1. bookVolume 68 (2010): Issue 5 (October 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

„Raumforschung und Raumordnung“ als Spiegel der raumwissenschaftlichen Forschung und Praxis

Published Online: 31 Oct 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 5 (October 2010)
Page range: 339 - 340
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Bereits im ersten Heft dieses Jahrgangs haben wir Ihnen an dieser Stelle zur Kenntnis gebracht, dass mit den Änderungen in der Herausgeberschaft von „Raumforschung und Raumordnung“ (RuR) und dem Wechsel zum Springer-Verlag auch die erklärte Absicht einhergeht, die Zeitschrift als das wichtigste Organ einer sozialwissenschaftlich geöffneten Raumforschung im deutschsprachigen Raum zu profilieren. Die Zeitschrift versteht sich als die maßgebliche Plattform für die Publikation von begutachteten Beiträgen aus der ganzen Breite (und Tiefe), die die Interdisziplin der Raumwissenschaften eröffnet. Bevor Sie jetzt vielleicht eine genauere Definition der Raumwissenschaften von uns fordern, lassen Sie uns das am besten an Beispielen diskutieren. Das vorliegende Heft steckt mit der Bandbreite der hier versammelten Artikel exemplarisch einige der Bereiche ab, denen sich eine breit aufgestellte raumwissenschaftliche Zeitschrift widmen sollte.

Das Spektrum reicht auf der einen Seite bis hin zur Disziplin der Geschichte: Die Beiträge von Joachim von Wedel („Remediävalisierung II. Zur Programmatik der Europäischen Regionalpolitik“) und auch Günter Warsewa („Lokale Kultur und die Neuerfindung der Hafenstadt“) argumentieren – obgleich mit klarem Raumbezug – auf unterschiedliche Weise auch historisch. Von Wedel interpretiert die Ergebnisse der europäischen Regionalpolitik und insbesondere die neueren auf Grenzräume bezogenen Politiken der EU als Vorboten der Wiederkehr einer prämodernen, zum Teil schon im Mittelalter wurzelnden Lesart von Grenzen, nämlich als Grenzsäume mit diffusen Rändern. Dieser Befund wird in Zusammenhang gebracht mit einem beobachteten Wandel der Staatsauffassung (die „Einheit aus Staatsvolk, Staatsgewalt und Staatsterritorium“ schwindet), die seit mehr als 250 Jahren unser Verständnis bestimmte und noch im 20. Jahrhundert ziemlich unwidersprochen Geltung hatte.

Günter Warsewa wiederum untersucht die Effekte, die der gegenwärtige wirtschaftliche Strukturwandel in einem speziellen Typus von europäischen Städten, die sich zum Teil schon seit Jahrhunderten als Hafenstädte verstehen, zeitigt. Der Autor legt dar, dass und wie deren Ökonomie und Kultur schon seit langem funktionierte. Diese lokal tradierte Kultur einer Hafenstadt kann sich fallweise zu einer „Eigenlogik des ortes“ verselbständigen und wird, gerade indem sie die Zeitläufte überdauert, möglicherweise ein zentrales Moment innerhalb von Anpassungs- und Modernisierungsprozessen, die die eigentliche Hafenfunktion der Stadt ökonomisch gesehen in den Hintergrund drängen.

Der mobilitätsbezogene Beitrag von Christian Holz-Rau und Joachim Scheiner „Verkehrssicherheit in den Kreisen Nordrhein-Westfalens: Wo lebt es sich am sichersten?“ hat außer dem schon im Titel gut erkennbaren Raumbezug einen starken methodischen Kern. Er versucht so nicht nur, am Beispiel der Landkreise und kreisfreien Städte Nordrhein-Westfalens ein gängiges Vorurteil über das Ausmaß des Unfallrisikos in Städten gegen den Strich zu bürsten, sondern präsentiert dafür eine statistische Analyse, die einen wohnortbezogenen Analyseansatz wählt, der sich von den üblichen unfallortbezogenen im Ergebnis unterscheidet. Denn offenbar scheint – bezogen auf die Wohnorte der Bevölkerung – das Risiko, im Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt zu werden, in den Kernstädten wesentlich niedriger.

Ins ‚Kernland‘ einer wesentlich sozialwissenschaftlichen Raumforschung führt in gewisser Weise der Beitrag von Andrea Hartz und Olaf Kühne. Sie stellen in „Naturschutzgroßvorhaben als Impuls für den Strukturwandel und eine aktive Landschaftspolitik in urbanen und postindustriellen Räumen“ raumbezogene Überlegungen an, die Natur und Landschaft in erster Linie nurmehr als soziale Konstrukte ansprechen. Am Beispiel des Naturschutzgroßvorhabens „Landschaft der Industriekultur Nord“ im Saarland werden mehrere Paradigmen im Umgang mit Natur und Landschaft unterschieden und in ihren Voraussetzungen und Konsequenzen diskutiert.

In den drei praxisbezogenen Beiträgen dieses Heftes wird schließlich mit unterschiedlichen Facetten zugleich ein anderes Zentrum des raumwissenschaftlichen Spektrums tangiert – die raumbezogene Planung. So machen zum Beispiel Mariele Evers und Kai-Uwe Krause mit dem gewässerbezogenen Gebietsentwicklungsplan (gGEP) anhand von Untersuchungsgebieten in Hamburg und Niedersachen einen Vorschlag für ein integratives Planungsinstrument zum Hochwasserrisikomanagement, das über eine internetbasierte Geodateninfrastruktur die erforderlichen hochwasserrelevanten Fachdaten bereitstellt. Ein solches Instrument könnte nach Ansicht der Autoren auch weiter an technische Systeme zur Planungs- oder Entscheidungsunterstützung angekoppelt werden.

Der Praxisbeitrag von Holger Kreft, Heidi Sinning und Christiane Steil stellt das kommunale Klimaschutzmanagement unter Einbeziehung von erprobten Instrumenten des Nachhaltigkeitsmanagements in den Mittelpunkt. Die Kommunen bekommen im Rahmen der Anstrengungen zur Erreichung der deutschen CO2-Minderungsziele eine besondere Bedeutung. Deshalb arbeitet der Artikel besonders heraus, wie ein strategischer Managementansatz in Kommunen zum Klimaschutz beitragen kann.

Auch ein Beitrag, der – wie von Hauke von Seht in diesem Heft – auf die „Regionalplanerische Steuerung des Abbaus nichtenergetischer Bodenschätze“ abstellt, hat im Konzert der Disziplinen, die die Arten der Raumnutzung wissenschaftlich betrachten, seinen Platz. Auf der Basis einer Analyse der Handlungserfordernisse, Probleme und Lösungsmöglichkeiten in Nordrhein-Westfalen widmet sich der Artikel einer komplexen raumwirksamen Planungsaufgabe und erläutert unter Bezugnahme auf die aktuelle Rechtsprechung, welche Besonderheiten und Schwierigkeiten damit verbunden sind. Gerade weil sie zunehmend politisch und juristisch umkämpft ist, plädiert der Autor für die gezielte Ausweisung von Vorranggebieten mit außergebietlicher Ausschlusswirkung im Rahmen der Regionalplanung.

Wir glauben zu Recht sagen zu können, dass „Raumforschung und Raumordnung“ ein Spiegel der interdisziplinär konzipierten raumbezogenen Forschung und Praxis ist. Überzeugen Sie sich von der Bandbreite der Themen, von der methodischen Vielfalt und von aktuellen Forschungsansätzen. Wie immer wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre.

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