1. bookVolume 68 (2010): Issue 6 (December 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Sozialwissenschaftliche Stadtforschung – aktueller denn je

Published Online: 31 Dec 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 6 (December 2010)
Page range: 445 - 446
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Stadt, mit ihren gebauten Elementen, den in ihnen lebenden Menschen, aber auch mit den Bildern und Wirkungen von ihr, ist nach wie vor ein erkenntnisreiches und Gewinn bringendes Unterfangen. So lässt sich die Stadt als Kaleidoskop lesen, wörtlich als das Sehen schöner Formen, im übertragenen Sinne interpretieren als ein Mosaik verschiedener, oft gegensätzlicher Formen, Kräfte und Perspektiven. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive interessiert insbesondere das Mit- und Nebeneinander unterschiedlicher Individuen und Akteursgruppen, dabei vor allem die Antwort auf die Frage, was sie an welchen Orten und mit welcher Intention tun. Es interessiert ferner, wie die Stadt als ein Konglomerat vieler Ideen, Diskussionen und Werke ihrer Bewohner funktioniert und welche Rolle dabei unterschiedliche Akteure spielen, allen voran diejenigen, die sich professionell mit der Planung und Gestaltung der Stadt befassen.

Die Stadt betrachtet als ein Kaleidoskop verschiedener Figuren und „schöner Formen“ ist in jüngster Zeit tatsächlich ein tragendes Motiv geworden. Fragen der Ästhetik, öffentliche Diskussionen über die Schönheit von Gebäuden und Plätzen, von Architektur und Kultur, finden in den Auseinandersetzungen über die Stadt immer häufiger ihren Platz. Und dies betrifft nicht nur eine alltagskulturelle Ebene und fordert das ästhetische Urteilsvermögen der Stadtbürgerinnen und -bürger. Dies bezieht sich auch darauf, dass in der „Schönheit“ der Städte inzwischen mehr gesehen wird als eine gute und im Blick von Bürgern und Experten gelungene Gestaltung der gebauten Umwelt in Städten. Das Sehen schöner Formen ist Teil eines neuen Politikfeldes, das (nicht nur auf kommunaler Ebene) die Baukultur zum Gegenstand hat. Diese neue Facette der Stadt- und Städtebaupolitik, befördert durch die auf nationaler Ebene ins Leben gerufene Initiative zur Architektur und Baukultur, zielt nicht nur auf das Beseitigen gestalterischer Defizite in Städten. Vielmehr geht es um die Verbesserung der Lebensqualität für ihre Bewohner; es soll das Bewusstsein für eine qualitätsvolle Stadtgestaltung, für die Wichtigkeit von vorbereitenden und begleitenden Prozessen und schließlich für den verantwortungsvollen Umgang mit der gebauten Umwelt insgesamt geschärft werden. Das ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Viele Städte nutzen hier das Instrument der Stadtentwicklungspläne, um ein Verständnis für baukulturelle und gestalterische Möglichkeiten zu schaffen. In ihrem Beitrag „Schöne Städte durch große Pläne?“ stellen Katharina Brzenczek, Rebekka Oostendorp und Claus-Christian Wiegandt die aktuellen Stadtentwicklungspläne der 20 größten deutschen Städte vor und untersuchen sie im Hinblick auf ihre Aussagen zu stadtgestalterischen Zielen. Sie machen deutlich, dass es dabei nicht nur auf eine entsprechende Schwerpunktsetzung in den Plänen ankommt, sondern vor allem auf die Art und Weise, wie die Leitideen zur Baukultur in das tägliche Planen „übersetzt“ werden.

Die Stadt als Kaleidoskop in einem übertragenen Sinne, als Lebensort ganz unterschiedlicher Bewohner, als Brennpunkt unterschiedlicher Lebenswelten und -vorstellungen kommt in anderen Aufsätzen dieses Heftes zum Vorschein. Peter Dirksmeier greift in seinem Beitrag „Super-Gentrification und metropolitaner Habitus: eine Kritik jüngerer Entwicklungen in der britischen Gentrificationforschung“ die Ansätze und Ergebnisse der Forschungen zu Gentrification in Deutschland aus den 1980er und 1990er Jahren auf und ergänzt sie um aktuelle Beobachtungen in innerstädtischen Wohngebieten, wie sie zurzeit hauptsächlich in Großbritannien diskutiert werden. Dabei stehen junge, gut ausgebildete, kulturell interessierte und ökonomisch potente Menschen im Vordergrund – eine Bevölkerungsgruppe, die seit einigen Jahren eine besondere Bedeutung in der Stadtentwicklungspolitik einnimmt. Diesen Pionieren und Gentrifiern wird in deutschen Großstädten ein wichtiger Beitrag zur Stadtentwicklung attestiert: sie sind häufig in kreativen Branchen tätig, tragen durch ihren Lebensstil zur Aufwertung von Stadtvierteln bei, sind konsumfreudig und formen dadurch ein spezielles Image der Stadt, das wiederum den Zuzug weiterer junger, kreativer und konsumfreudiger Menschen befördern kann. Peter Dirksmeier wirft die in der deutschen Gentrification-Debatte neue Frage nach der erneuten Aufwertung bereits gentrifizierter Stadtviertel auf und geht der Bedeutung eines metropolitanen Habitus nach – verstanden im Sinne gemeinsamer oder ähnlicher Bildungsabschlüsse, Lebensstile, Werte und Verhaltensweisen der Bewohner in gentrifizierten Gebieten.

Georg Glasze und Florian Weber setzen sich in ihrem Beitrag „Drei Jahrzehnte area-basierte Stadtpolitik in Frankreich“ mit der Frage auseinander, ob die französische politique de la ville geeignet ist, die Probleme in benachteiligten Stadtquartieren, allen voran in den Vorstädten von Paris, zu lindern oder gar zu beseitigen. Die Autoren argumentieren, dass die nationalen Politikansätze die gesellschaftlich virulenten Defizite, insbesondere Arbeitslosigkeit und mangelnde Ausbildung bei Jugendlichen und jungen Erwach senen, als Probleme bestimmter Quartiere – das heißt als eine primär räumlich fixierbare Angelegenheit – interpretiert werden. Damit stellen sie in Frage, dass ein territorial orientierter und definierter Ansatz zur Lösung sozialer Probleme geeignet ist. Glasze und Weber haben in ihrem Aufsatz ebenfalls spezifische Mosaiksteine der städtischen Lebenswelten im Blick: die Perspektiven der sozial Benachteiligten, die häufig vom ersten Arbeitsmarkt und von den innerstädtischen Orten des Konsums der Pioniere und Gentrifier ausgeschlossen sind. Die Lebenswelten dieser beiden Gruppen mögen weit voneinander entfernt sein – gemessen an der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an ökonomischem Kapital und an kulturellen Praktiken. Geographisch gesehen sind sie oft benachbart. In Berlin liegen Prenzlauer Berg und Wedding nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Ähnlich ist es beispielsweise in Paris, zwischen 16. Arrondissement und Saint-Denis, wo sich zahlreiche Großwohnsiedlungen befinden.

Mit diesen drei Beiträgen – so denken wir – wird in sehr eindrucksvoller Weise klar, vor welchen großen und vielfältigen Herausforderungen die Städte und die räumliche Planung stehen, mit welchen Aufgaben sich eine sozialwissenschaftlich orientierte Stadtforschung beschäftigen kann und muss. Raumforschung und Raumordnung will, wie bisher auch, eine Plattform für Themen dieser Art sein, um den wissenschaftlichen Diskurs voranzubringen und um Hinweise für politisches und planerisches Handeln zu geben. In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern mit diesen, aber selbstverständlich auch mit den thematisch anders akzentuierten Aufsätzen dieses Heftes, eine spannende und erkenntnisreiche Lektüre.

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