1. bookVolume 74 (2016): Issue 6 (December 2016)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Parks of the Future. Protected Areas in Europe Challenging Regional and Global Change

Published Online: 31 Dec 2016
Volume & Issue: Volume 74 (2016) - Issue 6 (December 2016)
Page range: 585 - 587
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Hammer, Thomas; Mose, Ingo; Siegrist, Dominik; Weixlbaumer, Norbert (Hrsg.) (2016): Parks of the Future. Protected Areas in Europe Challenging Regional and Global Change

München: Oekom-Verlag, 280 Seiten

Maßgebliche Intention des vorliegenden Werkes ist es, eine neue Sicht auf die Rolle europäischer Großschutzgebiete anzuregen und sie künftig nicht alleine als Flächenschutzkategorie, sondern, in Zeiten einer sich schnell wandelnden Welt, auch als Instrumente einer nachhaltigen Regionalentwicklung insbesondere für die ländliche Peripherie zu betrachten. Der 280 Druckseiten starke Sammelband besteht aus zwei Vorwörtern und 22 Einzelbeiträgen. Von den Letztgenannten stammen zwei aus den Federn der Herausgeber und sind einerseits als einführender Problemaufriss und andererseits als am Schluss des Werks stehende Synopse gedacht. Die einzelnen Aufsätze sind im Buch drei Sektionen A bis C zugeordnet.

In Sektion A geht es allgemein um den globalen Wandel und seine negativen Auswirkungen vorwiegend auf regionaler Maßstabsebene. Die sich von Seiten der Großschutzgebietsverwaltungen darauf beziehenden strategischen Lösungsansätze und die damit einhergehenden Erfahrungen, beispielsweise in den Bereichen Regionalplanung und Regional Governance, werden dazu sachkundig diskutiert. Die Artikel in der zweiten Sektion (B) stellen einzelne interessante Fallstudien vor, die von Deutschland über Spanien bis Aserbeidschan reichen, und Good-practice-Beispiele verkörpern, die zeigen, wie von Seiten der Großschutzgebietsverwaltungen ganz konkret, das heißt auch im operativen Tagesgeschäft, umgegangen wird mit den Herausforderungen des globalen Wandels. Schließlich beinhaltet die letzte Sektion (C) neben der erwähnten Synopse vier ausführliche Beiträge von erfahrenen Großschutzgebietsexperten aus Wissenschaft und Praxis (unter anderem auch der quasi als Dachverbände fungierenden UN World Commission on Protected Areas und der EUROPARC Federation). Sie sind als kommentierende Beiträge deshalb besonders wertvoll, da sie zum einen die Buchartikel kritisch begutachten und zum anderen Desiderata benennen betreffend künftiger Forschungsarbeiten im Kontext des Großschutzgebietsmanagements.

Im Jahr 2014 waren in Europa (den EU-Mitgliedstaaten sowie Albanien, Bosnien-Herzegowina, Island, Kosovo, Liechtenstein, Norwegen, Schweiz, Mazedonien und Türkei) 96.500 km2auf nationalstaatlicher Ebene ausgewiesene Schutzgebiete gelistet, die etwa 21% der Fläche (ohne Watten-/Meeresgebiete) abdeckten. Erwartungsgemäß sind 56% davon klassifiziert als International Union for Conservation of Nature (IUCN) V-Kategorie „Protected Landscape“ und nur 17% zählen zur strenger geschützten „Nationalpark“-IUCN II-Kategorie. Interessanterweise sind über vier Fünftel der europäischen Schutzgebiete erst nach 1980 ausgewiesen worden (S. 17 f.). Damit wird einem globalen Trend gefolgt, wobei Quantität nicht immer mit Qualität einhergeht; auch für Europa gilt das, wo manche Großschutzgebiete als sogenannte Paper Parks eher auf dem Papier existieren als in realitas zum Erhalt unseres Naturerbes beizutragen versuchen.

Die Zahl von über 80% sehr junger Großschutzgebiete innerhalb Europas unterstreicht gewissermaßen die Notwendigkeit des vorliegenden Buches. Sie spricht auch für den treffend gewählten Titel und die darin aufgeworfene Frage, wie es mit dem Flächennaturschutz angesichts der einerseits stattfindenden Kommodifizierung von ,Wildnis‘ oder andererseits Folklorisierung von Kulturlandschaften in einer neoliberalen Welt weitergeht. Dabei liegen den Herausgebern, allesamt in Forschung und Lehre arrivierte Geographen und sich seit Jahrzehnten kompetent mit Großschutzgebieten aus sozioökonomischer Perspektive befassend, mit ihrem Opus vier Zielsetzungen am Herzen:

herauszufinden, inwiefern Großschutzgebiete vom globalen Wandel betroffen sind und wie die Schutzgebietsverwaltungen damit umgehen;

Erfahrungen im Großschutzgebietsmanagement zu präsentieren sowie die Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit – besonders – den negativen Aspekten des globalen Wandels aufzuzeigen;

Good-practice-Beispiele zur Nachahmung vorzustellen – und das mit einem tatsächlich sehr breiten räumlichen Spektrum innerhalb des europäischen Kontinents (immerhin zehn Länder werden abgedeckt);

und zu guter Letzt das Hauptanliegen, einen Beitrag zur Diskussion um nachhaltige (Regional-)Entwicklung im Großschutzgebietskontext zu leisten; denn das Herausgebergremium (das sich unter dem Akronym „NeReGro – Neue Regionalentwicklung in Großschutzgebieten“ – zusammengefunden hat) besitzt dahingehend aus anthropogeographischer Perspektive immense Erfahrung, besonders im Alpenraum.

Letzteres betreffend gibt es einen nahtlosen Übergang zur zentralen Feststellung und Ausgangshypothese der Schrift. Sie sieht Großschutzgebiete als „multifunktionale Landschaften“, als „real world laboratories“ an (S. 9), wo in Pilotregionen ausgetestet, ja experimentiert werden kann, wie Transformationen von Natur, Landschaft und Gesellschaft als Prozesse möglichst vorteilhaft zu managen sind. Es geht bei diesen Transformationen um Bedrohungen durch den Klimawandel, um die neue Raumfunktion Energielandschaft mit ihren Pros und Contras, um den weiterhin voranschreitenden Verlust an biologischer Vielfalt, den stärkeren Nutzungsdruck durch Bevölkerungswachstum und veränderte, mehr Ressourcen verbrauchende Konsummuster, eine Intensivierung der Agrar- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei, wachsende Verkehrsströme und steigende Tourismuszahlen, um Bodendegradation und Zersiedelung (urban sprawl), der in Teilen die Großschutzgebiete betrifft. Diese auch als Megatrends bezeichneten Prozesse sind komplex, vielfältig miteinander verwoben und in ihren Auswirkungen nicht immer klar abzuschätzen. Zumal es teilweise auch gegenläufige Entwicklungen gibt, wo in Großschutzgebieten der strukturschwachen ländlichen Peripherie der demographische Wandel für natürliche Bevölkerungsverluste sorgt oder junge Menschen mangels beruflicher Karriereperspektiven abwandern sowie halboffene Landschaften sukzessive zuwachsen, weil die Betriebsnachfolge offenbleibt und der landwirtschaftliche Strukturwandel verstärkt wird. Diese Gesichtspunkte werden von den Autoren des Sammelbandes vor dem Hintergrund des auf S. 17 postulierten Paradigmenwechsels in der Schutzgebietspolitik auf internationaler Ebene thematisiert: „... from a segregated approach to conservation (protected areas serve primarily to preserve natural biodiversity) to an integrated understanding of conservation (protected areas serve to preserve naturally and culturally determined biodiversity within the context of local development)“.

Gehen wir kurz zurück in die Schutzgebietsgeschichte. Der vorgenannte Paradigmenwechsel im globalen Gebietsschutz lässt sich an zwei Ereignissen festmachen: zum ersten 1992, als der „Caracas Action Plan“ verabschiedet wurde und unter dem Titel „Parks for Life“ den Indigenen mehr Rechte zugesprochen und traditionelle Landnutzungspraktiken zugelassen wurden; zum zweiten 2000, als das „United Nation Environment Programme“ (UNEP) in ihrer „United Nations Declaration“ festgelegt hat, dass Schutzgebiete künftig auch dazu dienen sollen, wirtschaftliche Entwicklung zu befördern, um damit Armutsreduzierung zu betreiben. Übertragen auf europäische Verhältnisse heißt das, dass die Prädikatisierung der Großschutzgebiete als Nationalparks oder Naturparks usw. nunmehr strukturpolitisch als (weiche) Standortfaktoren für eine (Natur-)Tourismus- und somit regionalökonomische Entwicklung anzusehen wäre (vgl. Job/Metzler 2005). Zudem wurde der Charakter der Parks als identitätstiftende Maßnahme im Hinblick auf die Heimat der lokalen Bevölkerung im Sinne des place making bzw. des landschaftsbezogenen branding durch staatlich sanktionierte Naturschutzlabel immer prominenter.

Die somit propagierte Win-win-Situation ist verlockend, wenngleich sich die Frage stellt, ob nicht negative Externalitäten die Konsequenz sind, wenn die Erhaltung der biologischen Vielfalt und das Wohlergeben der Menschen im Sinne des Erreichens eines höheren Lebensstandards miteinander kombiniert werden. In der wissenschaftlichen Schutzgebiets-Literatur gibt es dazu widerstreitende Meinungen. Im hier besprochenen Buch werden sie im empirischen Hauptteil kaum beachtet, allerdings in Sektion C von den selbstkritischen Kommentatoren Scheurer, Lang oder Hamilton durchaus als Problem gesehen.

Für die Situation in Deutschland gibt Scherfose auf S. 191 ff. diesbezüglich einen absolut profunden Einblick in die momentane Lage der Dinge, der leider eher ernüchternd ausfällt. Denn erstens sind es insgesamt gerade einmal 14% der Fläche der 136 deutschen Großschutzgebiete, die einem wirklich strengeren Schutz unterliegen, der zum Erhalt und zur Entwicklung der Biodiversität beiträgt. Noch schlechter sieht es bei den Waldflächen aus, wo über 140-jährige Bestände einen Anteil von etwa 7,5% einnehmen und die davon unter dauerhafter Hiebsruhe stehenden Wälder es deutschlandweit ungefähr auf nur 1,9% bringen. Daraus folgt unter anderem, dass bspw. am Totholzvorkommen gebundene hoch spezialisierte sogenannte Xylobionten (holzbewohnende Tiere wie der Juchtenkäfer oder Pilze wie etwa der Igel-Stachelbart) nicht einmal ansatzweise genügend Lebensraum zur Verfügung haben.

Glücklicherweise ist dieses Buch geschrieben worden. Warum? Weil es gekonnt darlegt, dass Großschutzgebiete und deren Parkmanagement immer noch sehr inselhaft funktionieren und dass Veränderungen, seien sie regional, national oder global – jedenfalls häufig außerhalb der administrativen Reichweite und Kontrolle der Schutzgebietsverwaltungen gelegen –, die Requisiten der Naturschutzflächen und damit auch ihr Arteninventar direkt oder indirekt massiv beeinflussen. Und Termini wie „adaptives Management auf übergeordneter geographischer Ebene“ (S. 267) oder Multilevel Governance zu formulieren, ist eine Sache, sie auf den verantworteten Flächen und in deren Umgebung (wegen der Pufferwirkung) in die Realität umzusetzen, ist eine andere: aufwendig, langwierig, echte Knochenarbeit. Man denke nur an die sehr limitierten Kapazitäten (was freilich auch der Ressourcenausstattung geschuldet ist) von vielen deutschen Naturparken oder einigen Biosphärenreservaten, was den in ihren Beritten ablaufenden stärkeren Naturkonsum und Kulturlandschaftswandel durch einen immer industrielleren Ackerbau (z. B. Vermaisung der Landschaft wegen der geförderten Biogasanlagen) anbetrifft.

Das Opus zeigt auf, dass noch erhebliche Wissenslücken bestehen in diesem relativ jungen wissenschaftlichen Themenfeld des Parkmanagements, gerade aus sozioökonomischer Warte. Bei Lichte betrachtet fehlt auch noch eine solide Theoriebasis für diese Art von Forschungsfragen oder zumindest ein explizites Modell, welches das der Biosphärenreservate – nach der 1996 formulierten Sevilla-Strategie und deren jüngster Aktualisierung von Lima (UNESCO 2015) spezifiziert und erweitert. Auch Runtes betagte, weil schon 1977, also längst vor dem weltweiten Boom an Großschutzgebieten, sehr geodeterministisch daherkommende worthless land theory wird im Kontext des Buches nicht zu falsifizieren versucht. Die beiden zuletzt genannten Aspekte hätte man beispielsweise auf die brandaktuelle Debatte europäischer Wildnisgebiete oder den Fakt absolut fehlender Management-Kapazitäten bei dem EU-weiten Natura-2000-Netz übertragen können.

Nichtsdestotrotz: „Parks of the Future“ ist ein Buch, das von allen an Schutzgebieten und ihrem Management Interessierten unbedingt gelesen werden sollte. Nicht nur Sozial-, auch Naturwissenschaftler, die in den Großschutzgebieten etwa zu Fragen des Bio-Monitorings arbeiten, können davon profitieren. Und Lehrende wie Studierende in der Geographie sowie deren Nachbardisziplinen mit ihren artverwandten Masterstudiengängen können es freilich ebenfalls. Der Sammelband bringt viel Neues, ist sehr solide recherchiert und an vielen Stellen selbstkritisch reflektierend in der Debatte um Forschungsresultate. Er ist darüber hinaus professionell aufgemacht und bestens illustriert, basiert auf einer breiten, gut rezipierten Literaturbasis und verschafft mit der weiten geographischen Abdeckung auch Einblicke in Regionen, von denen man eher wenig weiß, was dieses Thema angeht.

Job, H.; Metzler, D. (2005): Regionalökonomische Effekte von Großschutzgebieten. In: Natur und Landschaft 80, 11, 465–471.JobH.MetzlerD.2005Regionalökonomische Effekte von GroßschutzgebietenNatur und Landschaft8011465471Search in Google Scholar

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