1. bookVolume 74 (2016): Issue 5 (October 2016)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Ansichtssache Stadtnatur. Zwischennutzungen und Naturverständnisse

Published Online: 31 Oct 2016
Volume & Issue: Volume 74 (2016) - Issue 5 (October 2016)
Page range: 467 - 469
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Winter, Katharina (2015): Ansichtssache Stadtnatur. Zwischennutzungen und Naturverständnisse

Bielefeld: Transcript. zahlr., z. T. farb. Abb., 262 S

Für manche Menschen stellt gepflegtes Grün in einem Park Stadtnatur dar; andere erkennen Natur in einer verwilderten Brache. In Berlin finden sich einige solcher Flächen beispielsweise auf ehemaligen Gleisanlagen oder Mauerarealen, die sich teilweise inzwischen zu artenreichen Lebensräumen entwickelt haben. Für Zwischennutzerinnen und Zwischennutzer bedeuten diese Räume viel Platz und kreatives Potenzial für verschiedene Arten von Nutzungen, welche unterschiedlich stark Einfluss auf die vorhandene Natur nehmen. Diese Freiflächen werden in Berlin – im Gegensatz zu den „schrumpfenden Städten“ – zunehmend knapp. Brachliegende landeseigene Liegenschaften wurden verkauft und mussten Bauland weichen. Zwischennutzerinnen und Zwischennutzer konkurrieren um die letzten Freiräume, während diese Art von Stadtnatur verschwindet.

Die Wahrnehmung von Natur und der Umgang mit vorhandenem Grün variieren. Hier setzt die Dissertation der Stadt- und Kulturgeographin Katharina Winter an. Ziel ihrer Arbeit ist es, unterschiedliche Verständnisse und Bewertungen von Stadtnatur bei Zwischennutzungen aufzudecken. Bei der Forschungsarbeit handelt es sich um eine theoretische Diskussion von unterschiedlichen Auffassungen bzw. divergierenden Verständnissen, die durch eine qualitative empirische Untersuchung ergänzt wird.

Das Buch ist in sieben Hauptabschnitte gegliedert. Abschnitt I führt den Lesenden in das Thema und die bearbeiteten Fragestellungen ein. Im Fokus steht, welche Naturverständnisse (Konzepte, Bilder, Ideen von Natur) im Umgang mit Zwischennutzungen aufeinandertreffen, wie diese Umgehensweisen und Naturverständnisse sich unterscheiden (je nach untersuchtem Fallbeispiel und den beteiligten Akteurinnen und Akteuren), und welchen Einfluss die Naturauffassungen auf den Prozess der Nutzungsentscheidung haben (S. 11 f.).

Abschnitt II stellt den theoretischen Zugang zur Thematik her, um Zusammenhänge zwischen Naturverständnis und Zwischennutzung deutlich zu machen und herauszuarbeiten, wie diese von anderen Akteurinnen und Akteuren bewertet und verstanden werden. Das Kapitel gliedert sich in einen stadtgeographischen Teil, der Zwischennutzungen als spontane oder geplante Aneignungen von Brachflächen einordnet, sowie in einen kulturtheoretischen Teil, der sich mit der Natur als Konstrukt und mit verschiedenen Naturverständnissen befasst (S. 15 ff.).

Im Anschluss führt Winter in die verschiedenen theoretischen Konzepte von Naturverständnissen ein (S. 44 ff.). Es werden Konzeptionen von politisch-strategischen Naturverständnissen, z. B. Verständnisse von Natur in ökologischen Diskursen, und wissenschaftlich-paradigmatische Konzeptionen, z. B. Naturverständnisse in der Soziologie, beleuchtet. In einem Unterkapitel wird die Stadtnatur thematisiert. Winter greift auf das Konzept der vier Naturen von Kowarik (1992) zurück (S. 91 ff.). Die für Stadtnatur am ehesten charakteristischen Typen sind nach Meinung der Autorin die „symbolische Natur gärtnerischer Anlagen“ (Natur der dritten Art) und die „spezifische urban-industrielle Natur“ (Natur der vierten Art).

Im Abschnitt III werden detailliert die angewandten Methoden und der Untersuchungsraum vorgestellt sowie die Auswahl der Fallbeispiele begründet (S. 99 ff.). Durchgeführt wurde eine Fallstudienanalyse von drei Berliner Zwischennutzungen – der Garten der Poesie, die Tentstation und die Wagenburg Lohmühle. Mittels qualitativer Erhebungsmethoden (unter anderem der Durchführung von problemzentrierten leitfadengestützten Interviews mit verschiedenen Akteurinnen und Akteuren und ergänzenden teilnehmenden Beobachtungen) zielt Winter darauf ab herauszufinden, inwiefern sich das Naturverständnis zwischen den Akteurinnen/Akteuren und Nutzerinnen/Nutzern unterscheidet.

Die Abschnitte IV bis VI widmen sich den Ergebnissen der Fallstudien und stellen Akteurskonstellationen sowie verschiedene Naturverständnisse in einen Zusammenhang (S. 121 ff.). Bei der Fallstudie Garten der Poesie handelt es sich um die Planung eines interkulturellen Gemeinschaftsgartens im Berliner Bezirk Neukölln, der auf einer abgetragenen Rasenfläche mit Obstbäumen und einem verwilderten Teich entwickelt werden soll (S. 122 ff.). Akteurinnen und Akteure sind die Initiatoren und Initiatorinnen, Anwohner und Anwohnerinnen, der Eigentümer der Fläche sowie das zuständige Bezirksamt.

Die Tentstation ist ein „Zeltplatz auf Zeit“ gewesen. Aktuell befindet sich auf der Fläche ein Wellnessbad (S. 166 ff.). Akteurinnen und Akteure sind die Initiatoren und Initiatorinnen des Projektes, der Liegenschaftsfond als ehemaliger Eigentümer und der Investor des Wellnessbades. Ziel der Initiatorinnen und Initiatoren der Tentstation ist es, Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen sowie aktiv zur Stadtentwicklung beizutragen.

Die Wagenburg Lohmühle stellt ein Wagendorf mit 20 bewohnten Bauwagen auf einer Fläche des ehemaligen Mauerstreifens in Berlin-Treptow-Köpenick dar (S. 199 ff.). Es bestehen Pachtverträge, die alle paar Jahre erneuert werden. Die Bewohner und Bewohnerinnen sehen ihre Nutzung nicht als Zwischennutzung. Eine ökologische und nachhaltige Lebensweise und ein Beitrag zur Jugend- und Kulturarbeit in ihrem Kiez spielen für sie eine wichtige Rolle. Weitere Akteurinnen und Akteure sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bezirksamts Treptow-Köpenick sowie Anwohner und Anwohnerinnen.

Abschnitt VII fasst die Ergebnisse der Fallstudien zusammen und untersucht diese nach Parallelen in den Naturauffassungen. Dichotome Vorstellungen von Natur stehen im Vordergrund. Natur wird als Gegenbegriff von Stadt betrachtet. Genauso werden die Gegensatzpaare Stadt – Land sowie Natur versus Kultur und Gesellschaft in Verbindung gebracht (S. 223 ff.).

In allen Fallbeispielen, unabhängig von den Akteurinnen und Akteuren, ist eine Argumentation entlang einer dualistisch konzipierten Natur zu finden (S. 224 ff.). Natur wird beispielsweise mit dem Ländlichen assoziiert, als Gegensatz zum Urbanen. Sie wird als „unerwartet und überraschend“ (S. 224) im städtischen Raum beschrieben. Bei der Wagenburg Lohmühle spiegelt sich das im Gegensatzpaar „Drinnen“ und „Draußen“ wider. Natur wird zwar als das „Draußen“ – im Gegensatz zum „Drinnen“ im Wohnwagen – charakterisiert, zugleich aber auch als „erweitertes Wohnzimmer“ (S. 229 ff.). An diesem Beispiel wird deutlich, dass eine Überwindung des Stadt-Natur-Dualismus hin zu einer Verbindung von Stadt und Natur möglich ist (S. 231 ff.).

Winter kommt zum Ergebnis, „dass Zwischennutzungen eine Schnittstelle zwischen Stadt und Natur besetzen“ und ihnen „eine vermittelnde Funktion in Bezug auf den Stadt-Natur-Dualismus zugesprochen werden“ kann (S. 235).

Abschließend beantwortet Winter in einer Synopse ihre Fragestellungen:

Es existieren verschiedene Naturverständnisse in den Fallbeispielen (S. 235 f.): Beim Garten der Poesie ist es beispielsweise das Verständnis einer bedürftigen und nützlichen Natur. Mithilfe der Zwischennutzung soll der Zustand der Fläche wieder in einen gepflegten Zustand geführt werden. Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Wagenburg Lohmühle wird Natur auch als klimatisches und meteorologisches Phänomen und als schützenswerte Ressource beschrieben.

Die Art der Zwischennutzung ist eng verbunden mit der Motivation und diese mit den Naturauffassungen (S. 237 f.): Zum Beispiel besteht bei der Tentstation ein ökonomisches Motiv; Natur leistet einen Beitrag zu einer speziellen Atmosphäre. Eine wichtige Rolle als schützenswerte Ressource spielt sie hingegen bei der Wagenburg Lohmühle, deren Akteurinnen und Akteure ein ökologisches, naturnahes Leben im städtischen Raum anstreben.

Das gemeinsame Naturverständnis einer bedürftigen und geordneten Natur findet sich bei kommunalen Akteurinnen und Akteuren, Stadtplanerinnen und Stadtplanern sowie den Eigentümerinnen und Eigentümern (S. 238 f.). Dies resultiert unter anderem daraus, dass Eigentümer meist verpflichtet sind, Wege zu sichern. Bei den zivilgesellschaftlichen Akteuren existieren hingegen verschiedene Auffassungen.

Naturverständnisse können sich auf den Prozess der Nutzungsentscheidungen auswirken (S. 239 f.).

Ein wichtiger Beitrag von Winters Arbeit liegt in der Verdeutlichung und im Erkenntnisgewinn, wie unterschiedlich Naturverständnisse – unabhängig von Akteur und Nutzungsart – sind und welche Rolle dies für Planungs- und Entscheidungsprozesse in Bezug auf Zwischennutzungen spielt. Es wird gezeigt, dass Zwischennutzungen brachliegende Flächen auch für Stadtnatur freihalten können. Die Frage, welche Stadtnatur als besonders wünschens- oder schützenswert gilt, wird von der Autorin zwar aufgeworfen, ihre Beantwortung wird jedoch der weiteren Forschung überlassen. Genauso bleibt offen, wie in der Praxis der Umgang mit Entscheidungsprozessen in Bezug auf Zwischennutzungen und die Erhaltung von Brachflächengrün unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Naturauffassungen gestaltet werden können. Der klar strukturierte Aufbau, die detailliert beschriebenen Methoden und nachvollziehbare Argumentationen machen Katharina Winters Dissertation besonders für die wissenschaftlich-theoretische Diskussion der Mensch-Umwelt-Beziehungen wichtig. Die Fallstudien und Zitate aus den Interviews veranschaulichen die Naturauffassungen und tragen zu einem besseren Verständnis der komplexen theoretischen Auffassungen bei. Aufgrund vieler Fachbegriffe und einer wissenschaftlichen Sprache spricht Winter insbesondere Fachpublikum an.

Kowarik, I. (1992): Das Besondere der städtischen Flora und Vegetation. In: Deutscher Rat für Landespflege (Hrsg.): Natur in der Stadt. Der Beitrag der Landespflege zur Stadtentwicklung. Meckenheim, 33–47. = Schriftenreihe des Deutschen Rates für Landespflege 61.KowarikI.1992Das Besondere der städtischen Flora und VegetationIn Deutscher Rat für Landespflege HrsgNatur in der Stadt. Der Beitrag der Landespflege zur StadtentwicklungMeckenheim33–47= Schriftenreihe des Deutschen Rates für Landespflege 61Search in Google Scholar

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