1. bookVolumen 72 (2014): Edición 1 (February 2014)
Detalles de la revista
License
Formato
Revista
eISSN
1869-4179
Primera edición
30 Jan 1936
Calendario de la edición
6 veces al año
Idiomas
Alemán, Inglés
Acceso abierto

The Argumentative Turn Revisited. Public Policy as Communicative Practice

Publicado en línea: 28 Feb 2014
Volumen & Edición: Volumen 72 (2014) - Edición 1 (February 2014)
Páginas: 75 - 77
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Revista
eISSN
1869-4179
Primera edición
30 Jan 1936
Calendario de la edición
6 veces al año
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Alemán, Inglés

Fischer, Frank; Gottweis, Herbert (2012): The Argumentative Turn Revisited. Public Policy as Communicative Practice

Durham: Duke University Press. 392 S.

Mit der zunehmenden Krise technokratischer Planung in den 1970er Jahren widmeten sich zahlreiche planungswissenschaftliche Ansätze in den 1980er und 1990er Jahren einer stärkeren Partizipation unterschiedlicher Akteure in Planungsprozessen. Das Ziel lag in einer höheren Akzeptanz und damit Legitimation planerischer Entscheidungen sowie der Vermeidung von Konflikten um die räumliche Entwicklung, sichergestellt durch demokratische Entscheidungsfindungen. Während sich in Europa der Begriff des „communicative turn“ (dem in den Gesellschaftswissenschaften vielbeachteten „linguistic turn“ folgend) etablierte, waren die Diskussionen im angloamerikanischen Raum weitgehend durch die Bezeichnung „argumentative turn“ gekennzeichnet. Mit „The Argumentative Turn in Policy Analysis and Planning“ von Frank Fischer und John Forester erschien im Jahr 1993 dann auch ein vielbeachteter Sammelband zu diesem Thema, welcher insbesondere planungswissenschaftliche Diskussionen nach wie vor prägt. Seitdem sind inzwischen 20 Jahre vergangen und die damals richtungsweisende Neuorientierung wurde in zahlreichen Forschungsansätzen sowohl theoretisch als auch praktisch weiterentwickelt sowie durch empirische Arbeiten reflektiert und angepasst. Was ist also geblieben vom argumentative turn? Dieser Frage widmen sich Frank Fischer und Herbert Gottweis in ihrem aktuellen Sammelband „The Argumentative Turn Revisited: Public Policy as Communicative Practice“ und wagen bereits in der Einleitung eine Antwort: Der Ansatz sei aktueller denn je, denn die als zunehmend komplex und unsicher wahrgenommene (Um-) Welt mache konstruktivistische Politikanalysen und Planungsansätze dringend nötig. Mit der theoriegeleiteten Analyse verbinden die Autoren also gleichsam die Aufforderung an ein Programm progressiver Prozessgestaltung in Politik und Planung.

Das Buch gliedert sich in fünf inhaltlich fokussierte Teile, die neben der Einleitung insgesamt elf Kapitel verschiedener Autoren enthalten. Im ersten Teil konzentrieren sich John Dryzek und Patsy Healey auf die Akteure in argumentativen Auseinandersetzungen. Wenn Arenen des gegenseitigen Austausches geschaffen werden, sei es wichtig, deliberative Praktiken zu definieren und zu verorten: Strukturen und Regeln, Teilnehmer und Rollen sowie Autoritäten und Legitimationen. Da es sich bei kollaborativer Planung laut Healey nicht um einen technischen Werkzeugkasten handele, sondern um eine Geisteshaltung im ethischen Sinne stehen Fragen des „Wer nimmt teil?“ und „Was wird verhandelt?“ im Vordergrund. Hier sind Beziehungen wichtiger als Rationalität im positivistischen Sinne. Es gelte mithin, die Mehrdimensionalität des Sozialen zu fokussieren, um eine konstruktive Entwicklung kaum prognostizierbarer Themen und Prozesse zu gewährleisten.

Der zweite Teil des Buches richtet den Blick auf die institutionellen Settings des Austausches. Vivien Schmidt schlägt eine den Bereich des Neo-Institutionalismus ergänzende Denkrichtung vor, welche sie als „diskursiven Institutionalismus“ (S. 85) bezeichnet. Die Besonderheit dieses Ansatzes zeigt sich darin, dass er auf die Bedeutungskontexte, die den jeweiligen (nationalen) Kommunikationslogiken folgen, fokussiert. Bedeutung sei eine Institution, die den Akteuren eigen sei. Sie seien diejenigen, die Bedeutungen konstruierten und reproduzierten, sie nach außen kommunikativ und kritisch darstellten und sie ebenso verändern könnten. Mary Hawkesworth zeigt anschließend am Beispiel des Entwicklungsdiskurses die Bedeutungsproduktion innerhalb gesellschaftlicher „Rahmungen“. Diese seien als Perspektiven der Gegenstandsbetrachtung zu verstehen, sie können vielfältig und unterschiedlich sein, sollten aber in einer diskursiv verstandenen Politik ständig aufgebrochen und neu verhandelt werden.

Die Autoren des dritten Teils wenden sich den Medien von Argumentations- und Kommunikationsprozessen zu. So erörtert Stephen Coleman das Internet als Medium bzw. Träger politischer Meinungsbildungsprozesse. Dabei schlussfolgert er, dass das Internet zwar revolutionäre Veränderungen ermögliche, allerdings handele es sich unter Umständen nur um ein ,neues‘ Medium, dessen es sich durch politische Akteure lediglich zu bemächtigen gelte. Die Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets könnten aber auch einen gewissen Anpassungsdruck auf die Institutionen und Prozesse repräsentativer Demokratien ausüben. Letztlich sei die reine Existenz des Internets noch keine Garantie für die Ermächtigung marginalisierter Stimmen im Diskurs, denn auch hier wirkten wie in anderen (Offline-)Netzwerken sozialkonstruktive Prozesse von Ermöglichung und Ausschluss. Sehr viel praktischer orientiert ist der Beitrag von Leonie Sandercock und Giovanni Attili, die den Film als multimediales Trägermedium zur Kreation eines polyphonen Narrativs vorstellen und in ihm gleichzeitig ein Forschungswerkzeug sehen, um gesellschaftliche Wirklichkeiten zu interpretieren. Am Beispiel einer eigenen Filmproduktion im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Analyse der Immigrationspolitik Kanadas kommen sie zu dem Schluss, dass der Film als Werkzeug des storytellings sehr machtvoll bzw. wirkmächtig sei und es vor allem in der Hand des ,Erzählers‘ bzw. ,Filmproduzenten‘ liege, welche Schwerpunkte gesetzt und welche Ausschnitte als Grundlage der Wirklichkeitsanalyse gewählt würden.

Nach den Medien als Träger der Argumentation betrachtet der vierte Teil deutlich stärker deren Formen. Da es in politischen Auseinandersetzungen auch immer darum gehe zu überzeugen, um Entscheidungen zu beeinflussen und zu treffen, sollte laut Herbert Gottweis das Mittel der Rhetorik insgesamt mehr in den Untersuchungsfokus rücken. Er erkennt ausdrücklich Emotionen und Mentalitäten unterschiedlicher Akteure in den politischen Verhandlungsarenen an. Folglich sei über die klassische Diskursethik nach Habermas hinauszugehen und die aristotelische Kategorisierung der Rhetorik-Elemente nach Logos (Fakten und Wahrheiten), Ethos (Charakter des Sprechers) und Pathos (gedankliche Rahmung) um Diskurs (Bedeutungskonzeption und Wissensgenerierung), Geschichte (Genealogie des Wissens) und Szenographie (Materialitäten und Praktiken im Zusammenhang mit der Kommunikation) zu erweitern. Stärker an der klassischen Zeichentheorie nach Emile Durkheim und Ferdinand de Saussure orientiert sind die anschließenden Ausführungen Sanford Schrams zur Semiotik. Als Tiefenanalyse verstanden und praktiziert, lasse sie über die Betrachtung der kommunikativen Erzählungen und deren Rahmungen darunter liegende Diskurse und Identitäten erkennbar werden, was das explizite Ziel sei. Darauf aufbauend ließen sich alternative Diskurse entwickeln, die dominante Setzungen in ihren Grundlagen erschütterten und progressiv-inkludierende Entwicklungen ermöglichten.

In den drei Beiträgen des fünften und damit letzten Teils des Sammelbandes stehen schließlich kommunikative Logiken auf der Grundlage von Diskursen im Vordergrund. Hubertus Buchstein und Dirk Jörke beginnen damit, die für den argumentative turn grundlegenden und richtungsweisenden Arbeiten Jürgen Habermas‘ und Michel Foucaults rückblickend zu vergleichen und die gegenseitigen Kritikpunkte zusammenzufassen. Durch die jeweilige Genese ihrer Theorien, so die Autoren, näherten sich Foucault und Habermas in der Spätphase ihres Schaffens in Bezug auf Praktiken einer deliberativen Demokratie stark an. Zumindest seien deutliche Gemeinsamkeiten bezüglich ihres handlungsleitenden Denkens und ihrer theorieleitenden Axiome erkennbar. Im Anschluss daran stellen David Howarth und Steven Griggs eine Methode für poststrukturalistische Politikanalysen vor, ohne den Diskurs nach eigener Aussage lediglich als eine weitere Untersuchungsvariable im Forschungsdesign zu behandeln. Der Ausgangspunkt ihres Ansatzes ist Antonio Gramscis Hegemonietheorie, welche durch Ernesto Laclau und Chantal Mouffe auf den Bereich der Politikwissenschaften übertragen wurde. Mithilfe dieser ließe sich gut erklären, wie politische Programme und Agenden entstünden, sich stabilisierten und schließlich verworfen würden. Im Ergebnis stellen Howarth und Griggs fest, dass Politik immer ein vor allem kritischer Prozess sein müsse. Kritik solle aber hierbei nicht als negative Ablehnung verstanden werden, sondern im Sinne der kritischen Diskursanalyse als positive Basis, um Alternativen zu vorherrschenden und dominanten Sichtweisen sowie Meinungen in radikal-demokratischen Aushandlungsprozessen zu erarbeiten. Nicht zuletzt sei gegenseitiges Lernen in Politik und Planung, so Frank Fischer und Alan Mandell im abschließenden Beitrag, stets ein transformativer Prozess, in dem auch Planer als Agenten des Wandels nicht extern sein dürften. Sämtliche Teilnehmer in den Arenen der Verhandlung sollten als Mitlernende verstanden werden. Es sei durch die angesprochenen Planer als „change agents“ sichergestellt, einen Möglichkeitsraum für unterschiedliche Deutungen und Meinungen zu schaffen, der die Grenzen des eigenen Wissens aufzeige und damit gegenseitiges, transformatives Lernen anrege. Planerische Ansätze um diese Verhandlungen zu gestalten böten sich durch das storytelling und die deliberative practices gemäß der Maxime: Lasst uns unsere Geschichte gemeinsam schreiben!

Sämtliche Autoren des vorliegenden Sammelbandes sind in der Ablehnung streng positivistischen Denkens vereint, gleichwohl zeigt sich die große Bandbreite von Perspektiven, die sich unter dem Dach des eher unscharfen Begriffs des Konstruktivismus versammeln. So ist in einigen Beiträgen eine ,Weiterentwicklung der Moderne‘ im kommunikativen Paradigma zu erkennen. Demgegenüber stehen explizit poststrukturalistische Ansätze von Politikanalyse und Planung nach Foucault und Laclau/Mouffe sowie vorrangig im angloamerikanischen Raum vorzufindende, stärker synthetische Diskussionen im Bereich der deliberative practices, discursive politics sowie des storytellings. Auffällig ist eine Fokussierung auf theoretische Betrachtungen der titelgebenden Thematik; es finden sich in dem Sammelband nur sehr wenige explizit empirische Arbeiten. Wenn, dann ergänzen diese eher beispielhaft die dargestellten Theorie- und Methodologie-Auseinandersetzungen. Damit bleiben viele Fragen zur konkreten methodischen Operationalisierung im Forschungsdesign offen und die Präskription intervenierender Handlungsanweisungen häufig auf der Meta-Ebene. Besonders hervorzuheben ist dagegen, dass neuere und interaktive Medien (Internet und Multimedia) als Träger von Kommunikation in mehreren Beiträgen thematisch aufgegriffen werden und damit einhergehend die erweiterten Möglichkeiten praktischer Prozessgestaltung bei der Verständigung, des gegenseitigen Lernens, Informierens und Argumentierens in politischen und planerischen Prozessen.

Das Buch lädt sowohl interessierte Neueinsteiger, die sich mit der (theoretischen) Bandbreite genannter Ansätze noch nicht näher beschäftigt haben, sowie in dem Thema bereits bewanderte Leser ein, sich kritisch mit den Ansätzen und Perspektiven des argumentative turn auseinanderzusetzen. „The Argumentative Turn Revisited“ ist darüber hinaus ebenfalls in Ergänzung zu parallelen Arbeiten im Bereich des storytelling (vgl. Sandercock 2003), der deliberative practices und diskursiver Planung (vgl. Fischer/Forester 1993), den Gerechtigkeits- und Feminismusansätzen (vgl. Rawls 1979; Butler 1990) oder der poststrukturalistischen Planung (vgl. Gunder/Hillier 2009) zu empfehlen. Mit dem Rückgriff auf die einleitende Frage danach, was geblieben ist vom argumentative turn bleibt festzustellen, dass es sich also tatsächlich um ein weiterhin sehr aktuelles Thema mit vielfältigen theoretischen und praktischen Facetten handelt. Ein großer Spielraum für Diskussionen und praktische Anregungen angesichts bestehender Herausforderungen an die räumliche Planung als politischen Prozess wird erkennbar und eröffnet die Arena für weitere Diskussionen um argumentative, kommunikative, kollaborative oder diskursive Planungsansätze.

Butler, J. (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York.ButlerJ.1990Gender Trouble. Feminism and the Subversion of IdentityNew YorkSearch in Google Scholar

Fischer, F.; Forester, J. (1993): The Argumentative Turn in Policy Analysis and Planning. Durham.FischerF.ForesterJ.1993The Argumentative Turn in Policy Analysis and PlanningDurham10.1215/9780822381815Search in Google Scholar

Gunder, M.; Hillier, J. (2009): Planning in ten words or less. A Lacanian entanglement with spatial planning. Farnham.GunderM.HillierJ.2009Planning in ten words or less. A Lacanian entanglement with spatial planningFarnhamSearch in Google Scholar

Rawls, J. (1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main.RawlsJ.1979Eine Theorie der GerechtigkeitFrankfurt am MainSearch in Google Scholar

Sandercock, L. (2003): Out of the closet. The importance of stories and storytelling in planning practice. In: Planning Theory and Practice 4(1), 11–28.SandercockL.2003Out of the closet. The importance of stories and storytelling in planning practice. In: Planning Theory and Practice411128Search in Google Scholar

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