1. bookVolume 69 (2011): Issue 5 (October 2011)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Anpassung an den Klimawandel – regional umsetzen! Ansätze zur Climate Adaption Governance unter der Lupe

Published Online: 31 Oct 2011
Volume & Issue: Volume 69 (2011) - Issue 5 (October 2011)
Page range: 347 - 349
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Frommer, Birte; Buchholz, Frank; Böhm, Hans Reiner (Hrsg.) (2011): Anpassung an den Klimawandel – regional umsetzen! Ansätze zur Climate Adaption Governance unter der Lupe

München: Oekom, 275 S.

Das Buch „Anpassung an den Klimawandel – regional umsetzen!“ versammelt unter einem im Wesentlichen planungswissenschaftlichen Blickwinkel Einsichten aus verschiedenen transdisziplinären Modellprojekten zur Governance regionaler Klimaanpassung. Darin liegt zweifellos die Stärke dieses Bandes, weil er einerseits theoretisch-konzeptionelle Einordnungen vornimmt und weil dies andererseits vor dem Hintergrund vielfältiger Beispiele geschieht. So geben die Beiträge dieses Bandes einen hilfreichen Überblick über die aktuelle Diskussionsfülle in Deutschland – und verweisen zugleich auf wichtige Fehlstellen in der Diskussion.

Der Aufbau des Buches folgt der Logik von der Konzeption von Klimaanpassungsmaßnahmen über Akteure und Kommunikation bis zur Maßnahmenumsetzung. Der eröffnende Beitrag von Knieling, Froehlich und Schaerffer widmet sich der „Climate Governance“. Er bündelt die allgemeine Governance-Diskussion und perspektiviert sie für die „Climate Adaptation Governance“. Das Auffächern des Diskurses dient letztlich dazu, die „Climate Adaptation Governance“ in die Reihe schon bekannter Governance-Diskussionen einzuordnen und zugleich – aufgrund der Spezifik des Gegenstandes Klimaanpassung – um die Aufmerksamkeit für hier notwendigerweise besondere Regelungsarrangements zu werben. Um dem zu entsprechen, fokussieren die Autoren schließlich auf die Differenzierung unterschiedlicher Instrumente der „Climate Adaptation Governance“, die sie nach den Kategorien formelle, ökonomische und informelle Instrumente sortieren (S. 38).

Daran anschließend und auf das Feld der Planung konzentriert reflektiert Wiechmann in seinem Beitrag „Strategien zwischen Emergenz und Planung“ spezifische Grenzen eines linear-instrumentellen Ansatzes der Planung durch die idealtypische Gegenüberstellung eines offenen adaptiven Strategiemodells. Allerdings wird dieses an sich fruchtbare und plausible heuristische Modell auch hier instrumentell gewendet, wodurch es einen Teil seiner analytischen Plausibilität einbüßt (S. 57), die darin bestünde aufzuzeigen, wie die Wahl von Strategien sich als sozialer Prozess vollzieht.

Der dritte konzeptionelle Beitrag „Governance der Klimaanpassung“ von Pütz und Kruse fokussiert schließlich auf die Frage nach der Anpassungsfähigkeit von Instrumenten der Klima-Governance, insbesondere solchen der Raumplanung. Bei der Evaluation dieser Instrumente in Alpenländern wird deutlich, dass zwischen den politischen Ansprüchen und der konkreten Ausformulierung von Raumplanungsinstrumenten eine große Lücke klafft, wiewohl sich aus der Evaluation Kriterien ableiten lassen, wie diese Lücke geschlossen werden könnte. Immerhin wirft der Beitrag die wichtige Frage auf: „Wie können wir uns anpassen, wenn wir nicht genau wissen, an was wir uns eigentlich anpassen müssen?“ (S. 75). Darin wird klar, wie problematisch die Verbindung von naturwissenschaftlichem und gesellschaftswissenschaftlichem Wissen ist und welche Bedeutung Suchprozessen eigentlich zukommen müsste.

So gerüstet werden die Leser in die konkreten Felder geführt. Der Beitrag von Born „Akteursorientierte Kommunikation des Klimawandels“ referiert eine Form sozialwissenschaftlicher Aktionsforschung, bei der es um die Initiierung partizipativer Prozesse für Innovationen zur Verarbeitung von Adaptionserfordernissen geht. Dabei wird ein Modellrahmen entwickelt, der Treiber wie Barrieren bei der Anpassungsplanung identifiziert (S. 96). Dieser Rahmen ist, auch wenn er von durchaus diskussionswürdigen Annahmen ausgeht, ein guter Startpunkt für eine Diskussion über die sozialen Kontexte und Anpassungsprobleme von Anpassungsplanungen.

Andere Instrumente, nämlich Szenarien, werden von Albert, Knieling und Zimmermann in ihrem Beitrag „Szenarien als Instrument zur Klimaanpassung in Kommunen“ für „Climate Adaptation Governance“ fruchtbar zu machen versucht. Dieses Instrument hat sich im Rahmen partizipativer Planungsprozesse auf kommunaler Ebene schon bewährt. Dieses Vorgehen ist in der Tat sehr plausibel, weil Szenarien einen guten Anlass für die Diskussion und die Entwicklung von Perspektiven darstellen. Gleichwohl stellt sich hier die Frage nach einer reflektierten Verbindung von Forschung und Gestaltung in Politikprozessen, da normative Vorgaben deutlich erkennbar sind. Zwei weitere Arbeiten führen zu Herausforderungen und Akteuren lokaler Klimapolitik, wobei auch die Unternehmensperspektive angesprochen wird.

Schließlich kommt der Abschnitt der Umsetzung, dessen Beiträge in ganz unterschiedliche Richtungen führen. Knierim und Hirte argumentieren für die „Aktionsforschung – ein Weg zum Design institutioneller Neuerungen zur regionalen Anpassung an den Klimawandel“. Dabei verbinden sie Überlegungen von Kurt Lewin und Elinor Ostrom zu einem „Design institutioneller Neuerungen“ (S. 171). Das ist durchaus anregend, bedrückend ist gleichwohl, dass Kurt Lewin bei der Analyse nicht wirklich erkennbar wird. Denn dann würde weniger auf schematische Abläufe gesetzt als vielmehr nach Einsichten in die Dynamik von Prozessen gesucht. Bei einem Ansatz zur Aktionsforschung erscheint diese managementbezogene Ausdeutung besonders verblüffend (S. 157), wäre doch gerade hier die Chance auf einen nicht-instrumentellen, sozialdynamischen Ansatz gegeben.

Dahingegen führt Bauriedl eine ganz konkrete „Innovation regionaler Governance durch Klimaanpassungsbeauftragte“ vor. Hier werden aus einem Forschungsprojekt (Klimzug) Governance-Innovationen vorgestellt und diskutiert: Klimaanpassungsbeauftragte, Klimaanpassungsmanager und Klimaanpassungsakademie sollen einen kontinuierlichen Transfer zwischen Forschung und Praxis ermöglichen und dabei ein „Klimaanpassungsnetzwerk mit hoher Diversität“ (S. 177) entwickeln und stabilisieren. Immerhin: hier wird eine konkrete Instrument-Innovation vorgestellt und diskutiert.

Stärker konzeptionell argumentiert Riechel in seiner Arbeit „Wissen auf dem Weg zur Umsetzung. Die Rolle von regionalen Akteursnetzwerken zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“. Hier wird ein komplexes und heuristisch hilfreiches Modell von Lernprozessen unter Integration sehr unterschiedlicher Wissensbestände entwickelt und dabei dann auch deutlich gemacht, dass es sich hier um „langwierige Wandlungsprozesse“ (S. 213) handelt.

Den resümierenden Schlusspunkt setzen Frommer, Buchholz und Böhm: „Climate Change Adaptation Governance – ein wirksamer Ansatz zur Umsetzung von Klimaanpassung auf der regionalen Ebene?“ Er beginnt damit, dass Anpassung an Klimawandel auf regionaler Ebene eine komplexe Herausforderung darstellt. Die Bedeutung engagierter Einzelner (Person oder Organisation) kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Regionale Prozesse brauchen Impulse, andernfalls laufen sie schwerfällig (S. 265). Sie schließen mit dem etwas resignativen Hinweis, dass für die „Kommunen jedoch offensichtlich kaum ein Anreiz [bestünde], sich mit dem Thema Anpassung an die Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen“ (S. 268). Wenn sich hier nichts ändert, dann bliebe zwischen den Erfordernissen, die sich aus der wissenschaftlich-analytischen Sicht ergeben, und dem, was in der Praxis passiert, eine eklatante Lücke.

In der Summe haben wir hier einen lesenswerten Sammelband vorliegen, der meistenteils interessante Einzelstudien versammelt. Jedoch scheint auch das Problem auf, dass es an einer dezidiert soziologischen Perspektive mangelt, um nicht nur die Konfliktlagen genauer herauszuarbeiten, die im Zuge von Planung berücksichtigt werden müssten, sondern auch ein grundlegendes Verständnis von Transformationsprozessen zu erhalten. Mit dem Lesen verstärkt sich der Wunsch, doch zunächst mehr über die Voraussetzungen und Randbedingungen sozialen Lernens zu wissen, bevor die (sicherlich wichtigen) Fragen der Umsetzung in den Raum gestellt werden. Der gewählte Blickwinkel begünstigt es, dass konflikttheoretische Perspektiven wenig Einfluss auf die Überlegungen erhalten. Dieser Eindruck stellt sich übrigens bei vielen Studien ein, die unter dem Label der Governance Mechanismen der politischen Verarbeitung gesellschaftlicher Problemlagen zu erfassen versuchen. Dem korrespondiert dann vielfach ein relativ unreflektierter instrumenteller Zugriff auf Fragen der Governance (S. 37 f.), bei dem die genuin politische Dimension kollektiven Problemlösens in den Hintergrund tritt. Das alles geschieht wohl aus dem gut gemeinten Impuls, dass die Zeit für die Lösung dieses Problems drängt – in der Tat. Diese Auffassung teile ich. Gleichwohl stimmt einen die Selbstverständlichkeit, mit der zum Teil von den Notwendigkeiten gesprochen wird, die mehr oder weniger subtil den Beteiligten eingeimpft werden und ihr Verhalten verändern sollen, dann doch nachdenklich. Und es stellt sich pointiert die Frage: Sind eigensinnige Lernprozesse noch erlaubt? Oder grundlegender: Auf welchem Demokratieverständnis basiert die „Climate Adaptation Governance“?

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