1. bookVolume 72 (2014): Issue 5 (October 2014)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Wie werden Landschaften gemacht? Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Konstituierung von Kulturlandschaften

Published Online: 31 Oct 2014
Volume & Issue: Volume 72 (2014) - Issue 5 (October 2014)
Page range: 441 - 443
Journal Details
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Leibenath, Markus; Heiland, Stefan; Kilper, Heiderose; Tzschaschel, Sabine (Hrsg.) (2013): Wie werden Landschaften gemacht? Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Konstituierung von Kulturlandschaften

Bielefeld: transcript Verlag, 280 S

Der Band „Wie werden Landschaften gemacht?“ ist eine Zusammenstellung von Beiträgen, die sich mit Landschaft aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Perspektiven mit konstruktivistischen und interpretativen Ansätzen befassen. „Diese Art der Landschaftsforschung versucht zu verstehen, wie Landschaften von Individuen oder Gruppen als etwas Bedeutungsvolles konstruiert werden“ (S. 7). Der Band dokumentiert Ergebnisse des Projektverbundes „Konstituierung von Kulturlandschaften“ (KulaKon), der zwischen 2008 und 2012 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde. Ein Teil der acht Beiträge ist aus den vier selbstständigen Teilprojekten hervorgegangen, die der Projektverbund umfasst. Ein anderer Teil sind überarbeitete Fassungen von Vorträgen, die auf der Abschlusskonferenz des Projektverbundes im Mai 2011 in Hannover gehalten wurden.

Dem Bd. (sowie dem Projektverbund) kommt das Verdienst zu, proaktiv auf das „Nischendasein“ (S. 8) der konstruktivistisch-interpretativen Landschaftsforschung im deutschsprachigen Raum zu reagieren: mit der Identifizierung und Benennung dieser ,Randexistenz‘, mit dem Zusammenschluss und Austausch von Forschern, die diese Perspektive auf Landschaft teilen, mit der Herausgabe dieses Bandes sowie nicht zuletzt damit, das begriffliche Label konstruktivistischer, interpretativer Landschaftsforschung geprägt zu haben.

Markus Leibenath weist in seinem einleitenden Beitrag darauf hin, dass es nicht „das“ konstruktivistische Paradigma schlechthin gäbe, sondern „eine Pluralität konstruktivistischer Ansätze mit je spezifischen Implikationen für den Umgang mit Raum und Landschaft“ (S. 11). Zwar teilten alle diese Ansätze die Prämisse, dass die soziale Wirklichkeit, auch Raum und Landschaft, etwas Konstruiertes sei. Leibenath unterscheidet aber eine phänomenologische von einer sprachsensiblen ,Spielart‘, wobei man in der zweiten davon ausginge, dass es keinen Zugang zur Welt gäbe, der nicht bereits sprachlich vermittelt sei. Beiträge beider Typen konstruktivistischer Forschung sind im Band vertreten, so dass dieser insgesamt ein gewisses Spektrum konstruktivistischer Forschung abdeckt.

Die Mehrheit der Beiträge ist, mit Ausnahme der Einführung von Leibenath, die einen Rahmen anbietet, „innerhalb dessen sich Ansätze konstruktivistischer, interpretativer Landschaftsforschung verorten lassen“ (S. 9), und der naturphilosophischen Betrachtungen von Ludwig Fischer, die Landschaft als das Produkt der „Arbeit an der äußeren wie der inneren Natur“ (S. 58) beschreiben, empirischer Natur. Sie beruhen auf teilweise sehr umfangreichen Dokumentenanalysen und Interviews mit Akteuren verschiedener Institutionen. Die dezidierte Stärke einiger Beiträge, z. B. Tanja Mölders’ Untersuchung unterschiedlicher Verständnisse von Natur- und Kulturlandschaft, die verschiedene Akteure des Biosphärenreservats Mittelelbe haben, oder die Studie von Wera Wojtkiewicz und Stefan Heiland zur landschaftsplanerischen Konstruktion von Landschaft in kommunalen Landschaftsplänen, liegt genau hier. Sie tragen weniger zur theoretischen Weiterentwicklung der konstruktivistischen, interpretierenden Landschaftsforschung bei, als dass sie bestehende Theorien und deren Potenzial, „Reflexions- und Orientierungswissen“ (S. 31) zu erarbeiten, mit reichhaltigem empirischem Material belegen. Der Band umfasst aber auch Beiträge, die geradezu vorbildhaft zeigen, wie die Analyse und Interpretation empirischen Materials von einem ausgeprägten Grad methodologischer Reflektiertheit profitieren kann. So arbeiten Markus Leibenath und Antje Otto in ihrer Untersuchung konkurrierender Windenergiedebatten am Beispiel des Rödeser Berges im hessischen Wolfhagen zwei konträre Landschaftsdiskurse heraus. Als – die im gesamten Band einzigen – Vertreter des sprachsensiblen Konstruktivismus folgern sie, dass es möglich ist, „mehrere Landschaften an einem Ort zu entdecken“ (S. 231). Sie verstehen darüber hinaus die Diskursstrukturen auch als Machtstrukturen – ein Thema, das im abschließenden Beitrag von Olaf Kühne aufgegriffen wird. Wie wir es von diesem Autor gewohnt sind, wird eine ungeheure Menge Literatur zu einem inspirierenden „Kaleidoskop“ (S. 28) verarbeitet, wie Leibenath einleitend schreibt. Leider bleiben die „Annäherungen an die Konstruktionen von Experten und Laien“ (S. 237) aufgrund einer fehlenden klaren Fragestellung hinter ihren eigenen Möglichkeiten zurück. Der Beitrag von Monika Micheel mit seinem Fokus auf alltagsweltlichen Landschaftskonstruktionen der Bevölkerung ist eine wichtige und notwendige Ergänzung der – im Band wie in der Landschaftsforschung insgesamt – übermächtigen Konzentration auf Landschaftsvorstellungen der professionell mit Landschaft Befassten. Der Gegensatz ihres Beitrags in Fokus und Vokabular könnte jedenfalls kaum größer sein als zum Beitrag von Heiderose Kilper und Ludger Gailing. Diese Autoren untersuchen die Konstitutionsleistungen der Institutionensysteme des Naturschutzes, der Denkmalpflege und der regionalen Entwicklungspolitik am Beispiel der Dessau-Wörlitzer Kulturlandschaft. Zwar finden hier beispielsweise Raumbilder und Werte als „informelle ... Institutionen“ (S. 171) zumindest dem Anspruch nach Berücksichtigung, der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Analyse der formellen Institutionen und der Governance-Formen Hier drängen sich die Fragen auf, ob die Konstitution von Kulturlandschaften als „Handlungsräume“ (S. 169) aus dieser institutionalistisch geprägten Sicht nicht etwas deutlich anderes bezeichnet als z. B. die „Konstruktion von Wohlfühlräumen“ (S. 124) bei Micheel und ob wirklich alle Beiträge gleichermaßen interpretativ, das heißt Bedeutungen verstehend, vorgehen. Bei der Lektüre wird spätestens hier das Bedürfnis nach Klärung, wie sich die unterschiedlichen Ansätze der Beiträge zueinander verhalten, übermächtig, um verstehen zu können, was mit der Gruppierung so unterschiedlicher Verständnisse von „Konstitution“ und „Landschaft“ unter ein gemeinsames Label gewonnen ist.

In demselben Maße also, in dem der Band in der Summe der Einzelbeiträge das große Potenzial konstruktivistischer, interpretativer Landschaftsforschung offenbart, verweist er in der Gesamtschau auf den im Ganzen noch ausstehenden Forschungsbedarf. In einem Folgeprojekt sollte daher die von Leibenath in der Einleitung begonnene, methodologische Reflexionsarbeit fortgeführt werden. Wünschenswert und fruchtbar wäre dann auch eine Weitung des Blicks in verschiedene Richtungen: So fällt beispielsweise erstens auf, dass die meisten Beiträge fast ausschließlich deutsche Literatur bzw. Literatur deutschsprachiger Autoren zitieren, einige Klassiker ausgenommen. Das ist vor allem deshalb bedauerlich, weil die ,internationale‘ Literatur, vor allem auch die angelsächsischer Länder, zu Fragen konstruktivistischer und relationaler Raum- und Landschaftsforschung viel zu bieten hat (z. B. Cosgrove 1984; Murdoch 2006, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen). Zweitens ist die Nische dieser Art der Landschaftsforschung im deutschsprachigen Raum vielleicht doch breiter als von Leibenath gezeichnet (S. 8 f.): Seit vielen Jahren wird beispielsweise eine Spielart konstruktivistischer, interpretativer Landschaftsforschung auch von der „Eisel-Trepl-Schule“, wie sie von Prominski (2004: S. 119) bezeichnet wurde, betrieben (vgl. z. B. Kirchhoff/Trepl 2009; Vicenzotti 2011; Trepl 2012). Eine Auseinandersetzung mit den Forschungsergebnissen dieser Denktradition könnte sicherlich fruchtbar sein (wie der Beitrag von Mölders andeutet). So wäre eine erste spannende und keineswegs banale Frage, welcher der von Leibenath gezeichneten Spielarten die Eisel‘sche Konstitutionstheorie (Eisel 2002) zugehört.

Ungeachtet all der monierten Kleinigkeiten: Der Band bereichert die noch immer überwiegend positivistisch geprägte Landschaftsforschung und bietet mit seinen zahlreichen Beispielen einen guten Einblick in die produktive und unterschätzte Nische konstruktivistischer, interpretativer Landschaftsforschung.

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