1. bookVolume 71 (2013): Issue 5 (October 2013)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Strategische Regionalplanung

Published Online: 31 Oct 2013
Volume & Issue: Volume 71 (2013) - Issue 5 (October 2013)
Page range: 449 - 451
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Vallée, Dirk (Hrsg.) (2012): Strategische Regionalplanung

Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 237, 201 S.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, das Buch ist für all jene, die sich für die Regionalplanung in Deutschland interessieren, lesenswert. Es dürfte sich um den wichtigsten Diskussionsbeitrag der Akademie für Raumforschung und Landesplanung zur Regionalplanung seit dem Band „Zukunftsaufgabe Regionalplanung“ aus dem Jahr 1995 (ARL 1995) handeln. Wie der damalige Band, so resultiert auch der neue aus einem Arbeitskreis der ARL. Mit Dietrich Fürst, Karl-Heinz Hoffmann-Bohner, Heinz Konze, Axel Priebs und Dietmar Scholich war knapp die Hälfte der Autoren schon damals dabei. Bei den weiteren Mitwirkenden aus der Planungspraxis hat sich naturgemäß eine Veränderung ergeben und mit Dirk Vallée konnte ein in der Planungspraxis erfahrener Wissenschaftler als Leiter des Arbeitskreises und Herausgeber gewonnen werden, dessen Handschrift sich unverkennbar in dem vorgestellten Modell einer Strategischen Regionalplanung in Deutschland widerspiegelt.

Zunächst einmal stellt sich die Frage, wer sich knapp 50 Jahre nach ihrer Etablierung noch für die Regionalplanung interessiert. Je nach Standpunkt ist es erstaunlich oder auch konsequent, wie wenig die Planungswissenschaft im letzten Jahrzehnt über die Regionalplanung gearbeitet hat. Erstaunlich, weil doch die Herausforderungen – von dem anhaltenden Flächenverbrauch über zunehmende funktionale Verflechtungen im stadtregionalen Maßstab bis hin zu den veränderten Standortanforderungen in der Wissensgesellschaft – nicht weniger wurden und zugleich Megatrends wie der demographische Wandel und der Klimawandel, aber auch die Föderalismusreform grundlegend andere Rahmenbedingungen schufen. Der Bedarf an integrierten regionalen Strategien erscheint einerseits offensichtlich, andererseits ist der seit Jahren geringe politische Stellenwert der Raumplanung jedoch ebenso offensichtlich. Landes- und Regionalplanung tun sich äußerst schwer, im politischen Raum Gehör zu finden. Das Mitte der 1960er Jahre geschaffene Institutionensystem arbeitet weitgehend im Hintergrund jenseits der Wahrnehmungsschwelle von Öffentlichkeit und Medien – von spektakulären Einzelfällen wie „Stuttgart 21“ einmal abgesehen. Es scheint fast so, als hätte auch die Planungswissenschaft das Interesse an der Regionalplanung ein wenig verloren.

Insoweit ist allein schon das Aufwerfen der Frage, wie die Regionalplanung zukunftsfähiger ausgestaltet werden kann, verdienstvoll. Dies ist nämlich die zentrale Frage, die der Band „Strategische Regionalplanung“ beantworten will. Einen regelrechten Anlass für das Buch gibt es aber eigentlich nicht. Natürlich muss die Regionalplanung sich verändernden Herausforderungen angepasst werden. Dies galt aber stets seit ihrer Gründung und wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

Im Einstiegskapitel von Dirk Vallée wird eine Reihe von Herausforderungen beschrieben, denen sich die Regionalplanung aktuell gegenübersieht. Zu den prozessualen Herausforderungen werden hier eine verbesserte Planungskommunikation und eine aktivierende Rolle der Planung bei der Umsetzung der Ziele gezählt. Zu den inhaltlichen Herausforderungen zählt Vallée insbesondere die Konsequenzen von demographischem Wandel und Klimawandel. Als wichtigen Lösungsansatz sieht er die engere Verzahnung von Leitbildern und Zielen mit Konzepten und Plänen sowie mit der Umsetzung. Regionalplanung sei hier stärker als in der Vergangenheit als schrittweiser, sukzessiver Prozess anzulegen. Die regionalspezifische Ausprägung dieses „Dreiklangs“ „in Verbindung mit einem Monitoring und Controlling sowie mit einer umfangreichen Partizipation und Kommunikation“ (S. 10) bezeichnet Vallée als „Strategische Regionalplanung“.

Nach dem Einstiegskapitel setzt sich Dietrich Fürst auf elf Seiten in gewohnt souveräner und zugleich kompakter Art mit dem durchaus widersprüchlichen Verständnis von „Strategischer Regionalplanung“ in Europa auseinander. Er gibt einen fundierten Überblick über die vielschichtige wissenschaftliche Debatte der letzten Jahre und verarbeitet die Ansätze diverser Autoren zu einem gemeinsamen Nenner, in dessen Mittelpunkt er eine klare Zielorientierung, diskursive Methodik, mehrstufige Verfahren, lernorientiertes Controlling und Öffentlichkeitsbeteiligung stellt. Zugleich weist er auf Unterschiede hin in der Rezeption des Begriffes zwischen der oft normativ geprägten Wissenschaft und der projektbasierten Praxis, die vor allem eine Akzeptanzsteigerung durch den Planvollzug in den Blick nimmt.

Es folgen insgesamt neun Fallstudien, darunter sechs aus dem europäischen Ausland sowie drei deutsche aus der Innensicht der beteiligten Regionalplaner. Die Beschreibungen sind in vielerlei Hinsicht anregend. Die Tatsache, dass an allen Fallstudien Planungspraktiker mitgewirkt haben, führt zu einer spürbaren Erdung und Anwendungsnähe. Besonders das von Axel Priebs geschilderte dänische Beispiel ist kenntnisreich geschrieben und enthält instruktive Schlussfolgerungen. Überhaupt ist der Blick in die europäischen Nachbarländer – es werden neben Dänemark auch die Regionen Lyon (Frankreich), London (Großbritannien), südliche Randstad (Niederlande), Stockholm (Schweden) sowie in der Schweiz Bern, Zürich und Graubünden behandelt – lohnend und lehrreich. Als eher pragmatische Stärken-Schwächen-Analysen folgen sie aber keinem konsistenten Untersuchungsmuster. Auch bleibt die Auswahl der Fallstudien für den Leser schwer nachvollziehbar. Sie liegen durchweg im (nord-) westlichen Teil Europas, und es wäre aus deutscher Sicht möglicherweise fruchtbarer gewesen, sich mit Manchester oder Newcastle anstelle von Greater London auseinanderzusetzen, da Deutschland über keine vergleichbare Primatstadt verfügt.

Ausführungen zum methodologischen Vorgehen und zum Fallstudiendesign wird der wissenschaftlich interessierte Leser vermissen (abgesehen von der Angabe der Interviewpartner im Anhang). Dieses Manko kann auch die Querauswertung der Fallstudien durch Tobias Brandt und Heinz Konze nicht ausgleichen. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, als hätte die Auswertung erst im Nachgang einen Vergleichsrahmen für die Fallstudien erarbeiten müssen. Die fünf Kategorien Organisationsform, Planart, Prozess, Planinhalte und Umsetzung werden holzschnittartig analysiert und in einer schwer lesbaren achtseitigen Tabelle präsentiert. Auch wirft die Begründung der Kategorien implizit viele Fragen auf, ohne sie zu beantworten, zumal der für die strategische Regionalplanung so eminent wichtige institutionelle Kontext so gut wie nicht erfasst wird. Es drängt sich der Eindruck auf, als sei die Analyse der ansprechenden Fallstudienergebnisse auf halbem Weg stecken geblieben. Das ist zwar schade, doch lohnt das Studium der in den Fallstudien beschriebenen Vielfalt aktueller regionalplanerischer Ansätze. Dass die Analyse und Generalisierung hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt, ist vor dem Hintergrund der Arbeitsweise eines Akademie-Arbeitskreises, der auf ehrenamtlicher Tätigkeit basiert und keine empirische Forschung im eigentlichen Sinne erlaubt, durchaus verständlich.

Im dritten Teil des Bandes wird dann ein „neues Planungsverständnis“ beschrieben, das die Herausforderungen und Lösungsansätze des Einstiegskapitels aufgreift. Auf die theoretischen Ausführungen in Kap. 2 und die neun Fallstudien wird nur in loser Form Bezug genommen. Kernstück ist der oben schon beschriebene Dreiklang mit Zielen, Konzepten und Umsetzung, flankiert von einem kontinuierlichen Monitoring, einer steten Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, regelmäßigen Akteursanalysen und der Bildung strategischer Partnerschaften unter Einbeziehung von Trägern von Umsetzungsaufgaben. Vieles mag auf den ersten Blick gar nicht so neu erscheinen. Schließlich hatte schon der eingangs erwähnte ARL-Band „Zukunftsaufgabe Regionalplanung“ im Jahr 1995 gefordert, regionales Planungsmanagement müsse im Planungs- und Entwicklungsprozess die zentrale „Ausgleichs-, Mittler-, Koordinierungs- und Schrittmacherfunktion“ (ARL 1995: 46) erhalten. Das schmälert aber nicht den praktischen Wert der Zusammenschau im vorliegenden Band. Sie beschreibt eine modellhafte Form zeitgemäßer Regionalplanung, freilich unter günstigen Kontextbedingungen, die derzeit wahrlich nicht in allen deutschen Planungsregionen gegeben sind. Als Zielvorstellung und Maßstab für die Bewertung regionaler Planungstätigkeit stellt das erfahrungsgesättigte Modell jedoch eine anwendbare und umfassende Synthese dar.

Fazit

Für an der Planungspraxis Interessierte enthält der Band konkrete Empfehlungen für die praktische Ausgestaltung einer umsetzungs- und entwicklungsorientierten Regionalplanung. Für Leser, die sich eher aus einer wissenschaftlichen Perspektive mit Fragen der Weiterentwicklung regionaler Planungsformen auseinandersetzen möchten, bietet es eine Fülle an konzeptionellen Anregungen und Fallbeschreibungen zu regionalen Planungsbeispielen im In- und Ausland. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Konzepten strategischer Regionalplanung und ein methodologisch fundiertes Fallstudiendesign bleiben allerdings in Ansätzen stecken. Es wäre jedoch unfair, dies den Autoren vorzuhalten. Der anwendungsnahe Band möchte praktische Empfehlungen geben und die planungspolitische Diskussion konzeptionell beeinflussen. Beides ist ihm gelungen; er ist damit ein gutes Beispiel für die Stärken der ARL. Die Planungswissenschaft ist aufgefordert, eine weitergehende theoretisch-analytische Auseinandersetzung folgen zu lassen.

ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.) (1995): Zukunftsaufgabe Regionalplanung. Anforderungen – Analysen – Empfehlungen. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 200.ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.)1995Zukunftsaufgabe Regionalplanung. Anforderungen – Analysen – EmpfehlungenHannover= Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 200Search in Google Scholar

Recommended articles from Trend MD

Plan your remote conference with Sciendo