1. bookVolumen 75 (2017): Heft 2 (April 2017)
Zeitschriftendaten
License
Format
Zeitschrift
eISSN
1869-4179
Erstveröffentlichung
30 Jan 1936
Erscheinungsweise
6 Hefte pro Jahr
Sprachen
Deutsch, Englisch
Uneingeschränkter Zugang

Landesplanung Mitteldeutschland. Spiel-Räume: Die Entstehung der wissenschaftlichen Raumordnung in Deutschland – das Dezentralisierungsparadigma, die Internationalisierung, der Planungsatlas und die demokratisch basierten Strukturen in den Schlüsseljahren 1925-1932

Online veröffentlicht: 30 Apr 2017
Volumen & Heft: Volumen 75 (2017) - Heft 2 (April 2017)
Seitenbereich: 197 - 200
Zeitschriftendaten
License
Format
Zeitschrift
eISSN
1869-4179
Erstveröffentlichung
30 Jan 1936
Erscheinungsweise
6 Hefte pro Jahr
Sprachen
Deutsch, Englisch

Kegler, Harald (2015): Landesplanung Mitteldeutschland. Spiel-Räume: Die Entstehung der wissenschaftlichen Raumordnung in Deutschland – das Dezentralisierungsparadigma, die Internationalisierung, der Planungsatlas und die demokratisch basierten Strukturen in den Schlüsseljahren 1925-1932

Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Arbeitsberichte der ARL, Heft 15. 276 Seiten

Auch wenn die Geschichte der deutschen Raumordnung noch nicht umfassend geschrieben worden ist, so werden ihre Anfänge allgemein auf die räumlichen Probleme eines unkoordinierten Siedlungswachstums und wachsender Ansprüche der Industrie in Stadträumen, deren planerische Zuständigkeiten zersplittert waren und keine über den jeweiligen lokalen Kirchturmhorizont hinausgehende Gesamtsicht hatten, zurückgeführt. Das Ruhrgebiet und der Großraum Berlin waren um 1900 solche Problemräume, die viel diskutiert wurden, deren Lösungen aber erst nach dem Ersten Weltkrieg in Angriff genommen wurden. Robert Schmidt, seine „Denkschrift betreffend Grundsätze zur Aufstellung eines General-Siedlungsplanes für den Regierungsbezirk Düsseldorf (rechtsrheinisch)“ und die darauf aufbauende Gründung des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk sind insofern „Magna Charta“ und organisatorischer Anfang zugleich. Das hundertjährige Jubiläum dieser Denkschrift war 2012 deshalb auch Anlass für eine Tagung (vgl. Kastorff-Viehmann/Utku/Regionalverband Ruhr 2014), nicht nur, um diese gebührend zu feiern, sondern auch um an die „Geburtsstunde“ (S. 189) von überlokaler Planung – und damit von Regional- und Raumplanung

Der Begriff „Raumordnung“ entstand erst später; vgl. Istel (2000).

– zu erinnern. Der Untertitel der Tagung „Von Robert Schmidt lernen?“ stellte die Frage nach den Anstößen, die von seinen gedanklichen Innovationen, die später auch eine institutionelle Absicherung fanden, ausgegangen waren. Und in der Tat, diese Anstöße fanden nicht nur in Deutschland, sondern auch international Resonanz. Sie waren wesentlich für die führende Stellung, die Deutschland (vor 1933) in diesem Praxis- und Wissenschaftsbereich hatte.

In dem zur Besprechung anstehenden Buch – es ist der erste Teil seiner Habilitationsschrift, der sich mit diesen Entwicklungen in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigt

Habilitation 2012 an der Bauhaus-Universität Weimar. Titel: „Spiel-Räume – demokratisch basierte Landesplanung in Mitteldeutschland zwischen 1923 und 1932 sowie 1990 und 2000: ein Beitrag zur Geschichte und Theorie strategischer, nicht-linearer Planung“. Der zweite Teil, der sich mit den Entwicklungen in den 1990er-Jahren, also nach der sogenannten Wende, beschäftigt, ist nicht Teil dieser zur Besprechung anstehenden Veröffentlichung der ARL. Der gesamte Text ist unter dem o. g. Titel in der Universitätsbibliothek der Bauhaus-Universität abrufbar.

– will Harald Kegler „die mitteldeutsche Landesplanung aus dem Schatten des weithin bekannten Ruhrsiedlungsverbandes, der zu Recht als Wegbereiter der Landesplanung gilt, heraustreten“ lassen (S. 1). Er will zeigen, dass es damals in Mitteldeutschland zu „einer spezifischen, anwendungsorientierten Wissenschaftlichkeit der überörtlichen Planung für einen dynamischen Wirtschaftsraum“ (S. 1) gekommen ist. Dies geschah zwischen 1922 und ihrer Gleichschaltung 1933. Er nennt diese Zeit die Schlüsseljahre, in denen sich die Landesplanung als ein neuer Ansatz, wenn auch noch nicht als eine eigene Disziplin herausschälte, bevor sie nach der Machtergreifung 1933 zunehmend in die ideologische Vorstellungswelt des Nationalsozialismus abdriftete und für dessen Ziele instrumentalisiert wurde. Denn: „Die heutige Landesplanung (Regionalplanung) hat ihre wissenschaftlichen, organisatorischen und wirtschaftspolitischen Wurzeln zu wesentlichen Teilen in Mitteldeutschland“ (S. 1). Das zu zeigen und zu belegen ist Ziel seines Buches. Aus der Perspektive seiner Arbeiten, er kennzeichnet sie selbst als die „eines praktizierenden und forschenden Stadtplaners mit reflektierenden Neigungen zum Historiker“ (S. 5), entfaltet er ein breit angelegtes Analysespektrum.

Für den Leser enthält dieses breite Panorama eine Fülle von Herleitungen, Verweisen und Exkursen, deren Vielfalt in der Darstellung von Querbezügen es nicht leicht macht, einen Hauptstrom herauszudestillieren. Aber vielleicht reflektiert diese Vielfalt, um nicht von einer chaotischen Fülle zu sprechen, auch nur die Dichte und Gedrängtheit, die sich in den von ihm so benannten Schlüsseljahren abspielten.

Das Buch beginnt mit der Darstellung der Entwicklung der Landesplanung aus den Problemen der Stadtentwicklung, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, insbesondere aber in Europa und in den USA, angestoßen durch das Wachstum der Städte, was es notwendig machte, über Stadterweiterungen nachzudenken. Dies wurde in den USA vor allem unter dem Begriff decentralization und der damit einhergehenden Zersiedelung (urban sprawl) gefasst und diskutiert. Insofern waren diese Überlegungen eingebunden in eine auch internationale Diskussion, denn die Fachleute waren grenzüberschreitend in einem gedanklichen und teilweise auch institutionell abgestützten Diskurs, der sich nicht zuletzt auf großen Ausstellungen fokussierte, z. B. 1923 in Göteborg (Gotenburg im Text). Die Frage, wie in den Städten und von den dafür Verantwortlichen mit den wachsenden Ansprüchen auf Raum, auf Erweiterung umzugehen war, war eine Problematik, die eben zu der Zeit, in den Schlüsseljahren, nicht nur Berlin und das Ruhrgebiet betraf und herausforderte, sondern eben auch das Geflecht von Städten in Mitteldeutschland um den preußischen Regierungsbezirk Merseburg.

Der Begriff Mitteldeutschland ist nicht nur ein Begriff, der nach 1945 als politischer genutzt wurde, um indirekt auf die nicht mehr zu Deutschland gehörenden Ostgebiete einen Anspruch zu erheben, sondern er umfasste eigentlich einen geographisch bestimmten Raum, zu dem zwischen den Weltkriegen sowohl verschiedene preußische Regierungsbezirke und Thüringen sowie Sachsen gehörten. Wobei neben dem Ruhrgebiet der mitteldeutsche Raum um Merseburg von Kegler als der zweite „räumlich-kognitive Pol“ der Landesplanung in den „1920er-Jahren“ bezeichnet wird (S. 71).

Hier fand sich, so Kegler, die wissenschaftliche Orientierung in einem institutionellen Zusammenhang, die nicht mehr einseitig oder linear dachte und dann eben auch ,plante‘, sondern entscheidende Weichenstellungen traf, um über die Stadtplanung hinauszugehen, um im größeren räumlichen Zusammenhang zu denken und zu planen. Es war seiner Meinung die „Geburtsstunde“ der Landesplanung. Ihr Ansatz war zudem nicht darauf beschränkt, das Vorhandene nur zu schützen, Stichwort Heimatschutz, sondern auch die weitere Entwicklung der Region, insbesondere in wirtschaftlicher, aber auch in siedlungsmäßiger Hinsicht voranzutreiben. So wurde bei der Schaffung von neuen „Nachbarschaften“ (S. 45) – als Folge nicht vermeidbarer Konsequenzen der Dezentralisierungstendenzen der Städte – eine gestaltete Entwicklung angestrebt, die ein unübersichtliches Auswuchern verhindern sollte. Eine Konstellation, die Kegler nicht ohne Berechtigung als „konservative Modernität“ bezeichnet (S. 109). Insofern wurde damit auch ein Abdriften in „Großstadtfeindschaft und Agrarromantik“, was damals en vogue war (vgl. Bergmann 1970), verhindert. Kegler bemerkt dazu, weil er diese Konzepte eingebaut sieht in eine sich entwickelnde Landesplanung, deren positive Gestaltung er damals in nuce bereits angelegt sieht, dass dies gewissermaßen eine Vorwegnahme der in den 1980er-Jahren konzipierten und postulierten dezentralen Konzentration gewesen sei. Insofern bettet er diese damaligen Konzepte und Überlegungen ein in seine planungsgeschichtliche Perspektive, wonach diese mitteldeutschen landesplanerischen Ansätze in einer Kontinuität der Entwicklung insgesamt von Landesplanung, Raumplanung und Raumordnung, um die unterschiedlichen, aber in einem Bezug stehenden Begriffe zu nennen, stehen.

Eine Kontinuität jedoch, die durch den ideologischen Missbrauch und die Einvernahme dieser planerischen und wissenschaftlichen Ansätze, die in Deutschland vor 1933 auf einem hohen Niveau waren, durch den Nationalsozialismus unterbrochen, auch inhaltlich völkisch pervertiert wurden. Sie waren eine ideologische Einvernahme und Indienststellung (vgl. insbesondere zur Raumordnung Weinreich 1947), die diese positiven Entwicklungen derart kontaminierten, dass es nach 1945 sehr lange Zeit brauchte, bis sie sich davon erholten, wenn überhaupt, beziehungsweise wieder an sie angeknüpft werden konnte.

Allerdings gab es eine Kontinuität, die Kegler mit seinen Recherchen dankenswerterweise leistet, nämlich die über Personen. Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit ist die detaillierte Nachverfolgung von Experten, die im Umfeld der Formation der Landesplanung in Mitteldeutschland tätig gewesen sind und nach 1945 in der einen oder anderen Form und Funktion weiter tätig waren. In ihren Lebensläufen spiegelt sich einerseits deren Vielfalt, aber andererseits auch die Kontinuität von planerischen Konzepten und Instrumenten.

Es waren Experten, wie zum Beispiel Martin Pfannschmidt, die nach 1933, in Deutschland bleibend, ins Lager des Nationalismus abdrifteten, wohl eher als Mitläufer denn als Täter, indem sie ihre Expertise an vielfältigen Stellen zur Verfügung stellten, auch Karriere machten, teilweise dann auch nicht mehr. Es gab auch einen anderen Lebensweg, den des Stephan Prager, der das Ende des Nationalsozialismus als Häftling in Theresienstadt überlebte und nach 1945 die Landesplanung in Nordrhein-Westfalen aufbaute. Und es gab Ernst Kanow, der als „Bauhäusler“ nach 1945 in der Territorialplanung der DDR, zuerst als verantwortlicher Planer, dann als Forscher an der Bauakademie in Ostberlin wirkte. Dies in der Vielfalt der Mitwirkung am Entstehen der Landesplanung in Deutschland vor 1933, dann in der NS-Zeit und nach 1945 in der Bundesrepublik und der DDR, nachgezeichnet zu haben, ist ein wichtiger Befund und Beitrag zur Geschichte der Landesplanung in dieser umfangreichen Studie Keglers.

Da er dies zudem belegen kann mit der Substanz der Konzepte und ausgearbeiteten Analysen und Plänen – und hier insbesondere des Planatlas (Plan 23) unter der Federführung von Martin Pfannschmidt von der Landesplanung des Regierungsbezirks Merseburg – zeigt sich einerseits die Kreativität und Weitsicht dieser Ansätze. Andererseits wird aber gleichermaßen auch deutlich, dass sie als Pläne keine Umsetzung fanden und als wissenschaftliche Materialien, wie sie Gustav Langen sammelte, keine wirklichen Nachwirkungen zeitigten, zumal sie im Laufe des Krieges durch dessen Einwirkungen verloren gingen und Langen offensichtlich zuvor bereits durch Konrad Meyer institutionell ,kaltgestellt‘ worden war. Es ist also insgesamt keine Entwicklung oder Geschichte ohne gravierende Brüche und es gibt mehr indirekte, denn direkte Kontinuitäten.

Insofern bleibt der Planatlas, der nach Kegler „als eine ,Geburtsurkunde‘ der modernen strategischen Planung auf stadtregionaler Ebene“ (S. 189) angesehen werden kann, letztendlich eine historische Dokumentation in diesem Band, auch wenn er seiner Meinung nach die planerischen „Spiel-Räume“ und „Grenzen formuliert“, die „als Prototyp für ein nicht-lineares Planungsverständnis gewertet werden“ können (S. 189). Nicht zuletzt deshalb ist der Plan auch als Kopie dem Buch angefügt, wobei es leichtfällt, die textlichen Teile zu lesen, nicht aber die kartographischen Abbildungen, die diesen Plan wesentlich ausmachen, weil sie kopiert wiedergegeben nur schwer zu erfassen sind. Deshalb wäre es ratsam gewesen, diesen Plan in einem getreuen Faksimile oder auf einer CD wieder zur Verfügung zu stellen.

Harald Kegler hat mit diesem Band, der, wie gesagt, nur ein Teil seiner Habilitationsschrift ist, den Versuch unternommen, einen wesentlichen Teil der Geschichte und Entwicklung der Landesplanung in Deutschland wieder ins Blickfeld zu rücken, ihm seinen gebührenden Stellenwert neben den anderen bisher dominanten Teilen, denen aus dem Umfeld des Ruhrgebiets, einzuräumen. Sein Argument ist, dass hier insbesondere auch analytisch wissenschaftliche Grundlagen gelegt wurden und nicht nur planerische Konzepte entwickelt wurden, die auch für heutige Planungsansätze, -analysen und -überlegungen relevant sein können, auch wenn sie nach der Machtergreifung 1933 alsbald an den Rand gedrängt wurden. Ihre Flexibilität, die er für ein „non-lineares Planungsverständnis“ (S. 189) auch heute für erforderlich hält, sieht er im damaligen Denken und Planen bereits angelegt. Die Versuche der Planer, im Rahmen des zur Verfügung stehenden Raumes nach Lösungen für Schutz und Entwicklung zu suchen und dies nicht durch eine völkisch ideologisch erobernde Raumnahme erreichen zu wollen, setzt sie von den planerischen Konzepten und Instrumenten des NS-Regimes ab, auch wenn sich einige ihrer Schöpfer später in deren Dienst stellten. Dies gilt es nicht nur zu würdigen, sondern als positives Erbe zu nutzen. Allerdings zeigt sich auch, dass diese Instrumentalisierung durch die Kontinuität von Experten über Zeiten, eben auch durchaus problematische, hinweg nicht verhindert werden konnte. Umso wichtiger ist es, die Potenziale, aber auch den möglichen Missbrauch aus Vergangenheit und Gegenwart darzustellen. Mit diesem Band hat Kegler dafür einen wichtigen Beitrag geleistet, auch wenn die Fülle von Ansprüchen, die er selbst theoretisch und praktisch an diesen Bereich in seinem Buch stellt, in der Fülle des Dargestellten den Leser fast überwältigt, aber eben auch anregt. Insofern ist dieser Band ein wichtiger Beitrag für die noch zu schreibende Geschichte der deutschen Landesplanung, Raumplanung und Raumordnung sowie Raumforschung, in der Aufarbeitung einer guten Tradition, aber auch einer sehr problematischen Vergangenheit, die wegen der Kontinuität des Wirkens von durchaus nicht positiv, wenn nicht gar fatal einzuschätzenden Persönlichkeiten bisher nur ungenügend geleistet worden ist – von einer organisatorischen Bewältigung ganz zu schweigen. Andere Organisationen oder Institutionen sind hier inzwischen weiter.

Bergmann, K. (1970): Agrarromantik und Großstadtfeindschaft. Meisenheim am Glan.BergmannK.1970Agrarromantik und GroßstadtfeindschaftMeisenheim am GlanSearch in Google Scholar

Istel, W. (2000): 75 Jahre „Raumordnung“. Zur Genealogie und Inhaltswandel eines modernen Begriffes. München (als Manuskript vervielfältigt).IstelW.200075 Jahre „Raumordnung“. Zur Genealogie und Inhaltswandel eines modernen BegriffesMünche(al. Manuskrip. vervielfältigt)Search in Google Scholar

Kastorff-Viehmann, R.; Utku, Y.; Regionalverband Ruhr (Hrsg.) (2014): Regionale Planung im Ruhrgebiet Von Robert Schmidt lernen? Essen.Kastorff-ViehmannR.UtkuY.Regionalverband Ruhr (Hrsg.) (2014): Regionale Planung im Ruhrgebiet. Von Robert Schmidt lernen? EssenSearch in Google Scholar

Weinreich, M. (1947): Hitler’s Professors. The Part of Scholarship in Germany’s Crimes against the Jewish People. New York.WeinreichM.1947Hitler’s Professors. The Part of Scholarship in Germany’s Crimes against the Jewish PeopleNew YorkSearch in Google Scholar

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