1. bookVolume 71 (2013): Issue 5 (October 2013)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Die Entdeckung der Landschaft: Einführung in eine neue Wissenschaft

Published Online: 31 Oct 2013
Volume & Issue: Volume 71 (2013) - Issue 5 (October 2013)
Page range: 439 - 441
Received: 01 Mar 2013
Accepted: 16 Apr 2013
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Küster, Hansjörg (2012): Die Entdeckung der Landschaft: Einführung in eine neue Wissenschaft

München: Verlag Beck, 361 S.

Mit dem neuen Buch „Die Entdeckung der Landschaft“ legt Hansjörg Küster eine weitere Schrift vor, die sich thematisch in seine früheren Bücher zur Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, zur Landschaft und Geschichte der Elbe, zum Natur- und Kulturraum Ostsee und zur Geschichte des Waldes einreiht, fast könnte man sagen, auf diesen aufbaut. Seine Hauptthese lautet, eine neue Wissenschaftsdisziplin sei notwendig, die von ihm so bezeichnete „Landschaftswissenschaft“. Obwohl dieses Buch auf eine neue Wissenschaft zielt, ist es doch eher populärwissenschaftlich geschrieben und richtet sich demnach nicht nur an Wissenschaftler, sondern auch an die breite Öffentlichkeit.

Vor dem Hintergrund, dass Landschaft schon seit Langem in verschiedenen Disziplinen wissenschaftlich bearbeitet wird, ist zu fragen, was hier wirklich mit „neu“ gemeint ist. Küster stellt dazu drei Aspekte bei der Betrachtung von Landschaft heraus (S. 9): Natur, Kultur und Interpretation. Als wissenschaftliche Gegenstände der neuen Landschaftswissenschaft formuliert er (S. 13):

die Auswirkungen von Natur oder natürlichen Einflüssen auf Strukturen der Umwelt, also auf den Raum, der den Menschen umgibt,

die Charakterisierung des menschlichen Einflusses,

die Aufdeckung und Charakterisierung von Metaphern, die auf Interpretationen oder Ideen des im Raum Geschehenen basieren,

das Zusammenwirken dieser verschiedenen Faktoren, wie sie das interpretierende Auge des Betrachters sieht.

Dabei wird deutlich, dass es ihm vor allem um die Verknüpfung der verschiedenen Sichtweisen, also um eine Integration der genannten drei Dimensionen Natur, Kultur und Interpretation bzw. Idee geht. Dadurch kann „Landschaft zum Thema einer Wissenschaft werden, der Landschaftswissenschaft“, schreibt Küster (S. 15).

Das Buch gliedert sich in insgesamt 17 Kapitel, die nicht weiter untergliedert sind. Zwischenüberschriften in den Kapiteln erleichtern jedoch die Lesbarkeit und Übersichtlichkeit. Einige Kapitel widmet er dem Begriff der Landschaft sowie der Vorstellung wichtiger Methoden der Landschaftsforschung, er behandelt die Themen Natur, Ökosysteme und deren Dynamik und den menschlichen Einfluss auf die Ökosysteme. Weitere Kapitel sind der Interpretation von Landschaft und der „Landschaftswissenschaft als Zusammenschau“ (9) gewidmet. Landschaften und Landnutzung werden in Kapiteln unter dem Aspekt von „Raum und Zeit“, der geschichtlichen Entwicklung, angefangen von den Jägern und Sammlern (11) bis zum Reformzeitalter (14), diskutiert sowie innerhalb und außerhalb von staatlichen Strukturen (12, 13) betrachtet. Ein ganzes Kapitel (15) beschreibt die typische Verteilung von Nutzungsbereichen in der Landschaft. In den beiden abschließenden Kapiteln werden Konsequenzen von Landnutzungssystemen und Landschaft sowie „Aufgaben der Landschaftswissenschaft“ (17) diskutiert. Die Gliederung des Buches erscheint dem Leser auf den ersten Blick nicht besonders logisch oder hierarchisch strukturiert, doch wird beim Lesen klar, wie hier eins ins andere greift.

In den ersten Kapiteln gibt Küster zunächst einen Überblick über den Begriff und die Wahrnehmung von Landschaft in Öffentlichkeit, Wissenschaft und im praktischen Umgang mit Landschaftsveränderungen beispielsweise in der Planung. Er postuliert hier, dass in den Augen der Menschen „schöne Natur ... sich nicht wandeln, sondern gewissermaßen eine stabile Kulisse für das Leben der Menschen sein [soll]“ (S. 12). Dies betrachtet er als einen Widerspruch. Dem könnte man aber auch entgegenhalten, dass es möglicherweise gar nicht um den Wandel an sich geht, sondern um den Verlust des als qualitätsvoll erachteten Zustands. Dann wäre Wandel durchaus akzeptiert, aber eben nicht, wenn er zu einer geringeren Lebensqualität führt.

Küster bleibt auch in diesem Buch seiner gewohnten starken Betonung der Landschaftsgeschichte treu. Landschaft müsse gelesen und interpretiert werden. Dazu wird von ihm insbesondere die Sammlung von historischem Wissen, die Deutung der in der Landschaft erkennbaren Elemente historischer und aktueller Nutzungselemente und deren Interpretation im Zusammenhang mit den naturräumlichen Gegebenheiten als hilfreich hervorgehoben. Ganz im Sinne der von Alexander von Humboldt geprägten Landschaftsdefinition des „Totaleindrucks einer Gegend“ geht es auch bei Küster in weiten Teilen um das Wahrnehmbare der Landschaft. Dieser „Totaleindruck“ muss seiner Meinung nach aber auf „Fakten und dem Erkennen von Zusammenhängen zwischen Natur und Kultur“ beruhen. Die Darstellung dieser Zusammenhänge sei „die zentrale Aufgabe der Landschaftswissenschaft“ (S. 326).

Nicht ganz verständlich ist, warum Küster die Landschaftsökologie in der Zusammenstellung von Nachbarfächern der von ihm postulierten Landschaftswissenschaft in einer Abbildung auf Seite 17 nicht nennt. Gerade diese Disziplin richtet schon seit ihrer Entstehung an den Schnittstellen von Geographie und Ökologie bzw. Biologie den Blick auf die räumlichen Zusammenhänge und Funktionen innerhalb von Landschaften. An späterer Stelle (S. 86 f.) wird dagegen die Bedeutung der Ökosysteme mit ihren Zusammenhängen zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen belebter und unbelebter Umwelt betont. Landschaften können nicht ohne die Ökosystemaren Prozesse verstanden werden. In diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert, wenn Küster auf die derzeit stark diskutierte Thematik der Ökosystem(dienst)leistungen eingegangen wäre. Dabei wird anders als von Küster dargelegt (S. 86), auch davon ausgegangen, dass Ökosysteme bewertet werden können, freilich aus einer stark anthropozentrisch geprägten Sichtweise. Gefragt wird nämlich, welche ‚Leistungen’ die Ökosysteme für die Nahrungsgrundlage, die Rohstoffversorgung, aber auch die kulturelle und spirituelle Bedürfnisbefriedigung des Menschen heute und in Zukunft erbringen können und was getan werden muss, um diese Voraussetzungen zu erhalten. Dabei sind durchaus die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Funktionen der Ökosysteme, aber auch historische Nutzungen und Elemente sowie räumliche Beziehungen mit im Blickfeld, so dass auch schon übergeordnet von Landschaftsdienstleistungen gesprochen wird. Diese würden eigentlich die Aussagen von Küster stützen und müssten in der von ihm propagierten Landschaftswissenschaft mit behandelt werden. In diesem Sinne ist Küster wiederum vollständig zuzustimmen, wenn er schreibt, dass Landschaft „nicht nur ein Kompartiment im gesamten Raum“ ist, sondern ein materielles und immaterielles Gut, und damit „ein wesentlicher Teil des kulturellen Erbes der Menschheit“ (S. 317).

Küster gibt in seinem Buch einen umfassenden Überblick über die Thematik, angefangen von dem Begriff der Landschaft über die verschiedenen Methoden zur Untersuchung von Landschaft und deren Kompartimente, die Ökosysteme, aber auch über die Landschaftsgeschichte, die Landnutzungssysteme. Es ist beachtlich, wie die einzelnen Themenbereiche hier aneinandergefügt werden und ein Ganzes ergeben. Er schafft es dadurch, einen kurzweiligen und interessanten Text vorzulegen. Insgesamt ist es ein sehr lesenswertes Buch. Doch sind auch Schwächen zu nennen. Zu den kleineren gehört die häufige Verwendung einiger Lieblingsworte des Autors, wie „konsekutiv“ und „Evidenzen“. Einige Stellen weisen auch Längen auf, die kaum Neues bringen. So wirkt das Kapitel 15 über „Typische Verteilungen von Nutzungsbereichen in der Landschaft“ sehr allgemein.

Schwer nachzuvollziehen sind auch Aussagen in dem sehr kurz geratenen Kapitel zum Schutz von Landschaften in intensiv genutzten Gebieten, wonach gegen eine Intensivierung der Nutzung, auch eine Vergrößerung von Feldern nicht generell etwas einzuwenden sei, solange nur die Bodenerosion berücksichtigt wird. Aspekte zum hochaktuellen Thema der Bewahrung der biologischen Vielfalt werden dabei von ihm nicht berücksichtigt. Gerade Erkenntnisse aus diesem Bereich würden allerdings die Aussage Küsters stützen, dass es eben nicht um das Bewahren von einzelnen Landschaftskompartimenten geht, sondern die „komplette Landschaft“ als Ganzes in ihren Zusammenhängen betrachtet werden muss, dass es eben um einen „integrativen Umgang mit Landschaft“ (S. 324) geht. Nur so könnte der nach wie vor ungebremste Verlust an Artenvielfalt gestoppt werden, weil biologische Vielfalt eben auch die Vielfalt auf Landschaftsebene umfasst.

Recht hat Küster, wenn er eine weitaus übergreifendere Beschäftigung mit Landschaft fordert, an der unterschiedliche Disziplinen neben der Geographie und der Landschaftsökologie, der Geschichtswissenschaft, den Sozial-, Gesellschafts- und Planungswissenschaften zusammenarbeiten. Aus allen diesen Bereichen gibt es seit Längerem Arbeiten zum Thema Landschaft. Das Neue könnte vielleicht darin liegen, wirklich gemeinsam und interdisziplinär zum Thema Landschaft zu forschen. Wenn Küster schreibt, „Landschaftswissenschaft steht zwischen Natur- und Geisteswissenschaften“ (S. 18), so trägt dieser Ansatz hoffentlich dazu bei, eine stärkere Zusammenarbeit zu fördern.

Noch viel wichtiger erscheint aber – wie Küster betont –, die Öffentlichkeit einzubeziehen und Interesse für diese Zusammenhänge zu wecken. In diesem Sinne muss eine stärkere Diskussion über „die Gegenwart und Zukunft von Landschaften“, wie Küster auf Seite 323 schreibt, stattfinden, und zwar auch auf regionaler Ebene. Es ist zu wünschen, dass dieses Buch in der Öffentlichkeit breites Interesse für das Thema Landschaft weckt.

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