1. bookVolume 77 (2019): Issue 2 (April 2019)
    Planung im Wandel - von Rollenverständnissen und Selbstbildern
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Grenzen. Theoretische, konzeptionelle und praxisbezogene Fragestellungen zu Grenzen und deren Überschreitungen

Published Online: 16 Mar 2019
Volume & Issue: Volume 77 (2019) - Issue 2 (April 2019) - Planung im Wandel - von Rollenverständnissen und Selbstbildern
Page range: 213 - 214
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Drei Kollegen aus Österreich – namentlich Martin Heintel, Robert Musil und Norbert Weixlbaumer – haben kürzlich einen sehr reichhaltigen Sammelband herausgegebenzu Fragen der Grenzen, Grenzräume und Grenzüberschreitungen, also zu den Themen der Border Studies. Der deutschsprachige Band umfasst 20 Beiträge, die – nach einer Einführung der Herausgeber – in drei etwa gleich umfangreiche Teile gruppiert sind: Im ersten Teil werden konzeptionelle Zugänge zur Grenze reflektiert, im zweiten Teil wird die Planungspraxis und im dritten Teil die Handlungspraxis thematisiert.

Der erste, primär konzeptionell ausgerichtete Teil nimmt insbesondere die sozialgeographischen Argumente des conceptual turn in der Grenzraumforschung auf. Dies erfolgt in sozialgeographischer Hinsicht (Marc Redepenning, Peter Weichhart). Vertiefende Überlegungen zu geopolitischen Diskussionen (Heinz Nissel), siedlungsgeographischen Fragen (Robert Musil), wissenschaftstheoretischen Aspekten (Ulli Vilsmaier) sowie zur Dynamik des Innovationsgeschehens (Michaela Trippl) setzen weitere Schwerpunkte.

Im zweiten Teil steht die Planungspraxis im Mittelpunkt: Neben Überlegungen zum europäischen Kontext (Birte Nienaber) und dem innerstaatlichen Grenzbegriff (Axel Priebs) geht es hier vor allem um Fallstudien im (zumindest teilweise) deutschsprachigem Kontext (Oberrhein, Bodensee, Salzburg, Wien/Bratislava, deutschpolnisches Grenzgebiet). Insbesondere die Bedeutung von Kooperationserfahrungen über die Zeit hinweg und die Rolle der ,weichen' Instrumente der Raumentwicklung werden hierbei mannigfaltig illustriert.

Der dritte Teil ist betitelt mit „Grenzen und Handlungspraxis" und ist durch eine große Vielfalt der Perspektiven gekennzeichnet – beispielhaft genannt seien die Themen Migration (Heinz Faßmann), Kleinhandel (,Schmuggel') an Schengen-Außengrenzen (Judith Miggelbrink), grenzüberschreitende Arbeitsmärkte der Niederlande (Arjen J. E. Edzes, Jouke van Dijk, Viktor A. Venhorst) und die Hybridisierung der Grenze San Diego–Tijuana (Olaf Kühne, Antje Schönwald).

Die Beiträge sind sehr unterschiedlichen Charakters: Sie reichen von stark an Forschungsprojekten orientierten Beiträgen über grundsätzliche, konzeptionelle und disziplinhistorische Überlegungen bis zu eher persönlich-essayistischen Aufsätzen (z. B. Franz Dollinger zum Einzelhandel in und bei Salzburg). Dies führt zu einiger Heterogenität des wissenschaftlichen Ansatzes, was meines Erachtens aber kein Defizit ist, sondern – im Gegenteil – die Lektüre umso abwechslungsreicher werden lässt. Das Buch ist eine wahre Fundgrube: Wer sich mit Grenzthemen befasst, wird in diesem Buch Inspiration finden. Die Vielfalt der Zugänge, die interdisziplinären Bezüge und die Komplexität des Gegenstandes werden in sehr zugänglicher Weise aufbereitet. Es wird ein guter Überblick über die Sichtweisen in der deutschsprachigen ,Community' der Grenzraumforschung gegeben.

Gleichwohl kann dieser Band nicht alle Wünsche erfüllen: Der geographische Fokus liegt stark im deutschsprachigen Bereich (die Ausnahmen der osteuropäischen Schengen-Grenze und der Grenzregion USA–Mexiko sind bereits erwähnt worden). Der mediterrane oder skandinavische Raum hätten schon innereuropäisch wichtige weitere Perspektiven geliefert. Vor allem aber vermisst man – bei aller Qualität der One-Case-Studies – den vergleichenden Blick. Eine positive Ausnahme ist hier der Beitrag von Robert Musil, dessen siedlungsgeographische Argumentation mit einer Reihe von Beispielen aus unterschiedlichen Räumen arbeitet. Auch die Funktion des Theorie-Imports – für den ein deutschsprachiger Band in einem stark international geprägten Thema ja prädestiniert ist – erfüllt diese Publikation nur teilweise. Die Literaturverzeichnisse sind in vielen Fällen weitgehend deutschsprachig. Einige Protagonisten der Border Studies – wie Anssi Paasi – werden dabei durchaus zitiert, aber die Internationalisierung der Border Studies, wie sie Heinz Nissel in seinem Text ja sehr treffend beschreibt, scheint in vielen Beiträgen nur ansatzweise durch. Dies gilt in den Bezügen auf Autoren (z. B. der kaum erwähnte James W. Scott), aber auch auf Debatten (z.B. die fuzziness und softness von Grenzen).Allerdings: Auch wenn der Verweis auf die soziale Konstruiertheit von Grenzen fast zu häufig erfolgt, werden auch in konzeptioneller Hinsicht durchaus originelle Argumente entwickelt, die gerade mit dem deutschsprachigen Charakter des Buches verbunden sind – seien es die differenzierte Würdigung von Friedrich Ratzel durch Marc Redepenning, die semantischen Reflexionen von Peter Weichhart oder die schon erwähnten disziplinhistorischen Argumente von Heinz Nissel. Insgesamt eine wirklich lohnende Lektüre.

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