1. bookVolume 77 (2019): Issue 1 (February 2019)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Verlöschendes Industriezeitalter. Suche nach Aufbruch an Rhein, Ruhr und Emscher

Published Online: 28 Feb 2019
Volume & Issue: Volume 77 (2019) - Issue 1 (February 2019)
Page range: 99 - 100
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Ingrid Krau, in den 1970er-Jahren Referentin für Stadtentwicklungsplanung bei der Stadt Duisburg und später Professorin für Stadtraum und Stadtentwicklung an der Technischen Universität München, hat mit ihrem Buch einen bemerkenswerten Beitrag zu der zunehmenden Zahl von Veröffentlichungen über das Ruhrgebiet geliefert. Es unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass jedes seiner Kapitel ein selbstständiger Essay ist, der ein Thema der Regionalentwicklung des Ruhrgebiets wie den Niedergang der Montanindustrie, das zu lange Festhalten am Größenwachstum, die Industriedenkmäler und die Haldenlandschaft, die kommunalen Repräsentativbauten, die Bildungslandschaft und den vergeblichen Kampf einer Stadt um die Reindustrialisierung am Beispiel Gelsenkirchens behandelt und doch mit den anderen Kapiteln zusammenhängt. Das Buch schließt mit einer Reihe von Zukunftsbildern, in denen mögliche künftige Entwicklungspfade des Ruhrgebiets ohne Kohle und Stahl skizziert werden. Es ist auch bemerkenswert, weil die Autorin in den 1950er-Jahren in Gelsenkirchen-Buer aufwuchs und viele Jahre im Ruhrgebiet gelebt und gearbeitet hat – und dies äußert sich in zahlreichen anrührenden Erinnerungen aus der Kindheit bis zur jüngsten Zeit: Sie durchziehen das Buch und vermitteln eindrucksvolle Einsichten, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen.

Das Buch beginnt mit einer kritischen Darstellung des Niedergangs der Stahlindustrie in Duisburg, nicht mittels ökonometrischer Methoden, sondern aus der Sicht der Stahlunternehmen und der Stadtverwaltung. Der Hauptvorwurf der Autorin ist das Festhalten der Unternehmen an der überholten Auffassung, dass größere Anlagen wirtschaftlicher arbeiten, was zu großflächigen Abrissen von Wohngebieten führte, ohne den Niedergang der Hüttenwerke aufgrund globaler Konkurrenz durch innovative Technologien aufzuhalten, mit der bekannten Folge sinkender Wettbewerbsfähigkeit und hoher Arbeitslosigkeit.

Das Szenario des Niedergangs wird am deutlichsten in Gelsenkirchen, dem zeitweisen Wohnort der Autorin. Nach vorübergehender Blüte nach dem Kriege verursachen der Rückgang der Stahl- und Chemieindustrie und die Nordwanderung des Ruhrbergbaus Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Verödung der Einkaufsstraßen der Innenstadt, die bis heute nicht beseitigt wurden, aber auch neue Kreativszenen und wiederbelebte Nachbarschaften. Diesen Prozessen des Niedergangs stehen somit auch ermutigende Initiativen gegenüber: Mit öffentlichen Mitteln geförderte Ruhrparks, reaktivierte Bergehalden, Leuchtturmkunstwerke und die Internationale Bauausstellung Emscherpark machen das Ruhrgebiet attraktiver. Insbesondere die in den 1960er-Jahren gegründeten Universitäten und die mit ihnen verbundenen Institute der Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaften sowie der Leibniz-Gemeinschaft schaffen Arbeitsplätze, ziehen Studierende an und fördern die Ansiedlung innovativer Unternehmen.

Besonders eindrucksvoll ist der Schluss des Buches, in dem „Zukunftsbilder“, das heißt Möglichkeiten der zukünftigen Entwicklung des Ruhrgebiets diskutiert werden. Hier knüpft die Autorin an die von Goethe in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ idealisierte „pädagogische Provinz“ an, in der in einer gegliederten Landschaftsstadt rücksichtsvoll mit vorindustrielldörflicher Landschaft, industriellen Hinterlassenschaften und urbanen Elementen umgegangen wird – ein attraktives Gegenbild zur rücksichtslosen Wachstumsideologie der historischen Industrialisierung. Dieses nachhaltige räumliche Entwicklungsziel möchte die Autorin mit dem Zukunftsbild „Ruhr-Valley 4.0“ kombinieren, in dem vom Kindergarten bis zu den Hochschulen MINT-Kenntnisse (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) vermittelt werden. Diese Kombination lebensqualitätsorientierter Zukunftsbilder, die sich wohltuend vom Wachstumsideal der „Metropole Ruhr“ unterscheiden, könnte in der Tat zu einer neuen, verbindenden Leitbildidee für das Ruhrgebiet werden. Ob freilich die wegen seiner zentralen Lage in Europa im Ruhrgebiet stark wachsende Logistikbranche die geeignete Leitindustrie für das Ruhrgebiet werden kann, sei dahingestellt.

Gegenüber diesen sympathischen Eigenschaften des Bandes bleiben einige Kritikpunkte von geringer Bedeutung. Insgesamt könnte durch das Buch ein zu negativer Eindruck des Ruhrgebiets als verlorene Region entstehen. Das wäre jedoch unfair gegenüber den zahlreichen Initiativen sowohl der Bundes- und Landesregierung als auch der Gemeinden und Kreise des Ruhrgebiets selbst, den Niedergang der Region in eine zukunftsorientierte Richtung zu wenden. Hierzu gehören die an den neuen Universitäten und auf ehemaligen Industrieflächen gegründeten Technologieparks und attraktiven neuen Wohngebiete, wie etwa das Dortmunder Phoenixsee-Viertel, die durch zahlreiche Hotelneubauten bezeugte Belebung des Tourismus sowie die eindrucksvollen Kulturszenen aus kommunalen Konzerthäusern, Theatern und Museen selbst in Städten mittlerer Größe. Als weiterer Kritikpunkt könnte genannt werden, dass die Autorin in der Region durchaus vorhandene Initiativen und Vorschläge zur positiven Neuorientierung der Regionalentwicklung, wie zum Beispiel die „Innovation City Ruhr“ in Bottrop, die Gedanken Christoph Zöpels zur „Weltstadt Ruhr“ oder die kürzlich erschienenen „Strategien Ruhr 2035+“ der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund nicht zur Kenntnis genommen hat, sie jedenfalls nicht thematisiert hat.

Aber diese geringfügigen kritischen Anmerkungen mindern den Wert des Bandes als Denkanstoß zur weiteren Reflexion über die Zukunft des Ruhrgebiets nicht. Es ist zu hoffen, dass das Buch die lebendige zivilgesellschaftliche Diskussion darüber weiter anregt.

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