1. bookVolume 74 (2016): Issue 4 (August 2016)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Imagineering Cultural Vienna. On the Semiotic Regulation of Vienna’s Culture-led Urban Transformation

Published Online: 31 Aug 2016
Volume & Issue: Volume 74 (2016) - Issue 4 (August 2016)
Page range: 375 - 377
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Suitner, Johannes (2015): Imagineering Cultural Vienna. On the Semiotic Regulation of Vienna’s Culture-led Urban Transformation

Bielefeld: Transcript Verlag. = Urban Studies. 4 Tab., 18 Abb., 267 S

Johannes Suitner, der im Fachbereich Stadt- und Regionalforschung der Fakultät für Architektur und Raumplanung an der Technischen Universität Wienforscht, untersucht in seiner englischsprachigen Monographie sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Basis anhand von drei Untersuchungsgebieten, wie kulturelle Imaginationen, die durch politische und mediale Diskurse konstruiert und transportiert werden, die globalisierte Metropole Wien prägen und Einfluss auf städtische Planungen nehmen.

Spätestens seit der Veröffentlichung des Sammelbandes „Handbuch Diskurs und Raum“ (Glasze/Mattissek 2009) sind diskurstheoretisch informierte Forschungspraktiken in der deutschsprachigen sozial- und kulturwissenschaftlichen Raumforschung angekommen. Im Laufe der letzten Jahre

konnte vor allem in humangeographischen Kontexten eine Fülle von Publikationen beobachtet werden, die sich nicht nur vor dem Hintergrund diskurstheoretischer Folien, sondern auch im Hinblick auf die methodische und methodologische Einbettung und die empirische Operationalisierung mit Fragestellungen beschäftigen, wie Räume und die mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Implikationen diskursiv konstruiert werden. In die stark theoretisch aufgeladene diskurswissenschaftliche Debatte mischen sich in jüngster Zeit jedoch Stimmen, die weniger die räumlichen Repräsentationen als vielmehr die Bedeutungen von Materialitäten oder die Performativität durch Diskurse betonen. Der Autor versucht in seiner Studie, diese unterschiedlichen Ausrichtungen zu verbinden. Dabei wird der Forschungsgegenstand sowohl aus einer theoretischen, zeichenorientierten als auch aus einer handlungsorientierten Perspektive konzipiert und empirisch umgesetzt.

Im einleitenden Kapitel werden das Forschungsdesign und vor allem der zentrale Begriff der „Kultur“ vorgestellt. In Bezug auf Planungen im städtischen Kontext unterscheidet Suitner zwei unterschiedliche Ausrichtungen: zum einen das Planen mit einem kommodifizierten (entsprechend passend gemachten) einheitlichen Kulturbegriff, zum anderen das Planen für eine multikulturelle Stadtentwicklung. Mithilfe einer Critical Discourse Analysis, die auf einen umfangreichen Medienkorpus angewendet wurde, und einigen Experteninterviews aus dem Bereich Planung und Kultur wird untersucht, (a) welche Vorstellungen von Kultur in den Untersuchungsgebieten eine hegemoniale Stellung einnehmen, (b) wie diese Einfluss in der bzw. auf die Planung und damit auf die materielle und ideelle Transformation dieser Orte nehmen und schließlich (c) welche sozialen Gruppen von diesen neuen, kulturell aufgeladenen Orten profitieren. Als Fallstudien wurden zwei (inner-)städtische Viertel, die sich in Größe, baulicher und sozialer Struktur stark voneinander unterscheiden, und ein zentraler Platz ausgesucht. Es handelt sich um das relativ kleine Wiener Brunnenviertel, ein verdichtetes und ethnisch stark durchmischtes Viertel aus der Gründerzeit, die Seestadt Aspern, ein großes, dezentral gelegenes Neubaugebiet im Osten von Wien, und den Karlsplatz, ein innerstädtischer, stark frequentierter Platz und Verkehrsknotenpunkt.

Die darauffolgenden Kapitel widmen sich ausführlich theoretischen Überlegungen, die sich mit unterschiedlichen Konzepten von Kultur, Stadt und Planung auseinandersetzen. Dabei betont der Autor das Diskursive und Prozessuale von Städten, die Durchdringung von Materialität und Bedeutungszuschreibung, den Einfluss von Planungspolitik, Ideologien und Machtkonstellationen. Er sieht globalisierte Städte als multiskalare Gebilde, die sich zwischen einer lokalen und einer globalen Ebene entwickeln. Durch diese „Glokalisierung“ (Robertson 1995) werden gerade konkrete städtische Orte mit neuen Bedeutungen und Formen von Kultur aufgeladen. Dabei charakterisiert Suitner auch die zunehmende Pluralisierung und Fragmentierung unserer Gesellschaft, die – nach dem „Ende der großen Erzählungen“ (Lyotard 2015 [1979]) – die Postmoderne kennzeichnet. Im urbanen Kontext nimmt hier der Begriff der Kultur eine Schlüsselrolle ein. Neben seiner Ideologisierung wird vor allem auch die Ökonomisierung des Kulturbegriffs kritisiert. Die Transformation von städtischen Orten wird zunehmend von einem Planungsdiskurs bestimmt, bei dem Bedeutungszuschreibungen strategisch eingesetzt werden, die mit „Kultur“ assoziiert werden.

Das methodisch-empirische Konzept zeichnet sich durch die Triangulation der genealogischen Dokumentation und Analyse der stadtplanerischen Entwicklungslinien anhand von Stadtentwicklungsplänen und anderen Planungsberichten, der diskursanalytischen Untersuchung eines massenmedialen Datenkorpus auf der Grundlage von Printmedien (Zeitungen und Zeitschriften zwischen 2005 und 2013) und der Durchführung von qualitativen Interviews mit Schlüsselpersonen aus dem Umfeld der drei Fallstudien aus. Die Auswertung der Dokumente zur Stadtplanung hat ergeben, dass die politisch-planerische Debatte gegenwärtig von zwei konträren kulturellen Identitäten dominiert wird: zum einen eine rückwärts gewandte, statische Einstellung, die das historische kulturelle Erbe forciert und vor allem im Tourismus und im internationalen Ansehen zum Tragen kommt; zum anderen eine Einstellung, die Wien als dynamische Metropole charakterisiert, deren Entwicklung von einer kulturellen Diversität angetrieben wird.

Im Rahmen der diskursanalytischen Auswertung der drei Fallstudien, deren Ergebnisse auch anschaulich visualisiert werden (Wortwolken, chronologisch-thematische Verläufe und zentrale Akteursbeziehungen), wird folgendes Bild gezeichnet: Der Diskurs über den Karlsplatz wird von einer kulturellen Transformation dominiert, die die Institutionalisierung von Kunst in Bezug auf die Etablierung eines konformen, ästhetisierten (Hoch-)Kulturbildes vorantreibt, welches sich auch an einer touristischen Inwertsetzung orientiert. Im Diskurs über die Seestadt Aspern zeichnet sich dagegen nur eine implizite Verwendung von kulturellen Metaphern ab, die keinen entscheidenden Einfluss auf den Entwicklungsprozess des Quartiers nehmen, teilweise aber auch als Werkzeug einer unternehmerischen Entwicklungsstrategie fungieren. Die diskursive Konstruktion des Brunnenviertels stützt sich, anders als bei den anderen beiden Gebieten, die stärker von einem elitär ausgerichteten Diskurs gelenkt werden, zu großen Teilen auf lokale, nichtinstitutionalisierte Akteure. Dieser Diskurs orientiert sich zwar an einem lokalen Impetus, der sich über den Begriff einer kulturellen Vielfalt definiert, in den letzten Jahren konnte aber auch hier eine zunehmende kapitalistische Okkupation von kulturell gefärbten Bedeutungszuschreibungen beobachtet werden.

In den abschließenden Kapiteln werden die Erkenntnisse strukturiert, übersichtlich zusammengefasst und jeweils im Kontext der Fallstudien eingeordnet. Abgerundet wird die Studie mit Vorschlägen zur Verbesserung planungspraktischer Implikationen. In allen drei Fallstudien hat sich gezeigt, dass die Planung und Transformation städtischer Strukturen in jeweils unterschiedlichen Ausrichtungen über kulturelle Konnotationen vollzogen wird. Der öffentliche Raum wird dabei von einem hegemonialen Kulturbegriff überzogen, der ein marktkonformes Image einer zeitgemäßen Urbanität schafft. Als Zielgruppen solcher kultureller Prozesse wurden vor allem der Tourismus und wohlhabende Mittelschichten identifiziert, die als potenzielle Bewohner der Viertel angesprochen werden sollen. Die Planungsprozesse werden dabei von einer überschaubaren Anzahl von Akteuren gelenkt, die die einzelnen Diskurse auf einer elitären Basis halten. Dies führt beispielsweise dazu, dass in den öffentlichen Debatten Randgruppen, die in den Untersuchungsgebieten durchaus existieren, (erneut) marginalisiert werden. Daher plädiert auch Suitner dafür, dass nichtinstitutionalisierte Gruppen stärker in Planungsprozesse einbezogen werden, was zudem den Effekt hätte, dass eine größere Bandbreite gesellschaftlicher Akteure einen diversifizierteren Kulturbegriff etablieren würde.

Johannes Suitner hat mit seinem Buch eine detaillierte Beschreibung der unterschiedlichen soziokulturellen Stadtplanungsprozesse in Wien geliefert, die er anschaulich anhand dreier, auf den ersten Blick konträr wirkender städtischer Orte empirisch analysiert. Innovativ ist hierbei, dass er unter anderem als Methode ein diskursanalytisches Vorgehen gewählt hat, welches im Bereich der Raumplanung nach wie vor ein unterrepräsentiertes Untersuchungswerkzeug darstellt. Die Triangulation mit selbst generierten Daten durch qualitative Interviews hat zwar einen noch breiteren Einblick in die Transformationsprozesse gewährt, jedoch ist dieses Vorgehen auf erkenntnistheoretischer und methodologischer Ebene kritisch zu beurteilen, da teilweise nicht ersichtlich ist, welche Aussagen einem medialen Diskurs zugeordnet werden können und welche Diskurspositionen aus einer situativ-subjektiven Sichtweise resultieren.

Glasze, G.; Mattissek, A. (Hrsg.) (2009): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld.GlaszeGMattissekA.(Hrsg.)2009Handbuch Diskurs und Raum.. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche RaumforschungBielefeld10.1515/9783839411551Search in Google Scholar

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