1. bookVolume 76 (2018): Issue 4 (August 2018)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Deppisch, Sonja (Hrsg.) (2017): Urban Regions Now & Tomorrow. Between vulnerability, resilience and transformation

Published Online: 31 Aug 2018
Volume & Issue: Volume 76 (2018) - Issue 4 (August 2018)
Page range: 363 - 365
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

In der Stadt- und Raumforschung hat der Begriff Resilienz – die Widerstandsfähigkeit, Fehlertoleranz oder Selbstregulation eines Systems – in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Insbesondere in Bezug auf den Klimawandel wird der Begriff genutzt, allerdings findet er auch in anderen Kontexten, z. B. im Risikomanagement oder in der Entwicklungszusammenarbeit, seine Verwendung (vgl. Meerow/Newell/Stults 2016). Für den hier vorliegenden Sammelband (in englischer Sprache), der in der Reihe „Studien zur Resilienzforschung“ des Springer-Verlags erschien und auf Beiträgen der 2014 in Hamburg durchgeführten Konferenz „Urban Regions under Change“ sowie ergänzenden Beiträgen beruht, wurde daher bewusst ein breiter Ansatz gewählt. So werden verschiedene Herausforderungen, vor denen Städte bzw. Stadtregionen stehen (Extremereignisse, Anpassung an den Klimawandel, Wiederaufbau nach Katastrophen oder Umbau der Energiesysteme), zum Anlass genommen, um über Veränderungsprozesse und deren Steuerbarkeit hin zu einer nachhaltigen Entwicklung nachzudenken. Dabei werden Verbindungen zwischen dem Begriff der Resilienz und den verwandten Konzepten Transformation, Transition und Vulnerabilität hergestellt.

Im Einführungsbeitrag der Herausgeberin Sonja Deppisch wird die Komplexität der Begriffe deutlich: Weder Resilienz noch Transformation, Transition oder Vulnerabilität sind klar definierte Konzepte, vielmehr gibt es viele verschiedene Begriffsverständnisse, die in Praxis und Forschung verwendet werden. An die Einführung schließen zehn inhaltliche Beiträge an, die sich der Thematik aus unterschiedlicher Perspektive annähern. Die Beiträge von Eleni Athnasiadou und Maria Tratsela sowie von Adriana Galderisi und Giada Limongi bewerten am Beispiel der Stadtregionen Thessaloniki bzw. Neapel die Nachhaltigkeit von Landnutzungsveränderungen und wenden hierfür „Remote sensing“-Methoden an, die unterschiedliche Datenquellen integrieren. Marta Olazabal entwickelt in ihrem Text mit dem Konzept der „Urban Resilient Sustainability Transition“ einen theoretischen Beitrag für das Verständnis von Nachhaltigkeitstransformationen in Städten. Dabei wird ein Ansatz gewählt, der sich auf „Transition Management“-Theorien (z. B. Loorbach 2007) stützt und gleichzeitig auf die Bedeutung des jeweiligen städtischen Kontextes hinweist. So wird ein deterministischer Ansatz vermieden und die Notwendigkeit verschiedener Transitionspfade anstatt eines allgemeingültigen Weges hin zu einer nachhaltigen Stadt betont.

Die Rolle der räumlichen Planung wird in den Beiträgen von Anna Widborg und Sonja Deppisch diskutiert. Widborg stellt dabei die Frage, inwieweit in aktuellen Planungsansätzen, die sich auf Resilienz und Anpassung beziehen, auch Aspekte des sozialen Wandels berücksichtigt werden. Sie zeigt auf, dass in der Stadtentwicklungspraxis Resilienz überwiegend auf Ökologie oder Klimawandel bezogen wird und die soziale Dimension wie beispielsweise die Frage „resilience for whom?“ selten beachtet wird. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Beitrag von Deppisch. Sie argumentiert, dass Resilienz das Potenzial hat, Aspekte wie Unsicherheit, dynamischen Wandel oder Komplexität stärker in aktuelle Planungsprozesse in Bezug auf Klimawandel zu verankern. Auch Gérard Hutters Beitrag befasst sich mit Planung und plädiert für den Einbezug von Überraschungen und unerwartbaren Ereignissen in die Stadtplanung. Empirisch wird am Beispiel von Dresden gezeigt, wie Planung mit Hochwasserereignissen und demographischen Schrumpfungsprozessen umgeht. Es zeigt sich, dass der Umgang mit Überraschungen und das Einstellen auf neue Situationen Teil des Planungsalltags ist, jedoch Handlungen, die einen vorausschauenden Umgang mit Überraschungen fördern, (noch) nicht. Am Beispiel des verheerenden Erdbebens in den Abruzzen von 2009 gehen Grazia Di Giovanni und Lorenzo Chelleri der Frage nach, ob beim Wiederaufbau nach einer Katastrophe gleichzeitig Impulse für eine nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung gesetzt werden können. Die Autoren unterscheiden zwischen konservativer (Wiederaufbau der bestehenden Strukturen) und transformativer (Wiederaufbau und Veränderung hin zu Nachhaltigkeit) Resilienz. Dabei wird deutlich, dass in einer von demographischer Schrumpfung betroffenen Region wie den Abruzzen die Umsetzung transformativer Resilienz durch eine Vielzahl an strukturellen Hindernissen erschwert wird.

Die drei Beiträge von Peter van Veelen sowie von Ernst Schäfer und Ulrich Scheele und Katharina Klindworth, Aleksandra Djurasovic, Jörg Knieling und Katja Säwert gehen empirisch der Frage nach, wie struktureller, transformativer Wandel als Antwort auf unterschiedliche Herausforderungen in urbanen Räumen realisiert werden kann. Dabei wird deutlich, dass der resiliente Umbau von urbanen Uferzonen in New York und Rotterdam momentan vor allem als strategischer Planungsprozess verstanden wird, in dem die chaotischen, fragmentierten und mit Unsicherheiten behafteten Prozesse der Stadterneuerung nicht ausreichend berücksichtigt werden (van Veelen). Optimistischer ist der sich auf das empirische Bespiel des grenzüberschreitenden Flusseinzugsmanagements der Ems beziehende Text von Schäfer und Scheele. Hier werden „living labs“ als Ansatz gesehen, wie „Bottom-up transition“-Prozesse angestoßen und implementiert werden können. Im abschließenden Beitrag (Klindworth/Djurasovic/Knieling/Säwert) wird am Beispiel der Energiewende in vier europäischen Städten untersucht, ob neue transformative Governance-Formen entstanden. Das Ergebnis macht deutlich, dass bestehende politische Prozesse durch neue partizipative Praktiken eher ergänzt denn ersetzt werden.

Eine wesentliche Erkenntnis des Buches ist, dass bislang kaum konkrete empirische Beispiele für transformativen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit und die Schaffung resilienter Strukturen existieren. Warum dies so ist und welche Herausforderungen für die Umsetzung transformativen Wandels existieren, wird in einigen der im Buch analysierten Städte konkret untersucht. Somit ist das Buch keine „Best-practice“-Sammlung erfolgreicher Fallbeispiele, sondern eine wichtige Momentaufnahme, wie Städte auf vielfältige Herausforderungen reagieren und versuchen, Prozesse des Wandels anzustoßen (und dabei oft auch scheitern). In diesem Sinne bietet das Buch erste Antworten auf die Frage, wie ein tiefgreifender Umbau von Städten und Stadtregionen hin zu mehr Nachhaltigkeit realisiert werden kann und vor allem, welche Hürden dabei existieren. Somit trägt das Buch zu einer realistischeren Einschätzung bei, wie die schillernden Begriffe Resilienz, Transformation oder Transition momentan in der Stadtentwicklungspraxis implementiert und in konkrete Planungsprozesse übertragen werden.

Die Vielfalt der Beiträge schränkt allerdings die Kohärenz des Bandes etwas ein. So gehen einige, allerdings nicht alle Beiträge der höchst relevanten Frage nach, wie in Stadtregionen (und nicht nur in Städten) Wandelprozesse hin zu mehr Nachhaltigkeit angestoßen und gesteuert werden können. Eine weitere Reflexion über die hierzu gewonnenen Erkenntnisse und die Möglichkeit, Resilienz und Transformationen auf stadtregionaler Ebene zu implementieren, wäre sicher lohnenswert. Auch stehen aufgrund fehlender Querbezüge zwischen den einzelnen Beiträgen bzw. fehlender Zwischenüberschriften im Inhaltsverzeichnis des Buches, die die jeweiligen Texte thematisch kontextualisieren, die einzelnen Kapitel doch etwas isoliert. Es wird dem Leser überlassen, die Verbindungen zwischen den Texten herzustellen.

Ungeachtet dieser wenigen Schwachstellen empfiehlt sich die Lektüre des Buches sowohl für eine wissenschaftliche als auch für eine stärker praxisorientierte Leserschaft. Für die künftige Diskussion zu den Themen Resilienz, Transformation und Vulnerabilität bilden die empirischen und auch die stärker konzeptionell verfassten Beiträge des Buches eine wichtige Basis. So kann beispielsweise aufbauend auf den Texten des Buches ein stärkerer Bezug zu den von den Vereinten Nationen 2015 verabschiedeten Sustainable Development Goals (UN 2015), hergestellt werden. Neben der Schaffung von resilienten Städten geht es bei den Sustainable Development Goals um eine generelle Transformation der Welt hin zu mehr Nachhaltigkeit. Wie die Diskussion um nachhaltige Städte hierzu beitragen kann und die auf urbaner Ebene gewonnenen Erkenntnisse auch anknüpfungsfähig an thematisch anders ausgerichtete Nachhaltigkeitsdiskurse sind, ist eine der drängenden Fragen, die die gesamtgesellschaftliche Relevanz von Stadtforschung verdeutlichen – und auf die es bislang viel zu wenige Antworten gibt.

Loorbach, D. (2007): Transition Management. New Mode of Governance for Sustainable Development. Rotterdam.LoorbachD.2007Transition Management. New Mode of Governance for Sustainable DevelopmentRotterdamSearch in Google Scholar

Meerow, S.; Newell, J. P.; Stults, M. (2016): Defining urban resilience: A review. In: Landscape and Urban Planning 147, 38-49. https://doi.org/10.1016/j.landurbplan.2015.11.01110.1016/j.landurbplan.2015.11.011MeerowS.NewellJ. P.StultsM.2016Defining urban resilience: A reviewLandscape and Urban Planning1473849https://doi.org/10.1016/j.landurbplan.2015.11.011Open DOISearch in Google Scholar

UN – United Nations (2015): Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development. New York.UN – United Nations2015Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable DevelopmentNew YorkSearch in Google Scholar

Recommended articles from Trend MD

Plan your remote conference with Sciendo