff, Antonios Tsakarestos Planung des ÖPNV in ländlichen Räumen. Ziele - Entwurf - Realisierung Wiesbaden: B.G. Teubner Verlag 2007

Der ÖPNV in der Fläche war in den letzen Jahren Gegenstand umfangreicher Untersuchungen. Vor allem der Förderschwerpunkt „Personennahverkehr in der Region“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hat das Interesse von Wissenschaft und Praxis auf diesen Aspekt der ÖPNV-Landschaft gelenkt. Die zahlreichen Einzelprojekte veranschaulichen die Schwierigkeiten, die mit der Erschließung peripherer Räume verbunden sind, prognostizieren zukünftige Probleme und zeigen Konzepte auf, wie darauf reagiert werden kann. Dabei wurden zahlreiche Projektberichte angefertigt, Best-Practice-Beispiele evaluiert und so umfangreiches Fachwissen geschaffen. Allerdings hat der Forschungselan der letzen Jahre auch zu einer gewissen Unübersichtlichkeit geführt; ein zusammenfassendes Werk, das eine handliche Orientierung für die Praxis bietet, fehlte bisher.

Die Erkenntnisse von Peter Kirchoff und Antonios Tsakarestos resultieren zu Teilen ebenfalls aus dem oben angesprochenen BMBF-Forschungsschwerpunkt und stützen sich empirisch unter anderem auf das Teilprojekt „mob2“. Das Buch leistet erstmals eine Aufbereitung der wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse und schlägt eine Brücke zur praktischen Verkehrsplanung. Daher könnte es sich als Handbuch für Praxis und Lehre eignen. Es fasst dieses Thema dabei nach Aussagen der Autoren „ingenieurtechnisch“ auf (S. 3); in diesem Verständnis befasst es sich beispielsweise nicht mit der Wettbewerbsproblematik und streift Fragen der Organisation des Planungsprozesses nur am Rande.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren skizzieren zunächst die Probleme des ÖPNV in der Fläche, legen auf Basis von Literatur und eigener Empirie die Grundlagen für ihre im Buch dokumentierten Planungen.

Im Einzelnen bedeutet dies: Das erste Kapitel leitet in das Thema ein. Es wird Umrissen, vor welchen spezifischen aktuellen und zukünftigen Problemen der ÖPNV in der Fläche steht: Sinkende Schülerzahlen und eine höhere Autoverfügbarkeit bei älteren Menschen führen zu Rückgängen in der ÖPNV-Nachfrage. Gleichzeitig bleiben aber die Mobilitätsbedürfnisse Einzelner bestehen, vor allem Hochbetagter oder anderweitig in ihrer Mobilität eingeschränkter Personen. Es wird erwartet, dass diese Gruppe absolut zunimmt. Begleitet wird diese Entwicklung durch den zunehmenden Kostendruck, der im ÖPNV zum Sparen zwingt. Entsprechend betonen die Autoren die Notwendigkeit für eine Grundversorgung mit einem (kosten-)effizienten ÖPNV. Im Verlauf des Buches prüfen Sie, ob flexible Bedienformen dafür geeignet sind.

Der Stand der Forschung wird dazu in den Kapiteln 2 (Flexible Betriebsweise) und 3 (Schülerverkehr) gelegt. Das Kapitel zu den flexiblen Bedienweisen stellt die zahlreichen Varianten solcher ÖPNV-Angebote dar und systematisiert sie. Es werden die wesentlichen Betriebsformen (Linien-, Richtungsband-, Sektor- und Flächenbetrieb) erläutert und ihre Einsatzmöglichkeiten nach Haupt- und Normalverkehrszeit kurz Umrissen. Die Rolle, die der Schienenpersonennahverkehr im ländlichen Raum als Teil des ÖPNV einnehmen kann oder sollte, wird dagegen nicht behandelt.

Der hohe Stellenwert, den die Optimierung des Schülerverkehrs im dritten Kapitel einnimmt, macht eine der Stärken des Buches aus: Flexible Bedienformen können nur in den seltensten Fällen allein eine ÖPNV-Versorgung aufrechterhalten, sondern sind immer in ein Gesamtsystem zu integrieren - und dabei spielt der Schülerverkehr im ländlichen Raum auch bei sinkenden Schülerzahlen eine zentrale Rolle. Die Organisation des Schülerverkehrs wurde daher auch im späteren Fallbeispiel als Ausgangspunkt für weitere Planungen gewählt. Diese Herangehensweise bietet sicher vielen Aufgabenträgern eine Möglichkeit, die eigenen Gegebenheiten in der Untersuchung wiederzuerkennen.

Kapitel 4 thematisiert die Grundlagen der Verkehrsplanung. Dabei wird unter Rückgriff auf den Leitfaden für Verkehrsplanungen der Forschungsgesellschaft für das Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) ein formales Planungsverfahren für den ÖPNV generell erläutert. In diesem Kapitel stellen die Autoren bekannte, aber Praktikern bei den Aufgabenträgern und Studierenden vielleicht nicht immer präsente Grundlagen des Planungsprozesses dar. Warum die Autoren dabei allerdings ein Planungsschema der FGSV aus dem Jahr 1979 als Grundlage ihrer Argumentation wählen, ist nicht nachvollziehbar, zumal sie auch auf den aktuellen Leitfaden der FGSV zu diesem Thema verweisen.

Mit Kapitel 5 „Entwurf des Angebotes“ verhält es sich ähnlich: Auch hier wird bekanntes verkehrsplanerisches Handwerkszeug beschrieben. Diese Grundlagen sind aber zum Verständnis der folgenden Kapitel notwendig, da sie dort empirisch genutzt und planerisch angewendet werden.

Wissenschaftlich interessant ist vor allem Kapitel 6, in dem die Erprobung eines ÖPNV-Angebots für die ländlich geprägten Teile des Landkreises Erding in Bayern beschrieben und ausgewertet werden. Das Kapitel verdeutlicht auch die auf unterschiedlichen Ebenen auftretenden Schwierigkeiten bei der Etablierung eines solchen Systems.

Als letztes stellt Kapitel 7 „Planung und Realisierung eines Gesamtsystems“, das die Hälfte des Buchs umfasst, die Synthese her: Hier werden die Grundlagen aus den vorangegangenen Kapiteln genutzt und auf den Landkreis Grafschaft Bentheim im Südwesten Niedersachsens angewendet. Dabei wird die zuvor erläuterte Systematik bei der Analyse der Ausgangssituation angewendet. Auch die Konzeptentwicklung unter Nutzung der zuvor getesteten Instrumente wird anhand der konkreten Planungen gut veranschaulicht. Obwohl das Buch zum überwiegenden Teil die spezifischen Planungen für einen konkreten Landkreis dokumentiert, kann es daher wie ein Leitfaden für andere ÖPNV-Planungen genutzt werden. Durch seine gründliche Systematik und die strenge Gliederung sollte es allen Fachleuten leichtfallen, die Ergebnisse von Kirchhoff und Tsakarestos auf ihre Belange zu übertragen. Dabei ist allerdings ein aufmerksames Lesen erforderlich, da die Autoren ihre eigenen Begriffe und ihre Systematik nicht in allen Bereichen konsequent anwenden. Während etwa zu Beginn des Buchs die Beförderungsgeschwindigkeit als zentrales Qualitätskriterium hervorgehoben wird (eine Auffassung, die wir nicht teilen), wird im letzen Kapitel die Beförderungszeit als Maßstab herangezogen (was wir für sinnvoll halten). Dies ist unnötig verwirrend und vielleicht ein Hinweis für eine zukünftige Überarbeitung.

Zum Einsatz des Buchs

Gerade bei Aufgabenträgern in ländlichen Räumen wird der ÖPNV meist neben anderen Aufgaben von Beschäftigten mitbetreut, die teilweise keine oder nur eine rudimentäre verkehrplanerische Ausbildung absolviert haben. In der Planungsausbildung selbst sollte der ÖPNV im ländlichen Raum ein wichtiges Thema sein. An beide Nutzergruppen richtet sich das vorliegende Buch.

Die Arbeit „Planung des ÖPNV in ländlichen Räumen“ dokumentiert für beide Bereiche gut verständlich und nachvollziehbar das Thema flexibler Bedienformen für den ländlichen Raum (andere Bedienformen werden jedoch nicht betrachtet, z.B. der SPNV im ländlichen Raum). Das Buch kann als Leitfaden für die Realisierung flexibler Bedienweisen im ländlichen Raum dienen. Schwachpunkte sind allerdings die sich in den Bereichen Zielsystem, Bestandsaufnahme, Konzeption und Wirkungskontrolle unterscheidenden Begriffe und Systematiken. Bei einem Einsatz in der Lehre sollten die Studierenden auf die nicht immer einheitliche Begriffsverwendung und Gliederungssystematik sowie die inzwischen nicht mehr aktuellen Ausführungen zum Planungsprozess hingewiesen werden.

Die Arbeit befasst sich dabei allerdings nicht mit planerischen bzw. politischen Verfahrensfragen, mit der Wettbewerbsproblematik oder mit relevanten Aspekten des Personenbeförderungsrechts, sondern vertieft die verkehrstechnischen Planungsfragen. Es muss daher in Praxis und Lehre durch andere Quellen ergänzt werden. Als Überblick über flexible Bedienweisen und für die ingenieurtechnische Konkretisierung dieses Angebots ist das Buch jedoch eine hervorragende Grundlage, die bisher gefehlt hat. Der passende Titel wäre dann allerdings: „Konzeption flexibler Bedienformen für den ÖPNV im ländlichen Raum“. Hoffentlich wird es entsprechend gelesen und dafür genutzt.

Christian Holz-Rau, Florian Krummheuer (Dortmund)

Hartmut Häußermann, Dieter Läpple, Walter Siebei Stadtpolitik Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008 (405 S.)

Mit dem Band „Stadtpolitik“ verfolgen die Autoren drei zentrale Ziele: einen Abriss der Geschichte der Stadtentwicklung seit Beginn der Industrialisierung, eine Darstellung des Wandels von Stadtpolitik seit dieser Zeit mit besonderem Gewicht auf gegenwärtigen, aktuellen Problemen, und schließlich eine Entfaltung des begrifflichen Instrumentariums zur Analyse von Stadtentwicklung und Stadtpolitik (S. 21). Als zentral gilt die Frage, welche Steuerungsmöglichkeiten Stadtgesellschaften in der Vergangenheit hatten und gegenwärtig haben. Begrifflich orientiert sich der Band an der europäischen, empirisch an der deutschen Stadt. Diese Zielsetzungen machen klar, dass ein Grundlagenband beabsichtigt ist, ein umfassender Überblick über die Geschichte der Stadtpolitik und ihrer wissenschaftlichen Analyse.

Die Autoren konstatieren gegenwärtig eine schwere Krise der europäischen Stadt mit der Gefahr einer Rückentwicklung zu Bedingungen des 19. Jahrhunderts, also zur extremen sozialen Polarisierung und Desintegration der Stadtgesellschaft. Diese Krise wird nach der Diktion der Autoren durch den Übergang von der fordistischen oder modernen zur postfordistischen oder postmodernen Stadt ausgelöst. Fordistische Stadtentwicklung, also die der sog. Hochindustrialisierung vom Ende des 19. bis zum zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts, ist den historischen Ausführungen zufolge von sozialstaatlicher Stützung der Stadt, von Wirtschafts-und Einwohnerwachstum der Städte, von sozialstaatlich gestützter Integration, von technischen Optimierungen aller Versorgungs- und Verkehrssysteme, von staatlich gesicherten Steuerungsinstrumenten mit relativ klaren Akteurskonstellationen und insgesamt von einer Orientierung an einem bestimmbaren öffentlichen Interesse oder Allgemeinwohl, also von der Anerkennung eines übergreifenden Fortschrittsbegriff und universalistischer Werte geprägt, wie sie in den Bürgerrechten zum Ausdruck kommen. Dem stehen in dieser Phase der Stadtentwicklung allerdings auch deutliche Tendenzen einer Abkehr von der Stadt durch Suburbanisierung und einer Stadtzerstörung durch die Perfektionierung der technischen Systeme und das Größenwachstum von Dienstleistungs- und Produktionsanlagen gegenüber, so dass sich auch für diese Zeit der Stadtentwicklung und Stadtpolitik Ambivalenzen ergeben.

Die Phase postfordistischer Stadtentwicklung, die sich gegenwärtig durchzusetzen beginnt, sei demgegenüber bestimmt von Gegensätzen und Polarisierungen zwischen und innerhalb von Städten (z. B. Stadtwachstum vs. Stadtschrumpfung, Modernisierungsgewinner vs. Modernisierungsverlierer bzw. Wohlstands- vs. Ar-mutsbevölkerung), vom Wirkungsverlust staatlicher Steuerungsinstrumente und einer Tendenz zu einer unüberschaubaren Vielzahl von Akteuren, von einer Privatisierung der Stadt, vom Verlust eines allgemein geteilten Fortschrittsbegriffs und einer entsprechenden Vorstellung von öffentlichem Interesse oder Allgemeinwohl, von einer Kulturalisierung der Stadtpolitik und der damit unausweichlichen Abwendung von universalistischen Normen als Grundlage von Stadtpolitik. Dem stehen allerdings nach Auffassung der Autoren auch Ansätze zur Rekonstruktion urbaner Raumformen und Lebensweisen gegenüber, die an die Tradition der europäischen Stadt anzuknüpfen scheinen, so dass sich auch postfordistische Stadtentwicklung und Stadtpolitik als ambivalent erweist. Es könnten sich Raum- und Lebensformen der europäischen Stadt rekonstruieren, ohne dass deren Funktionen - z. B. der einer „Integrationsmaschine“ - erhalten würden. Neue Lebensstile der Dienstleistungseliten könnten eine Aufwertung urbaner Lebensweisen bewirken, ohne aber „Bürgerschaftlichkeit“ im Sinne einer Verantwortung „für das Ganze“ zu entwickeln.

Vor allem in den beiden Abschlusskapiteln, in denen die Autoren zum einen eine Theorie der Stadtpolitik, zum anderen eine „Renaissance der Städte“ skizzieren, werden diese Ambivalenzen der postfordistischen Stadtentwicklung und Stadtpolitik entfaltet.

Als Ausgangspunkt einer Theorie der Stadtentwicklung konstatieren die Verfasser, dass nicht mehr die klassischen Fragestellungen, wer mit Hilfe welcher Institutionen welche Interessen durchsetzt, also nicht mehr die Fragen traditioneller Machttheorien die Analyse von Stadtpolitik dominieren können. Angesichts der Fragmentierung der Stadt, zu der auch die Fragmentierung der Akteursebene gehöre, stelle sich vielmehr die Frage, wie denn angesichts von Kleinteiligkeit, Heterogenität und Unübersichtlichkeit überhaupt Handlungs- und Steuerungsfähigkeit auf kommunaler und lokaler Ebene zustande komme. Dies sei eine neue Sichtweise auf die Theorie der Stadtpolitik, die postfordistischen Fragmentierungsbedingungen entspreche und im Gegensatz zu Governmentkonzepten mit dem Stichwort der Governance zu bezeichnen sei. Zur Erfassung der Ziel- oder Leistungsebene von Stadtpolitik sei, wenn auch mit deutlichen Modifikationen, das Regimekonzept brauchbar, nach dem sich zwar auch für die deutschen Städte Wachstums- und Integrationsregime unterscheiden ließen, allerdings mit erheblichen Einschränkungen. Auch Städte, die dem Wachstumsregime nahestehen und sich daher selbst als „Unternehmen“ bezeichnen, tragen solche Bilder eher als Image nach außen, verfolgen nach innen aber dennoch auch sozialplanerische Ausgleichskonzepte, die sie in die Nähe eines Integrationsregimes rücken, während auch Städte, die sich dem Integrationsregime verpflichtet fühlen, unausweichlich auch Wachstumsstrategien verfolgen müssen. Trotz dieser Einschränkungen werden die innovativen theoretischen Leistungen, die mit dem Regimekonzept verbunden sind, auch für die Analyse deutscher Stadtpolitik anerkannt.

Eine ähnliche Ambivalenz konstatieren die Verfasser für das Modell oder „Leitbild“ der europäischen Stadt. Zwar seien die Tendenzen zur Rekonstruktion der verdichteten Stadt in klarer Unterscheidung vom Umland, z. B. durch Einwohnerrückgang oder aus der Entwicklung neuer Lebensstile nicht zu übersehen, dennoch bestünden aber auch Anzeichen für eine Fortsetzung und Verstärkung von Stadtperforation, besonders in den schrumpfenden Städten, durch die auch in Zukunft Raumformen der Suburbs in die Städte eindringen würden. Zudem sei mit einer Spreizung und Vertiefung von Segregation zu rechnen, die auch dann, wenn man die positiven Aspekte relativ homogener Stadtteile akzeptiert, dem integrativen Modell der europäischen Stadt nicht entsprechen.

Wie bei dem wissenschaftlichen Rang der drei Autoren nicht anders zu erwarten, liegt mit dem Band „Stadtpolitik“, der mit über 400 engst bedruckten Seiten das Maß eines kleinen Suhrkamp-Bändchens deutlich überschreitet, ein Werk vor, das höchsten Anforderungen an eine Einführung in die Analyse der Stadtpolitik, in ihre klassischen wie hoch aktuellen Fragestellungen, ihre analytischen Instrumentarien und Begrifflichkeiten genügt. Es wird ein umfassender Überblick über das Feld lokaler Politikforschung und Kommunalwissenschaft gegeben, wie er in dieser Dichte, Detailliertheit, konzeptionellen Geschlossenheit und Stringenz bislang nicht vorlag. Sowohl als Einführungswerk für Studierende als auch zur Vertiefung und als Überblick für Experten wird der Band für die kommenden Jahre seinen Platz haben und zur Pflichtlektüre werden. Aber gerade aus diesem Anspruch entstehen Unsicherheiten. Für Neulinge, also für Studierende, könnte der Band über lange Passagen eine Überforderung darstellen, während Ausführungen z. B. zur Stadtschrumpfung einem Fachpublikum ausgesprochen vertraut erscheinen dürften.

Ein ähnliches Problem stellt sich für die Praxis, an die sich der Band auch wendet. Bei allen Aussagen zur Zukunft der Stadt, z.B. im Sinne eines „Leitbilds“ der europäischen Stadt, werden völlig angemessen eher die Ambivalenzen zukünftiger Entwicklungen betont, vereinfachende Eindeutigkeiten zu Recht vermieden. Planungspraxis fragt aber nach Eindeutigkeit, nach Orientierung. Mit hohem Verantwortungsbewusstsein, aber auch hoher Frustrationswahrscheinlichkeit wird dieses Verlangen der Praxis nicht bedient. Vielleicht wäre es daher sogar sinnvoller gewesen, auf ein „Leitbild europäische Stadt“, das wie alle Leitbilder unterkomplex sein muss, ganz zu verzichten und statt dessen bei der Ablösung von Leitbildern durch abstrakte Prinzipien wie dem der Nachhaltigkeit zu bleiben, wie es sich in der Debatte um die „Zwischenstadt“ durchgesetzt hat.

Darüber hinaus verblüffen einige Lücken, So wird die in den 1980er und 1990er Jahren heftig diskutierte „Neue Urbanität“ als Reaktion auf Schrumpfung an keiner Stelle erwähnt. Weil sie sich nicht in erwartetem Maß entwickelt hat? Und ob es wirklich angemessen ist, nur von „Postfordismus“ oder „Postmoderne“ zu sprechen, die anspruchsvollen Konzepte einer „reflexiven Moderne“ aber gar nicht zu würdigen, bleibt ebenfalls fraglich.

Diese wenigen kritischen Anmerkungen können aber nicht daran zweifeln lassen, dass mit dem Band „Stadtpolitik“ ein Werk vorliegt, das auf längere Zeit zur Pflicht- und Standardlektüre für jede ernsthafte Beschäftigung mit Stadtentwicklung und Stadtpolitik werden wird.

Albrecht Göschel (Berlin)

Jens S. Dangschat und Alexander Hamedinger (Hrsg.) Lebensstile, soziale Lagen und Siedlungsstrukturen Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung 2007. = Forschungs- und Sitzungsberichte, Bd. 230 (247 S.)

Die sozialwissenschaftliche Forschung zur Stadtentwicklung hat mit der Erkenntnis begonnen, dass soziale Ungleichheit und kulturelle Differenz sich in der physischen Struktur der Städte widerspiegeln. Seit 1950, zwei goldene Jahrzehnte lang, schien die Bundesrepublik auf dem Weg in eine ökonomisch prosperierende, sozial gerechtere und kulturell integrierte Gesellschaft. Das ist vorbei. Wie in anderen entwickelten Gesellschaften nehmen kulturelle Differenz und soziale Ungleichheit auch in Westeuropa wieder zu. Dabei überlagern sich jeweils zwei Bewegungen: Hinsichtlich der sozialen Ungleichheit öffnet sich einmal die Schere zwischen Oben und Unten (Verteilungsgerechtigkeit), zum andern wächst die Distanz zwischen Drinnen und Draußen (Fragen gesellschaftlicher Teilhabe). Die kulturellen Differenzierungen werden einerseits durch den Import von sehr unterschiedlichen Fremdheiten im Zuge von Migrationsprozessen vermehrt, zum andern durch die Ausbildung heterogener Lebensstile innerhalb der endogenen Bevölkerung. Damit treten zu den klassischen sozialpolitischen Aufgaben der Städte neue und sehr differenzierte Probleme der Integration. Aus dieser Ausgangslage bezieht der hier zu besprechende Band seine Fragestellungen: Welche Formen von Ungleichheit und welche Lebensstile entwickeln sich und wie werden sie zu stadträumlichen Strukturen? Welche Folgen hat das und welche politischen Handlungsmöglichkeiten gibt es?

Der erste, theoretische Abschnitt dient der Klärung der zentralen Konzepte soziale Ungleichheit, Lebensstile und Raum. Dangschat und Hamedinger geben einen Überblick über neuere Konzepte der Sozialstrukturanalyse, deren Verräumlichung und Steuerung. Anschließend unterscheidet Dangschat sorgfältig die objektiven und subjektiven Dimensionen sozialer Ungleichheit anhand der Kategorien soziale Lage, Milieu und Lebensstil, referiert die sozialwissenschaftliche Debatte um den Raum und streift auch Fragen der politischen Bewertung von Segregation. Holzinger setzt sich in ihrem sehr lesbar geschriebenen Beitrag kritisch mit gängigen Thesen vom Verlust des Raums auseinander und entwickelt einen komplexen, prozesshaften und relationalen Raumbegriff. Der Hauptteil des Buchs ist entsprechend den beiden Polen der gegenwärtigen Sozialstrukturforschung empirischen Beiträgen zu neuer Armut und neuen Lebensstilen gewidmet: Die ersten drei Beiträge beschäftigen sich mit unterschiedlichen Integrationspotenzialen innerstädtischer, gemischter Quartiere und peripherer Großsiedlungen. Während Läpple und Walter Großsiedlungen einem überholten fordistischen Integrationsmodus zurechnen und das innerstädtische Quartier für integrationsfähiger unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen erklären, betont Kronauer, dass Quartierseffekte niemals unabhängig von der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung bestimmt werden können. Dasselbe Quartier könne selbst innerhalb einer von ökonomischer Ausgrenzung bedrohten Bevölkerung gänzlich unterschiedliche Wirkungen entfalten, je nachdem ob es sich um Familienhaushalte oder Singles handelt. Geiling treibt diese Argumentation weiter, indem er die enormen und integrationsrelevanten Milieuunterschiede innerhalb einer peripheren Großsiedlung nachzeichnet. In zwei Beiträgen wird die Relevanz von Lebensstilen für sozialräumliche Strukturen untersucht. Dabei weisen Sandtner und Schneider-Sliwa am Beispiel Basel nach, dass immer noch die Schichtzugehörigkeit, also vornehmlich ökonomische Faktoren über die Verteilung der Bevölkerung im Raum entscheiden; Lebensstile spielen erst in zweiter Linie eine Rolle. Einzig bei der Oberschicht, also jenen, die über die weitesten Optionen auf dem Wohnungsmarkt verfügen, dominieren Lebensstildifferenzen; die Oberschicht, nicht die Unterschicht lebt auch in den am schärfsten segregierten Quartieren. Spellerberg dagegen hat in einer bundesweiten Untersuchung einen stärkeren Einfluss von Haushaltstyp und Lebensstil als von Schichtzugehörigkeit auf Wohnbedürfnisse und Wohnstandortwahlen herausgefunden. Der Widerspruch erklärt sich aus den unterschiedlichen Gebietseinheiten, die beiden Untersuchungen zugrunde liegen. Schichtdifferenzen prägen die sozialräumlichen Unterschiede innerhalb der von Spellerberg verglichenen sehr großen Gebietseinheiten (Land, Kleinstadt, Umland…), weshalb sie diese gar nicht genau erfassen kann. Spellerberg empfiehlt denn auch, bei Studien zu sozialräumlichen Strukturen drei Faktorenbündel zu kombinieren: ökonomische Faktoren, Lebensphasen/Haushaltstypen und Lebensstile.

Schließlich umfasst der Band zwei Beiträge zu Handlungsmöglichkeiten der Stadtpolitik. Häußermann beschreibt die Konsequenzen einer Sanierungspolitik, die - aus Geldmangel - neuerdings über eine Stärkung der Mieterrechte die negativen sozialen Nebenfolgen baulicher Sanierung/Modernisierung zu mildern sucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Es ändern sich nur die Kriterien, nach denen die negativen Folgen verteilt werden: früher nach dem ökonomischen Kapital eines Sanierungsbetroffenen, heute nach Informiertheit und Verhandlungsgeschick, d.h. nach seinem kulturellen und sozialen Kapital. Damit werden Sanierungsfolgen individualisiert. Dangschat und Hamedinger fassen zunächst die Diskussionen des Arbeitskreises der ARL zusammen, aus dem heraus der Band entstanden ist, präzisieren noch einmal die theoretischen Ausgangspunkte und verweisen auf die Schwierigkeiten der Operationalisierung komplexerer Fragestellungen angesichts einer sehr lückenhaften Datenlage gerade bei Fragen der sozialräumlichen Entwicklung. Die Verfügbarkeit von Daten ist eben auch ein Reflex gesellschaftlicher Machtverhältnisse: Stadtpolitik hat einen sehr viel geringeren Stellenwert als Wirtschaftspolitik, und Daten zu Details der Nutztierhaltung interessieren anscheinend mehr als solche, die eine wachsende soziale Polarisierung der Gesellschaft genauer beschreiben könnten. Nach einer Tour ďHorizon durch aktuelle Schlagworte der Stadtentwicklung - neue Ungleichheit, Mischung (funktional und sozial), Renaissance der Innenstadt durch die Kreativen - werden Ansätze zur Steuerung der Zusammenhänge von sozialer Lage, Siedlungsform und Lebensstil diskutiert: Belegungspolitik, Mischung städtischer Funktionen, Gestaltung öffentlicher Räume, zielgruppenspezifische Beteiligungsangebote, Social Sponsoring und andere Formen zivilgesellschaftlichen Engagements.

Der besprochene Band fasst die Ergebnisse des Arbeitskreises „Lebensstile, soziale Lagen und Siedlungsstrukturen“ der ARL zusammen. Es gibt wohl wenige Instrumente, die wie solche Arbeitskreise geeignet wären, das Wissen verschiedener Disziplinen auf hohem wissenschaftlichen Reflexionsniveau zusammenzufassen, Forschungsbedarfe zu benennen und obendrein handlungsorientierte Schlussfolgerungen zu formulieren. Einzelne Beiträge, beispielsweise den von Heiko Geiling, möchte man jedem Mitstreiter des Programms Soziale Stadt als Pflichtlektüre aufgeben. Aber Geilings Beitrag macht auch deutlich, wie hoch der Überschuss sozialwissenschaftlicher Erkenntnis über die Handlungsmöglichkeiten der Stadtpolitik hinaus ist. So liegt der Ertrag des Bandes für Praktiker - als wichtigen aber beileibe nicht einzigen Adressaten solcher Arbeiten - auch darin, sich der Grenzen ihrer Steuerungsmöglichkeiten und dementsprechend der Unvermeidbarkeit von unbeabsichtigten Nebenfolgen bewusster zu werden.

Walter Siebel (Oldenburg)

Adrijana Car, Gerald Griesebner und Josef Strobl (Eds.) Geospatial Crossroads @ GI-Forum. Proceedings of the First Geoinformatics Forum Salzburg Heidelberg: Herbert Wichmann Verlag, Hüthig GmbH & Co. KG 2007 (208 S., 27 Tab., 99 Abb.)

Parallel zu der AGIT 2007 (Symposium und Fachmesse für Angewandte Geoinformatik), fand zum ersten Mal das „Geoinformatics Forum Salzburg“ (GI_Forum) statt. Vom 3. bis zum 6. Juli 2007 konnte sich dort ein breites englischsprachiges Fachpublikum aus Forschung, Verwaltung und Wirtschaft zum Thema Geoinformatik austauschen. Daraus ist der vorliegende englischsprachige Tagungsband mit Beiträgen zu Themen wie Location-Based Services, Geodäsie, Fernerkundung, Bildverarbeitung, dynamische Modellierung, Simulation, Geodaten-Infrastruktur, Open Source, Visualisierung sowie kartographische Kommunikation entstanden.

Die 22 Beiträge des Bandes sind inhaltlich sehr heterogen, lassen sich jedoch treffend unter dem Begriff „Geoinformatik“ zusammenfassen:

Im ersten Beitrag werden Gründe für das langsame Wachsen des Marktes für Location-Based Services aufgeführt. Die immer noch unzureichende Genauigkeit der Positionsbestimmung ist dabei das größte Hemmnis. Die Integration von hybriden Verfahren zur Bestimmung der Position des Systems ist ein Lösungsansatz. Der zweite Beitrag beschreibt die räumliche Modellierung von Geodaten aus lokalen Messstationen. Dazu wird der Ansatz des Informationstransfers näher erläutert. Noch einmal werden in einem weiteren Beitrag die Location-Based Services thematisiert. Ein Prototyp erlaubt es dem Nutzer, Entscheidungsprozesse, wie zum Beispiel die Suche nach einem passenden Hotel, aktiv nach seinen Vorlieben zu beeinflussen. Im vierten Aufsatz wird aus Sicht der Lehre ein neues theoretisches Konzept zu den Komponenten und Funktionen eines Geo-Informationssystems (Gl-Systems) vorgestellt. Zwei weitere Erfahrungsberichte mit Themen zur Modellierung der Lärmausbreitung anhand von verschiedenen Geodatensätzen sowie der automatisierten Platzierung von Labels in ArcGIS und Autodesk Map folgen. Der siebte Beitrag behandelt das Problem der widersprüchlichen Datenlage in Gl-Systemen, wie es zum Beispiel in Polen der Fall ist, wo aus geschichtlichen Gründen die Datenlage im digitalen Grundbuch nicht den real abgeschlossenen Pachtverträgen in landwirtschaftlich geprägten Gebieten entspricht. Im achten Beitrag wird eine Methode zur Quantifizierung der Artenvielfalt im deutschen Wattenmeer beschrieben, wofür wird ein hyperspektrales Fernerkundungssystem verwendet wird. Um die Erstellung eines Leitfadens zur Visualisierung räumlich-dynamischer Prozesse geht es im neunten Beitrag. Im zehnten wird die Idee aufgegriffen, Elemente des Web 2.0 auf GI-Systeme zu übertragen. Ein GI-System wird dann als Forum für eine breite Öffentlichkeit verstanden, in denen räumliche Informationen auch mit ungenauer Verortung ausgetauscht werden können. Der elfte Beitrag beschäftigt sich mit dem Projekt HABITALP (Alpine Habitat Diversity). Es handelt sich dabei um die Entwicklung eines Monitoring-Systems zur Beobachtung alpiner Schutzgebiete. Mit Bezug auf die EU-Richtlinie zur Luftreinhaltung wird im zwölften Beitrag auf die Aktivitäten in Nordrhein-Westfalen eingegangen und ein Web Service, bestehend aus einem Online-Formular und einem Web Mapping Service (WMS), vorgestellt. Damit können gemessene Partikelwerte der Luft online erhoben und visualisiert werden. Der dann folgende Beitrag zeigt die Vorteile eines kombinierten Photogrammetrie- und CAD-Systems auf. Die dazu erforderliche Schnittstelle wurde in der im CAD-System befindlichen Programmierumgebung und damit verbundenen Programmiersprache VBA (Visual Basic for Application) realisiert. Digitalisierte Merkmale aus einem dreidimensionalen photogrammetrischen Model können so direkt und automatisiert in ein GI-System integriert werden. Eine alternative Methode zur Gewinnung eines digitalen Geländemodells (DGM) stellt der vierzehnte Beitrag vor. Das Verfahren ist für kleine Untersuchungsgebiete in Ländern mit unzureichender Datenlage konzipiert, wie das zum Beispiel in Entwicklungsländern der Fall ist. Aus hochauflösenden digitalen terrestrischen Fotos wird mit Hilfe eines Stereo-Matching-Verfahrens ein DGM (Digitales Geländemodell) mit 2-m-Genauigkeit generiert. Es folgt ein Aufsatz über den Aufbau der Geodaten-Infrastruktur in Kambodscha und die damit einhergehenden Herausforderungen zwischen Verwaltung und Technik. Noch einmal wird in einem weiteren Beitrag die Umsetzung der EU-Richtlinie über die Luftreinhaltung thematisiert. Es werden Luftreinhalte- und Aktionspläne auf Basis von GI-Systemen in städtischen Gebieten vorgestellt. Dabei liegt der Schwerpunkt der Untersuchungen auf dem Monitoring der Luftqualität an Straßenzügen innerhalb der Stadt Berlin und in Städten Sachsen-Anhalts. Im siebzehnten Beitrag werden Standardwerkzeuge zur Ableitung von DGM aus Karten mit Höhenlinien untersucht. Dabei stellen die Autoren fest, dass die verfügbaren Werkzeuge in heutigen kommerziellen GI-Systemen Oberflächenmodelle aus Höhenlinien nur mit störender terrassenförmiger Struktur erzeugen können. Daraufhin wird ein ArcObjects-Skript vorgestellt, das durch geschickte Wahl der Stützpunkte ein TIN-Modell ohne Terrasseneffekte erzeugen kann. Mit der Semantik beschäftigt sich der nächste Beitrag. Eine automatisch erzeugte semantische Vereinheitlichung von räumlich ähnlichen Entitäten (beispielsweise Klassennamen von Straßennetzen in Großbritannien und der Stadt New York) wird mit denen von Menschen gebildeten semantischen Klassen verglichen - mit sehr ähnlichen Ergebnisen. Das Hintergrundwissen der Versuchspersonen konnte somit erfolgreich in den automatisierten Interpreter implementiert werden. Im neunzehnten Beitrag wird ein GI-System zur Unterstützung der Standortwahl von Schulen in Estland vorgestellt. Es folgen zwei weitere Aufsätze, in denen die Vorteile kombinierter Fernerkundungs- und GI-Systeme aufgezeigt werden. Das Monitoring des Zersiedelungsgrads in Indien oder die Aktualisierung bzw. Kontrolle des städtischen Katasters in Krakau können so besser umgesetzt werden. Auf Grundlage der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) wird im letzten Beitrag auf die Chancen und Schwierigkeiten mit verteilten Geodaten eingegangen. In einem Web Mapping Service auf Grundlage des ArcIMS wird demonstriert, wie die Richtlinie durch Zusammenführung der Geodaten effizienter umgesetzt werden kann.

Die in dem englischsprachigen Tagungsband behandelten Themen beschreiben in ihrer ungeheuren Vielfalt hochaktuelle Probleme der Geoinformatik. Gemäß dem Leitgedanken der AGIT richten sich die Tagungsbeiträge an anwendungsorientierte Geoinformatiker aus aller Welt. Alle Thematiken sind wissenschaftlich fundiert und auch gut verständlich wiedergegeben. Da die Themenfelder sehr speziell sind, ist das Buch für Nichtgeoinformatiker oder -Gl-Systemspezialisten eher ungeeignet. Eine sinngemäße Gruppierung der immerhin 22 Beiträge gibt es leider nicht. Mit Hilfe der ausführlichen Literaturangaben am Ende eines jeden Beitrags können interessierte Leser die hier angesprochenen Themen noch vertiefen. Die durchgängig schwarz-weißen Abbildungen sind meist in einer sehr guten Qualität und erleichtern das Verständnis der komplexen Sachverhalte. Ein Autorenverzeichnis am Ende des Tagungsbands macht es dem interessierten Leser möglich, sich mit dem jeweiligen Autor in Verbindung zu setzen.

Marcus Dora (Bonn)

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