1. bookVolume 72 (2014): Issue 4 (August 2014)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Mobilitäten und Immobilitäten: Menschen – Ideen – Dinge – Kulturen – Kapital

Published Online: 31 Aug 2014
Volume & Issue: Volume 72 (2014) - Issue 4 (August 2014)
Page range: 357 - 358
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Scheiner, Joachim, Hans-Heinrich Blotevogel, Susanne Frank, Christian Holz-Rau, Nina Schuster (Hrsg., 2013): Mobilitäten und Immobilitäten: Menschen – Ideen – Dinge – Kulturen – Kapital

Essen: Klartext–Verlag. = Dortmunder Beiträge zur Raumplanung 142. 31 Tab., 63 Abb., 588 S

Das Rahmenthema „Mobilitäten und Immobilitäten“ verspricht eine spannende Auseinandersetzung mit dem Grundphänomen raum-distanzieller Analyse, dass jede Art von Mobilität (also bezüglich „Menschen, Ideen, Dingen, Kulturen, Kapital“, man könnte die Liste noch verlängern) damit verbunden ist, dass dem Mobilen etwas Immobiles gegenübersteht und dies zwangsläufig und dazu häufig konflikthaft. Entsprechend lautet die These der Herausgeber (S. 10), „dass auch und gerade in unserer hypermobilen und globalisierten Welt Mobilität nicht ohne Immobilität zu denken ist. Denn Mobilität und Immobilität erzeugen und bedingen einander.“ In dieser Formulierung klingt auch ein wenig Kritik an Raumforschung und Raumplanung der letzten Jahrzehnte dahingehend an, diesen Ansatz bisher nicht genügend systematisch verfolgt zu haben (der Autor dieser Besprechung schließt sich dabei nicht aus). Das Mobile, zumal bei hoher Dynamik und Aktualität – scheint als Forschungsgegenstand häufig zumindest auf den ersten Blick attraktiver als das Immobile zu sein.

In der Publikation wird ein Teil der Ergebnisse der Dortmunder Konferenz 2012 gleichen Themas zur Raum- und Planungsforschung – veranstaltet von der Technischen Universität Dortmund und der Akademie für Raumforschung und Landesplanung – vorgelegt. Die 40 abgedruckten Beiträge werden zu zehn Blöcken zusammengefügt. Aufgrund der Vielzahl der Texte und berührten Einzelthemen können im Folgenden die Blöcke im Wesentlichen nur summarisch in ihrem Inhalt vorgestellt werden. Block I zielt auf einzelne theoretische Perspektiven im Zusammenhang mit Mobilität/Immobilität. Alle vier hier vorgestellten Beiträge regen intensiv zum Weiterdenken an, so derjenige von Jens Dangschat mit der theoretischen Unterscheidung von Mobilität und „Motilität“ (im Sinne von Mobilitätspotenzial). Louis Albrechts hochinteressante Ausführungen zur strategischen Planung fallen allerdings aus dem Rahmenthema weitgehend heraus. Block II widmet sich in sieben Beiträgen allein der Alltagsmobilität und bietet auch zahlreiche Ansätze zum Nachweis und zur Erklärung geringer bis fehlender täglicher Mobilität. Auch Ansätze zur Gewährleistung höherer Nachhaltigkeit der Alltagsmobilität werden vorgestellt, so von Michael Wegener und Jens Dangschat. Block III beleuchtet zum einen in zwei Beiträgen soziale Gruppen mit sehr geringer Alltagsmobilität, keineswegs nur physisch mobilitätseingeschränkte Menschen, sondern auch kinderreiche Familien, einkommensschwache Haushalte oder einfach alte Menschen. In einem weiteren Beitrag von Giulio Mattioli geht es um die Alltagsmobilität von Haushalten, die unfreiwillig oder freiwillig nicht motorisiert sind (in Städten über 500.000 Einwohner sind dies 35 % der Haushalte !), in einem letzten von Joachim Scheiner um geschlechtsbedingte Unterschiede in der Alltagsmobilität. Block IV diskutiert in drei Ansätzen Phänomene der Umzugsmobilität und dabei auch (Beitrag von Gesa Matthes) sozioökonomisch begründete Umzugs(un)wahrscheinlichkeiten.

Block V fußt auf der Feststellung, dass Wohngebäude immobiles Kapital darstellen. Darin erschöpft sich allerdings der Zusammenhang mit dem Rahmenthema. Dessen ungeachtet sind die einzelnen Beiträge äußerst lesenswert, beispielsweise von Susanne Heeg zum internationalen Immobilienhandel. Zwei Beiträge setzen sich mit gereiften Einfamilienhausgebieten, zum einen suburban (Andreas Beilein), zum anderen außerhalb von Stadtregionen (Andrea Berndgen-Kaiser/Rundrid Fox-Kämper) auseinander, um demographisch bedingte Übergangsprozesse und abzuleitende wohngebietsspezifische Qualifizierungsstrategien zu diskutieren. Block VI stellt multilokale Lebensweisen in den Mittelpunkt, wobei der Beitrag von Christine Weiske besonders interessant multilokale Konstellationen als Vermittlung zwischen mobilisierenden und immobilisierenden Faktoren beschreibt. Block VII fasst drei Fallstudien zur beruflichen Migration auf regionaler, nationaler und transnationaler Bezugsebene zusammen. Block VIII fällt mit seinen beiden – für sich sehr lesenswerten – Beiträgen über Offshore-Ökonomie (Silke Ötsch/Celia Di Pauli) sowie über Produktionsverlagerungen zwischen Nordostitalien und Rumänien (Martina Pertoldi) vollkommen aus dem Rahmenthema. Block IX fragt in den beiden hier zu findenden Texten danach, inwieweit in strukturschwachen Regionen Mobilität, aber auch Immobilität sowohl in der Wanderungsmobilität als auch in der Alltagsmobilität erzwungen wird. Der Beitrag von Anne Volkmann stellt dies in den Zusammenhang der Debatte um gleichwertige Lebensverhältnisse und individuelle Chancen(un)gleichheit. Wenn gerade in extrem strukturschwachen Räumen immer mehr potenzielle Zielpunkte von Alltags-, aber auch Freizeitmobilität wegbrechen, kann dies zu erzwungener Immobilität führen. Block X befindet sich wiederum mit Analysen zur touristischen Entwicklung in Südpatagonien, zur Bedeutung visueller Landschaftsqualität und zu freiraumorientierter Freizeitmobilität in ihren gruppenspezifischen Ausprägungen ganz am Rande des Rahmenthemas.

Die Herausgeber des Bandes hatten mit zumindest zwei Grundproblemen zu kämpfen: Zum einen macht es ein Kongress mit einem sehr weit gefassten Rahmenthema und insgesamt 71 dort vorgestellten Einzelbeiträgen sehr schwer, diese mit einem gut nachvollziehbaren roten Faden zu verbinden. Zum anderen wird diese Aufgabe nicht leichter, wenn fast die Hälfte der Referenten ihre Texte nicht oder zumindest nicht im zu steckenden zeitlichen Rahmen abgeliefert haben. So hat die Gliederung des Bandes in zehn Blöcke nur noch teilweise etwas mit den 17 Sitzungsthemen des Kongresses zu tun. Das extrem reizvolle Tagungsthema „Mobilitäten und Immobilitäten“ zerfasert dadurch bedauerlicherweise ein wenig, allerdings auch dadurch, dass schon in das ursprüngliche Konferenzprogramm Sitzungen integriert wurden, die das Tagungsthema, wenn überhaupt, so doch nur ganz am Rande berühren (vgl. Blöcke V, VIII und X).

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