1. bookVolume 74 (2016): Issue 1 (February 2016)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Regionale Planung im Ruhrgebiet. Von Robert Schmidt lernen?

Published Online: 28 Feb 2016
Volume & Issue: Volume 74 (2016) - Issue 1 (February 2016)
Page range: 69 - 72
Received: 16 Nov 2015
Accepted: 04 Jan 2016
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Kastorff-Viehmann, Renate; Utku, Yasemin; Regionalverband Ruhr (Hrsg.) (2014): Regionale Planung im Ruhrgebiet. Von Robert Schmidt lernen? Essen: Klartext Verlag, 300 S. mit vielen Abbildungen, Karten und Diagrammen im Großformat

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1912 erschien die „Denkschrift betreffend Grundsätze zur Aufstellung eines General-Siedlungsplanes für den Regierungsbezirk Düsseldorf (rechtsrheinisch)“ von Robert Schmidt. Sie gilt als die „Magna Charta“ der überörtlichen Siedlungsplanung im Ruhrgebiet, wenn nicht gar als ein zentraler Markstein für die Begründung von Regionaloder Raumplanung überhaupt. Aber erst 1920 – nach dem Ersten Weltkrieg, in dem das Funktionieren des Ruhrgebiets wichtiger war als seine planerische Gestaltung – gelang es, dieses Konzept einer überörtlichen Planung durch die Gründung des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk (SVR) auch institutionell zu verankern. Erster Direktor des SVR wurde Robert Schmidt.

2012 war dies Anlass genug für eine Tagung zum Thema „Das Erbe Robert Schmidts: 100 Jahre regionale Planung im Revier“, die in Essen, einem wichtigen Wirkungsort Schmidts, stattfand und von der Fachhochschule Dortmund und der „Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung“ in Kooperation mit der TU Dortmund, dem Regionalverband Ruhr (RVR) und der Emschergenossenschaft veranstaltet wurde. Die zwanzig unterschiedlichen Beiträge dieser Tagung liegen dem nun vorliegenden Buch zugrunde.

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Das Buch intendiert nicht, eine umfassende Biographie Robert Schmidts oder eine Darstellung seines Wirkens im SVR zu präsentieren, sondern es ist der Versuch, seine Rolle und seinen Einfluss bei der Etablierung der regionalen Planung als einer planerischen Gesamtsicht und -absicht im Kontext der Entwicklung des Ruhrgebiets und anderer Verdichtungsräume in Deutschland darzustellen. Dies geschieht, indem unter verschiedenen Fragestellungen – nicht zuletzt im Hinblick auf gesunde Wohn- und Lebensverhältnisse der Bevölkerung des Ruhrgebiets, in Verteidigung gegenüber den Interessen der Montanindustrie und den partikulären Vorstellungen der Städte und Kommunen, die damals eher den Interessen der Industrie verpflichtet waren – die Begründung, Entwicklung, wirkliche oder eingeschränkte Erfolge, aber auch Misserfolge der regionalen Planung im Ruhrgebiet über den Zeitraum der letzten hundert Jahre dargestellt werden. Ausgangspunkt ist Robert Schmidts maßgeblicher Erfolg: Die Sicherung von Grünzügen, deren Existenz bis heute gegeben ist. Anzumerken ist aber auch, dass das Ruhrgebiet zwar von außen bis heute meist als eine Einheit gesehen wird, national wie international (The Ruhr), aber in der Wirklichkeit – trotz aller Vorstöße über die Jahre – nie zu einer politisch oder administrativ eigenständigen Region geworden ist. Es stand immer unter der politischen und administrativen „Hoheit“ anderer Instanzen, seien es die preußischen Provinzen Westfalen und Rheinland oder – bis heute – verschiedene Regierungsbezirke. Alle Versuche, das Ruhrgebiet als eigenständige Region zu institutionalisieren, etwa als eigenen Regierungsbezirk oder gar als „Ruhrstadt“, zeitigten nie Erfolg.

Aber Robert Schmidt steht nicht allein als planerischer Akteur für das Ruhrgebiet. Auch andere, sehr unterschiedliche Persönlichkeiten prägten über die Zeit die Gestaltung des Ruhrgebiets, etwa Hans Luther, Philipp Rappaport, Josef Umlauf, Friedrich Halstenberg, Christoph Zöpel und Karl Ganser, um nur ein paar herausragende Namen zu nennen. Ihre Impulse und Tätigkeiten erfolgten vor dem Hintergrund sich wandelnder Konstellationen, in denen das Ruhrgebiet sich von der industriellen Herzkammer des Deutschen Reiches und anfänglich auch noch der Bundesrepublik – mit all den damit verbundenen „externen“ Kosten, nicht zuletzt für die dort arbeitende und lebende Bevölkerung – zu einer altindustriellen Region wandelte. Diese umfasst zwar immer noch den größten Verdichtungsraum Deutschlands, aber das Ruhrgebiet erreichte aufgrund seiner spezifischen dezentralen Struktur qualitativ nie den Rang innerhalb des Städtesystems des Reiches und dann auch der Bundesrepublik, der ihm – rein quantitativ gesehen – eigentlich zustand. Innere Heterogenität und Fremdbestimmung von außen verhinderten dies.

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Die Beiträge des Buches stellen vielfältig „Begriff und Realität“ des Ruhrgebiets in seinen regionalen Planungen zwischen Idee und Umsetzung, auch zwischen Dynamik und Stagnation dar. Relativ kurz würdigen Ursula von Petz und Renate Kastorff-Viehmann in ihren Beiträgen den Werdegang Robert Schmidts bzw. seine beruflichen Anfänge in der Stadtverwaltung Essen, in deren Umfeld viele bekannte Konservative (Hugenberg, Schultze-Naumburg), aber auch Reformer (Eberstadt) wirkten. Dies zeigt, dass Schmidt sich im Umfeld wichtiger Ideengeber, aber auch von Verfechtern gegensätzlicher gesellschaftlicher Zielsetzungen bewegte. Heinz Wilhelm Hoffacker beschäftigt sich mit der Entstehung von Schmidts Denkschrift, deren Konzept – die Schaffung von regionalen Grünzügen – als regionaler Planungsansatz in vielen Fällen konträr zu den damaligen kommunalen Sonder- und Eigeninteressen stand. Ihre Durchsetzung war kein Selbstläufer. Nicht uninteressant ist, dass Schmidt sein Konzept, das auch Gegenstand seiner Dissertation war, wohl auch im Rahmen der Übernahme von Ideen eines anderen entwickelt hat, weshalb ihm damals der Vorwurf eines Plagiats gemacht wurde, was aber durch den Tod des anderen nicht weiter verfolgt wurde.

Allerdings gelang es 1928/29 dem SVR und Robert Schmidt, worauf Manfred Walz in seinem Beitrag hinweist, durch Eingemeindungen eine Neuordnung der Region zu erreichen, die seinem Stadtmodell aus der Denkschrift verpflichtet war. Diese kommunale Neugliederung hatte bereits damals eine „Gesamtstadt Ruhr“ (S. 56) vor Augen. Aber es gelang nur, die Großstädte des Ruhrgebiets durch Arrondierungen zu stärken. Die ganzen Schwierigkeiten, die der Siedlungsverband mit der Planung für das Ruhrgebiet hatte, stellt Dirk-Marko Hampel am Beispiel der Planungen für den Verkehr dar. Erste Überlegungen dazu wurden bereits 1920 angestellt und dann bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges vorangetrieben, aber erst nach dem Krieg gelang es 1952, einen „tragfähigen Gesamtverkehrsplan“ (S. 69) in Abstimmung mit allen Beteiligten zu erreichen. Wer sich die Verkehrssituation im Ruhrgebiet heute anschaut, die Heterogenität der Straßenbahnsysteme kennt und die Staumeldungen auf den Autobahnen zur Kenntnis nimmt, der weiß, dass auch heute die verkehrliche Situation des Ruhrgebiets alles andere als optimal ist. Auch sie ist das Ergebnis unterschiedlicher Interessen und Akteure, die die Realität des Ruhrgebiets bis heute prägen.

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Es folgen Artikel, die sich mit vergleichbaren Entwicklungen und Planungskonzepten anderer deutscher und europäischer Industrieräume befassen. Dirk Schubert behandelt die Anfänge stadtregionaler (integrierter, überfachlicher) Planung im Großraum Hamburg und das dortige Wirken Fritz Schumachers, Harald Kegler frühe Planungen für den „Mitteldeutschen Industriebezirk“ (Merseburger Planungsatlas) und Dietrich Fürst gibt einen Überblick über „Regionalverbände in Verdichtungsräumen“ Deutschlands, die dem Vorbild des SVR verpflichtet gewesen sind. Klaus Kunzmann blickt in seinem Beitrag über Deutschland hinaus auf das Konzept der „strategischen Planung“ in Europa als Bemühen, die Regionalplanung im „Konsens zwischen privaten, öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Gruppen“ (S. 107) zu gestalten. Auf seine Frage, welche „Lehren für das Ruhrgebiet“ aus solchen Ansätzen strategischer Planung in anderen Regionen Europas gezogen werden können, gibt er eine eher pessimistische Antwort. Seiner Meinung nach gibt es solche das Ruhrgebiet einigenden Bemühungen kaum. Er ist der Ansicht, die Zukunft des Ruhrgebiets „wird in der Staatskanzlei des Landes, in den kommunalen Parteigremien und den Chefetagen der großen Unternehmen entschieden. Sie wird nicht im Rahmen strategischer Regionalplanung vorbereitet“ (S. 118). Ein durchaus realistischer, aber aus der Perspektive einer aufgeklärten und rationalen Planung auch ein eher resignierender Blick.

In einem weiteren Beitrag am Schluss des Buches, dem „Ruhrgebietslied“, stellt Kunzmann dem „Mythos“, der sich mit den Konzepten Robert Schmidts für das Ruhrgebiet verbindet, die heutige Realität des Ruhrgebiets entgegen, die angesichts der Defizite in der Bewältigung des Strukturwandels nach Visionen verlangt – aber eben auch die Einsicht in die Realität des Schrumpfens insgesamt: „Enttäuschte Hoffnungen, ungenutzte Chancen“ (S. 221), so lautet eine Zwischenüberschrift. Er benennt auf bisherigen Kompetenzen beruhende Felder, die für die weitere Entwicklung des Ruhrgebiets Chancen bieten könnten: Kohle, Sport, Umwelt und Integration sowie gewerbliche Bildung, alles Bereiche, in denen das Ruhrgebiet Erfahrungen aufweist, die für das Gebiet selbst oder als Hilfe für andere altindustrielle Regionen nützlich sein könnten. Er nennt Entwicklungen, die – aufbauend auf der Vergangenheit – auch die Zukunft des Ruhrgebiets prägen und voranbringen könnten: „Profil einer innovativen Technologieregion“, „Soziale Verantwortung“, „kreative Wissensregion mit internationalem Anspruch“, „Förderung der polyzentrischen Stadtlandschaft“ – all dies sind Themen, die es ermöglichen könnten, die endogenen Potenziale der Region zu nutzen und sie damit neu zu gestalten und zu fördern. Er setzt dabei weniger auf die vorhandenen Institutionen, denn auf die Zivilgesellschaft. Vielleicht ist auch dies ein Lernen von Robert Schmidt, nämlich der Verzicht auf letztlich nicht erfolgreiche administrative Umstrukturierungen, sondern im Sinne Max Webers das Setzen auf ein „starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ – ein bewährtes Konzept, um Politik auch im regionalen Zusammenhang zu gestalten.

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Auch andere Artikel benennen Potenziale des Ruhrgebiets aus unterschiedlicher Perspektive: Axel Zutz präsentiert Impulse, mit welchen durch „Heimatschutz und Landschaftspflege“ eine kontinuierliche Neugestaltung der Landschaft im Wege der Renaturierung der durch industrielle Nutzung verbrauchten Landschaft erreicht worden ist. Yasemin Utku belegt dies durch eine Darstellung der vorhandenen „Grünräume und -strukturen“, die im Ruhrgebiet eine spezifische Urbanität haben entstehen lassen. Ulrich Häpke zeigt, dass der Freiraumschutz im Ruhrgebiet eine über hundertjährige Tradition hat und, zumeist von zivilgesellschaftlichen Initiativen getragen, ein endogenes Potenzial gewesen ist. Pascal Cormont beschreibt einen Forschungszusammenhang, wie der Klimawandel planerisch und politisch im Ruhrgebiet angegangen werden könnte. Martina Oldengott zeigt am Beispiel der Emschergenossenschaft, wie das „Flussgebietsmanagement“ ursprünglich die Bewältigung der Abwasserprobleme durch offene Wasserläufe effizient geregelt hat und es heute durch die Beseitigung dieser offenen Kanäle mittels unterirdischer Rohre ermöglicht, die alten Flussläufe zu renaturieren. Damit werde eine ganz neue „Ruhrbanität“ (S. 180) geschaffen. Celina Kress verweist am Beispiel Berlins auf die Notwendigkeit von Stadt- und Umland-Partnerschaften.

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Volker Kreibich und Sabine Baumgart diskutieren Robert Schmidts Konzept für eine „koordinierte Siedlungsentwicklung“ von „benachbarten Gebietskörperschaften“ (S. 202) als Paradigma für heutige Verstädterungsprozesse in den mega-urbanen Agglomerationen. Stefan Goch verweist auf die Tatsache, die intern und extern nicht immer wahrgenommen wird, dass nämlich das Ruhrgebiet schon lange keine von der Montanindustrie geprägte Region mehr ist, sondern „trotz gewisser Schwächen in der differenzierten Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft angekommen“ ist (S. 205), allerdings nicht überall. Wegen seiner internen Unterschiede brauche das Ruhrgebiet eine „organisierte funktionale Differenzierung“ (S. 210). Er fordert eine „Ebene regionaler Politik mit handlungsfähigen Institutionen und ausreichender demokratischer Legitimation“ – ein Optimismus ganz im Gegensatz zu den bereits erwähnten, eher resignierenden Einsichten Klaus Kunzmanns.

Martin Tönnes und Maria T. Wagener sehen den planerischen Optimismus gestärkt durch die aktuelle Arbeit des Regionalverbandes Ruhr, dem wieder die staatliche Regionalplanung übertragen worden ist. Der RVR will in einem offenen Diskurs mit den Städten und Gemeinden sowie mit den „teilregionalen Akteursnetzwerken“ (S. 233) zu einer „gesamtregionalen Entwicklungsperspektive“ (S. 236) gelangen. Er will die „Metropole Ruhr“ stärken und gestalten.

Das Buch endet mit einer Übersicht zu den Arbeiten der „Robert-Schmidt-Sommerakademie“ (Karl-Friedrich Hofmann) und zum Thema Gestaltung der „inneren Peripherie“ (Thomas Hackenfort, Dorothee im Spring-Ojih und Maria T. Wagener). Zahlreiche Gruppen von Studenten aus allen einschlägigen Hochschulen des Ruhrgebiets hatten hierfür planerische Konzepte eingereicht. Die Vielfalt der planerischen Kompetenzen und die innovativen Planungsvorschläge, kuratiert von Christa Reicher, belegen eindrücklich die in der Region vorhandenen Fähigkeiten, planerische Problemlösungen professionell anzugehen. Die innovative Kraft von Robert Schmidt wirkt nach, sein Erbe ist in guten Händen.

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Was bleibt zu resümieren? Dieses Buch ist keine Geschichte des Ruhrgebiets; es ist auch keine Biographie Robert Schmidts, sondern es diskutiert planerische Probleme und Lösungen, die über einen Zeitraum von hundert Jahren, angestoßen von Robert Schmidt und dem SVR sowie von anderen, weiterverfolgt und gestaltet worden sind. Es stellt die innovative Kraft dieser Anstöße dar, die den Wandel und die Gestaltung des Ruhrgebiets über die Jahre geprägt haben, nennt aber auch Fehler, Defizite und Fälle von Scheitern.

Das vorliegende Buch zeigt, dass die gedanklichen Konzepte Robert Schmidts - die innovative Kraft seines planerischen Zugriffs und die Institutionalisierung einer überlokalen Planung –, Anstöße und Wandel erzeugt haben, die bis heute nachwirken. Diese Kraft, an etwas Gemeinsamem zu arbeiten, ist nie geschwunden, auch wenn sie sich nicht immer durchsetzen konnte. Sie wirkte über die Zeiten hinweg, über die sich wandelnden politischen Systeme und ihre Institutionen.

Hier liegt aber auch ein Defizit des Buches, denn auf das Doppelgesicht der Planung als Teil der „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer/Adorno) – sowohl gesellschaftliche Reformen anstoßen zu können, aber auch als Instrument für Machtinteressen missbraucht zu werden (Letzteres war in der NS-Zeit der Fall) –, darauf hat nur Axel Zutz in seinem Beitrag hingewiesen. Die durchaus unterschiedlichen Lebensläufe von Philipp Rappaport und Josef Umlauf hätten Anlass geben können, dies zu reflektieren. Denn auch ein Photo auf Seite 26 deutet dieses Doppelgesicht an: Es zeigt die Teilnehmer der Tagung der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung im September 1933. Alle Herren (!) in Zivil, in der Mitte Robert Schmidt. Aber rechts außen kündigt sich in einer Person der Wandel an: Sie trägt Uniform, nicht die der Reichswehr. Die Anpassung von Planung an die Macht, die Robert Schmidt nicht mehr selbst mitmachen musste (er starb im Mai 1934), ist hier bildlich angedeutet und zu erahnen. So regt dieses Buch an, über den Horizont hinauszudenken, so wie es Robert Schmidt getan hat. Davon kann man immer lernen.

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