1. bookVolume 68 (2010): Issue 6 (December 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Der gebändigte Raum. Bilder und Texte zur Raumnutzung in Deutschland. Photos von Jürgen Hohmuth

Published Online: 31 Dec 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 6 (December 2010)
Page range: 525 - 527
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Wendelin Strubelt prägte die deutsche Raumentwicklungspolitik der letzten Jahrzehnte wie nur sehr wenige andere Personen: von 1981 bis 1997 als Direktor und Professor der Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung, von 1998 bis zu seiner Pensionierung Ende 2008 als Vizepräsident und Professor des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Nun hat er ein Buch vorgelegt, das „versucht, (…) bildhaft und analytisch die wirkliche gegenwärtige Flächennutzung darzustellen. Es will dokumentieren, nicht anklagen“ – so der Klappentext. Dieser Versuch gelingt, und zwar sehr eindrücklich und auf ungewöhnliche Weise.

Auf den ersten Blick und beim ersten Blättern im Buch denkt der Rezensent: Toll, endlich ein raumwissenschaftliches Buch, das so schön wie Architekturbücher ist und gleichzeitig die informative Qualität von wissenschaftlichen Veröffentlichungen aufweist. Auf den zweiten Blick, nach dem ersten Durchblättern, stutzt der Rezensent und denkt: Was für ein merkwürdiges Buch ist das eigentlich? Ist das ein Bildband oder ein Sammelband? Sind die Beiträge Essays oder klassische wissenschaftliche Texte? Auf den dritten Blick, nach dem ersten Lesen und wiederholten Blättern, zeigt sich der Reiz dieses ungewöhnlichen Buches und seiner vermeintlich inkompatiblen Inhalte. Die Luftbilder illustrieren den Text, der Text ergänzt und erläutert die Luftbilder, die Fakten (Zahlen, Graphiken, thematische Karten) belegen die Trends und Aussagen.

In seiner Einleitung formuliert Wendelin Strubelt die grundlegende Perspektive des Buches. Raumstruktur und Landschaft wurden über Jahrhunderte durch „die menschlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse und Handlungen geprägt“ (S. 7) und stellen die „Lebensbasis des Menschen“ (S. 7) dar. „Es wäre nicht überzogen, dies als seine Bändigung, als eine Bändigung der Natur, als ihre Domestizierung durch den Menschen zu bezeichnen“ (S. 7). Die Fähigkeit des Menschen, „den Raum der Natur sich zu Eigen, zu Nutze zu machen“ (S. 7), haben Landschaften und Landschaftsbilder entstehen lassen, die mit Hilfe der bildenden Kunst rekonstruiert werden können. Dabei hat sich vor allem durch die Photographie das Angebot an Bildern von Natur- und Kulturlandschaften sowie von städtischen und anderen, weniger dicht besiedelten Räumen massiv vervielfacht. Wendelin Strubelt bilanziert bereits in der Einleitung, dass es natürlich keine neue Erkenntnis ist, dass sich Raumnutzungen verändern, Landschaften entwickeln und ihre Darstellung, je nach Medium und Stand der Technik, ebenfalls variieren kann. Wichtig ist sein Befund, dass in vielen Bildern von Landschaft und Raum ein ästhetisierender Blick vorherrscht und dass oft die „Verflochtenheit von räumlichen und gesellschaftlichen Konstellationen“ (S. 8) ausgeblendet wird. Zwar wird der äußerliche Wandel über die Zeit dokumentiert, „die dahinter stehenden Kräfte, Mächte oder Strukturen“ (S. 8) werden jedoch häufig übersehen oder gar nicht thematisiert und bleiben den Statistiken überlassen. Hiermit ist der Anspruch des Buches formuliert, das mit seinen drei unterschiedlichen Teilen erstens einen Überblick über historische und gegenwärtige Bücher mit Bildern Deutschlands gibt, zweitens die derzeitige Raumnutzung analysiert und drittens mit Hilfe großformatiger Photographien die aktuelle Raumnutzung abbildet und zum Nachdenken darüber anregen möchte.

Der erste Teil, „Bilder Deutschlands in Büchern: Ein Blick von außen nach innen und zurück“, ist ein Beitrag von Wendelin Strubelt zum Deutschland-Bild in ausgewählten Bildbänden seit 1900. Es werden 17 „paradigmatische“ (S. 9) Bildbände aus unterschiedlichen Epochen vorgestellt und durch zehn „Befunde“ in ihren jeweiligen Entstehungskontext eingeordnet und miteinander verglichen. In den älteren Bänden, vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg, dominieren Bilder schöner Landschaften und Bilder repräsentativer, in der Regel historischer Bauten. Diese Bildbände sind nicht als photographische Dokumentation der wirtschaftlichen Entwicklung oder des Raumnutzungswandels konzipiert. Sie geben vor allem interessante Einblicke in den vorherrschenden Zeitgeist. Mit Aufkommen der Luftbildphotographie wird das Dokumentieren sich wandelnder Landschaften und Raumstrukturen erleichtert; z. B. im Band „Das Land der Deutschen“ (Leipzig, 1933) von Eugen Diesel, mit Photos von Robert Petschow, der „Naturlandschaft“, „Kulturlandschaft“ und „Maschinenlandschaft“ unterscheidet und für Strubelt einen „Meilenstein der Photodokumentation“ (S. 19) vorgelegt hat.

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Luftbilder genutzt, um den Vorkriegszustand und den Verlust mittelalterlich oder gründerzeitlich geprägter Städte sowie ihren Wiederaufbau abzubilden. Werden Luftbilder durch analytische Texte ergänzt, gewinnen die Bücher ungemein, so z. B. in der Luftbildbuch-Reihe des Westermann Verlags aus den 1960er und 1970er Jahren. Während westdeutsche Bildbände eher rückwärts orientiert sind und die Abbildung historischer Bauten dominiert, zeigt das Buch „Flug über die DDR“ (1984) ein realistisches Bild der baulichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit. In jüngeren Bildbänden werden (Luft-)Bilder nicht nur als Zeugnis des Landschaftswandels, sondern explizit als Mittel der Gesellschaftskritik genutzt. Die Gegenüberstellung historischer und aktueller Bilder weist auf die Folgen des Wirtschaftswachstums, die steigenden Ansprüche an die räumliche Umwelt, die „Ausräumung der Landschaft“ (S. 26) hin, z. B. in den Büchern Albrecht Bruggers mit Luftbildern aus Baden-Württemberg oder in den kritischen Bänden „grün kaputt“ (1983), „Land in Sicht“ (2007) und „Verschwindende Landschaften“ (2008). Hoch ästhetische Bilder vermitteln eindrücklich die „Wirklichkeit des Zusammenspiels von Mensch und Natur in Stadt und Landschaft“ (S. 28) und illustrieren Suburbanisierungs-, Schrumpfungs- oder Deindustrialisierungsprozesse. Dabei sind die entstehenden Zwischenstädte oder „Drosscapes“ (2006) – so der Titel eines Luftbildbandes von Robert Berger über brachliegende Industrielandschaften in den USA – nicht nur Zeugnis wachsender, dynamischer Regionen, sondern auch Gestaltungsraum für neue Nutzungen.

Der zweite Teil, „Transformationsprozesse im Raum: Eine analytische Sicht auf die gesellschaftliche Nutzung des Raumes“, von Fabian Dosch und Gisela Beckmann ist ein Überblicksbeitrag zur Flächeninanspruchnahme und zu den treibenden Kräften der Siedlungsentwicklung und des Landnutzungswandels in Deutschland. Die Autoren weisen darauf hin, dass eine „Konstante von Landschaften“ (S. 35) ihr Wandel ist. Daher kommt es – wie im dritten Leitbild der Raumentwicklung „Ressourcen bewahren, Kulturlandschaften gestalten“ vorgesehen – darauf an, Natur und Landschaft mittels überfachlicher und überörtlicher Koordination der Fachplanungen zu gestalten und zu entwickeln. Die größten Flächennutzer Deutschlands sind Wald und Landwirtschaft. Zusammen bedecken sie über 80 % der Bodenfläche. Das Problem der Raumordnung und Landschaftsentwicklung sind jedoch die wachsenden Siedlungs- und Verkehrsflächen, rückläufige Siedlungsdichten, Zerschneidung und Fragmentierung der Landschaft. Die jüngsten Trends des Landnutzungswandels sind der Anbau von Energiepflanzen und der demographische Wandel. Langfristig könnte die Phase der Siedlungsexpansion in einer schrumpfenden Gesellschaft durch „Kontraktion“ (S. 54) abgelöst werden. Nach der aktuellen Bevölkerungsprognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung wird die Bevölkerungsentwicklung die bereits ablaufenden Transformationsprozesse beschleunigen. „Energieproduktionslandschaften“, „Umbaulandschaften“ und „Konversionslandschaften“ (S. 51 f.) werden das zukünftige Landschaftsbild Deutschlands mit prägen.

Der dritte und umfangreichste Teil des Buches, „Die Perspektive der Vögel: Die Luftbilder von Jürgen Hohmuth“, versammelt 151 Schrägluftbilder und versteht sich als „visuelles Essay“ und „Zeitdokument über ausgewählte Städte, Dörfer und Landschaften aus der Vogelperspektive". Der Schwerpunkt der Luftbilder liegt auf Motiven aus Berlin und den neuen Bundesländern, gruppiert in vier Bildkapitel: Stadtraum, Stadtrand, Kleinstadt/Dorf, ländlicher Raum. Der Photograph nimmt die Vogelperspektive wörtlich. Er hängt seine Kamera an einen heliumgefüllten, zeppelinförmigen Ballon in rund 60 Meter Höhe und löst sie über eine Fernsteuerung mit Videomonitor vom Boden aus. Seine meist mit Weitwinkelobjektiv aufgenommenen Bilder vermitteln so eine für Luftbilder ungewöhnliche Nähe und bieten eine interessante Momentaufnahme von Landschaften Deutschlands.

Im Prinzip ist das Buch drei Bücher gleichzeitig. Das macht definitiv den Reiz des Buches aus. Allerdings würde eine engere Verzahnung von Bild und Text noch deutlicher machen und begründen können, welche Entwicklungen der Raumnutzung in Deutschland warum kritisch zu sehen sind. Durch die Bilder allein ist – zumindest ohne Ortskenntnis – nicht immer klar, wie sich die Raumnutzung verändert hat, welcher Landschaftswandel stattgefunden hat und was daran problematisch sein könnte. In der Einleitung wurde kritisch darauf hingewiesen, dass in Darstellungen von Landschaft und Raum oft der ästhetische Reiz dominiert und die dahinterliegenden treibenden Kräfte nicht thematisiert werden. Dieser Kritik muss sich auch dieses Buch stellen. Hinsichtlich der Bildauswahl wäre es zum einen wünschenswert, mehr Bilder aus Westdeutschland sehen zu können (nur etwa 10 % der Bilder zeigen den Westen). Zum anderen wäre es interessant gewesen, weniger Bilder von (Innen-)Städten oder aus dem ländlichen Raum und dafür mehr Bilder aus dem sub- und periurbanen Raum, aus den Zwischenstädten Deutschlands zu sehen (nur etwa 10 % der Bilder entfallen auf die Kategorie „Stadtrand"). Denn genau in diesen Räumen hat sich in den letzten Jahrzehnten die Siedlungs- und Verkehrsfläche am dynamischsten verändert, wie der zweite Beitrag deutlich gezeigt hat. Zwar wird im Buch eingangs formuliert, dokumentieren und nicht anklagen zu wollen. Allerdings würden Bewertungen und Schlussfolgerungen die Analyse der Raumnutzung bereichern.

Die unterschiedlichen Beiträge sollen zum Nachdenken anregen und dem Leser ermöglichen, sich ein eigenes Bild über die Entwicklung und Gestalt der Raumnutzung Deutschlands zu machen. Das macht der Leser angesichts der Fülle und sorgfältigen Aufbereitung des Materials gerne. Es bleibt die spannende Frage, zu welchem Ergebnis beim Nachdenken Wendelin Strubelt gekommen ist. Wie bewertet er selbst „den gebändigten Raum“ Deutschlands?

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