1. bookVolume 70 (2012): Issue 5 (October 2012)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Gans,Paul (2011): Bevölkerung. Entwicklung und Demographie unserer Gesellschaft

Published Online: 31 Oct 2012
Volume & Issue: Volume 70 (2012) - Issue 5 (October 2012)
Page range: 467 - 468
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Gans, Paul (2011): Bevölkerung. Entwicklung und Demographie unserer Gesellschaft

Darmstadt: Primus Verlag und Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 176 S.

Obwohl der Prozess des demographischen Wandels in der jüngeren Vergangenheit in der politischen Diskussion und in den Medien eine wachsende Aufmerksamkeit erzielt hat, existiert in der breiten Öffentlichkeit eine nach wie vor bemerkenswerte Unkenntnis hinsichtlich demographischer Sachverhalte. Dies ist umso erstaunlicher, als die Bevölkerungsentwicklung eines Landes einen nachhaltigen Einfluss auf nahezu alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft ausübt. Diesem Wissensdefizit zu begegnen und zu einem verbesserten Verständnis von grundlegenden demographischen Strukturen und Prozessen beizutragen, ist das Ziel der vorliegenden Publikation. Das Buch richtet sich daher nicht primär an ein Fachpublikum, sondern „an alle Leser, die sich aus beruflichen und/oder persönlichen Gründen für das Thema Bevölkerung interessieren“ (S. 8), das heißt an den interessierten Laien, den Praktiker im Beruf oder auch an Wissenschaftler aus weiter entfernten Fächern.

Der Autor, Paul Gans, ist ein ausgewiesener Bevölkerungswissenschaftler mit einem Arbeitsschwerpunkt und einer breiten Expertise auf dem Gebiet der Bevölkerungsgeographie. Auch wenn die bevölkerungsgeographische Perspektive mit ihrer Betonung der regionalen Differenzierung von Bevölkerungsstrukturen und -prozessen zweifellos im Vordergrund steht, so sind die Ausführungen insgesamt doch einem breiten interdisziplinären Zugang verpflichtet, der neben der formalen Demographie auch Ansätze der Bevölkerungssoziologie und Bevölkerungsökonomie einbezieht. Dieser umfassende, interdisziplinäre Blick auf das Phänomen Bevölkerung zählt, soviel sei als Urteil bereits vorweggenommen, zweifellos zu den ausgesprochenen Stärken des Buches. Etwas befremdlich indes, zumindest aber sprachlich ungeschickt, wirkt vor diesem Hintergrund der Untertitel des Bandes: „Entwicklung und Demographie unserer Gesellschaft“: Der Begriff „Entwicklung“ greift zu weit und mit „Demographie“ verbindet man doch eher eine wissenschaftliche Disziplin.

Der Band umfasst acht Kapitel von recht unterschiedlichem Umfang und inhaltlicher Ausrichtung. Nach einer sehr knappen Einführung in die grundlegenden Themen und Fragestellungen der Bevölkerungswissenschaft(en) folgen zunächst ein Überblick über die historische und künftige Entwicklung der Weltbevölkerung bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts (Kap. 2) sowie Ausführungen zu den Themen Bevölkerungsverteilung, Tragfähigkeit und Verstädterung (Kap. 3). Das vierte Kapitel widmet sich dem zentralen Aspekt der „Bevölkerungsstruktur“, der Zusammensetzung und Differenzierung von Bevölkerungen bzw. Gesellschaften nach den Merkmalen Alter, Geschlecht, Haushalts- und Lebensformen sowie Bildungsstand und ethnischer Herkunft und den damit verbundenen vielfältigen sozialen Implikationen. Dem folgt in Kap. 5 unter Bezug auf das „Modell des demographischen Übergangs“ eine stark an der wissenschaftlichen Systematik orientierte Darstellung der „natürlichen“ Bevölkerungsdynamik mit ihren Teilaspekten der Geburtenentwicklung und der Sterblichkeit in zeitlicher und räumlicher Perspektive. Werden dabei die weltweiten Unterschiede im Sinne des demographic divide zwischen den weniger entwickelten Ländern des „Südens“ und den postindustriellen Gesellschaften besonders thematisiert, so widmet sich Kap. 6 schwerpunktmäßig dem aktuellen Phänomen des „demographischen Wandels“ in den europäischen Ländern sowie seinen Konsequenzen und Herausforderungen für die gesellschaftliche Entwicklung. In diesem Kapitel erreicht das Buch zweifellos seine höchste Aktualität und Praxisrelevanz, zumal die Probleme vor allem am Beispiel Deutschlands diskutiert werden. Kap. 7, das umfangreichste von allen, befasst sich schließlich mit dem Thema der „räumlichen Bevölkerungsbewegungen“. Dabei stehen neben den Wanderungstypologien und -theorien internationale Migrationsprozesse in Vergangenheit und Gegenwart im Vordergrund, während den Binnenwanderungen kaum Beachtung geschenkt wird. Ein nach meinem Empfinden etwas zu kurzes Kapitel zum Themenkomplex der Bevölkerungspolitik beschließt die Darstellung.

Die Ausführungen werden durch eine Fülle von Graphiken, Karten und Tabellen, die nicht zuletzt zum vertiefenden Studium anregen, eindrucksvoll ergänzt und erläutert, auch wenn einzelne Karten aufgrund ihres kleinen Formats nur schwer lesbar sind. Hinzu kommen zum Teil großformatige Fotos, deren Notwendigkeit bzw. Aussagekraft allerdings nicht immer einsichtig ist. Die Erklärung von Begriffen und Methoden, Hinweise auf Datenquellen, aber auch die genauere Erläuterung von Theorien und theoretischen Konzepten wird von farblich abgesetzten „Exkursen“ übernommen. Dies entlastet einerseits den fortlaufenden Text, führt aber andererseits – zusammen mit den umfangreichen Materialien – häufig zu einem recht unruhigen und nicht immer lesefreudigen Seitenlayout.

Was die inhaltliche Ausrichtung des Buches betrifft, so versucht der Autor, wie an der Kapitelfolge ablesbar, einen Kompromiss zu finden zwischen einer systematischen Präsentation grundlegender bevölkerungswissenschaftlicher Begriffe, Konzepte und Sachverhalte im Stile eines Lehrbuches sowie einer stärker themenübergreifenden, ganzheitlichen Darstellung von demographischen Strukturen und Prozessen sowohl auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen als auch hinsichtlich ihrer zeitlichen Dimensionen. Dieses inhaltliche Konzept erweist sich insgesamt als durchaus sinnvoll und tragfähig, es führt zur Präsentation einer großen Breite von bevölkerungswissenschaftlichen Themen, theoretischen Konzepten, Problemstellungen und Erklärungsansätzen, aber auch zu sehr vielfältigen und nützlichen Detailinformationen zu historischen wie aktuellen demographischen Sachverhalten und Problemen.

Dennoch sind Nachteile des gewählten Konzeptes nicht zu übersehen. So fehlt der Darstellung nach meinem Eindruck zuweilen die notwendige argumentative Stringenz und konzeptionelle Geschlossenheit. Dies äußert sich darin, dass einzelne Themenkomplexe an verschiedenen Stellen erwähnt, aber dann nicht mit der gebotenen Vollständigkeit abgehandelt werden. Die gesellschaftlichen Konsequenzen internationaler Wanderungen werden z. B. in den Kap. 4, 5 und 7 angeschnitten. Dies beginnt mit einer eingehenden Präsentation von Maßzahlen zur Messung ethnischer Segregation (S. 55 f.). Eine inhaltliche Diskussion von Begriffen und Konzepten der Integration und/oder Assimilation erfolgt dann später allerdings nicht, obwohl dies angesichts der aktuellen politischen Diskussion nahe gelegen hätte. Stattdessen wird der recht ,theorielastigen' Vorstellung alternativer Wanderungstypologien wiederum ein sehr breiter Raum gegeben.

Zweifellos lässt sich über die inhaltliche Gewichtung eines so ambitionierten Buchprojektes wie das vorliegende trefflich streiten. Weniger Verständnis wird man allerdings für die nicht seltenen begrifflichen Unschärfen, stilistischen Schwächen und sprachlichen Fehler aufbringen, die sich bei einem sorgfältigen Lektorat sicherlich hätten vermeiden lassen. Doch auch sachliche Fehler sind nicht zu übersehen. So beziehen sich z. B. die Zahlen in Tab. 4.3 (S. 59) keineswegs nur auf New York City, sondern auf die Metropolitan Area, und von „Aufenthaltsgenehmigungen“ (S. 129) kann bei der Einwanderung in die USA erst mit der entsprechenden Gesetzgebung seit Beginn des 20. Jahrhunderts gesprochen werden.

Trotz dieser Monita, die sich für eine zweite Auflage leicht korrigieren lassen, gelingt dem Autor neben einem recht umfassenden Überblick über die Forschungsansätze in den Bevölkerungswissenschaften eine lebendige und problemorientierte Schilderung der in Europa und weltweit sehr unterschiedlichen demographischen Strukturen und Prozesse sowie ihrer vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen. Der Band füllt so durchaus eine Lücke in der Vermittlung demographischer Kenntnisse über die Grenzen der Fachwissenschaft hinaus.

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