1. bookVolume 69 (2011): Issue 6 (December 2011)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Neue Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft

Published Online: 31 Dec 2011
Volume & Issue: Volume 69 (2011) - Issue 6 (December 2011)
Page range: 425 - 427
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Bukow, Wolf-Dietrich; Heck, Gerda; Schulze, Erika; Yildiz, Erol (Hrsg.) (2011): Neue Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft

Wiesbaden: VS-Verlag, 237 S.

„Endlich!“ – so möchte man ausrufen – liegt wieder etwas frische Literatur zur alten, nichtsdestoweniger spannenden Frage der Ausgestaltung multikultureller Gesellschaften vor. Gerade nachdem sich die Debatte um die Sarazzin’schen Defizit-Thesen über die Integration der Zuwanderer etwas beruhigt hat, erhofft man sich hier eine anregende, da positiv gestimmte, Lektüre und wünscht sich, dass in diesem Buch die breite Spanne zwischen blauäugigen Multikulti-Träumereien und unangebrachten Schuldzuweisungen bearbeitet werden konnte. Wie hat die Veralltäglichung der Migration die Städte verändert? Hat sie gar zur Steigerung deren „Urbanität“ beigetragen? Der Sammelband vereinigt Beiträge aus den Disziplinen Pädagogik (insbesondere die Pädagogik der Forschungsstelle interkulturelle Studien in Köln und an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt), Soziologie, Politikwissenschaften und Kulturanthropologie. Von den insgesamt 13 Beiträgen stammen drei von außerakademischen Autoren.

Ausgehend vom Typus der europäischen Stadt stilisieren die Herausgeber die Entwicklung der Städte als kontinuierliche Fähigkeit, „Vielfalt zu verarbeiten“. In der europäischen Stadtgeschichte, so legen die Herausgeber dar, wurde „Vielfalt“ immer wieder dazu genutzt, die Ordnung der Macht zu demonstrieren. Vielfalt werde verschärft und politisch aufgeladen. Indem die Herausgeber die Frage der Inkorporation von Migranten in der Stadt als eine Machtfrage diskutieren, heben sie diese auf eine strukturelle Ebene und können so argumentativ auch den Anschluss an die großen gesellschaftlichen Trends finden. Die zweite Globalisierungswelle mit ihren ganz neuen Kommunikations- und Mobilitätsformen stellt die bisherigen Stadtgesellschaften auf die Probe, da diese super-diversity erzeugen. In den Stadtgesellschaften sind zwei ambivalente Reaktion auf diese Vielfalt möglich: ein Sich-Arrangieren oder die Irritation. Die Beiträge im Buch fragen nicht danach, ob „Vielfalt eine relevante Größe“ darstellt (S. 12), sondern sie setzen dies voraus und konzentrieren sich auf die Analyse des Alltags in der Stadt und auf die dort stattfindenden Diversifizierungsprozesse.

Der Sammelband ist in vier Abschnitte unterteilt: Im ersten geht es um das Abbild der Vielfalt im urbanen Alltag. Regina Römhild zeigt hier am Beispiel der Jugendlichen im Frankfurter Gallusviertel eindrücklich, wie weit sie sich in ihrem Leben bereits von dem abgenabelt haben, was landläufig noch als „Integrationsdebatte“ geführt wird. Die Jugendlichen kreieren eigene „Möglichkeitsorte“, treffen sich in möglichst nationalitäten-neutralen Hamburgerrestaurants. Eine ihrer Gesprächspartnerinnen, Tulay, stellt sich angesichts des Nachbarn in Griesheim schon mal die Frage, „wie sehr die Deutschen eigentlich in dieser neuen Wirklichkeit angekommen sind und ob es nicht auf ihrer Seite Integrationsdefizite gibt“ (S. 26). Zudem wird konstatiert: „Migranten sind … Pioniere einer neuen kulturellen Vielfalt“ (S. 26).

Elisabeta Jonuz und Erika Schulze befassen sich mit dem Fallbeispiel der Keupstraße in Köln und gehen davon aus, dass Migration der eigentliche Treiber gesellschaftlicher Entwicklung sei: Ohne Migration wären Köln, Frankfurt am Main und Berlin heute keine Metropolen. Sie zeichnen die Entwicklung der Keupstraße zur internationalen Einkaufsstraße mit überregionaler Anziehungskraft nach. Das hier beschriebene Beispiel erinnert ein wenig an das Londoner Beispiel der „Brick Lane“, einer ganz auf Vermarktung des Exotischen ausgerichteten Einkaufsmeile, nur eben als türkische Variante in Köln. Die vermeintliche, da inszenierte, Exotik wird als ein besonderes Merkmal des Städtischen herausgehoben, die Keupstraße zu einer postmodernen Straße mit einem „Modernitätsvorsprung“ in Zeiten von Transnationalisierung und Globalisierung wahrgenommen.

Der Beitrag von Birgit Mattausch Yildiz beleuchtet einen Stadtdiskurs am Beispiel der Bronx. Sie zeigt, wie statische, normative Ordnungsmodelle in öffentlichen Diskussionen reflexartig angewendet werden. Sie plädiert dafür, den Umgang mit Ungewissheit, Widersprüchen und Konflikten als urbane Kompetenzen zu werten. Großstädte und Stadtteile könnten als Durchgangsräume, als Bewegungsräume zur Überwindung statischer Konzepte interpretiert werden – ohne jedoch in die Falle einer nostalgischen Auffassung von „Diversität“ zu tappen.

Erol Yildiz und Marc Hill wenden sich der Migrationssituation bzw. der Lebenspraxis in Wien und Klagenfurt zu. Transnationale Kulturräume und „No-Go-Idyllen“ wie Kärnten offenbaren bei genauerem Hinsehen transkulturelle Praxen. Auch hier: es ist der Blick auf das Gemeinsame in der Zukunft, der für die Alltagspraxis in den Stadtteilen wichtig ist und der ein diversitätsbewusstes Bildungsverständnis auf lokaler Ebene ermöglicht. Ganz ähnlich argumentiert Yildiz in seinem zweiten Beitrag. In Anlehnung an den deutsch-iranischen Schriftsteller Said sieht er die alltägliche Realität durch „radikale Vielfalt, Mehrdeutigkeit, Heterotopien und Widersprüche“ gekennzeichnet (S. 143).

Der zweite Abschnitt ist dem Umgang mit der Vielfalt gewidmet. Joachim Schroeder plädiert für die Abschaffung der interkulturellen Pädagogik zugunsten einer Pädagogik der Diversität. Vielfalt braucht Profil (durch interkulturelle Schulprofile), Anerkennung (durch Toleranz) und Arbeit am Tabu (durch pädagogisch-kulturelle Selbstreflexion). Die multikulturelle Schule, so empfiehlt der Autor, ist der richtige Ort für die Umsetzung dieser Aufgaben. Ulrich Steuten befasst sich mit Glaubensfreiheit, Religionsausübung und unerwünschten Konfrontationen in der säkularen Gesellschaft. Er führt verschiedene Formen von Religiosität zusammen, indem er sie als Sinnangebote definiert und zu bedenken gibt, dass in der Multioptionsgesellschaft des 21. Jahrhunderts auch so etwas wie ein relitainment (ähnlich wie das edutainment) auftreten könne. Stephan Lanz beschäftigt sich mit der Frage, wie das Fremde in der Stadt jeweils auf Distanz gehalten wurde. Als Analyserahmen nutzt er das Foucault’sche Dispositiv. Ein solches Dispositiv transformiert sich jeweils aus einer Notlage heraus. Am Beispiel Berlins zeigt der Autor, wie seit der Nachkriegszeit zunächst das Dispositiv der national-homogenen Großstadt mit seiner Präferenz dafür, das „Andere“ in Lager und Ghettos zu sperren, bis in die 1970er Jahre dominierte, sich dann das Dispositiv der „Akzeptanz anderer Kulturen“ mit seiner Beauftragtenpolitik und sich schließlich seit den 2000er Jahren das Dispositiv der kosmopolisch-diversitären Metropole herausbildete.

Im dritten Abschnitt des Sammelbandes geht es um die Vielfalt im staatlichen Kontext, wobei Erol Yildiz die beliebte und übliche binäre Vorstellungswelt des „Wir“ und der „Anderen“ in Frage stellt. Es folgt ein englischsprachiges Kapitel von Ayhan Kaya, welches Einblick in die Türkei als multi-ethnischem Land gibt und die diesbezüglich vorherrschenden Diskurse nachzeichnet. Reiner Geißler widmet sich in seinem Beitrag dem kanadischen Modell der Diversität, einem Land, das sich selbst seit 1971 als „multikulturelle Gesellschaft“ proklamiert. Die gesamte kanadische Gesellschaft ist vom Anspruch geprägt, eine multikulturelle Gesellschaft zu sein. Dieses Selbstverständnis wurde durch politisches Management gezielt unterstützt. Am Beispiel des zweisprachigen Südtirols zeigt Leonhard Voltmer dann, wie die Logik von „Sonderrechten“ Konflikte eine Weile entschärfen kann, aber auch diese der Komplexität einer von Migration geprägten Wirklichkeit kaum angemessen ist. Marc Terkessidis schließlich klopft am Mythos der „Diversity“-Verklärung und regt an, doch einmal darüber nachzudenken, ob die in den 1990er Jahren in den USA ironisch als PPPP (pale patriachical penis people) bezeichnete Personalkonstellation in den Entscheidungspositionen nicht auf die deutschen Institutionen zutreffen könnte, und mahnt, den Anspruch von „Diversity“ (im Sinne von neue Balancen bzw. neue Häuser zu entwerfen, anstatt in ein Vorhandenes zu integrieren) ernst zu nehmen. Schöner kann man es nicht formulieren, daher sei es an dieser Stelle wiederholt: „Denn im Gegensatz zum traditionellen Modell des Nationalstaates, der sich auf die geteilte Geschichte beruft, verweist ‚Diversity‘ auf das Zusammenleben in einer geteilten Zukunft“ (S. 204). Dies trifft genau den Kern der gesamten laufenden Debatte: Ist man Mitglied einer Gesellschaft dadurch, dass man eben immer schon dabei war oder gibt es aushandelbare Zugehörigkeitskriterien? Wolf-Dietrich Bukow unternimmt eine Ortsbestimmung in der postmodernen Stadtgesellschaft, indem er eine Kritik an der Stadtentwicklung, die einer nostalgischen Grundmelodie folgt – es soll so werden, wie es einmal war –, anbringt. Urbane Vielfalt, so Bukow, ist ein Gebrauchsgut mit Halbwertszeit, etwas Relatives, von dem dann vielleicht einmal ein Fußabdruck bleibt.

Der Sammelband ist trotz des vielfältigen Themas überraschend homogen in der Machart der einzelnen Beiträge. Keiner der präsentierten Texte bedient sich beispielsweise vorliegender Statistiken zur Unterfütterung der Argumentation, was an einigen Stellen den Gang der Argumentation in den richtigen Rahmen gerückt hätte. Dann würden nämlich die Autoren das Staunen, das im oben angeführten Zitat von Römhild zum Ausdruck kommt, noch stärker unterstreichen: In den Städten Frankfurt am Main, Nürnberg und Stuttgart liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter 18 Jahren inzwischen bei über 50 %. Angesichts dieser Zahlen wirkt das in diesem Sammelband gebündelte Plädoyer wie ein Weckruf für große Teile der „Scientific Community“, die die Bedeutung des Migrantischen für die Städte noch nicht erkannt haben.

Insgesamt ein wirklich lesenswertes Buch, welches das schwierige Geschäft, das unsichtbare Soziale sichtbar zu lokalisieren, erfolgreich unternimmt.

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