1. bookVolume 75 (2017): Issue 4 (August 2017)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Peripherisierung und Stadt. Städtische Planungspolitiken gegen den Abstieg

Published Online: 31 Aug 2017
Volume & Issue: Volume 75 (2017) - Issue 4 (August 2017)
Page range: 403 - 404
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License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
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German, English

Kühn, Manfred (2016): Peripherisierung und Stadt. Städtische Planungspolitiken gegen den Abstieg

Bielefeld: Transcript. = Reihe Urban Studies. 1 Abb., 9 Tab., 198 S.

Manfred Kühn legt mit seinem Buch „Peripherisierung und Stadt“ ein äußerst lesenswertes Einstiegswerk zum Thema Peripherisierung vor. Er komplettiert damit eine wissenschaftliche Diskussion, die Karl-Dieter Keim (2006) vor zehn Jahren mit seinem dynamischen Blick auf peripherisierte ländliche Räume gestartet hat, und entwickelt konsequent eine Perspektive auf benachteiligte Räume, die sich an den zugrunde liegenden Prozessen orientiert. Kühns Ausgangspunkt sind allerdings nicht periphere ländliche Räume, sondern schrumpfende Städte und die Debatte um deren Regenerierung. Gerade in diesem Themenbereich lassen sich Konzepte der Peripherisierung fruchtbar machen, die dazu geeignet sind, die Ursachen der Schrumpfung in einem weiteren Kontext zu sehen (vgl. Lang 2010). Im Ergebnis entsteht nicht nur eine neue Forschungsperspektive, sondern auch ein neuer, vielschichtiger Blick auf schrumpfende Städte sowohl in Deutschland als auch darüber hinaus. Man merkt der Arbeit deutlich und positiv an, dass sie sich aus den Ergebnissen zweier aufeinander aufbauender Forschungsprogramme am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) speist: Sie ist reich durchsetzt mit forschungspraktischen Fallbeispielen.

Im Gegensatz zur statischen, indikatorengestützten und oft rein territorialen Definition von Peripherie wird Peripherisierung prozessual verstanden als „sozialräumlicher Abstiegsprozess, der mit Bedeutungs- und Funktionsverlusten einhergeht“ (S. 14). Das Handeln der beteiligten Akteure (politische Entscheidungsträger genauso wie ,normale‘ Bewohner) steht im Blickwinkel dieser Perspektive, die aufgrund ihrer raum-zeitlichen Dynamik auch die Möglichkeit einer Revidierbarkeit der Peripherisierung mitdenkt.

Das Buch gliedert sich in drei Teile, die historisch und konzeptionell logisch aufeinander aufbauen. So werden im ersten Teil zunächst die Begriffe Peripherie, Zentrum und Metropole aus ihrer traditionellen Bedeutung heraus entwickelt und in ihrer Verwendung in der deutschen Raumordnung und Raumplanung kritisch hinterfragt. Besonders gelungen ist hier der Exkurs zur Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg, da er die Spannungen im Verhältnis der Metropole zum weiteren Umland sehr gut verdeutlicht. Aufbauend auf einer kompakten Darstellung theoretischer Anknüpfungspunkte in unterschiedlichen Disziplinen wird im zweiten Teil ein eigener Ansatz zur Untersuchung von Abstiegsprozessen von Städten entwickelt, der vier Perspektiven besonders betont: Abwanderung, Abkoppelung, Abhängigkeit und Stigmatisierung. Jede einzelne dieser Perspektiven wird anhand einer städtischen Fallstudie verdeutlicht (Detroit als Beispiel für massive Abwanderung, Pirmasens für Abkoppelung, Eschwege für Abhängigkeit und Sangerhausen für Stigmatisierung). Durch diese Fokussierung werden allerdings die Vielschichtigkeit, Mehrdimensionalität und Multiskalarität, die im Konzept der Peripherisierung angelegt sind, zugunsten der Reduktion von Komplexität ein wenig vernachlässigt. Außerdem will das Fallbeispiel Detroit nicht so recht zu den anderen Untersuchungsstädten passen – ein Kritikpunkt, den der Autor selbst anmerkt (S. 129).

Ausgehend von einer vergleichenden Analyse der Fallbeispiele, in welcher die Möglichkeiten und Grenzen der Stadtpolitik anschaulich herausgearbeitet werden, geht es in Teil 3 des Buches schließlich um konzeptionelle und praktische Perspektiven für Planung und Politik. Dieser dritte Teil soll wohl vor allem sensibilisieren und zu einem neuen Umgang mit räumlichen Niedergangsprozessen und ungleicher Raumentwicklung anregen. Zudem enthält er ein Kapitel, in dem anhand der „Community Power“-Debatte das Verhältnis von Peripherisierung, Macht und Ohnmacht diskutiert wird. Darauf baut das wohl spannendste Kapitel des Buches zur „Entperipherisierung“ auf (Kapitel 14), was allerdings sehr knapp ausfällt und so das Thema überwiegend weiteren Forschungen vorbehalten bleibt. In diesem Zusammenhang wäre es auch lohnend, sich auf die Suche nach positiven Aspekten von „Peripherie“ zu begeben und den diskursiven Aspekten zum gesellschaftlichen Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie noch weiter nachzuspüren. Die Entstehung von Peripherien lässt sich ohne die Entstehung von Zentren kaum erklären. Prozesse der Peripherisierung sind demnach auch immer in den Kontext von gegenläufigen Prozessen der Zentralisierung einzuordnen. Der Umgang mit räumlichen Disparitäten und die Bewahrung gleichwertiger Lebensverhältnisse bleibt somit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und ist abhängig von dominanten Zielvorstellungen sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung. Derzeit ziehen vor allem die großen Agglomerationen in Deutschland und weltweit alle Aufmerksamkeit auf sich; ein gutes und erfolgreiches Leben – so scheint es – ist insbesondere in den großen Städten zu führen. Dementsprechend werden auch in der Forschung Konzepte der Metropolisierung (Leber/Kunzmann 2006; Morgan 2014) und der Reurbanisierung (Brake/Herfert 2012) verstärkt diskutiert. Manfred Kühn lenkt den Fokus daher zu Recht auf die Verlierer dieser aktuellen Entwicklung.

Insgesamt betrachtet ist „Peripherisierung und Stadt“ ein sehr angenehm und leicht zu lesendes Werk, das vor allem Studierenden in Planung, Geographie, Stadtsoziologie und Politikwissenschaft einen guten Einstieg ins Thema ermöglicht. Die kompakte Struktur und der teils essayistische Stil bringen es mit sich, dass einzelne Aspekte etwas kurz kommen – so zum Beispiel die Rolle des Nationalstaats sowie eine Einordnung in gesamtgesellschaftliche Diskurse und Trends, deren Einfluss auf die Raumentwicklung nicht zu unterschätzen ist. Am Ende bleibt der Leser mit gemischten Gefühlen zurück. Nach eingehender Lektüre der Fallstudien verstärkt sich der Eindruck, dass die Stabilisierung oder Regenerierung peripherisierter Städte und Regionen eine Generationenaufgabe darstellt und kurzfristige Erfolge kaum zu erreichen sind. Andererseits lässt Kühn die Möglichkeiten einer „Entperipherisierung“ immer wieder durchscheinen – durch seinen konzeptionellen Ansatz genauso wie durch positive Beispiele aus den untersuchten Städten.

Brake, K.; Herfert, G. (Hrsg.) (2012): Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland. Wiesbaden.BrakeKHerfertG.2012Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in DeutschlandWiesbaden10.1007/978-3-531-94211-7Search in Google Scholar

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