1. bookVolume 69 (2011): Issue 3 (June 2011)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Allgemeine Siedlungsgeographie

Published Online: 30 Jun 2011
Volume & Issue: Volume 69 (2011) - Issue 3 (June 2011)
Page range: 221 - 223
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Buchbesprechung Borsdorf, Axel/Bender, Oliver (2010): Allgemeine Siedlungsgeographie

Wien: Böhlau Verlagsgesellschaft, 457 S., 78 Abb., 28 Tab.

Schon der umfassende Titel lässt den hohen Anspruch erahnen, der mit allgemein gültigen und erschöpfenden Aussagen zum Themengebiet der Siedlungen aus Sicht einer Naturwissenschaft mit umfassender Betrachtungsweise, der Geographie, einhergeht. Die Notwendigkeit einer solchen Darstellung ist gegenwärtig kaum zu unterschätzen, finden doch umfangreiche, räumlich differenzierte und dynamische Prozesse in der Siedlungstätigkeit statt und detaillierte Publikationen für wichtige Teilgebiete (z. B. die genetische Forschung zu ländlichen Siedlungen) liegen bereits einige Jahrzehnte zurück. Die explizite Zielsetzung dieser Publikation zur Siedlungsgeographie, die eine in der Rückschau von den Autoren als „Dichotomie“ (Trennung) der Geographie der Stadt gegenüber jener der ländlichen Siedlungen (S. 29 f.) postulierte Sichtweise nun überwunden hat, steigert die Erwartungen zusätzlich.

Der Inhalt des Werkes wird in zwölf Hauptkapiteln dargelegt. In den beiden einleitenden Kapiteln werden die aktuellen Herausforderungen und der Bedarf an disziplinenübergreifenden Sichten skizziert. Die Siedlungsgeographie wird als integrative Disziplin definiert. In den folgenden Kapiteln widmen sich die Verfasser dem Siedlungsraum, den Siedlungselementen, der Siedlungsgenese, den aktuellen Prozessen im Siedlungsraum, den Siedlungsfunktionen bzw. -klassifikationen, der Zentralitätsforschung und urbanen Hierarchien, der angewandten Siedlungsgeographie und der Stadt in Kulturräumen. Den Abschluss bilden zwei Kapitel zu aktuellen Forschungsfeldern und zur Siedlungsgeographie in der Welt von morgen. In der Breite der behandelten Themenpalette enttäuscht das vorgelegte Werk nicht. Zum Kennenlernen der zahlreichen faszinierenden Facetten des Fachgebietes ist die Darstellung somit gut geeignet. Die Verfasser stellen weiterhin eine immer größere Komplexität der Problemstellungen fest, „so dass inter- und transdisziplinäre Ansätze im Rahmen einer integrativen Siedlungsforschung … immer wichtiger werden“ (S. 37). Dieser Feststellung kann uneingeschränkt beigepflichtet werden.

In einzelnen Passagen fällt die Betrachtungsweise jedoch dann wieder in eine fachinterne zurück. Mag das bei einer nach dem Eindruck von Nicht-Geographen zum Teil unklaren Trennung von Methoden und Arbeitstechniken (S. 32 f.) nahezu unerheblich sein, sind jedoch beispielsweise selbstverantwortete Ausführungen zu „Baustilepochen“ (vgl. Abb. 4-8, S. 69) zumindest streitbar. Zwar darf man im vorliegenden Zusammenhang nicht erwarten, dass die generelle kunstgeschichtlich-denkmalpflegerische Debatte zum Für und Wider zeitlich und stilistisch abgeschlossener Epochen reflektiert wird, aber die vorgenommene Simplifizierung an dieser und anderen Stellen erscheint als deutlich zu stark. Ähnliches gilt für die bei planungsrelevanten Problemen zu groben Aussagen zu den ländlichen Siedlungsformen (S. 80 ff., darunter Übersicht in Abb. 4-1, S. 82) und zur Stadt (S. 84 ff.). Nach wie vor gibt es hier Bedarf nach detaillierten Formen-Kanons von Siedlungsensembles und ihren Grundrissen (Stichworte: Orts-/Stadtteilzentren, Quartiersmanagement), mögen sie auch nur noch aus der Vogelperspektive deutlich abzugrenzen sein. Die angewandte Siedlungsplanung benötigt hierbei auch retrospektive Analysen der Siedlungsgeographie. Nicht allein die Kulturlandschaftsforschung (z. B. die UNESCO-Welterbestätten) oder die denkmalpflegerische Arbeit erfordern Aussagen zu älteren Siedlungsformen und Zwischenständen der Siedlungsgenese. Sowohl beim Wachstum, das ältere Strukturen zu ‚erdrücken‘ droht, als auch bei Schrumpfungsprozessen wird mit dem Ziel der Nachhaltigkeit nach „ortsbildprägenden“, in aller Regel älteren Strukturen gesucht, die es zu erhalten gilt. Schließlich sei außerdem exemplarisch auf die Thematik der Wüstungen hingewiesen. Richtig ist, dass der Wüstungsquotient nach Born (1972) (S. 118) noch keine Differenzierung nach dem Grad des Wüstungsprozesses zulässt. Richtig ist aber auch, dass spätestens mit der Arbeit von Wenzel (1990) bereits geraume Zeit eine solche Weiterentwicklung vorliegt.

Aus Sicht der geographischen Wissenschaft selbst mag es nicht als unbedingt erforderlich erscheinen, den Schritt von einer angewandten Betrachtungsweise hin zu einer stärker an der beruflichen Praxis orientierten und damit deutlich interdisziplinäreren Sicht zu wagen. Der außerordentlich höhere Gebrauchswert für Planungsvorgänge und administrative Aufgaben würde den Mehraufwand interdisziplinärer Arbeit mehr als rechtfertigen. Wie zweckmäßig wäre es beispielsweise, bei der Vorstellung von Stadt-Leitbildern im Kapitel „Angewandte Siedlungsgeographie“ den für ökologische Ansätze so wesentlichen Hinweis zu geben, dass die „Bandstadt“ (S. 288 f.) als Lebens- und Arbeitsort im Vergleich mit anderen Modellen eine exorbitant hohe Verkehrsarbeit erfordert. Oder: Leiten sich aus der Tatsache, dass 39 % der Weltbevölkerung (2,2 Mrd. Menschen) weniger als 100 km von einer Küste entfernt leben, allgemeine Problemstellungen für die Siedlungsgeographie ab?

Als außerordentlich schwierig ist die unterschwellige Vermittlung einer einzigen, linearen Entwicklung der Siedlungstätigkeit einzuschätzen, die von der starken Differenzierung zwischen Stadt und ländlichem Raum nun ausschließlich zu einem Siedlungsraum hin orientiert ist, der vor allem durch Wachstum im Umfeld der Zentren und das Verschwinden von strukturellen Grenzen der Siedlungstypen untereinander geprägt ist. Gibt es auch andere, gegenläufige Tendenzen? Wie sind die Siedlungstätigkeit, die Teil-Wüstungsprozesse und ihre (ab-)gebauten Ergebnisse in den peripheren ländlichen Räumen zu beschreiben? Sicher nicht allein mit den herkömmlichen Methoden. Findet beispielsweise eine neue Art von Wüstungsprozess statt, wenn das Flächenwachstum von Siedlungen im Widerspruch zu ihrer strukturellen Schrumpfung steht? Dabei stellt dieser neue periphere ländliche Raum, ökonomisch oft abgelöst von seinen traditionellen Nutzflächen, mit neuen sozialen Phänomenen (z. B. Subsistenzwirtschaft), kein Einzelproblem für bestimmte Regionen dar, sondern ist in verwandten Formen beispielsweise in Rheinland-Pfalz und dem Osten Deutschlands ebenso wie auf Jütland, in Polen oder im Baltikum erlebbar.

In weiten Teilen ist der vorliegenden Darstellung eine erfrischende Vielfalt, gute Systematik und neue Ansätze zu bescheinigen. Es bleiben unerwähnte Forschungsfelder und teilweise nicht ausreichendes Hinterfragen von Methoden bzw. Arbeitstechniken zu kritisieren: Was wissen wir tatsächlich über Teilräume, die einzelne Siedlung? Wie tragfähig sind unsere Modelle und verorteten Daten? Was lässt sich heute mit modernen IT-Werkzeugen (wie z. B. GIS) auf Basis dieser Daten und Modelle an neuen umfassenden Erkenntnissen über die Siedlungsgeographie generieren? Allein der Blick auf den Raum Berlin mit Umland (auf den Abb. 7-5, S. 253) zeigt die Grenzen einer Beobachtung und generalisierten Kartierung, die sich mangels Alternative allein an administrativen Gliederungen und letztlich ausschließlich quantitativen Phänomenen ausrichten muss. Es gehört damit zu den deutlichen Stärken der Darstellung, dass sie die sozialwissenschaftlich determinierten Komponenten der Siedlungsgeographie und -politik erläutert.

Die zentralen konzeptionellen Fragen für die vorliegende und inhaltlich verwandte Publikationen lauten: Was muss die Siedlungsgeographie und im Besonderen die angewandte Siedlungsgeographie heute leisten? Welche ‚fachfremden‘ Informationen sind mit welcher Aktualität und Detailschärfe für interdisziplinäre Publikationen relevant? Auf welche laufenden Forschungsdiskurse aus anderen Disziplinen kann in einem praxisrelevanten Handbuch nicht verzichtet werden?

Die Autoren haben ein inhaltsschweres und trotz der hier angemerkten Kritik ein lesenswertes und zum Übersichtswerk ausbaufähiges Buch vorgelegt. Das Werk ist gleichermaßen für Studierende der Raumwissenschaften und Geographie wie auch für Praktiker geeignet.

Im Sinne eines Nachschlagewerkes und echter Interdisziplinarität scheinen in kommenden Neuauflagen umfangreiche Überarbeitungen geboten zu sein. Die starke Dynamik der aktuellen Prozesse lässt auf vielen Feldern keine abschließenden, manifesten Aussagen zu. Mit der Zielstellung einer allgemeinen Siedlungsgeographie, die ein praxisorientiertes Handbuch für vielfältige Anwendungsgebiete zur Verfügung stellt, sollten daher neben klassisch-disziplinären Inhalten noch verstärkt wichtige Forschungsfragen vorgestellt werden.

Born, M. (1972): Wüstungsschema und Wüstungsquotient. In: Erdkunde 26, 208-218.BornM.1972Wüstungsschema und WüstungsquotientErdkunde2620821810.3112/erdkunde.1972.03.04Search in Google Scholar

Wenzel, H. (1990): Methodische Grundlagen der Wüstungsforschung: dargestellt am Beispiel der Wüstungsaufnahme im Gebiet des Stadt- und Landkreises Weimar. Weimar.WenzelH.1990Methodische Grundlagen der Wüstungsforschung: dargestellt am Beispiel der Wüstungsaufnahme im Gebiet des Stadt- und Landkreises WeimarWeimarSearch in Google Scholar

Recommended articles from Trend MD

Plan your remote conference with Sciendo