1. bookVolumen 68 (2010): Edición 2 (April 2010)
Detalles de la revista
License
Formato
Revista
eISSN
1869-4179
Primera edición
30 Jan 1936
Calendario de la edición
6 veces al año
Idiomas
Alemán, Inglés
Acceso abierto

Das Wissen der Städte. Neue stadtregionale Entwicklungsdynamiken im Kontext von Wissen, Milieus und Governance

Publicado en línea: 30 Apr 2010
Volumen & Edición: Volumen 68 (2010) - Edición 2 (April 2010)
Páginas: 143 - 144
Detalles de la revista
License
Formato
Revista
eISSN
1869-4179
Primera edición
30 Jan 1936
Calendario de la edición
6 veces al año
Idiomas
Alemán, Inglés

Vor Jahrzehnten schon hat der amerikanische Soziologe Robert K. Merton in seinem Essay „Auf den Schultern von Riesen“ nachgezeichnet, welche Spuren dieses besondere Bild, seit der Antike bekannt, in der Wissenschaftsgeschichte hinterlassen hat. Er bot eine unterhaltsame, kluge Einsicht in die nicht weiter verwunderliche, jedoch selten transparente Tatsache, dass unser aller Wissen auf dem gesammelten Vorwissen zahlloser Vorgänger fußt. Nur dieses Vorwissen ermöglicht uns heute, von höherer Warte aus, mit einem geweiteten Blick auf die aktuellen Geschehnisse zu schauen.

Mit dem „Wissen der Städte“ muss es wohl auch so sein. Im europäischen und mediterranen Raum war dieses besondere Wissen immer wirksam, angefangen von den antiken Stadtstaaten und den mittelalterlichen (vor allem italienischen) Stadtrepubliken, seit Jahrhunderten mit enormer Ausstrahlung und mit dem Nebeneffekt der eigenen prosperierenden Entwicklung. Sie alle schufen kumulative Wissensbestände, mit deren Hilfe die europäischen Nationen lange Zeit eine überlegene Machtstellung aufbauen konnten.

Das hat sich drastisch gewandelt. Heute sitzen ganz andere Epigonen auf den „Schultern“ der Wissensproduzenten von früher, und manche „Riesen“ werden achtlos gemieden. Ein anderes Weltbild hat sich seit dem Ende des 20. Jahrhunderts durchgesetzt. In Zeiten neuer Technologien und globaler Restrukturierungen, in denen die Rede von der „Wissensgesellschaft“ die besondere Dominanz von Wissenskapital betont, muss dessen Natur und Bedeutung grundlegend neu gefasst werden.

Worin besteht das Neue an den heutigen Wissensdiskursen? Der hier vorgestellte Band bietet dazu einige Thesen. Sie liefern noch keine Antworten zur Frage nach der Zukunft europäischer Städte, sie fächern jedoch in reichhaltiger Weise das Feld der möglichen Konstellationen und Dynamiken auf. In Fortsetzung eines ersten Bandes von Ulf Matthiesen („Stadtregion und Wissen“, 2004) spannen die beiden Herausgeber in ihrer Einleitung einen weiten Bogen, um in einem zunächst unübersichtlichen Forschungsdickicht einige Gehhilfen an die Hand zu geben – nur bedingt mit klarer Sichtung, manches Mal wünschte man sich Ockhams Rasiermesser, damit der üppige Wildwuchs theoretischer bzw. begrifflicher Verwendungen vereinfacht würde.

Dieser Band versammelt Wissen über Wissen im Blick auf Wissende aus Forschung und Lehre, erst in zweiter Linie für strategisch Handelnde oder Raumplaner. Die gewählten Grundannahmen heben vor allem eine Koevolution von Wissen, Raum und Interaktion hervor. Die dichte (über Clusterbildung) praktizierte Wissensgenerierung samt einem so induzierten Wissensaustausch variiere mit den in Stadtregionen anzutreffenden räumlichen Konstellationen sowie mit der darin organisierbaren Wissenskommunikation in Form spezifischer Milieus und Netzwerke. Das Ziel wird darin gesehen, die „formenreichen strukturellen Kopplungen“ (S. 13) zwischen den drei Segmenten sowie ihre „koevolutive Logik“ (S. 14) genauer zu bestimmen. In vier Abschnitten mit 23 Beiträgen werden die Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojekts im Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner referiert, inklusive einiger externer Gastbeiträge, mit denen sich die Anschlussfähigkeit der IRS-Forschungen plausibel belegen lässt. Neben einführende Wissens-Konzepte („KnowledgeScapes“, „Knowledge Cities“, Wissensindustrien, Wissenskulturen, Wissensmilieus etc.) reihen sich zahlreiche empirische Fallstudien mit einem Schwerpunkt zur Bedeutung von Wissenschaftseinrichtungen. Im Schlussabschnitt werden Anwendungschancen von Governance-Ansätzen für die besonderen Wissensstrukturen geprüft.

Die räumliche Bedingtheit einer neuen Wissensordnung zu analysieren stellt in der Tat gegenüber den überwiegend raumblinden Konzepten der Wissens- und Kultursoziologie, auch der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, einen innovativen Forschungsaspekt dar. Der Blick auf die frühen Wissensproduktionen der Städte zeigt zwar: räumliche Dichte, soziale Nähe, enge Austauschprozesse und räumlich verknüpfte Anwendungsfelder galten seit jeher als relevante Strukturmerkmale. Als Provokation wirken sie heute allerdings dadurch, dass mit den rasanten Erfolgen der Informationstechnologien die These nahezuliegen schien, die räumlichen Merkmale seien hinfällig. Mehr und mehr wird in diesen Beiträgen deutlich: weit gefehlt.!

Der Rezensent möchte zwei Aspekte in Würdigung der umfassenden Explikationen, doch auch in weiterführender kritischer Absicht hervorheben. Zum einen verdient in sozialwissenschaftlicher Sicht das Verhältnis von Wissen und sozialer Ungleichheit eine besondere Aufmerksamkeit. Der Trend in den aktuellen Diskursen wirft vor allem ein Licht auf die wissensbasierten Produktivfaktoren, auf die Rolle der „kreativen Klasse“ (Florida), auf die Mechanismen der Wissensökonomien, auf die Leistungsfähigkeit von Universitäten, Fachhochschulen und Technologiezentren, auf die Vermittlungsfunktionen der Medien. Je mehr der Blick auf solche Formen des Expertenwissens fällt, desto schwieriger wird es, die Bedeutung des „tacit knowledge“ (Polanyi), der im Alltagswissen verankerten Erfahrungen, Deutungen, Benachteiligungen in die Analysen einzubeziehen. Dieses verdeckte Wissen und die „milieuspezifischen urbanen Praktiken“ (S. 22) lassen sich nur selektiv und sporadisch rekonstruieren, doch erst durch ihre Analyse – und sie wird kulturspezifisch variieren – werden auch Schieflagen erkennbar. Inwiefern ist Wissen als „kulturelles Kapital“ (Bourdieu) ungleich verteilt? Wie wird eine solche Ungleichverteilung (mit ungleichen Zugangschancen) von wem gerechtfertigt? Inwiefern verkörpert spezifisches Wissen eine Form symbolischer Herrschaft – mit der Folge, dass anderes Wissen sozial ignoriert oder soziale Kosten einseitig aufgebürdet werden? Die in diesem Band referierten Themen beleuchten teilweise diese soziale Seite des Wissensdiskurses – besonders lohnend die Beiträge von Breckner (im Kontext der Stadtentwicklung) und Koch (zu urbaner Interaktionsvielfalt) -, ohne freilich die Frage der Ungleichheit scharf zu stellen, vor allem unter weitgehender Ausklammerung der Entwicklung verschiedener Wissensökonomien (ein Verzicht, der der Forschungsorganisation im IRS geschuldet ist). Sie im Besonderen würden erhellen, wie weit sich die ausdifferenzierten Einzelwissensbereiche längst von den konkreten Milieus und Erfahrungen der Menschen entfernt haben. Zu allen diesen Fragen besteht daher weiterer Forschungsbedarf.

Zweiter Aspekt: Wer milieu- oder netzwerkspezifische Wissensressourcen einbezieht, wird auch einen anderen Ansatz zur Steuerung wissensbasierter Raumentwicklungen wählen. Die Frage nach Steuerung bzw. Governance kann sich insoweit nicht auf Expertenwissen beschränken, sondern bedarf unter dem Gesichtspunkt der „Vervielfältigung von Wissensquellen“ (S. 18) einer Erweiterung sowie einer darauf fußenden breiten stadtpolitischen Willensbildung (Willke spricht von „smart governance“, Matthiesen schlägt den Begriff „Wissensarena“ vor). Freilich: Wissensressourcen sind per se kein öffentliches Gut – ab welchem Punkt wird also deren Mobilisierung und Verwendung zu einer öffentlichen (staatlichen, kommunalen) Aufgabe? Das hätte man sich noch deutlicher herausgearbeitet gewünscht. Die Herausforderung besteht darin, milieuspezifisches Wissen zu mobilisieren, dadurch Innovationen anzuregen und gleichzeitig die nötigen Mechanismen der Entscheidungsfindung zu vereinbaren. Hier können zwei Konzepte weiterhelfen: zum einen die Idee einer „Meta-Governance“ (Jessop), die sich auf das explizite Abwägen der verwendeten Koordinierungsformen bezieht, sowie das Konzept der „Handlungsarenen“ (Ostrom), mit deren Hilfe die Formierung und die Filterung von Wissen analysiert werden können; beide Konzepte werden in dem sehr lesenswerten Beitrag von Heinelt vorgestellt.

Insgesamt lassen sich die behandelten Raumdimensionen in zwei wichtigen Punkten zusammenfassen: a) In räumlicher Dichte arrangierte Wissensressourcen und Wissensmobilisierungen bringen für die so organisierten Städte ein bedeutsames Entwicklungspotenzial hervor. b) Durch die Wissensdiskurse entstehen grundlegend veränderte Herausforderungen an wissensbasierte Steuerungen und stadtpolitische Strategien, sodass insoweit andere Modi der Stadt- und Raumentwicklungen ins Blickfeld rücken. Dies allein schon sind Gründe genug, um die Lektüre dieses Bandes zu empfehlen; daneben spricht hierfür eine Vielzahl von ergiebigen Einzelfallbeschreibungen.

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