1. bookVolume 74 (2016): Issue 1 (February 2016)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Erhaltende Stadterneuerung. Ein Programm für das 21. Jahrhundert

Published Online: 28 Feb 2016
Volume & Issue: Volume 74 (2016) - Issue 1 (February 2016)
Page range: 73 - 74
Received: 25 Nov 2015
Accepted: 04 Jan 2016
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Reicher, Christa; Roters, Wolfgang (Hrsg.) (2015): Erhaltende Stadterneuerung. Ein Programm für das 21. Jahrhundert. Essen: Klartext Verlag. 344 S., Abb

Wer dachte, dass Berlin die Wiege der Behutsamen Stadterneuerung war, den belehrt dieses Buch eines Besseren: „Während Berliner Protagonisten ihre Strategien der Behutsamen Stadterneuerung gleichsam unter Laborbedingungen erprobten, waren deren Prinzipien in Nordrhein-Westfalen bereits zur Grundlage politischen Handelns geworden“ (Udo Gleim in seinem Beitrag „Die Wende in der Stadtentwicklungspolitik“, S. 44).

„Stadterneuerung: lieber kleiner als zu groß“ beschreibt das Motto der Stadtentwicklungspolitik im Land Nordrhein-Westfalen (NRW) in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Dieser Epoche und ihren Protagonisten in NRW ist der von Christa Reicher und Wolfgang Roters herausgegebene Sammel- bzw. Festband „Erhaltende

Stadterneuerung. Ein Programm für das 21. Jahrhundert“ gewidmet. Die Beiträge gehen auf eine wissenschaftliche Veranstaltung der „Akademie für Städtebau und Landesplanung NRW“ und der Technischen Universität Dortmund zurück, die anlässlich des 70. Geburtstages von Christoph Zöpel im Jahr 2013 stattfand. Zöpels Person und die durch ihn initiierte Neuausrichtung der Stadtentwicklung in NRW ab 1980 stehen im Mittelpunkt des Buches.

Der Band ist in vier Teile gegliedert: Die ersten drei Teile, die etwas weniger als die Hälfte des Buches ausmachen, sind von Autoren aus Politik, Forschung und Praxis verfasst. Autor des fast 200 Seiten starken Teils IV ist Christoph Zöpel selbst.

Teil I gibt mit den zwei Beiträgen von Wolfgang Roters und Udo Gleim einen umfassenden Einblick in die politischen und personellen Rahmenbedingungen, die ab den 1980er-Jahren zu einem Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklungspolitik Nordrhein-Westfalens führten: Nachdem die SPD bei den Landtagswahlen 1980 die absolute Mehrheit erreichte, gründete Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) das „Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung“ (MLS). Christoph Zöpel wurde Minister. Das MLS erhielt Kompetenzen für Landesplanung, Stadtentwicklung einschließlich Denkmalschutz (der aus dem Kultusministerium verlagert wurde), Wohnungsbau, Bauordnung, Staatshochbau und Freizeitpolitik. Karl Ganser wurde Leiter der Abteilung Stadtentwicklung. 1985, nach der nächsten Landtagswahl, entstand das „Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr“ (MSWV), womit die Landesplanung wegfiel und der Verkehr dem Ministerium neu zugeordnet wurde. Gemeinsam stellten Zöpel und Ganser über 20 Jahre die erhaltende Stadterneuerung ins Zentrum ihres Wirkens und initiierten die „Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park“.

Der IBA Emscher Park ist der Teil II des Buches gewidmet. Fünf Beiträge werfen Schlaglichter aus verschiedenen Perspektiven. In einem hervorragenden Telegrammstil skizziert Karl Ganser den Ansatz des „Wandels ohne Wachstum“ und zieht eine kritische Bilanz im „Blick zurück und nach vorn“. Jörg Dettmar gelingt es, den Leserinnen und Lesern nahezubringen, was für ein Gegensatzpaar allein die Begriffe „Emscher“ und „Landschaftspark“ bedeuteten, welch visionäre Idee die Bauausstellung war und wie sie international zum Vorreiter und zur Inspiration für andere Regionen und Städte wurde. Die Wohnprojekte der IBA stehen im Fokus des Beitrags von Sarah Meyer-Dietrich, die in einer Einführung ihren persönlichen Bezug zur IBA Emscher Park aus dem Blickwinkel der „Nach-IBA-Generation“ aufzeigt. Roland Günter schildert anschaulich aus der „Wahrnehmung eines mitwirkenden Bürgers“, dass Zöpel und Ganser durch „informelle Verhaltensweisen“ und „Diskussionen auf Sachebene mit den Bürgern“ einen neuen Stil des Dialogs prägten. Zudem würdigt sein Beitrag Christoph Zöpel für die Anerkennung der Industriekultur (Zeche Zollverein) und die Finanzierung von kulturellen Projekten (Industriemuseum) als Bezugspunkte und Motoren der Stadt- und Regionsentwicklung. Diese Themen werden auch im abschließenden Beitrag des Teils II von Christa Reicher angeschnitten. Sie zeigt auf, wie die IBA Emscher Park das Format der Internationalen Bauausstellung vom Fokus auf die Baukunst zum „Ereignis“ weiterentwickelte und die „Aktivierung, Bespielung und Inwertsetzung von Vorhandenem“ gelungen sei.

Teil III ordnet dem Titel „Pionierzeit und Neue Gründerzeit“ ebenfalls fünf Beiträge zu, wobei deren Zusammenhang weniger prägnant ist. Der gleichlautende erste Beitrag dieses Teils von Wolfgang Roters gibt (nochmals) einen umfangreichen Überblick. Den einen Leser oder die andere Leserin mag die mitunter schwärmerische Würdigung der „Pionierleistungen“ Christoph Zöpels in einem Sachbuch irritieren. Essenz ist: „Diese Zeit [gemeint sind die letzten zwei Jahrzehnte in NRW unter Zöpel; A. N.] hat Maßstäbe für wissenschaftliche Begriffsbildung gesetzt, indem sie praktische staatliche Politik der erhaltenden Stadterneuerung erfand, kommunikativ transparent machte und gegen viele Widerstände durchsetzte“ (S. 112). Die folgenden beiden Beiträge von Udo Mainzer sowie von Horst Gräf beleuchten anschaulich zwei Themen bzw. Ressorts, die durch den neuen Zuschnitt des Ministeriums und die Aktivität Zöpels gestärkt und mit der Stadtentwicklung verknüpft wurden: die Denkmalpflege zum einen und der Staatshochbau zum anderen. Im vierten Beitrag „Brückenschlag“ stellt der heutige Stadtentwicklungsminister NRWs, Michael Groschek, den Bezug zu aktuellen Herausforderungen dar. Die diesen Teil beschließende Abhandlung zur „Stadtlandschaft“ als „Experimentierfeld für Pioniere“ von Thomas Sieverts steht zwar etwas isoliert da, erfrischt jedoch durch den theoretischen Blick über den Tellerrand des Buches.

Der vierte Teil des Bandes trägt den Titel „Erhaltende Stadterneuerung: Praxis in Nordrhein-Westfalen und in der postmontanindustriellen Agglomeration Ruhr“. Hier behandelt Christoph Zöpel allerdings nicht nur den räumlichen Kontext NRW. Es gibt Kapitel mit dem Titel „Berlin“, „Oberschlesien“, „Westasien“, „Afrika“. Wie sie ineinandergreifen, ist schwierig nachvollziehbar, zumal es kein untergliedertes Inhaltsverzeichnis gibt, einige Überschriften bis in die dritte Gliederungsebene nummeriert sind und andere gar nicht. Gleichwohl komplettiert die Innenperspektive des Autors die schon von anderen Beiträgen dargestellten Sachverhalte. Zudem sind in Teil IV durchaus spannende Analysen versteckt und mit Anekdoten verknüpft, wie beispielsweise die Erörterung eines Streitgesprächs zwischen Hans Stimmann (Planwerk Innenstadt) und Thomas Sieverts (Zwischenstadt) unter der Überschrift „Europäische Stadt – Berlin versus Ruhr“ (S. 256 ff.). Der Verzicht auf Abbildungen ist dagegen bedauerlich.

Alles in allem ist das Buch vor allem für all jene interessant, die die Hintergründe und Ergebnisse einer besonders dynamischen Zeit der Stadtentwicklungspolitik und -praxis in NRW kennenlernen möchten.

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