1. bookVolume 73 (2015): Issue 2 (April 2015)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Streich, Bernd (2014): Subversive Stadtplanung.Wiesbaden: Springer VS.233 Seiten

Published Online: 30 Apr 2015
Volume & Issue: Volume 73 (2015) - Issue 2 (April 2015)
Page range: 145 - 146
Journal Details
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Streich, Bernd (2014): Subversive Stadtplanung. Wiesbaden: Springer VS. 233 Seiten

In den letzten Jahren war die Stadtentwicklung mannigfachen gesellschaftlichen Veränderungen ausgesetzt, die nachhaltige Spuren in der Praxis der Stadtplanung hinterlassen haben. Von besonderer Bedeutung waren hier sicherlich die Tendenz zur Entstaatlichung und der Umgang mit schrumpfenden Städten. Beide haben das etablierte Instrumentarium der angebotsorientierten Planung in Frage gestellt. Darüber hinaus stoßen trotz der in den letzten Jahrzehnten entwickelten Kommunikations- und Beteiligungsinstrumente vor allem größere Vorhaben immer wieder auf erhebliche Widerstände in der Bevölkerung. Obwohl sich die Stadtplanung mindestens in ihrem Selbstverständnis längst über das technokratische Gott-Vater-Modell der Top-Down-Planung hinaus entwickelt und ausdifferenziert hat, ist der Planungsalltag vielfach noch von traditionellen Routinen geprägt, die aber offenbar nicht mehr angemessen mit den aktuellen Herausforderungen der Stadtentwicklung umgehen können. Dies erscheint Grund genug, sich mit alternativen Möglichkeiten der Stadtplanung zu befassen.

Hier setzt das Buch von Bernd Streich an. Er geht davon aus, dass sich alternative Formen urbanen Handelns in der Praxis bereits zeigen, aber derzeit noch zu wenig beachtet werden. Weiterhin postuliert er, dass die gesellschaftlichen Veränderungen, die insbesondere neue Medien mit sich gebracht haben, auch die Stadtplanung weiter verändern werden, davon aber bislang noch kaum Impulse für eine Weiterentwicklung der planerischen Instrumente ausgegangen sind. Das Buch reiht sich damit in eine aktuelle Debatte um mögliche Alternativen zur angebotsorientierten Planung ein und bezieht dort klar Stellung. Angesichts des gewählten Ausgangspunktes folgerichtig stellt er die Optionen heraus, die die Nutzung des Internets künftig mit sich bringen könnte, und beleuchtet die Veränderungen in der Kommunikation zwischen gesellschaftlichen Akteuren. Dagegen geht er auf andere Tendenzen, die sich etwa aus der Notwendigkeit ergeben, mit Schrumpfungsphänomenen kreativ umzugehen, praktisch nicht ein. Dies hätte zumindest der Titel des Buches nahe gelegt, das eine Auseinandersetzung auch mit den Möglichkeiten zu versprechen scheint, die sich aus der Verfügbarkeit von Raum jenseits der Zwänge ökonomischer Verwertung ergeben. Hier ist in den letzten Jahren eine umfangreiche Literatur zu Zwischennutzungen und alternativen urbanen Praktiken entstanden, die der Autor nur ganz am Rande oder implizit streift, obwohl gerade dort eine ganze Reihe von subversiven Ansätzen der Raumentwicklung zu beobachten sind.

In den ersten Kapiteln des Buches setzt sich der Autor eingehend mit der Herkunft und der historischen Bedeutung subversiver Praktiken auseinander. Dabei gelingt es ihm, Kontinuitäten seit der Antike nachzuweisen und auf die Rolle von Querdenkern als Motoren gesellschaftlicher Innovation hinzuweisen. In einem Kapitel über urbane Impulse und subversiven Impetus zeichnet der Autor die Ursprünge der aktuellen subversiven Planungspraktiken nach, die er ebenfalls über die Geschichte verfolgt, bei denen aber als direkte Wurzeln dann gesellschaftliche Praktiken um Guerilla Gardening, die Situationisten und Joseph Beuys herausgestellt werden. Diese Kontextualisierung ist hilfreich, macht sie doch deutlich, dass die aktuellen Entwicklungen keineswegs völlig aus dem Nichts entstanden sind. In den folgenden Kapiteln stellt der Autor Bezüge zu den aktuellen Entwicklungen in der Wissensgesellschaft her. Immer stärker schwenkt er auf eine Linie ein, die die Veränderungen der gesellschaftlichen Kommunikation und Kooperation durch das Internet, etwa das Crowdsourcing und ähnliches, in den Mittelpunkt stellen. Hier stützt sich der Autor vielfach auf Zeitdiagnosen anderer Autoren und postuliert, dass die Stadtplanung derartige Entwicklungen viel zu wenig zur Kenntnis nehme. Die verbleibenden Kapitel des Buches sind Überlegungen gewidmet, wie angesichts der breiten Verfügbarkeit von Wissen in der Gesellschaft eine informationelle „Waffengleichheit" zwischen etablierten Planungsinstitutionen und „Laien-Experten" hergestellt werden kann, um Bottom-Up-Planungsaktivität stärker zum Zug kommen zu lassen und auf diese Weise ungenutzte Potenziale für alternative planerische Entwicklungspfade zu nutzen.

Bernd Streich ist mit seinem Band ein engagiertes Plädoyer für das „Bottom-Up-Prinzip" in der Planung gelungen. Er zeigt überzeugend auf, warum und auf welche Weise es sich derzeit in der Gesellschaft verbreitet. Viele der von ihm angestellten Überlegungen erscheinen sehr plausibel und zutreffend, werden allerdings eher abstrakt angestellt. Konkret wird das Buch immer dann, wenn es einen Bezug zu neuen Medien und ihren Folgen herstellt. Eine weitergehende konkretisierende Perspektive, die andere Ursachen für subversives Handeln in der Raumnutzung und räumlichen Planung in den Blick nimmt, fehlt allerdings. Die Überlegungen zur Subversivität sind also äußerst motivierend und werden mit großer Plausibilität vorgetragen, doch stellen sie den Bezug zu den oben genannten subversiven Praktiken der Raumnutzung zwischen Kunst, Planung und Raumaneignung kaum her, obwohl sie in den historischen Bezügen sehr wohl angelegt sind. Hier wünscht man sich vertiefende Überlegungen, die auch in den anregenden ausführlichen Anmerkungen am Ende des Buches kaum zu finden sind, oder eine intensivere Auseinandersetzung mit den vielen hierzu in den letzten Jahren erschienenen Büchern. Vor diesem Hintergrund ließe sich genauer beurteilen, ob der Autor mit seinem immer wieder vorgetragenen Hinweis darauf wirklich Recht hat, die Planung setze sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen und den subversiven Praktiken, die sie nahe legten, bislang viel zu wenig auseinander. Womit Bernd Streich sicher Recht hat: dass das Potenzial subversiven Denkens im routinisierten Alltag der Planung zu sehr ins Hintertreffen gerät. Man kann ihm also dankbar sein, dass er so leidenschaftlich für dessen stärkere Berücksichtigung plädiert, und hoffen, dass durch sein Buch – in Kombination etwa mit anderen aktuellen Büchern (stellvertretend sei hier nur „Spatial Agency" (Awan et al. 2011) genannt) sowie einer Rezeption der in speziellen Formaten wie IBAs und „Regionalen" im günstigen Fall immer wieder praktizierten innovativen planerischen Ansätzen – die Möglichkeiten für eine kreative Veränderung tatsächlich noch besser genutzt werden.

Awan, N.; Schneider, T.; Till, J. (2011): Spatial Agency: Other Ways of Doing Architecture. Abingdon: Routledge.AwanN.SchneiderT.TillJ.2011Spatial Agency: Other Ways of Doing ArchitectureAbingdon: RoutledgeSearch in Google Scholar

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