1. bookVolume 76 (2018): Issue 6 (December 2018)
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Gutberger, Hansjörg (2017): Raumentwicklung, Bevölkerung und soziale Integration. Forschung für Raumplanung und Raumordnungspolitik 1930-1960

Published Online: 31 Dec 2018
Volume & Issue: Volume 76 (2018) - Issue 6 (December 2018)
Page range: 551 - 556
Received: 26 Apr 2018
Accepted: 19 Jul 2018
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English
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Hansjörg Gutberger hat sich über einen langen Zeitraum mit „verschiedenen Aspekten sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung zwischen 1930 und 1960“ beschäftigt (S. 3). 1996 erschien seine 1994 in Göttingen vorgelegte Dissertation mit dem Titel „Volk, Raum und Sozialstruktur“ (Gutberger 1996), wobei die Anfänge seiner Studien bis in das Jahr 1988 zurückreichen, wie er in der Einleitung erwähnt. 2006 folgte eine weitere Monographiemit dem Titel „Bevölkerung, Ungleichheit, Auslese“ (Gutberger 2006). Jetzt hat er den letzten Band dieser „Trilogie“, wie er sie selbst nennt, vorgelegt, der sich explizit mit „Raumplanung und Raumordnungspolitik“ beschäftigt, und der hier zur Rezension ansteht. Er ist gewissermaßen der Schlussstein einer langjährigen, erfolgreichen Forschungstätigkeit, die seinen Ruf als ein ausgewiesener Wissenschaftler im Bereich der sozialwissenschaftlichen Bevölkerungs- und Raumforschung bestätigt.

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Hansjörg Gutberger hat ein Buch zu Forschungen über wichtige Aspekte von gesellschaftlicher Befassung mit dem „Raum“ über einen Zeitraum vorgelegt, dessen Eingrenzung (1930-1960) einen erst einmal stolpern lässt. Denn dieser dreißigjährige Zeitraum umfasst zwar auch die Stichjahre, die alle mehr oder weniger geläufig sind – seien es die Jahre 1933, 1945 oder 1949, die jeweils und für sich entscheidende Einschnitte oder Symbole der gesellschaftlichen und insbesondere politischen Entwicklung Deutschlands im 20. Jahrhundert waren –, aber Gutberger akzentuiert oder orientiert sich nicht an diesen Jahren als Einschnitte in diesem doch alles in allem kurzen Zeitraum.

Ein zweiter Blick lässt jedoch die Absicht hinter der Wahl dieses Zeitraums, seiner Eingrenzung, die er dabei im Sinne gehabt haben mag, erahnen – und was er bereits mit der Benennung dieses Zeitraums im Titel andeuten will: nämlich die Kontinuitäten und/oder Diskontinuitäten der Ansätze und Zugriffsweisen gerade auch der in dem Feld von Raumplanung und Raumordnungspolitik in Deutschland arbeitenden Forscher über all diese historischen Einschnitte hinweg – gerade so, wie es für die überlebenden Deutschen ebenso galt. Zumal er damit die Arbeiten und das Wirken einer Generation von Forschern nachzeichnet, die vor 1933, als in Deutschland sich gerade die moderne Erforschung der räumlichen Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen zu etablieren begann, in verschiedenen Disziplinen in der Ausbildung standen oder sie bereits beendet hatten und die ihre wissenschaftliche Karriere begannen – nicht unähnlich der „Generation der Unbedingten“ aus dem „Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes (Wildt 2003). Sie verfolgten ihre Karrieren mitten im sich entfaltenden Nationalsozialismus, sofern sie nicht aus politischen oder rassischen Gründen Deutschland verließen, was jedoch für die infrage kommenden Wissenschaften und die in ihnen arbeitenden Wissenschaftler die Ausnahme war. Es war dies die Generation der um 1900 Geborenen, die dann auch nach dem Ende des Nationalsozialismus ihre Arbeiten und auch Karrieren mit mehr oder weniger Verzögerungen – weil weniger belastet als die „Unbedingten“ – fortsetzen konnten – in der Bundesrepublik, teilweise auch in der DDR – und damit deren Anfangsjahre mit ihren fachlichen Erfahrungen und Überzeugungen prägten, gewissermaßen fast bruchlos, als hätte der Nationalsozialismus keinen Einfluss auf ihre fachlichen Kenntnisse und Überzeugungen ausgeübt.

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Gutberger zeichnet damit einen Gedankengang nach: dass jenseits aller historischen Einschnitte, die mit Daten verbunden sind – zumal etwa durch die vielberufene, aber nicht wirklich greifende „Stunde Null 1945“ –, die Vorgehensweisen und Vorstellungen, die wissenschaftlichen Ansätze und Methoden der in diesen Zeiträumen Lebenden und Forschenden sich nicht wesentlich veränderten, auch nicht verändert werden mussten. Sie wurden, mehr oder weniger als Teil der jeweiligen Entwicklung als Wissenschaftler, als unpolitisch, als wertfrei angesehen und als äußerst persistent, wenn sie nicht gar konstant geblieben sind. Sie mussten sich allenfalls leicht, vor allem sprachlich, anpassen oder verändern, selten grundlegend. In diesem Sinne waren also viele von ihnen vorgezogene ,Wendehälse’ in gesellschaftlicher, aber nicht in fachlicher Hinsicht. Insbesondere gilt dies für Wissenschaftler, aber auch andere Experten, anscheinend fern jeder eindeutigen gesellschaftlichen oder politischen Zuordnung, weil sie in ihren wissenschaftlichen oder technischen und auch konzeptionellen oder gar planerischen Verfahrens- und Vorgehensweisen per se nur fachlich, also unpolitisch, gewesen seien; aus ihrer Profession heraus könnten sie (eigentlich!) für deren gesellschaftliche oder politische Nutzung nicht in Verantwortung genommen werden, auch nicht als Schreibtischtäter, da sie ihrer Meinung nach an den Untaten des Nationalsozialismus nicht direkt beteiligt waren.

Eine Argumentation, die am Ende des von Gutberger untersuchten Zeitraums (1960) von der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) – rund 25 Jahre nach ihrer Gründung – in deren Festschrift explizit vorgetragen wurde, gewissermaßen als Selbstexkulpation gegenüber allen möglichen und auch denkbaren individuellen oder kollektiven Verantwortlichkeiten; denn die Autoren dieser Festschrift waren allesamt schon vor 1945 in diesem wissenschaftlichen Feld tätig. Wortwörtlich: „In Wahrheit haben weder Raumordnung noch Raumforschung, wie der vorangegangene Blick auf ihre Entstehung deutlich gemacht haben dürfte, mit dem Nationalsozialismus auch nur das geringste zu tun“ (Olsen 1960: 3). Kein Wort zu der Verbindung deutscher Forscher und Professoren zum Nationalismus oder gar ihrer Einbindung in diesen. Ganz im Gegensatz zu Max Weinreich, der bereits 1946 die ganz einfache Frage stellte: „Why did German scholars associate themselves with nazism?“ (Weinreich 1946: 10). Dieser Frage ging er bei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen nach, darunter eben auch bei der Raumforschung und Raumplanung als ancillae regis der nationalsozialistischen Eroberungs- und Siedlungspolitik und bei ihren Protagonisten als deren zumindest konzeptionelle und teilweise auch institutionell eingebundene Unterstützer. Eine durchaus berechtigte Frage, die in Deutschland erst spät von jüngeren Forschern wieder aufgegriffen wurde (vgl. zusammenfassend Leendertz 2008), während sich die vielen Institutionen, wie es sich fast paradigmatisch und explizit in der Festschrift der ARL von 1960 niederschlägt, lange noch in einer guten, weil unproblematischen Tradition der institutionellen Einrichtungen aus der Zeit des Nationalsozialismus sahen. Erst in jüngerer Zeit ist dies der Bereitschaft gewichen, die jeweilige Vergangenheit kritisch aufarbeiten zu lassen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist dabei eine frühe Ausnahme dieser späten Aufarbeitungen. Und es ist nicht zufällig, dass sie diese Aufarbeitung im Umfeld von Raumforschung und Raumordnung begann (Heinemann/Wagner 2006).

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Und gerade diese Kontinuität von Raumplanung und Raumordnungspolitik, nicht zuletzt angesichts der langfristigen Wirkung gesellschaftlicher Raumnutzung, ist das Thema der umfangreichen Studie von Gutberger, der dies aber nicht im Sinne einer moralischen Aufarbeitung der Vergangenheit leisten will. Er will eine „Aufarbeitung der Geschichte der frühen deutschen Raumplanung“ (S. 15) leisten, ausgehend von der Überzeugung, „dass der raumplanerische Ansatz immer schon eine Einflussnahme auf soziale Verhältnisse bezweckte“ (S. 16). Ein Ansatz, den er in fallstudienähnlichen Kapiteln verfolgt.

In dem der Einleitung folgenden Kapitel will Gutberger „die Verknüpfung von Agrarpolitik und Raumplanung im (vor)nationalsozialistischen Deutschland“ am Beispiel von Konrad Meyer darstellen, der für ihn „kein Solitär“ war (S. 17). Dieser Ansatz verfolgte das nach seiner Meinung „klassische“ Ziel der deutschen Raumplanung, nämlich die „räumlichen Ballungen“ durch Dezentralisierung auszugleichen, nicht zuletzt auch angeleitet oder beeinflusst von Elementen der „Großstadtfeindschaft“ (für deren Ursprünge vgl. Bergmann 1970). Letztlich sei es um einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen in einer Industriegesellschaft gegangen, die nicht romantisierenden Siedlungsvorstellungen der „Blut und Boden Ideologen“ folgte, was die nationalsozialistischen Machthaber „nie wirklich interessierte“ (S. 47). Ziel war, Deutschland als ein Industrieland mit agrarischem Einschlag zu entwickeln, wobei dies durchaus eine Modernisierung der Landwirtschaft einschloss (S. 41). Insofern gab es im Dritten Reich die Konkurrenz zwischen „der SS Siedlungsvariante Konrad Meyers [...] “als „Entwurf auf permanente Leistungssteigerung, Verdrängung und Vernichtung“ angelegt, und „Darrés berufsständischer Rassen-Utopie“ (S. 51).Während letztere nach 1945 gewissermaßen endgültig in den Orkus der Geschichte geschickt wurde, konnte erstere bereinigt um den rassistischen Einschlag als „zentralisierte Raumplanung“ (S. 52) im Sinne einer voranschreitenden Modernisierung (!) überleben und auch nach 1945 in den Anfängen der Bundesrepublik von Konrad Meyer weiterverfolgt werden (vgl. Meyer 1960). Meyers NS-Funktion hatte Weinreich (1946: 72) bereits benannt. Also insgesamt ein eindrücklicher, wenn auch kein wirklich erfreulicher Beleg für die Kontinuitäten der Raumforschung zwischen 1930 und 1960 als fachlicher, wissenschaftlicher Ansatz, der sich – befreit von einem ideologischen Über- oder Unterbau – gewissermaßen zeitlos nutzen lässt als gesellschaftlich bestimmte Raumplanung, also unabhängig von der gesellschaftlichen Fundierung des politischen Systems. Dieser ,befreite’ wissenschaftliche Ansatz der Raumplanung ist damit eines von vielen Beispielen deutscher Kontinuitäten zwischen 1930 und 1960. Oder wie es Gutberger ausdrückt: „Nach 1945 ließen sich gerade vorgängige industriegesellschaftliche Wissensbestände der NS-Raumplanung auch so nutzen, dass sie einer zeitgemäßen Versozialwissenschaftlichung der Planung räumlicher Entwicklung die Wege ebnete“ (S. 52). Dem geht er in den folgenden Kapiteln detailliert nach.

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Es schließt sich ein „methodisches“ Kapitel an, in dem sich Gutberger die Wissenschaftstheorie Ludwik Flecks (Fleck 1999) zunutze macht, um herauszuarbeiten, wie wissenschaftsexterne Faktoren die wissenschaftliche Forschung beeinflussen (S. 55). Er argumentiert, dass gerade die um 1900 Geborenen, die in der Zeit des Nationalsozialismus Karriere gemacht hatten, die der „autoritären Hochmoderne“ (S. 56) zugehörten, nach 1945 den Versuch unternahmen, den Praxisbezug ihrer Wissenschaftsansätze zu forcieren und dabei auf den Widerstand von konservativen Vertretern einer wertfreien Wissenschaft stießen. Dies änderte sich dann erst Mitte der 1960er-Jahre durch „die Öffnung der Wissenschaft in die Gesellschaft hinein“ (S. 57). Die daraus folgenden Entwicklungen will er für die „räumliche Entwicklung/Raumplanung“ untersuchen, wie sie der „sozialen Integration einer Gesellschaft dienen“ (S. 62). Dazu verhalfen ihm die in der NS-Zeit ausgebildeten und bereits tätigen Raumforscher. Er argumentiert, dass „die Nachkriegs- und Wiederaufbauleistungen der Bundesrepublik Deutschland ohne diese Wissenschaftler und Planer [mit wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Kompetenzen] kaum realisierbar gewesen [wären], sie haben unsere bundesrepublikanische Vorstellung von ,sozialer Integration’ noch wesentlich mitgeprägt“ (S. 72). Gutberger folgt damit der Frage, wie sich nach 1945 aus der kontaminierten Raumforschung und Raumplanung „sachorientierte oder nutzungsbezogene Inhalte“ entwickelten und wie „noch ,völkische’ Ideologisierungen“ zunehmend an „Politikrelevanz“ verloren (S. 73). Sein Ziel ist also nicht die Aufdeckung der schon weithin bekannten Verflechtungen dieses Personenkreises mit dem NS-Regime oder deren hinnehmende Akzeptanz, nicht als innere Emigration, sondern eher als fachliches Mitmachen. Er nennt sie die „Gesellschaftsgestalter“, die seiner Meinung nach 1945 fast stärker als die an Bedeutung zunehmende „US-amerikanische Sozialforschung“ gestalterischen Einfluß ausübten, insbesondere weil sie aus ihren Erfahrungen besser in der Lage waren, „die Übergänge von agrargesellschaftlichen zu industriegesellschaftlichen Entwicklungsphasen aufzunehmen“ (S. 75).

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Dies verfolgt Gutberger zuerst mit einer ausführlichen Darstellung der „Raumforschung in der Vorkriegszeit (1936-1939)“ (S. 77 ff.), die er als eine „Schlüsselwissenschaft“ im Dritten Reich bezeichnet (S. 84), die auch intensiv gefördert wurde. Und nicht zuletzt durch die Breite der angelegten Forschungen (dies dokumentiert auch eine umfangreiche tabellarische Aufstellung der von der Reichsstelle für Raumordnung bewilligten Forschungsanträge für die Zeit 1936-1939 auf den Seiten 387-454) wurden die beteiligten Forscher auch in die Lage versetzt, nach 1945 weiterhin die fachliche Diskussion zu bestimmen (S. 89), obwohl sie in der NS-Zeit doch einer weitgehenden „Indienststellung“ (S. 96) unterlagen. Seine detailreiche Darstellung der gesamten Szene kann Gutberger durch beeindruckende umfangreiche Analysen aus den Archiven, insbesondere aus im Bundesarchiv vorliegenden Dokumenten, stützen.

Es ist interessant, daß er die Forschungen in der NS-Zeit durchaus unter dem wie immer zu definierenden Begriff der „sozialen Integration“ bestimmt, der dann seiner Meinung nach 1945 durch den Komplex der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ ersetzt wurde, besser neu bestimmt und definiert wurde (S. 114). Dies reflektiert auch eine andere von ihm herausgearbeitete Beobachtung, wenn er bei einem Autor (Gerhard Ziegler) feststellt: „Die Sehnsucht nach Volksgemeinschaft mutierte bei ihm nun zur Sehnsucht nach den (äußerlich) ,geordneten Verhältnissen’“ (S. 119), was aber gerade bei diesem Autor nicht den „genozidalen Charakter der Siedlungspolitik“ (S. 119) ausschloss! Insofern hat der Wunsch nach Ordnung auch in der räumlichen Entwicklung vor und nach 1945 dominiert, aber mit durchaus unterschiedlichen und nicht nur problematischen Zielsetzungen, was aber mit gleichem, technischem Wissen bearbeitet und verfolgt wurde. Warum konnten sie das, fragt (sich) Gutberger? Weil sie, die Wissenschaftler und Planer, jenseits der Zielsetzungen „fachlich nicht aus dem Kontext der industriellen Moderne des 20. Jahrhunderts hinausfallenden (planungs-) wissenschaftlichen Ansätzen“ verpflichtet waren, wenn nicht gar treu (!) blieben. Es sei in diesem Zusammenhang an den wohl berühmtesten Satz Adornos erinnert: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (Adorno 1951: 59).

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Es folgt ein Kapitel, das wie eine Fallstudie die „unvergessene Raumforschung“ nach 1945 am Beispiel des Landes Nordrhein-Westfalen verfolgt und hier insbesondere hinsichtlich der Bewältigung der Flüchtlingsfrage. Zu deren Lösung waren gewissermaßen aus der Not der drängenden Situation die Erfahrungen und das Wissen aus der Zeit vor 1945 sehr zweckdienlich. Der unproblematische Einsatz entsprechender Experten war aber nicht zuletzt auch wegen „der damals noch bestehenden Unkenntnis über unappetitliche Details der NS-Zeit“ (S. 148) möglich.

Dem schließt sich eine Fallstudie über „Aufbau und Arbeitsweise des Instituts für Raumforschung (IfR)“ an (S. 151 ff.), die hinsichtlich der „Konkurrenz“ zwischen der ARL und dem IfR für die weitere Entwicklung der Raumforschung in der Bundesrepublik interessant ist, wobei Gutberger gleich einleitend darauf hinweist, dass sich aus dieser Konkurrenz alsbald eine gegenseitig „geduldete Koexistenz“ (S. 151) entwickelte. Der Hinweis jedoch, dass der „jüdische, in der NS-Zeit inhaftierte [...] Raumplaner Stephan Prager“, der nach 1945 die Landesplanung Nordrhein-Westfalen leitete, „zeitlebens die Feindschaft der NS-affinen Hannoveraner“, der ARL, erfuhr, „weil er eben nicht die RfR/RAG-Nostalgie anderer Raumplaner teilte und auch weniger in ruralgesellschaftlichen Kategorien dachte“, lässt mehr als aufhorchen. Dies als Frage von Gutberger geäußert, lässt einmal mehr bedauern, dass Analysen über diese Zeit heute nur noch anhand von Materialien aus den Archiven betrieben werden können, nicht mehr aber etwa auch durch Interviews mit noch lebenden Beteiligten, einmal abgesehen davon, ob sie zu solchen Gesprächen überhaupt bereit gewesen wären. Hierauf trifft die von Lübbe (2007: 11 ff.) als für den Aufbau der Nachkriegszeit positiv, weil „stabilisierende Wirkung“ entfaltende und zu bewertende Kultur eines „kommunikativen Beschweigens“ (S. 173) zu, wie sie sich in der Festschrift der ARL zum 25-jährigen Bestehen niedergeschlagen hat.

Allerdings gelang es dem IfR, so das Resümee Gutbergers, auch ohne „Reflexionen über die dunkle Seite der politikberatenden Raumforschung“ (S. 178), die Bedeutung einer an Forschung orientierten Raumordnungspolitik in den Anfängen der Bundesrepublik zu festigen. „In dieser Hinsicht hob sich das IfR auch deutlich von der konkurrierenden ARL ab“ (S. 179), meint Gutberger. Die Arbeit des IfR verfolgt er vertieft anhand ihrer Arbeiten zur „Flüchtlingsforschung“, denn die Integration der Flüchtlinge war nach 1945 eine Hauptaufgabe der Länder und dann auch der Bundesrepublik. Und ihre analytische Durchdringung gelang, weil man eben auch auf das technische Know-how aus der NS-Zeit zurückgreifen konnte.

Besonders weist Gutberger darauf hin, dass mit der Tätigkeit des IfR sich nach 1949 eine „Wiederaufnahme der soziologischen Blickrichtung“ entwickelte (S. 193 ff.), insbesondere im Zusammenhang mit der Flüchtlingsforschung, was er ausführlich darstellt. Das darauf basierende Gutachten des Vertriebenenministeriums fußte sehr wesentlich auf dem Begriff und/oder Konzept der Tragfähigkeit, das von Gerhard Isenberg in seiner Zeit als Mitarbeiter der Reichsstelle für Raumordnung (RfR) entstanden ist. Dieses Konzept, das aus seinen Arbeiten über den ländlichen Raum entwickelt wurde, stieß im IfR jedoch nicht auf uneingeschränkte Resonanz, man distanzierte sich sogar davon. Für Isenberg hatte dies zur Konsequenz, dass er „nun wiederum stärker den Anschluss an die ,agrarisch’ affinere ARL in Hannover suchte und auch fand“ (S. 209).

Solche kleinen Beobachtungen zeigen, dass wie immer in wissenschaftlichen Zusammenhängen auch persönliche Animositäten und Affinitäten eine wichtige Rolle spielen. Sie zeigen aber auch, dass die Übernahme von Analysen und Konzepten aus der NS-Zeit nicht komplett und ungebrochen erfolgte, sondern sie erfolgten stark personenzentriert, wenn nicht gar bedingt (um nicht von Eitelkeit und Opportunismus zu sprechen), allenthalben mit dem Ziel, nach 1945 wieder eine Position zu gewinnen.

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Es schließt sich, inhaltlich verbunden, ein umfangreiches Kapitel zu „Elisabeth Pfeils soziologische(r) Raumforschung“ an. Sie als Person ist gewissermaßen das positive Beispiel, wie aus einer zur NS-Zeit tätigen Bevölkerungswissenschaftlerin, die den „Richtungswechsel weg von der ,Gemeinschaft’ obrigkeitsstaatlichen Typs, hin zum Sozialstaat“ (S. 224) als Orientierung auch wissenschaftlich und persönlich verfolgte, von der Flüchtlingsforschung zur Stadtsoziologin. Dies ist eine sehr detaillierte und kenntnisreiche Fallstudie, fast eher eine Hommage an Elisabeth Pfeil, die hier nicht in allen Einzelheiten dargestellt werden kann. Resümierend sagt Gutberger: „Den Topos der eng zusammenstehenden ,Volksgemeinschaft’ transformierte sie in ein planerisches Interesse an der Förderung gesellschaftlicher Bindekräfte im städtischen und suburbanen Raum, vor allem durch planerische Rahmensetzung für mögliche neue soziale ,Geselligkeitsformen’“ (S. 281). Insofern ist sie das fast strahlende Beispiel einer Forscherin, die auch um 1900, genauer 1901, geboren wurde und ihre erste wissenschaftliche Entwicklung in der NS-Zeit vorantrieb, aber nach 1945 gelang ihr durch ihre Zuwendung zur Soziologie mehr als eine Wende: Sie wurde zur Begründerin der Stadtsoziologie in der Bundesrepublik. Sie verkörpert einerseits Kontinuität, aber andererseits eben auch Innovation und Offenheit. Sie steht für die Personen, die aus der Erfahrung der NS-Vergangenheit neue Wege suchten – für eine sozialstaatliche und demokratische Bundesrepublik. Diese Einschätzung wird jedoch im Zusammenhang der Diskussion um die Position der Soziologie im Nationalsozialismus nicht von allen geteilt (Kühl 2013: 8).

Die Schlussfolgerungen, die Gutberger aus seiner Studie insgesamt zieht, belegen eher allgemein, dass „sich innerhalb einer Gesellschaft Vorgänge räumlicher Entwicklung, die Zusammensetzung der Gesellschaftsstruktur und Maßnahmen zur sozialen Integration hinzukommender Bevölkerungsgruppen immer gemeinsam und in wechselnder Abhängigkeit zueinander verändern“ (S. 285). Allerdings gibt es – und das darf nicht vergessen und übersehen werden – stets, wie immer auch basiert, Ideologien, etwa „völkische“ oder „agrarische“, die absolut steuern wollen und sich dabei auch der jeweils vorhandenen wissenschaftlichen Analysekraft bedienen, sie in den Dienst nehmen und damit eine einseitige räumliche Entwicklung verfolgen, sich gegen eine „Kontinuität bei steter Veränderung“ (S. 286) wandten. Gerade diese Offenheit fehlte in der NS-Zeit. Sie musste nach 1945 erst errungen werden. Dazu haben viele beigetragen, manche positiv, wie Elisabeth Pfeil, andere retardierend, manchmal under cover, manchmal rückwärtsgewandt, manchmal auch dekonstruktiv, was aber häufig nur einen Aufschub zur Folge hatte, denn die politische Kultur einer demokratischen Massengesellschaft steht in einem direkten Wechselverhältnis zur Offenheit des sie begleitenden Wissenschaftssystems und der sie tragenden Persönlichkeiten. Deren Vielfalt und Wandel im Zeitraum zwischen 1930 und 1960 dokumentiert Gutberger in einem umfangreichen „Biographischen Anhang“ (S. 291-386) und in dem schon erwähnten Anhang über die von der RfR bewilligten Forschungsanträge, geordnet nach den beteiligten Disziplinen. Beides sind Zusammenstellungen, die nicht nur die umfassenden und intensiven Forschungsarbeiten Gutbergers belegen, sondern sie sind auch eine unschätzbare Dokumentation der „Zwischenzeit“ von 1930 bis 1960, deren Auswirkungen bis heute spürbar oder wichtig sind zum Verständnis unseres Landes, zur Erinnerung an Irrwege, gesellschaftliche wie persönliche, positive wie negative Beispiele, an die zu erinnern im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung wichtig ist.

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So sind abschließend die wichtige und intensive Forschungstätigkeit und ihre Zusammenstellung in den Publikationen Gutbergers zu würdigen. Sie sind sogar eher Kompendien denn Monographien, die die Vergangenheit und Gegenwart des Zusammenhangs von Raum und Gesellschaft und ihre analytische Durchdringung durch verschiedene wissenschaftliche Ansätze vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung – auch in ihren Irrwegen – darstellen. Sie sind breit angelegt, gehen in die Tiefe, glänzen mit Details aus archivarischer Tiefenbohrung und umfassender Kenntnis der einschlägigen Literatur. Sie sind anregend, aber auch geprägt von einer ,Umfassendheit’ und Überfülle, die vermutlich viele Leser, die nicht direkt auf diesen Feldern arbeiten, abschrecken dürfte, obwohl ihre wohltuende Objektivität wert wäre, stärker zur Kenntnis genommen zu werden. Führt er uns doch eine Zeit in Deutschland vor Augen, die positiv wie negativ prägend gewesen ist. Sie war für die beteiligten Wissenschaftler eine zentrale Zeit, prägte sie. Ihre analytischen Fähigkeiten wurden von ihnen engagiert oder distanziert, objektiv oder parteiisch, verantwortlich und/oder rücksichtslos eingesetzt – oder auch in einer persönlichen, häufig wirren Mischung, je nach ihrem Charakter. Sie zeigen einmal mehr, dass auch der Einsatz von wissenschaftlichen Kenntnissen dem „Paradigma“ des Einsatzes eines Hammers gleicht: Man kann damit einen Nagel einschlagen, aber auch einen Menschen töten. Und um noch einmal auf Adorno zurückzukommen. Sein Satz ist zwar lakonisch, apodiktisch, aber eben auch wahr. Er verlangt Einsicht und manchmal auch Opfer, vielleicht auch nur Charakter, nicht nur in schwerer Zeit. Ob und wie dies der „Forschung für Raumplanung und Raumordnungspolitik 1930-1960“, den daran beteiligten Personen in deren „beschädigten Leben“ gelang oder nicht gelang, dazu kann dieses Buch Aufschluss geben.

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