1. bookVolume 75 (2017): Issue 2 (April 2017)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Theorie der Stadt in der Moderne. Kreative Verdichtung

Published Online: 30 Apr 2017
Volume & Issue: Volume 75 (2017) - Issue 2 (April 2017)
Page range: 187 - 189
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License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Prell, Uwe (2016): Theorie der Stadt in der Moderne. Kreative Verdichtung

Opladen: Verlag Barbara Budrich, 297 S.

Uwe Prell sucht eine Antwort auf die alte Frage, was denn eine Stadt sei. Seine Suche soll ein „holistischer“ Ansatz sein, „der die ganze Stadt in den Fokus nimmt und der nicht substanzlos ist“ (S. 21) und der hilft, „Städte besser zu verstehen – und zwar sowohl die Stadt im Allgemeinen als auch konkrete Städte sowie die Beziehungen zwischen ihnen“ (S. 21). Seine Antwort auf dieses hochgespannte Erkenntnisinteresse lautet: Stadt ist „Kreative Verdichtung“.

In Kapitel I werden in äußerst knapper Form Wissensformen, Theorietypen, Begriffe wie Kausalität und wissenschaftstheoretische Positionen abgehandelt. Daraus entwickelt Prell ein „dynamisches Erklärungsmodell“, das vier Faktoren umfasst: „Akteure, Strukturen, Prozesse und Rückwirkungen“ (S. 33). Anhand dieser Faktoren und seines zentralen Begriffs „Kreative Verdichtung“ werden in Kapitel II 17 wissenschaftliche Disziplinen von der Altertumswissenschaft über die Philosophie bis zur Raumplanung auf ihr Verständnis von Stadt befragt. Dazu zieht er Handbücher, Lexika, Onlineenzyklopädien und Wörterbücher (230 an der Zahl) ebenso heran wie Antworten einschlägiger Institute wie dem Deutschen Institut für Urbanistik auf entsprechende Anfragen, Lehrpläne, Publikationen etc.

Jede Disziplin wird gelobt. „Soziologie und Stadtsoziologie haben sich von allen Disziplinen am gründlichsten mit dem Stadtbegriff auseinandergesetzt“ (S. 53); die Stadtgeschichtsforschung bietet „die beste Abhandlung zum Stadtbegriff, die ich [...] gefunden habe“ (S. 80), ebenso Schmoller: „eine der bis dahin umfassendsten Stadtdefinitionen“ (S. 81). Trotzdem befriedigen diese Antworten den Autor nicht, denn „einheitliche Aussagen zu Akteuren, Strukturen, Prozessen und Rückwirkungen sowie zu Dichte und Kreativität finden sich in der Geschichtswissenschaft nicht“ (S. 82). Und ähnlich ergeht es allen von ihm befragten Disziplinen. Die Rechtswissenschaft habe „einen enormen und relevanten Fundus an Spezialwissen und Erkenntnissen“ erarbeitet, aber „zu den Begriffen Kreativität und Verdichtung habe ich in der Fachliteratur keine spezifischen Auffassungen gefunden“ (S. 75). In der Politikwissenschaft werden kommunalpolitische Fragestellungen „kontinuierlich, kompetent und umfassend“ reflektiert (S. 93), aber „Dichte und Kreativität sind keine Termini, die in diesem Fach eine besondere Rolle spielen“ (S. 103). Als Ergebnis seiner Durchsicht konstatiert Prell einen Konsens „über zwei Merkmale der Stadt [...]: a) Größe sowie – synonym verwendet – Dichte und b) Vielfalt“ (S. 104).

In Kapitel III werden acht Autoren genauer referiert: Aristoteles, Sombart, Weber, Wirth, Friedrichs, Sassen sowie Amin/Graham. Auch hier spart Prell nicht mit Lob. Zu Sassen: „die Konstruktion des Begriffs Global City [ist] eine der innovativsten und einflussreichsten wissenschaftlichen Leistungen der letzten Jahrzehnte“ (S. 126 f.). Zu Amin/Graham: „Zusammengefasst ist dies die modernste Stadtdefinition, die ich bei meinen Recherchen gefunden habe“ (S. 131). Trotzdem sieht Prell nur einen enttäuschenden „Minimalkonsens“ hinsichtlich der Merkmale Größe/ Dichte und Vielfalt. Auch die Diskussion dieser Autoren „ermöglicht keine Aussage darüber, was Stadt letztlich ausmacht“ (S. 132). Nun haben weder Weber noch Sassen diesen Anspruch. Sassen (1997) definiert nicht allgemein Stadt, sondern einen sehr spezifischen Typus, die Global City, der die Städtehierarchie um eine weitere Stufe ergänzt. Ebenso wenig thematisiert Prell die spezifische Fragestellung, mit der Weber (2000) die Stadt untersucht, nämlich die Frage nach Erklärungen für den Sonderweg Europas. Hierfür konstruiert Weber den nur für das Europa des Mittelalters gültigen Idealtypus der europäischen Stadt, den er neben der protestantischen Ethik als die zweite Erklärung dafür anführt, dass sich in Europa und nur dort Kapitalismus und rationale Verwaltung herausgebildet haben. Prell übersieht, dass jeder Autor und jede Fachdisziplin ihren Gegenstand unter spezifischen Erkenntnisinteressen und Fragestellungen konstruiert, weshalb die Frage nach dem Gemeinsamen von Archäologie, Soziologie, Philosophie, Aristoteles, Sombart und anderen nur zu inhaltsleeren Formeln führen kann.

In einem dritten Anlauf (Kapitel IV) analysiert Prell den Bedeutungshorizont des jeweiligen Worts für Stadt in drei toten und zwölf lebenden Sprachen. Er findet vier Bedeutungen, in denen die untersuchten Sprachen übereinstimmen: Verdichtung, Vielfalt, Einheit und Struktur. Und so kommt er zu dem Schluss: „Der Hauptmangel dieser Betrachtung besteht in seiner (sic) zu großen Formalität. [...] Siedlungen, auf die die Kriterien Größe und Dichte, Vielfalt und Heterogenität, Einheit und Struktur zutreffen, müssen nicht zwingend Städte sein. [...] Das Spezifische der Stadt wird noch nicht kenntlich“ (S. 141). Es gebe aber eine Reihe von Bedeutungen, die sprachspezifisch seien. Diese seien „als Antworten auf spezifische Herausforderungen und Entwicklungen zu verstehen. Ich fasse sie unter dem Begriff Kreativität zusammen“ (S. 141).

In Kapitel V versucht Prell eine Klärung der Begriffe, die nach seiner Auffassung die Essenz des Stadtbegriffs ausmachen. Es handele sich dabei um „eine eigenwillige Kombination von Begriffen, die völlig unterschiedliche Bedeutungen haben und die verschiedene Disziplinen in vielfältiger Weise verstehen und nutzen“ (S. 143). Damit formuliert er selber das entscheidende Problem seines Ansatzes. Er löst es mit starken Entschlüssen: „Da für das hier interessierende Thema eine universale, alle möglichen Disziplinen berücksichtigende Verhaltenstheorie schon aufgrund der Vielzahl der Einflussfaktoren nicht zu bewältigen ist – und vielleicht auch nicht alles erklärt werden muss und kann –, ist es sinnvoll, sich auf eine Handlungstheorie zu konzentrieren. [...] Deshalb verwende ich den Begriff Kreativität“ (S. 182).

Ein Beispiel für diese gewaltsame Reduktion von Komplexität ist seine Behandlung des Begriffs Dichte. Er beginnt mit Durkheims Unterscheidung von baulicher und Einwohnerdichte einerseits, moralischer und sozialer Dichte andererseits (S. 150). Aber Sinn und Zweck dieser Differenzierung werden von Prell nicht diskutiert, er dekretiert: „Dichte beschreibt die Relation Menschen pro Fläche“ (S. 151). Er kommt zwar noch einmal auf Durkheims zentrales Postulat zu sprechen, Soziales nur durch Soziales zu erklären, aber auch hier wird das Problem durch Behauptung seiner Ausgangsthese gelöst: Nach Durkheim ist Dichte als die räumliche Materialisierung des Sozialen zu verstehen. Das heißt, „nicht Formen des Bodens zu untersuchen, sondern Formen der Gesellschaften, die sich auf diesem Boden niederlassen“ (Durkheim 1897: 182). Nun erwartet der Leser, dass Prell sich mit dieser These Durkheims auseinandersetzt, doch Prell fährt in direktem Anschluss an das Durkheim-Zitat fort: „Aber wie? Das führt noch einmal zur Ausgangsformel: Dichte = Einwohner pro Fläche“ (S. 152 f.).

Ähnlich diskutiert Prell den Begriff der Größe. In der Literatur findet er eine verwirrende Vielfalt über die Zahl der Einwohner, ab der von Stadt zu reden sei. Prell löst dieses Dilemma, indem er auf ein qualitatives Merkmal zurückgreift, das schon Sombart (1931) formuliert hat: Stadt ist ein Ort unpersönlicher Beziehungen, also beginnt Stadt ab einer Einwohnerzahl, die es unmöglich macht, dass die Bewohner einander persönlich kennen. Diese Grenze liegt laut Prell zwischen 2500 und 5000 Einwohnern. In den so definierten Städten kann man die Einwohnerdichte berechnen und daraus Schlussfolgerungen über die Qualität von Stadt ziehen, denn Quantität schlage in Qualität um, und dies gelte für alle Städte der Antike wie der Moderne. Zwar entgeht auch Prell nicht, dass die so definierte Dichte völlig gegenteilige, positive oder negative Wirkungen haben kann, sich also ohne Rekurs auf den gesellschaftlichen Kontext keine konkreten Aussagen über die qualitativen Folgen quantitativer Kennzahlen machen lassen, aber er löst das Problem, indem er es zur Erkenntnis erhebt: „Eine Erkenntnis lautet demnach, dass die Ambivalenz der Stadt, ihre [...] zwischen Himmel und Hölle schwankende Ausprägung, quasi in ihren Genen verankert ist“ (S. 160).

Es gibt Bücher, die zugleich Bewunderung für das aufgebotene Wissen und Enttäuschung über das karge Ergebnis wecken. Der Autor stellt sich eine zentrale Frage, an der sich schon viele abgearbeitet haben, er unterwirft sich, um sie zu beantworten, einem enormen Arbeitsprogramm, aber das Ganze mündet in einem Ergebnis, das den Leser ratlos zurücklässt. Dies ist so ein Buch.

Der Titel seines Buchs spricht von der „Stadt in der Moderne“. Prell identifiziert als Kennzeichen der Moderne drei „Megatrends“ und ein übergeordnetes „Prinzip“: „Umweltbelastung, Urbanisierung, Digitalisierung und – übergeordnet – [...] die Beschleunigung“ (S. 18). Aber diese Eingrenzung spielt später keine systematische Rolle. Sein Anspruch geht weiter: Die Antwort soll „die (sic) Stadt im Allgemeinen“ (S. 21) erfassen. Es geht um das, was Stadt in allen Zeiten und allen Kulturen ausmacht. Nur so wird verständlich, weshalb er auch die Geschichtswissenschaft, die Altertumskunde und die Archäologie befragt sowie tote und lebende Sprachen aus den verschiedensten asiatischen, afrikanischen und europäischen Kulturkreisen auswertet. Die Fachdisziplinen durchkämmt er wie die Geheimdienste den E-Mail-Verkehr auf Begriffe wie Dichte oder Kreativität, die Sprachen untersucht er nach übereinstimmenden Bedeutungen des Worts Stadt, anscheinend in der Überzeugung, dass es einen universell gültigen Kern von Stadt gibt, der in diesen Materialien zum Vorschein kommen müsse.

Prell hat eine bewundernswerte Materialfülle herangezogen, er sichtet die unterschiedlichsten Diskussionen, aber sein Buch ist Beweis für Heinz Fassmanns Diktum: „Ein Stadtbegriff, der für alle Zeiten, Kulturen und Regionen gilt“ (Fassmann 2004: 39), bleibe „Fiktion und kann in einem gewissen Sinn nur sehr oberflächlich sein“ (S. 60). Prell zitiert diesen grundsätzlichen Einwand gegen seine Bemühungen um einen ahistorischen Stadtbegriff, ohne weiter auf ihn einzugehen.

Durkheim, E. (1897): Note sur la Morphologie sociale. In: Durkheim, E. (Hrsg.): Journal Sociologique. Paris, 181–182.DurkheimE.1897Note sur la Morphologie socialeDurkheimE.Journal SociologiqueParis181–182Search in Google Scholar

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Sassen, S. (1997): Metropolen des Weltmarktes. Die neue Rolle der Global Cities. Frankfurt am Main, New York.SassenS.1997Metropolen des Weltmarktes. Die neue Rolle der Global CitiesFrankfur. a. Main. Ne. YorkSearch in Google Scholar

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Weber, M. (2000): Wirtschaft und Gesellschaft, Teilband 5: Die Stadt. Tübingen. Erstveröffentlichung 1921.WeberM.2000Wirtschaft und Gesellschaft, Teilband 5: Die StadtTübingen. Erstveröffentlichun1921Search in Google Scholar

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