1. bookVolume 70 (2012): Issue 1 (February 2012)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Social Entrepreneurship: Perspektiven für die Raumentwicklung

Published Online: 28 Feb 2012
Volume & Issue: Volume 70 (2012) - Issue 1 (February 2012)
Page range: 79 - 80
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Jähnke, Petra; Christmann, Gabriela B.; Balgar, Karsten (Hrsg.) (2011): Social Entrepreneurship: Perspektiven für die Raumentwicklung

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. 297 S.

„Social Entrepreneurship“ bezeichnet soziales Unternehmertum, welches durch die Anwendung unternehmerischer Prinzipien und Mittel soziale und gesellschaftliche Problemlösungen mit innovativem Charakter herbeizuführen sucht. Wenngleich sozialunternehmerische Aktivitäten historisch weit zurückreichen, so besteht Einigkeit über die Neuartigkeit von Begriff und Konzept des „Social Entrepreneurship“. Neu ist auch das Ausmaß, in dem das Phänomen in den letzten Jahren einerseits in die Praxis Einzug gehalten hat und andererseits in verschiedenen Forschungsdisziplinen Berücksichtigung fand. Der Band „Social Entrepreneurship: Perspektiven für die Raumentwicklung“ trägt dieser Entwicklung Rechnung, indem er Beiträge von Vertretern aus Forschung und Praxis versammelt. Vollzog sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik bisher überwiegend aus wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen heraus, so diskutiert der vorliegende Band die Potenziale dieses Ansatzes und seiner praktischen Anwendung aus einer raumbezogenen Perspektive. Dies heben die Herausgeber Petra Jähnke, Gabriela B. Christmann und Karsten Balgar als Alleinstellungsmerkmal des Sammelbandes hervor. Neben dem Stand der gegenwärtigen Debatte fokussiert das Werk damit auf die Potenziale des „Social Entrepreneurship“, um Herausforderungen von Stadt- und Regionalentwicklung, insbesondere hinsichtlich der möglichen Unterstützung des Staates in der „Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ und dem „Abbau regionaler Disparitäten“ (S. 7) durch die Entwicklung und Umsetzung innovativer sozialer Lösungen, zu begegnen.

Der erste Teil zeigt Möglichkeiten der Verortung von „Social Entrepreneurship“ im Spannungsfeld zwischen markt- und zivilgesellschaftsbezogenen Konzepten auf. Die Beiträge dieses Abschnitts behandeln grundsätzliche Fragen, rahmen das Thema und nehmen verschiedene definitorische Abgrenzungen vor. So thematisiert Karl Birkhölzer zunächst internationale Perspektiven sozialen Unternehmertums und beschreibt die kulturellen und sozialstaatlichen Ursprungskontexte des US-amerikanischen „Social Entrepreneurship“ sowie des europäischen und deutschen sozialen Unternehmertums. Anschließend liefert Sebastian Braun einen Überblick über bürgerschaftliches Engagement von Individuen und Unternehmen und diskutiert auf Basis empirischer Befunde dessen gesellschaftliche Funktionen und Potenziale. Peter Spiegel bezieht sich auf den Ansatz des „Social Business“, welcher über das Konzept des „Social Entrepreneurship“ hinausgehend neben sozialer Innovativität auch ökonomische Innovativität und Wirtschaftlichkeit fordert, während Günter Faltin in seinem Beitrag die Verortung von „Social Entrepreneurship“ zwischen „Entrepreneurship“ und Ethik diskutiert. Schließlich beleuchtet Karsten Balgar die gesellschaftlichen Entstehungskontexte von „Social Entrepreneurship“ und liefert eine theoretische Aufarbeitung der verschiedenen Forschungsstränge. In einem kritischen Abschluss des ersten Teils beanstandet er eine disziplinenübergreifende Ausblendung von Kontext und lokalen Spezifika, einhergehend mit der Forderung einer „Re-Lokalisierung“ des Konzepts.

Der zweite Teil des Bandes wirft – oft aus einer praktischen oder praxisorientierten Perspektive heraus und anhand von Fallbeispielen und empirischen Ergebnissen, welche im Folgenden nicht alle thematisiert werden können – Schlaglichter auf die Handlungsmotive, das Selbstverständnis und die Wahrnehmung von „Social Entrepreneurs“, auf regionale und nationale Rahmenbedingungen ihres Wirkens und auf die jeweils angestrebten Lösungen gesellschaftlicher Problemlagen. So liefert etwa Franz Dullinger in seinem Beitrag über das „Public Private Partnership“-Projekt „XperRegio“ ein Praxisbeispiel für den Anstoß regionaler Entwicklung durch die Förderung lokalen Unternehmergeistes auf Basis lokaler Kooperation. Ein politisches Programm zur Innovationsförderung im Sozialsektor präsentiert Felix Oldenburg. Saskia Bruysten und Henning Engelke formulieren „Social Business“ als Chance, die Innovations- und Wirtschaftspotenziale, wie sie die globalisierten Märkte bieten, zugunsten der Lösung sozialer Probleme zu aktivieren. Angela Lawaldt thematisiert die Finanzierungsmöglichkeiten für „Social Business“ und diskutiert „Social Venture Capital Fonds“ als eine Möglichkeit der Schaffung geeigneter Finanzierung. In dem finalen Beitrag des Abschnitts präsentiert James W. Scott empirische Ergebnisse über grenzüberschreitende zivilgesellschaftliche Kooperationen zwischen Finnland und Russland.

Der dritte und letzte Teil stellt soziale Innovationen als Handlungsgegenstand bzw. Handlungsziel der „Social Entrepreneurs“ in den Vordergrund und hinterfragt, unter welchen Bedingungen diese zustande kommen, diffundieren und mit Raumbezügen versehen werden. Zunächst liefert Gabriela B. Christmann eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der sozialen Innovationen als Gegenstand der Aktivitäten von „Social Entrepreneurs“ und diskutiert deren Raumbezüge, die sozialen Komponenten und den zeitlichen Ablauf des Innovationsprozesses. Weiterhin behandeln Gabriela B. Christmann und Petra Jähnke die Wirkung von „Social Entrepreneurs“ als Raumpioniere in der städtischen Quartiersentwicklung, deren Einbettung in soziale Netzwerke und die Bedeutung der Kommunikation mit der lokalen Öffentlichkeit. Auf Basis einer empirischen Analyse zur Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung in altindustriell geprägten Klein- und Mittelstädten in Nordengland und Ostdeutschland diskutiert Thilo Lang die Potenziale sozialer Ökonomien für eine integrierte Stadtentwicklung und die Bedeutung der institutionellen Rahmenbedingungen. Maria Anastasiadis präsentiert empirische Ergebnisse über Potenziale und Bedürfnisse nachhaltigkeitsorientierter Social Entrepreneurs in Österreich. Abschließend verbindet Rafael Ziegler in seinem Beitrag die wirtschaftliche Perspektive Schumpeters auf gesellschaftlichen Wandel mit einer ethischen, auf menschliche Entwicklung ausgerichteten Perspektive auf Basis des „Capability“-Ansatzes, welchen er darüber hinaus als Mittel zur Evaluation der ethischen Dimension von „Social Entrepreneurship“ ansieht.

Der Sammelband beinhaltet eine Vielzahl verschiedener Perspektiven und Ansätze zum Thema. Er bietet damit einen umfangreichen, freilich nicht einheitlichen Überblick über die Aufarbeitung der Thematik in den verschiedenen Forschungsrichtungen, indem die Stärken wissenschaftlicher Reflexion mit praktischer Erfahrung verbunden werden. Neben theoretischen und durchaus kritischen Auseinandersetzungen mit dem Ansatz und dessen konkreter Konzeptionalisierung im akademischen Kontext bietet er gleichzeitig auch Ansätze für Praxis und politische Programmatik zur Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen, um die Aktivitäten im Bereich des „Social Entrepreneurship“ und sozialer Innovationen zu initiieren und zu fördern. Für den Leser dürften somit, je nach seiner praktischen oder theoretischen Ausrichtung, verschiedene Beiträge von besonderem Interesse sein.

Die Entwicklung von Perspektiven für die Raumentwicklung ist erklärtes Ziel des Bandes. Wie einleitend betont wird, erfährt Raum als analytische Kategorie in der Debatte um „Social Entrepreneurship“ bislang wenig Berücksichtigung. Der Band leistet somit einen wertvollen Beitrag zur Eröffnung neuer, raumwissenschaftlich orientierter Perspektiven auf die Thematik. Den Beiträgen, welche sich in unterschiedlicher Intensität mit dem Zusammenhang zwischen „Social Entrepreneurship“ und Raumentwicklung befassen, liegen verschiedene Raumkonzepte – von sozialen Räumen über kulturelle und institutionelle Kontexte bis hin zu den psychologisch definierten inneren Räumen – zugrunde. Bedeutungen und Wirkungen regionalspezifischer Kontexte, Einbettungen und Rahmenbedingungen sozialinnovativen Agierens werden ebenso diskutiert wie die Potenziale einer auf regionale oder städtische Entwicklung ausgerichteten Perspektive auf „Social Entrepreneurship“.

Fazit: Der Band ermöglicht einen Einblick in die Vielschichtigkeit der Thematik und die Vielzahl der methodischen Ansätze. Interessante Perspektiven bietet die spannende Frage nach der begrifflichen Abgrenzung und der konzeptionellen Verortung von „Social Entrepreneurship“ zwischen Markt und Drittem Sektor, welche noch lange nicht abschließend diskutiert ist. Beiträge unterschiedlicher Disziplinen liefern theoretische oder empirisch fundierte Argumente für das Einnehmen einer raumbezogenen Perspektive in der Auseinandersetzung mit dem Thema. Für den interessierten Leser, der eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik wünscht, kritische Eckpunkte der interdisziplinären Debatte um „Social Entrepreneurship“ kennenlernen und sich aus raumwissenschaftlicher Sicht interessante Perspektiven eröffnen möchte, ist das Buch sehr empfehlenswert.

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