1. bookVolume 78 (2020): Issue 6 (December 2020)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Book Review: Müller, Anna-Lisa (2020): Migration, Materialität und Identität. Verortungen zwischen Hier und Dort Stuttgart: Franz Steiner Verlag. = Sozialgeographische Bibliothek 21. 1 Tabelle, 1 Abbildung, 316 Seiten.

Published Online: 07 Oct 2020
Volume & Issue: Volume 78 (2020) - Issue 6 (December 2020)
Page range: 615 - 617
Received: 05 Aug 2020
Accepted: 07 Sep 2020
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

In ihrem Buch verfolgt Anna-Lisa Müller die Fragestellung, „wie Migration und eine bestimmte Lebensform des Migrantischen durch das Zusammenspiel von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren an Orten und zwischen Orten hervorgebracht, stabilisiert und dynamisiert wird“ (S. 129 und S. 281). Diese Fragestellung untersucht sie für die Gruppe hochqualifizierter internationaler Migrantinnen und Migranten (HIM), wobei ihre zentrale These ist, dass das Leben dieser Migrantinnen und Migranten durch ein spezifisches Wechselspiel von Mobilität und „Sesshaftigkeit“ bzw. ein Balancieren zwischen Hier und Dort und entsprechende Praktiken gekennzeichnet ist.

Die Autorin ordnet ihre Arbeit primär dem mobilities turn in den Sozialwissenschaften zu, der neben Bewegungen im geographischen Raum die Bedeutung fixierter Orte und sozialer Kontexte betont. Die vorgeschlagene Forschungsperspektive ist erkennbar durch Anna-Lisa Müllers eigene biographische „Transition von der Stadtsoziologie in die sozialgeographische Migrationsforschung“ (S. 289) geprägt. Ihre theoretischen Primärbezüge sind das Lokalitätskonzept nach Massey, die soziologische Raumtheorie nach Löw und die relationale, materialitätssensitive Sozialtheorie, insbesondere in Form der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) nach Latour. Weitere Ansätze werden mal mehr, mal weniger umfassend diskutiert. Dazu zählen etwa die Phänomenologie nach Schütz und Husserl, das Transnationalismuskonzept nach Pries, das new mobilities paradigm nach Urry, Bourdieus Kapitalformen, der Begriff der Statuspassagen nach Glaser und Strauss, ethnoscapes nach Appadurai, die time-space compression nach Harvey, Castells space of flows und weitere Strömungen der Globalisierungs- und Post-Modernisierungstheorie (Giddens, Sassen, Bauman) sowie aktuelle praxeologische Ansätze aus der Soziologie (Hirschauer, Scheffer).

Den empirischen Zugang bilden 19 problemzentrierte, narrative Interviews mit hochqualifizierten internationalen Migrantinnen und Migranten, die in verschiedenen Sprachen und Modi erhoben worden sind und „subjektive Narrationen des Selbst und der individuellen Mobilitätsbiographie“ (S. 15) beinhalten. Alle Interviewten waren für mindestens ein Jahr ohne Unterbrechung aus berufsbezogenen Gründen in den Bereichen „Forschung und Entwicklung“, „Privatwirtschaft“ und „Internationale Organisationen“ international mobil.

Im Fokus der Analyse stehen Verflechtungen von Menschen, Objekten und Orten an Orten, die Räume konstituieren und Lokalitäten entstehen lassen. Lokalitäten sind entscheidend für die charakteristischen Ortsbindungen und temporäre Integration der hochqualifizierten internationalen Migrantinnen und Migranten, für die ein spezifisches Balancieren zwischen Hier und Dort typisch ist. Sie bilden im Verlauf der Mobilitätsbiographie eine spezifische Lebensform mit charakteristischen, verflochtenen Identitäten aus, die für ihre lokalen Bezüge konstitutiv sind und wie folgt beschrieben werden (S. 256): Sie verhandeln auf spezifische Weise das Balancieren zwischen dem Hier (bleiben) und Dort (hingehen), sie weisen eine plurale Werthaltung auf, sie haben eine kollektive Identität als Teil der international community und sie entwickeln besondere Praktiken der Ortsbindung.

Anna-Lisa Müller vertritt einen relationalen Denkansatz, wonach die räumliche Mobilität der hochqualifizierten internationalen Migrantinnen und Migranten „ein Netzwerk aktualisierter, und potenziell zu aktualisierender Beziehungen zwischen Menschen, Orten, politischadministrativ bestimmten Staatsgrenzen, rechtlichen Ein- und Ausreisebestimmungen, praktisch vollzogenen Grenzüberschreitungen und damit verbundenen Institutionen [...]“ (S. 66) ist. Kennzeichnend sind dafür auch neue Grenzziehungen gegenüber der Aufnahmegesellschaft vor Ort und Schließungen innerhalb der international community, für die der Lebensstil das verbindende Element ist.

Darüber hinaus hebt Anna-Lisa Müller den Nexus zwischen Materialität und Gesellschaft hervor. Im Kontext räumlicher Mobilität können Objekte, wie etwa ein Musikinstrument, ein Topfset oder eine CD, eine eigene Mobilitätsbiographie aufweisen, die mit einer Bedeutungsverschiebung von Funktions- zu Erinnerungsträgern und damit von Symbolen zu Merkzeichen einhergehen kann, die eng an die biographische Situation der Migrantinnen und Migranten gebunden sind. Beispielsweise kann ein Cello etwa als Merkzeichen der Integration in lokale Orchester fungieren. So beeinflussen Objekte das Selbstbild, die Beziehungen von Individuen, strukturieren Praktiken und sind insofern konstitutiv für Räume.

Die Beziehung der hochqualifizierten internationalen Migrantinnen und Migranten zu ihren Lebensorten ist geprägt von deren Ermöglichungspotenzial in Bezug auf Arbeit, soziale Beziehungen und Lebensgestaltung und drückt sich in sozialen Bindungen an Orten (belonging) und territorial-räumlichen Bindungen an Orte (place attachment) aus. Über diese Bindungen konstituieren sie individuelle Räume vor Ort. Um die subjektive Qualität dieser Räume zu adressieren, führt die Autorin das Konzept der „Lokalitäten“ ein, das die Interaktionen von Menschen und Dingen an fixierten Orten betonen soll. So sind „Lokalitäten lokalisierte Räume“ (S. 203).

Kennzeichnend für hochqualifizierte internationale Migrantinnen und Migranten ist nun, dass sie charakteristische plurilokale Bindungen mit Orten und Objekten aufweisen, die in „verflochtenen Identitäten“ „als HIM“ (S. 257) kulminieren. Während allen hochqualifizierten internationalen Migrantinnen und Migranten gemein ist, dass sie eine Routine im Umgang mit Neuem und Anderem (Wissen, Lebensformen, Menschen, Institutionen) erlangen, identifiziert Anna-Lisa Müller verschiedene „rhizomatische“ Typen. Migrantinnen und Migranten, die sich offen für Neues und flexibel zeigen, beschreibt sie als „Amöben“; solche, die rigide an ihrem spezifischen Lebensstil festhalten, dagegen als „Kirschkerne”. Werden die Ressourcen der Aufnahmegesellschaft nur für die eigene Karriere genutzt, spricht sie von „Parasiten“; findet eine weitergehende Auseinandersetzung mit den Praktiken vor Ort statt, von „Neobiota“. Insgesamt werden hochqualifizierte internationale Migrantinnen und Migranten damit als wichtige soziale Figur in spätmodernen Gesellschaften beschrieben, die über ihre plurilokalen Bindungen, ihre Praktiken und Werthaltungen zur Hybridisierung der Gesellschaft beitragen.

Obwohl weder die Fragestellung noch der methodische Zugang besonders originell sind, leistet das Buch einen erkennbaren Beitrag zum mobilities turn in den Sozialwissenschaften. Anna-Lisa Müller gelingt es überzeugend, Ansätze der Mobilitäts- und Migrationsforschung um eine materialitätssensitive Perspektive anzureichern und auf die Bedeutung fixierbarer Orte und materieller Objekte für räumliche Mobilität hinzuweisen.

Einflussreiche Strömungen der Sozialgeographie, wie etwa Hägerstrands Zeitgeographie aus den 1970er-Jahren oder Weichharts „Theorie raumbezogener Identität“ aus den 1990ern, bleiben aber ebenso unbeachtet wie alternative Vorschläge zur Konzeption von Mehrörtigkeit, wie z. B. „Heterotopie“, „Polytopizität“ oder „Multilokalität“. Auch die neuere umweltpsychologische Forschung zu Ortsbindungen und der umfassende Forschungsstand zu Migrationsentscheidungen werden nicht aufgegriffen. Und zieht man allein die neueren Forschungen aus dem Bereich der Wissenschafts- und Hochschulforschung zu internationaler Mobilität im Wissenschaftssystem heran, kann kaum an der Behauptung festgehalten werden, hochqualifizierte internationale Migrantinnen und Migranten würden nicht beachtet. Das eingeführte Konzept der Lokalitäten bleibt in seinem Zuschnitt teilweise unscharf. Sätze wie „Es werden an diesem Ort Räume konstituiert, die die geographisch fixierbaren Lokalitäten zu erwähnenswerten Entitäten machen“ (S. 244-245) muten eher tautologisch an.

Die methodischen Reflexionen sind insgesamt sehr knapp gehalten. Interviews in verschiedenen Sprachen und Modi (face-to-face, telefonisch, per Video) zu führen, hat weitreichende Implikationen, die nicht thematisiert werden. Auch auf einen möglichen Bias durch die Rekrutierung der befragten Personen, ausgehend vom eigenen sozialen Umfeld, geht die Autorin nicht ein. Während sie nur eine retrospektive Befragung zur Mobilitätsbiographie für praktikabel hält, wird in den neueren Ansätzen der mobile methods gerade versucht, mobile Personen und ihre Praktiken an und zwischen ihren verschiedenen Lebensorten zu beobachten.

Das zentrale methodische Problem ist daher, dass Praktiken mithilfe narrativer Interviews untersucht werden. Faktisch werden hier subjektive Erzählungen der hochqualifizierten internationalen Migrantinnen und Migranten über ihre Praktiken betrachtet, nicht die Praktiken selbst. Anna-Lisa Müller ist sich dessen durchaus bewusst und erklärt, zusätzliches Wissen durch weitere Gespräche und punktuelle Beobachtungen vor Ort in ihre Interpretationen mit einbezogen zu haben. Inwieweit dies gelungen ist, muss für die Rezipienten der Studie ebenso offenbleiben wie die konstatierte „Befremdung“ von der eigenen Erfahrungswelt im Zuge der Auswertung.

Eine grundsätzliche Schwäche der Studie ist ihr rein deskriptiver Charakter. In einem kursorischen Stil wechselt die Autorin immer wieder zwischen der Diskussion konzeptioneller Versatzstücke und empirischen Beschreibungen, die von Originalzitaten und Interviewausschnitten durchbrochen sind. Eine empirisch fundierte, systematische Theorieentwicklung findet dabei ebenso wenig statt, wie umgekehrt die empirische Prüfung theoretisch abgeleiteter Hypothesen. Darunter leidet eine empirische Pointierung oder theoretische Zuspitzung. Auch die vorgeschlagene Typologie kann leider kaum überzeugen, da sie nicht systematisch durch empirisches Material belegt und nur knapp in Ansätzen skizziert ist. So gelingt es Anna-Lisa Müller nur bedingt, die zahlreichen Ansätze, Positionen und Interviewausschnitte am Schluss zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen.

Alles in allem ist das Buch stärker einer raum- und mobilitätsinformierten Sozialtheorie als einer sozialtheoretisch informierten Humangeographie zuzurechnen. Es bleibt abzuwarten, welchen Einfluss es auf die Debatte um hochqualifizierte internationale Migrantinnen und Migranten und darüber hinaus entfalten wird.

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