1. bookVolume 70 (2012): Issue 1 (February 2012)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg

Published Online: 28 Feb 2012
Volume & Issue: Volume 70 (2012) - Issue 1 (February 2012)
Page range: 77 - 78
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Meusburger, Peter; Schuch, Thomas (Hrsg.) (2011): Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg

Knittlingen: Verlag Bibliotheca Palatina. 388 S.

Zum 625. Jubiläum der 1385/1386 gegründeten Universität Heidelberg legen die Herausgeber ein monumentales Werk als „Visitenkarte“ ihrer Universität vor. In Texten, Karten und anderen Graphiken sowie in historischen und aktuellen Bildern werden die Geschichte der „Ruperto Carola“, die wissenschaftliche Profilbildung der jüngeren Vergangenheit und die räumlichen Verflechtungen am Wissenschaftsstandort Heidelberg nachgezeichnet. Die Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig, das mit der Herausgabe des zwölfbändigen Nationalatlasses der Bundesrepublik Deutschland (1999 bis 2007) eine hohe gestalterische und editorische Kompetenz erworben hat, ermöglichte nicht nur die graphische Nähe zum Nationalatlas, sondern auch eine hervorragende kartographische Visualisierung verschiedenster Sachverhalte. Es ist unmöglich, in einer kurzen Rezension alle Beiträge eingehend zu würdigen, doch seien einige Akzente gesetzt, die die Breite der Themen und der präsentierten Materialien würdigen.

In zwei hervorragenden einführenden Beiträgen versteht es der Humangeograph Peter Meusburger, der grundlegende Arbeiten zur Geographie des Bildungswesens vorgelegt hat, die methodischen und theoretischen Überlegungen zu Themenwahl und -breite darzustellen und die Universität Heidelberg in diesem Kontext zu positionieren. Er betont nicht nur die Tatsache, dass das Bildungswesen an der Entstehung spezifischer Raummuster beteiligt ist, sondern unterstreicht auch die Bedeutung der Visualisierung. Wissenschaftsstandorte wie Heidelberg zeigen zudem eine spezifische Dynamik, zu der Wissenschaftler mit ihren Karrieren beitragen. Eine Universität ist ferner nicht isoliert zu sehen, sondern eingebunden in das städtische und regionale Umfeld. Dies wird in der wechselvollen Geschichte der Universität immer wieder sichtbar; gerade im Jubiläumsjahr ist eine solche würdigende Retrospektive angebracht.

Die Gründung 1385/1386 stellt die Universität in den Rahmen des frühen europäischen Universitätswesens. Möglich wurde der erste Aufschwung durch Grundbesitz in der Stadt. Kulturgeschichtliche Bedeutung erlangte die Universität in der Reformation (Luthers Disputation von 1518, Heidelberger Katechismus von 1563). Die Hinwendung zur Reformation prägte für Jahrhunderte das Profil der Universität, wie man auch aus Herkunft und Berufungszielen von Professoren ersehen kann. In die Stadt hinein wirkte die Universität mit den Wohnungen der Studierenden und dem studentischen Leben. Existenzielle Bedrohungen belasteten die Zeit zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, doch gelang immer wieder eine Neubelebung, was sich aus der langfristigen Entwicklung der Studierendenzahlen ablesen lässt. Mit der Ausdifferenzierung und dem Aufschwung von Geistes- und Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert entstanden neue Universitätsstandorte, die in die Stadtentwicklung eingebunden wurden. Internationale Geltung brachten hervorragende Fachvertreter mit ihren „Schulen“ und intellektuellen Kreisen. Genannt werden beispielsweise Wilhelm Bunsen (Chemie), Robert Kirchhoff (Physik), Hermann von Helmholtz (Physiologie), Max Weber (Soziologie), Alfred Weber (Nationalökonomie), Alfred Hettner (Geographie). Im 20. Jahrhundert brachten der Erste Weltkrieg mit den Gefallenen und dem Wiederaufbau sowie die nationalsozialistische Zeit mit der Verdrängung von Wissenschaftlern aus rassenpolitischen Gründen Rückschläge, die mit der Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg überwunden werden konnten, so dass der im 19. Jahrhundert entstandene „Mythos“ von Heidelberg, seiner Universität und deren Studentenleben in moderner Version wiederaufleben konnte.

Es ist etwas merkwürdig, entspricht aber der heutigen Bedeutung der Drittmitteleinwerbung, dass gerade mit diesem Aspekt und mit dem Mittelzufluss durch die Exzellenzinitiative die Darstellung des Profils der Universität nach 1945 und in der Gegenwart eröffnet wird, nicht etwa mit der Alimentierung durch den Staatshaushalt. Den Fakultäten wird Gelegenheit für eine Selbstdarstellung unter unterschiedlichen Schwerpunkten gegeben, wobei die räumlichen Verflechtungen durch Berufungen ebenso wie die internationale Wirkung, insbesondere durch Kooperationen, im Vordergrund stehen. Deutlich sichtbar wird das breite Spektrum an unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten. Forschungszentren für Astronomie, Biochemie und Molekularbiologie erweitern das Spektrum der Universitätsinstitute und präsentieren sich als interdisziplinäre Einrichtungen. Die Universitätsbibliothek mit ihrer bedeutenden Handschriften- und Inkunablensammlung sowie das Rechenzentrum haben inzwischen eine weit über die reine Serviceleistung hinausgehende Bedeutung. Universitätsarchiv und Sammlungen ergänzen diese Angebote. Die Einbeziehung der Universität in soziale Bewegungen zeigt sich am Beispiel der Studentenunruhen 1967/68. Herausragenden Persönlichkeiten wird in den Abschnitten über die Rektoren, die Nobelpreisträger mit Bezug zu Heidelberg und einzelnen Ehrendoktoren Rechnung getragen.

Die räumlichen Verflechtungen der Universität werden an weiteren führenden Einrichtungen am Wissenschaftsstandort Heidelberg sichtbar. Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, das Deutsche Krebsforschungszentrum, vier Max-Planck-Institute und das „European Molecular Biology Laboratory“ gehören zu den international angesehensten Einrichtungen ihrer Art. Die Institute der „Klaus Tschira Stiftung“ stellen die Verbindung zur regionalen Wirtschaft her. Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und die Pädagogische Hochschule ergänzen das wissenschaftliche Profil der Stadt. Sie tragen dazu bei, dass die Wissenschaft der vermutlich wichtigste „Arbeitgeber“ in der Stadt (etwa 135.000 Einwohner) ist – rund 23.000 Beschäftigte arbeiten im gesamten Heidelberger Wissenschaftsbereich. Zugleich zieht das Studienangebot Studierende aus aller Welt an, wofür exemplarisch die USA, Russland, Ungarn und Japan vorgestellt werden.

Was die städtebauliche Einbindung betrifft, bildet nicht nur der Campus Neuenheimer Feld einen Stadtteil für sich, auch die Verteilung der Universitätseinrichtungen über die Stadt verdeutlicht den Flächenanspruch einer traditionsreichen und zugleich modernen Universität. Die regionale Bedeutung erschließt sich zudem über wirtschaftliche Effekte, die sich als Kapitalströme, als Arbeitsplatzgenerator und als Ausgangspunkt von Innovationszentren und Ausgründungen darstellen lassen. Im Anhang ergänzen Autorennachweis, eine Einführung in die kartographischen Grundüberlegungen und ein Literatur- und Quellenverzeichnis zu den einzelnen Abschnitten den Band.

Kritik? Es finden sich Kleinigkeiten: Einige Abschnitte könnten als Nabelschau missverstanden werden, doch rechtfertigt es die Exzellenz der Heidelberger Universität durchaus, stolz auf bisherige Leistungen zu sein, dies auszudrücken und zugleich auf die Zukunftsfähigkeit der wissenschaftlichen Infrastruktur zu verweisen. Auch über einige Begriffe könnte man stolpern, etwa über die „Einzugsgebiete der Heidelberger Professoren“, um einen raumwissenschaftlichen Terminus zu nennen. Dass nicht alle Themen in der vielleicht erwarteten Breite behandelt werden können und Schwerpunkte gesetzt werden müssen, ergibt sich häufig aus der Datenlage. Es ist aber als Verdienst der Herausgeber anzuerkennen, dass alle Fakultäten berücksichtigt werden, dass ein breites Spektrum an Themen behandelt wird und dass eine sehr reiche Visualisierung den Band auszeichnet.

Man kann den Band als ‚Bilderbuch’ lesen und hat bereits davon großen Gewinn. Noch mehr lohnt sich, in die Dichte der Texte und die Verknüpfung mit Karten und anderen Abbildungen einzusteigen, um einen Einblick in die Bedeutung eines herausragenden deutschen Wissenschaftsstandorts zu gewinnen. Hier tut sich eine Fülle von kulturellen und politischen Kontexten auf, in die die Heidelberger Universität eingebunden ist. Das Beispiel dieser einen Universität verweist zugleich auf die zahlreichen Zusammenhänge, die generell im Bildungsbereich zu bedenken sind. Deutlich wird, welcher Stellenwert der höheren Bildung als Kulturgut, als raumorganisierendem Faktor und als individuellem Wert beizumessen ist. Bildung gehört heute zu den höchstrangigen Gütern, für die zunehmend ein globaler Markt entsteht. Standorte wie Heidelberg gehören zu den führenden Vermittlern dieses Gutes. Damit wird der Atlas auch zu einer exzellenten Werbung für diesen Wissenschaftsstandort sowie auch für Deutschland. Es ist nur folgerichtig im Hinblick auf die heutige Sprachentwicklung, dass der deutschen Ausgabe in kurzem zeitlichem Abstand auch eine englische Version folgte, die der Internationalität der traditionsreichen Universität gerecht wird.

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