1. bookVolume 75 (2017): Issue 2 (April 2017)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Blatter, Joachim; Haverland, Markus (2014): Designing Case Studies: Explanatory Approaches in Small-N Research

Published Online: 30 Apr 2017
Volume & Issue: Volume 75 (2017) - Issue 2 (April 2017)
Page range: 193 - 195
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Blatter, Joachim; Haverland, Markus (2014): Designing Case Studies: Explanatory Approaches in Small-N Research

Basingstoke: Palgrave Macmillan. Paperback Edition (first published in 2012). 17 Tab., 6 Abb., 263 S.

Fallstudienanalysen sind aus der raumwissenschaftlichen Forschung nicht wegzudenken. Joachim Blatter und Markus Haverland haben vor nicht allzu langer Zeit ein wegweisendes Buch vorgelegt, das eine Lücke in der sozialwissenschaftlichen Methodenliteratur zu empirischen Fallstudien füllt. Es sei jedem zur Lektüre empfohlen, der eine erklärende Fallstudie durchführen möchte.

Mit der zunehmenden Orientierung an Veröffentlichungen in hochwertigen internationalen Fachzeitschriften steigen neben den Anforderungen an die wissenschaftstheoretischen Grundlagen auch die Erwartungen an die Methodologie. Im Bereich der Fallstudienuntersuchungen gibt es einige Werke, die sehr gute Hilfe bieten (z. B. Yin 2014). In der Regel bleibt jedoch der kritischste Punkt, nämlich das Design von Fallstudien, unterbelichtet oder widersprüchlich. Hier bringen Blatter und Haverland Systematik und Tiefgründigkeit in die weitgefächerte Diskussion. Im Zentrum ihres Buches steht die Frage, wie Phänomene mit Fallstudien möglichst überzeugend erklärt werden können. Oder anders gewendet: Die Autoren bieten Antworten auf die Frage, wie eine Fallstudie anzulegen ist, damit am Ende aus dem empirischen Material konsequent relevante, erklärende Schlüsse gezogen werden können.

Die beiden Autoren sind Politikwissenschaftler und behandeln leider keine typischen raumwissenschaftlichen Fragestellungen. Die vielfältigen Beispiele von Studien, die sie geben, beziehen sich etwa auf anti-nuclear movements, soziale Revolutionen und die Übernahme der EU-Gesetzgebung durch neue Mitgliedstaaten. Da aber Raumplanung und räumliche Steuerung eine politische Dimension besitzen, ist die Übertragbarkeit der Erkenntnisse durchaus gegeben. Hier sei erwähnt, dass Joachim Blatter auch zur Governance von Metropolregionen geforscht hat.

Umgekehrt spielen Fallstudien in der eher von der Geographie geprägten raumwissenschaftlich ausgerichteten Methodenliteratur nur eine untergeordnete Rolle (z. B. bei Mattissek/Pfaffenbach/Reuber 2013 und Farthing 2016). Zu erwähnen ist hier der einschlägige und immer noch lesenswerte Aufsatz von Leimbrock (1995) zu Fallstudien in der Stadtforschung, der jedoch von der Systematik des hier vorzustellenden Bandes abweicht.

Wie die Autoren selbst hervorheben, ist der entscheidende Punkt ihres Buches, dass sie drei grundlegend verschiedene Ansätze bei Fallstudien unterscheiden: die co-variational analysis, das causal-process tracing und die congruence analysis. Die völlig unterschiedliche Logik der Ansätze hat entscheidende Konsequenzen für die konsistente Behandlung von vier Aspekten, die Forschern oft Kopfzerbrechen bereiten: die Formulierung von Forschungszielen und Fragen, die Fall- und Theorieauswahl, die Datengewinnung und Datenanalyse sowie die Generalisierung der Ergebnisse.

Vor der ausführlichen Darstellung der drei Ansätze und ihrer Konsequenzen bietet das Buch zunächst Ausführungen zur Stellung und Notwendigkeit von Fallstudien in den Sozialwissenschaften und zur Rolle unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer Paradigmen (Ontologie und Epistemologie), wobei unterschiedliche Affinitäten der drei Ansätze zu bestimmten Paradigmen aufgezeigt werden. Fallstudien werden anhand der folgenden Charakteristika definiert:

kleine Zahl an Fällen,

große Zahl an empirischen Beobachtungen per Fall,

große Diversität an empirischen Beobachtungen per Fall und

intensive Reflexion des Verhältnisses zwischen konkreten empirischen Beobachtungen und abstrakten theoretischen Konzepten (S. 19).

Dadurch eignen sich Fallstudien insbesondere für neue, komplexe oder abstrakte Phänomene. Ein sehr guter Überblick über das Buch schließt den ersten Teil ab.

Es ist didaktisch geschickt, dass sich der zweite Teil des Buches der ausführlichen Beschreibung der co-variational analysis widmet. Sie orientiert sich nämlich an der Logik der oft dominierenden Forschung, die mit großen Fallzahlen arbeitet (large N) und bei der die Schlüsse zur Kausalität bzw. Korrelation von Faktoren mit Hilfe statistischer Verfahren gezogen werden. Im Bereich der Fallstudien verzichtet man auf die große Zahl von Fällen zugunsten einer vertieften Untersuchung einer geringen Anzahl von Fällen (small N). Dabei gehen zwar die Möglichkeiten der mathematisch-statistischen Analyse verloren. Aber die Variablen lassen sich intensiver untersuchen, und der Effekt einer bestimmten unabhängigen Variablen (z. B. einer politischen/ planerischen Maßnahme) lässt sich immer noch etwa dann zeigen, wenn bei mehreren Fallbeispielen unter sonst möglichst gleichen Gegebenheiten (Kontrollvariablen) die Ausprägung der betrachteten unabhängigen Variablen mit der Ausprägung der abhängigen Variablen (z. B. der erwünschte Effekt) ,korreliert‘. Dieser auf einzelne Faktoren zielende Ansatz hat eine Affinität zum Kritischen Rationalismus. Es geht um eine ansatzweise statistische Generalisierung auf solche Fälle, bei denen ähnliche Gegebenheiten bei den Kontrollvariablen vorliegen.

Beim causal-process tracing, das im dritten Teil dargestellt wird und dem Kritischen Realismus nahesteht, kommt eine völlig andere Logik zur Anwendung. Es geht nicht um das Schließen von einer Mehrzahl von Fällen auf die Relevanz eines Faktors, sondern um die umfassende Erklärung eines bestimmten interessanten ,positiven‘ Ergebnisses aus einer Vielzahl von Faktoren. Die Prozesse werden genau nachgezeichnet und Kausalitäten etwa durch comprehensive storylines, smoking gun observations oder confessions aufgezeigt. Man schließt nur innerhalb eines Falles von den Faktoren auf das Ergebnis und kann im Prinzip mit nur einem interessanten Fall auskommen. Auch wenn man mehrere Fälle untersucht: Es wird nur angestrebt, Ursachen-Konfigurationen aufzuzeigen, die ein bestimmtes Ergebnis möglich machen. Damit steht eine possibilistic generalization im Vordergrund.

Wenn auch die ersten beiden Ansätze aus Sicht des Rezensenten höchst theorierelevant sind, sehen Blatter und Haverland das Prüfen von komplexeren Theorien (world views) als eine Aufgabe der congruence analysis (vierter Teil). Hier wird anhand von Fallstudien untersucht, welche konkurrierenden Theorien empirische Phänomene am besten erklären, wobei eine sehr bewusste Auswahl von Theorien erforderlich ist. Es besteht eine Affinität zur Kritischen Theorie. Die Schlussfolgerungen zur Erklärungskraft unterschiedlicher Theorien ergeben sich aus der Zusammenstellung der Bestätigungen und Widersprüche für jede Theorie. Dies geht nur auf der Basis des Vergleichs mit den Erwartungen, die sich aus den Theorien ableiten lassen (Thesen, Hypothesen, Vorhersagen). Hier handelt es sich um eine theoretische Generalisierung.

Der letzte Teil des Buches widmet sich umfassend der möglichen Kombination der drei Ansätze. So kann etwa das Ergebnis einer co-variational analysis untermauert werden, indem sie durch ein causal-process tracing ergänzt wird. Empfohlen wird allerdings, dies in separaten, aufeinander folgenden Studien zu tun.

Der Rezensent glaubt nicht, dass mit dem von Blatter und Haverland vorgelegten Buch die Diskussion um die Methodologie von Fallstudien abgeschlossen ist. Es gibt Punkte, bei denen man einhaken möchte, wie etwa bei der Vorstellung, dass es überwiegend die congruence analysis ist, die einen starken Theoriebezug hat. Diskussionswürdig ist sicher auch die Einordnung des Buches durch die beiden Autoren in den pragmatischen und pluralistischen epistemological middle-ground und die Ablehnung aller fundamentalist epistemologischen Positionen auf positivistischer und konstruktivistischer Seite. Nicht alle Forscherinnen und Forscher können sich den Auffassungen anschließen, dass es möglich ist, im Rahmen von Fallstudien Aspekte verschiedener Paradigmen zu kombinieren, oder dass es sich bei ,erklären‘ und ,verstehen‘ letztlich um dieselbe Sache handelt. Es ist nicht Ziel von Blatter und Haverland, über Fallstudien zu schreiben, die nicht auf Erklärung ausgerichtet sind; dennoch wäre eine Abgrenzung gegenüber solchen Ansätzen hilfreich.

Auch wenn das anspruchsvolle Buch die Lektüre anderer Literatur zu Fallstudien nicht erübrigt, ist es insgesamt höchst lesenswert und inspirierend. Es zeigt anschaulich, welche Rolle das Forschungsdesign für die Überzeugungskraft und die Untermauerung von Aussagen einer Fallstudie spielt. Es setzt Maßstäbe für die mögliche Stringenz der Argumentation. Wer dieses Buch gelesen hat, geht (noch) bewusster und fundierter an die Fallstudienforschung heran, auch wenn im konkreten Fallstudiendesign von den präsentierten Idealen abgewichen wird. Die Methodologie, auch im Zusammenhang mit der vermehrten Nutzung unterschiedlichster wissenschaftstheoretischer Positionen (z. B. Kritischer Rationalismus, Konstruktivismus und Kritischer Realismus), entwickelt sich dynamisch im internationalen, aber zunehmend auch im deutschen Sprachraum. Der Rezensent würde sich eine stärkere explizite Auseinandersetzung mit diesen oft auseinander laufenden Entwicklungen in der deutschen raumwissenschaftlichen Diskussion wünschen.

Farthing, S. (2016): Research design in urban planning. A student’s guide. Los Angeles.FarthingS.2016Research design in urban planning. A student’s guideLos Angeles10.4135/9781473921375Search in Google Scholar

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Mattissek, A.; Pfaffenbach, C.; Reuber, P. (2013): Methoden der empirischen Humangeographie. Braunschweig.MattissekA.PfaffenbachC.ReuberP.2013Methoden der empirischen HumangeographieBraunschweigSearch in Google Scholar

Yin, R. K. (2014): Case study research. Design and methods. Los Angeles.YinR. K.2014Case study research. Design and methodsLos AngelesSearch in Google Scholar

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