1. bookVolume 72 (2014): Issue 2 (April 2014)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Diskurs und Raum in der deutschen Hochschulentwicklung

Published Online: 30 Apr 2014
Volume & Issue: Volume 72 (2014) - Issue 2 (April 2014)
Page range: 173 - 174
Received: 13 Jan 2014
Accepted: 20 Jan 2014
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License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Burs, Matthias (2013): Diskurs und Raum in der deutschen Hochschulentwicklung. Berlin: Lit-Verlag. 164 S. = Forum Politische Geographie 8.

Der Band „Diskurs und Raum in der deutschen Hochschulentwicklung“ von Matthias Burs stellt einen aktuellen Beitrag zur Hochschulforschung dar, die sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen und vielbeachteten interdisziplinären Forschungsfeld etabliert hat. Diese wird vor allem von anwendungsbezogenen Arbeiten im Bereich des Hochschulmanagements und der Bildungsökonomie dominiert, demgegenüber gibt es eine Vielzahl von sozialwissenschaftlichen Beiträgen zur Diskussion der aktuellen Hochschulreformen, die sich eher kritisch mit den Tendenzen der „Neoliberalisierung“ von Hochschulen auseinandersetzen.

Aus geographischer Perspektive hat sich in Deutschland bislang vor allem die Bildungsgeographie mit deren frühen Arbeiten von Robert Geipel, Alois Mayr, Peter Meusburger später auch Manfred Nutz, Manfred Rolfes und anderen mit dem Thema der deutschen Hochschulentwicklung beschäftigt. Mit der Analyse und Planung von Hochschulstandorten sowie deren Wirkungen leistete die Geographie seit den 1960er Jahren einen wichtigen Beitrag zur Steuerung des Hochschulausbaus. Ganz im Sinne des damals vorherrschenden raumwissenschaftlichen Paradigmas, waren diese Arbeiten einem positivistischen Wissenschaftsverständnis verhaftet. Hinter dem normativen Ziel der Demokratisierung von Bildung wurden auf der Basis räumlicher Analysen Vorschläge für optimale Hochschulstandorte erarbeitet. Spätere geographische Arbeiten richteten sich vor allem auf die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen von Hochschulstandorten.

Genau in diesem Spannungsfeld setzt Matthias Burs mit seiner Diskusanalyse der deutschen Hochschulentwicklung an, die als Beitrag zur Hochschulforschung im Überschneidungsbereich von Bildungsgeographie und einer kritischkonstruktivistischen politischen Geographie einzuordnen ist. Der Fokus der Arbeit liegt nicht auf der räumlichen Analyse der Hochschulentwicklung, sondern auf der Analyse des diskursiven Wandels, in deren Rahmen sie sich seit den Nachkriegsjahrzehnten abgespielt hat. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich Diskurse und politisches bzw. institutionelles Handeln wechselseitig bedingen. Daher liegt der Diskursanalyse ein sogenannter Pressekorpus, basierend auf den elektronischen Archiven der Wochenschriften Der Spiegel und Die Zeit sowie ein Politikkorpus, mit „programmatische[n] Texten der Landesregierungen“ (S. 47) von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zur Hochschulentwicklung, relevanten Dokumenten der Bundesregierung, des Wissenschaftsrats und der Hochschulrektorenkonferenz zugrunde (S. 47 f.). Für die Analyse der Auswirkungen der aktuellen Hochschuldiskurse und deren räumlicher Dimensionen, wurden zudem Experteninterviews mit Hochschulrektoren in den Beispielländern Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg durchgeführt.

Die Ergebnisse der quantitativen Diskursanalyse von Presse- und Politikkorpus ergeben eine klare Periodisierung in drei Diskursphasen, die mit spezifischen Argumentationsmustern verbunden werden: In den 1960er Jahren wird die Diskussion von Ausbau und Reform bestimmt, die durch die Chancengleichheit und gesellschaftliche Verantwortung von Hochschulen legitimiert wurde. Hieraus entwickelte sich auch das räumliche Argument des regionalen Ausgleichs von Hochschulstandorten. Ende der 1970er Jahre löste sich dieser Ausbaudiskurs auf, ohne jedoch unmittelbar durch einen anderen ersetzt zu werden. Burs spricht hier von einer Phase der „Dethematisierung“ (S. 56). Erst in den 1980er Jahren wurde der hegemoniale quantitative Ausbaudiskurs durch parallele Reformdiskurse ersetzt, deren gemeinsamer Nenner die Verbesserung der wissenschaftlichen Qualität darstellte, die durch Differenzierung und Wettbewerb erreicht werden solle. Im Unterschied zum hegemonialen Diskurs der 1960er Jahre war der Hochschulentwicklungsdiskurs der 1980er Jahre durch Vielfalt und Widersprüchlichkeit gekennzeichnet. Demgegenüber trägt der seit den 1990er Jahren vorherrschende Reformdiskurs wiederum hegemoniale Züge und wird von den Argumenten der Profilbildung und Exzellenz im internationalen Wettbewerb getragen.

Anders als in den 1980er Jahren sind die aktuellen Argumentationsmuster von Wettbewerb, Profilbildung und Autonomie im Sinne einer „neoliberalen Formation“ kohärenter und damit vordergründig selbstverständlich. Dies ist umso erstaunlicher, als sich bei genauer Betrachtung ein Reihe von inneren Widersprüchen zeigen, die jedoch kaum als Gegendiskurse in Erscheinung treten – beispielsweise zwischen institutioneller Autonomie der einzelnen Hochschulen einerseits und einer staatlich geförderten, internationalen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Hochschulsystems andererseits. Weitere Inkohärenzen ergeben sich vor allem aus den durchgeführten Experteninterviews mit Hochschulrektoren in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Hier zeigt Matthias Burs, dass die Exzellenz-Fokussierung dem Profilbildungsziel ebenso entgegensteht wie die Regionalisierung der Internationalisierung, ohne dass diese jedoch in der Sicht der Akteure alternative Entwicklungspfade darstellen würden; gleichermaßen widerspricht der Wettbewerbsgedanke auch den geforderten Kooperationsbestrebungen. Gerade diese inkorporierten Widersprüche machen aber den hegemonialen Charakter der seit einem Jahrzehnt dominierenden „Reform-Formation“ aus, die sich in einer neoliberalen Rationalität verorten lässt, von den interviewten Experten jedoch kaum hinterfragt wird. Gleichwohl zeigt Burs mit seinen Analysen, dass trotz der Hegemonie dieses in der neoliberalen Rationalität eingebetteten Diskurses dessen unaufgelöste innere Widersprüche sowie die Persistenz der institutionellen Strukturen der staatlichen Steuerung gerade im internationalen Wettbewerb eine umfassende neoliberale Restrukturierung des deutschen Hochschulsystems bislang verzögert haben.

Die Kombination von Diskursanalyse und Darstellung der institutionellen Veränderungen, unter anderem in Karten und Tabellen des erfolgten Hochschulausbaus, des Wandels der Verteilung von öffentlichen Forschungsmitteln oder in den Änderungen der Hochschulgesetze macht das Buch zu einer interessanten Lektüre. Aus Sicht der bildungsgeographischen Forschung stellt die systematische und differenzierte Darlegung der Theorie und Methodik der Diskursanalyse einen wichtigen methodologischen Impuls dar, auch wenn die empirischen Analysen und Ergebnisse in ihrer Differenzierung und Systematisierung hinter den zuvor formulierten Anforderungen etwas zurückbleiben.

Etwas unklar ist hingegen die Rolle des „Raums“, welcher neben „Diskurs“ im Titel des Buches erscheint. Im Bereich der politischen Geographie wurde der Raumbezug in Diskursanalysen bislang vor allem in Referenz zu konkreten, identifizierbaren territorialen Einheiten durchgeführt, deren diskursive Konstruktionen und Dekonstruktionen im Zentrum stehen. Die „raumbezogenen Argumente“, die im vorliegenden Buch als Unterkapitel in nahezu allen Kapiteln auftauchen, beziehen sich auf die abstrakten räumlichen Begriffsfelder der Regionalisierung und Internationalisierung sowie des regionalen Ausgleichs und der Konzentration, ohne dass diese diskursanalytisch überzeugend ausdifferenziert würden. Die Rolle des „Raumes“ bleibt somit vage, und auch das abschließende Kapitel 7 „Zusammenfassung: Der Wandel räumlicher Bezüge in der deutschen Hochschulentwicklung“ bringt diesbezüglich nicht die erwartete analytische Klarheit.

Dessen ungeachtet leistet das Buch einen wichtigen Beitrag - nicht nur zur interdisziplinären Hochschulforschung, sondern auch zur bildungsgeographischen Forschung, da es nicht nur die Brücke zur politischen Geographie schlägt, sondern mit der Diskursanalyse eine in der geographischen Bildungsforschung bislang vernachlässigte Methode fruchtbar macht. Angesichts eines übermächtigen Bildungsdiskurses ist mit dem Buch eine gute methodologische und inhaltliche Grundlage für die Erforschung der diskursiven Konstruktion von „Bildungsräumen“, „Wissensregionen“ oder „Bildungslandschaften“ geschaffen.

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