1. bookVolume 68 (2010): Issue 5 (October 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Large-Scale Nature Conservation Projects as Impulse for a Pro-Active Landscape Policy in Urban and Post-Industrial Regions

Published Online: 31 Oct 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 5 (October 2010)
Page range: 341 - 355
Received: 15 Sep 2009
Accepted: 21 Jul 2010
Journal Details
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Abstract

This contribution examines the large-scale nature conservation project “Landscape of Industrial Culture North” in the German federal state of Saarland, and its conceptual foundations. A starting point for the project is the idea of understanding nature and landscape less as a physical object, but rather in a constitutive sense as a social construct that places physical objects in mutual aesthetic relationships. Different paradigms of dealing with nature and landscape shall be identified and recognized as perspectives for societal debates concerning the reorientation of this traditionally industrial and urbanized region. This challenges traditional conservation-oriented nature protection concepts as well as regional development and spatial planning approaches, which have so far in agglomerations mainly pursued a logic of growth. The very first large-scale nature conservation project to be realized in an urban, industrial space can reveal new ways of implementing a proactive landscape policy focused on discussion, exchange of ideas and participation and sustainable ecological, social and economic processes.

Keywords

Naturschutzgroßprojekte in urbanen und postindustriellen Räumen?

Naturschutzgroßprojekte gehören in Deutschland zu den etablierten Instrumenten des Naturschutzes. Ziel ist es, national bedeutsame Landschaften als wesentlichen Teil des nationalen Natur- und Kulturerbes sowie zur Erfüllung supranationaler Verpflichtungen wie beispielsweise der FFH-Richtlinie

Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992).

zu schützen und zu entwickeln. Das nationale Förderprogramm bezieht sich dabei sowohl auf naturnahe Landschaften als auch auf Kulturlandschaften mit herausragenden Lebensräumen zu schützender Tier- und Pflanzenarten. Seit 1979 wurden 73 Gebiete mit einer Gesamtfläche von 2.750 km2 von staatlicher Seite gefördert. Im Mittelpunkt stehen besonders charakteristische und repräsentative Landschaften, die aus Sicht des Naturschutzes aufgrund der vorkommenden Lebensraumtypen und zu schützenden Tier- und Pflanzenarten als besonders wertvoll eingestuft werden. Die Auswahl der Großprojekte erfolgt nach den Kriterien Großflächigkeit, Naturnähe, Gefährdung und Beispielhaftigkeit. Ein zentrales Anliegen ist es, die Kernflächen als Naturschutzgebiete auszuweisen und damit die vereinbarten Naturschutzziele langfristig abzusichern. Die Naturschutzziele werden im Rahmen eines Pflege- und Entwicklungsplanes in der ersten Umsetzungsphase festgelegt; er ist die Grundlage für die hohe staatliche Förderung von 75 % der Gesamtkosten.

Vgl. http://www.bfn.de/36.html (Zugriff am 31.01.2010).

Dieses klassische Instrument des Naturschutzes erhielt in den letzten Jahren eine neue Ausrichtung: Im Rahmen des Bundeswettbewerbs „idee.natur“ wurde dazu aufgerufen, Projektideen einzureichen, die Naturschutzgroßprojekte stärker als bisher mit der ländlichen und regionalen Entwicklung verknüpfen. Zudem wurden neben den Schwerpunkten „Wälder“ und „Moore“ erstmals auch „urbane/industrielle Landschaften“ einbezogen. „Damit sollen die Möglichkeiten für den Naturschutz in Industrie- und Ballungsgebieten ausgelotet werden.“

http://www.bfn.de/idee.html (Zugriff am 30.08.2009).

Von den 121 Bewerbern erreichten 2008 zehn Regionen die zweite Stufe des Wettbewerbs; fünf davon wurden als Gewinner gekürt. Die „Landschaft der Industriekultur Nord“ (Saarland) gehört zu den Gewinnern als einzige Region im Schwerpunkt „urbane/industrielle Landschaften“.

In dem folgenden Beitrag soll aufgezeigt werden, dass dieser Weg für Industrieregionen und Ballungsräume eine Neuorientierung der aktuellen Planungspraxis mit weitreichenden Konsequenzen für die Standort- und Regionalentwicklung bedeutet und dass er eine grundsätzliche Reflexion des Natur- und Landschaftsverständnisses sowie des Naturschutzes voraussetzt. Diese Erfahrungen können wichtige Impulse in Richtung einer pro-aktiven Landschaftspolitik im Sinne der europäischen Landschaftskonvention setzen. Das Ziel des Aufsatzes besteht also einerseits darin, das Konzept der „Landschaft der Industriekultur Nord“ darzustellen, andererseits auch einen Beitrag zur Methodendiskussion im Kontext von Landschaftsplanung, Raumordnung und Regionalentwicklung zu leisten.

Vorüberlegungen zum Natur- und Landschaftsbegriff

Sowohl der Begriff der Natur als auch jener der Landschaft erscheinen erklärungsbedürftig. Sie sind sowohl in der Alltagsals auch in der wissenschaftlichen Fachsprache mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt.

Natur beschreibt „das Ursprüngliche und Gute (…), das im Gegensatz zu Gesellschaft als dem Künstlichen und gar Zerstörenden steht“, gleichwohl aber auch das „Wilde und Bedrohliche, das zum Schutz der Gesellschaft gezähmt wird“ (Groß 2006: 5). Diese ambivalente Deutung geht mit einer dichotomen Betrachtung von Natur und Kultur einher, die ein weites Feld für die Platzierung des Anderen im semantischen Hof des Naturbegriffes eröffnet. Der Naturbegriff lässt sich somit als komplexe Übersetzung und Verdichtung der Repräsentanz einzelner Objekte fassen, der den ebenfalls komplexen Begriffen von Gesellschaft und Kultur nach moderner Lesart gegenübergestellt wird (vgl. auch Latour 2002).

Entgegen dieser in Alltagswelt und Wissenschaft verbreiteten Auffassung von Natur und Kultur lässt sich – Bruno Latour (2002) folgend – in diesem Zusammenhang auch von „Hybriden“ sprechen: Die Begriffe von Natur und Kultur zeigen fließende Übergänge. Dies wird am Beispiel eines Baumes rasch deutlich: Dieser wird als Organismus gemeinhin dem Bereich der Natur zugeordnet, wird aber gleichzeitig als konstitutiver Teil der Kulturtätigkeit des Menschen in der Landschaft betrachtet, weil er von Menschen gepflanzt, genutzt oder zumindest nicht gefällt wurde. In dieser Betrachtung verliert die terminologische Trennung von Natur- und Kulturlandschaft als ein – so Siekmann (2004: 32) – der okzidentalen Kulturgeschichte immanentes, dichotomes Verhältnis, „das menschliches Wirken abgrenzt vom außermenschlichen, natürlichen Geschehen“, an explikativer Bedeutung.

Die Hybridität von Landschaft weist eine weitere Dimension auf: Landschaft lässt sich einerseits als Konstrukt des menschlichen Geistes verstehen, andererseits werden dazu physische Objekte als Grundlage herangezogen. Kühne (2008) unterscheidet deshalb unterschiedliche Dimensionen der Konstruktion von Landschaft: Ausgehend vom physischen Raum als der räumlich-relationalen Anordnung von Dingen im Allgemeinen beschreibt er die „angeeignete physische Landschaft“ als Ensemble derjenigen Objekte des physischen Raumes, die für die Konstruktion herangezogen werden. Im Konstruktionsprozess wiederum kann zwischen der „gesellschaftlichen Landschaft“ als gesellschaftliche Vorstellung von Landschaft und der „individuell aktualisierten gesellschaftlichen Landschaft“ als deren persönliche Rekonstruktion unterschieden werden. Die „gesellschaftliche Landschaft“ stellt sich „als sozial definierter Gegenstand und Ensemble von Zeichen“ (Hard 2002: 233) dar und kann im Sinne eines gesellschaftlichen Wissensvorrates (Berger/Luckmann 1970) über die Anordnung von Objekten und Symbolen zu Landschaft gedeutet werden. Hierauf begründen sich auch die Stereotype, die – meist unreflektiert – im Prozess der konkreten individuellen Konstruktion wirksam werden.

Wird einer sozialkonstruktivistischen Deutung von Landschaft und Natur gefolgt, erscheinen Landschaft und Natur nicht als objektiv gegebene und klar von Mensch und Gesellschaft unterscheidbare Einheiten, sondern werden als soziale bzw. individuelle Konstrukte betrachtet (vgl. auch Kühne 2009: 395 ff.). Natur als auch Landschaft sind somit hybride Phänomene, da sie einerseits auf Objektebene physisch „verankert“ sind, andererseits begrifflich gebildet werden. „Natur“ kann in diesem Sinne als „Spezialfall“ der Deutung der Elemente des physischen Raumes gesehen werden, der ebenso gesellschaftlichen Stereotypen folgt wie die Konstruktion von „Landschaft“.

Was unter Landschaft und Natur sozial akzeptiert zu verstehen sei, erschließt sich dem Individuum nicht ohne soziale Vermittlung. Dies gilt für Personen, die sich nicht professionell mit Landschaft und Natur beschäftigen, aber auch für jene, die durch Ausbildung oder Fachstudium zu Experten werden. Ist das Verständnis von Laien geprägt durch gesellschaftlich kodierte Stereotype, individuelle Erfahrungen und Funktionalitätsansprüche, findet bei der Sozialisation eines expertenhaften Landschafts- und Naturbegriffs die Verinnerlichung bestimmter – fachspezifischer – Paradigmen statt, die von ihren Vertretern häufig mit hegemonialem Geltungsanspruch vertreten werden (Kühne 2006; Kühne 2008).

Gerade die Umsetzung von Naturschutzgroßprojekten in urbanen und postindustriellen, damit überwiegend dicht besiedelten Räumen setzt – vor dem Hintergrund einer Reflexion des Natur- und Landschaftsverständnisses – eine kritische Auseinandersetzung mit dem bisherigen (professionellen) Umgang mit Natur und Landschaft ebenso voraus wie das Hinterfragen der Planungsparadigmen der Regional- und Stadtentwicklung. Bislang ging es bei Naturschutzgroßvorhaben vorrangig um die Sicherung eines als naturnah bzw. kulturlandschaftlich wünschenswert definierten Zustandes bzw. der Wiederherstellung eines solchen. Beispiele für naturnah definierte Räume sind Fließgewässer- und Auensysteme, Moor-, Seen- und Waldlandschaften sowie Küstengebiete. Des Weiteren standen Kulturlandschaften im Fokus, die heute aufgrund oftmals reliktärer Nutzungssysteme spezifische Lebensraumtypen wie Feuchtgrünländer, Heidegebiete und Magerrasen aufweisen und zumeist durch Brachfallen oder Intensivierung in ihrer spezifischen Eigenheit verändert worden wären. Dieses Projektportfolio entspricht der tradierten Auffassung von Natur- und Kulturlandschaften und den Zielen eines eher konservierenden Naturschutzes. Mit dem neuen Schwerpunkt „urbane/industrielle Landschaften“ wird das Ziel verbunden, die Strategien des Naturschutzes an die spezifischen Rahmenbedingungen in Ballungsräumen anzupassen. Eine Reflexion des Natur- und Landschaftsverständnisses ist notwendig, da eine dichotome Betrachtung von Natur und Kultur sowie die darauf basierenden Landschaftsstereotype in Altindustrieregionen und Agglomerationen nicht hilfreich scheint. Eine Anerkennung des hybriden, ambivalenten und konstruktiven Charakters von Natur und Landschaft eröffnet hier Spielräume für den Naturschutz und die räumliche Planung.

Konsequenzen eines gewandelten Natur- und Landschaftsverständnisses für die Planungspraxis

Wenn nicht anders vermerkt, wird der Landschaftsbegriff im Sinne der „angeeigneten physischen Landschaft“ verstanden (vgl. hierzu Kühne 2006; Kühne 2008).

Die im vorhergehenden Abschnitt dargestellten konzeptionellen Überlegungen beeinflussen die Möglichkeiten und Grenzen der Praxis von Naturschutz und räumlicher Planung. Durch die erstmalige Umsetzung eines Naturschutzgroßvorhabens in einer Stadt- bzw. (Alt)Industrieregion bietet sich die Chance, vor dem Hintergrund eines hybriden Verständnisses von Natur und Landschaft die Ansätze des Natur- und Landschaftsschutzes zu überdenken und an die spezifischen Rahmenbedingungen in Ballungsräumen anzupassen. Dieser Ansatz fordert sowohl den tradierten und konservierenden Naturschutz als auch die Regionalentwicklung und räumliche Planung, die in Agglomerationen bis heute überwiegend einer Wachstumslogik folgen, heraus.

Ansätze des Umgangs mit Natur und Landschaft in der räumlichen Planung

In der heutigen Planungspraxis zeigen sich im Umgang mit Natur und Landschaft unterschiedliche Ansätze, die für die Implementierung von Naturschutzgroßprojekten im urban/ industriellen Raum nutzbar gemacht werden können (vgl. hierzu u. a. Kühne 2006; Hauser/Kamleithner 2006; Dettmar 2007; Kühne 2008; Hartz/Kühne 2009):

Die Erhaltung und Wiederherstellung von Landschaften in Anlehnung an einen normativ definierten Idealzustand

Hierzu zählen viele Ansätze eines bewahrenden Kulturlandschaftsschutzes, der (Kultur-) Landschaftspflege und des (auch sukzessionistisch orientierten) Naturschutzes, der Stadtplanung und des Denkmalschutzes. So können sowohl die „potenziell natürliche Vegetation“, „historisch gewachsene Kulturlandschaften“, der „historische Stadtgrundriss“ oder – im Falle der Rekultivierung von Hinterlassenschaften der Industrie und des Bergbaus – die „bewaldete Mittelgebirgslandschaft“ als Soll-Zustand für die räumliche Planung dienen. Gerade in der Debatte um die Bewahrung „bäuerlicher“ Kulturlandschaften oder alter Dorf- und Stadtstrukturen bzw. die Rekultivierung „zerstörter“, „devastierter“ Bergbaufolgelandschaften offenbaren sich die gesellschaftlich tradierten und professionell erlernten Grundannahmen zur Bewertung von Natur und Landschaft, Stadt und Dorf. Die Auseinandersetzung um den „richtigen“ Soll-Zustand wird oft mit viel Nachdruck geführt und mit der Konstruktion von Heimat verschränkt (vgl. auch Vicenzotti 2009).

Die Entwicklung von Landschaften als Nebenfolge natürlicher Sukzessionsprozesse

Dieser Ansatz verfolgt das Ziel einer vom Menschen möglichst unbeeinflussten Naturentwicklung, beispielsweise in Kernzonen von Biosphärenreservaten. Dabei werden Flächen sich selbst und damit der natürlichen Sukzession überlassen. Der erstrebte Soll-Zustand einer solchen Entwicklung ist die „heutige potenziell natürliche Vegetation“, die in Mitteleuropa in weiten Teilen als artenarmer, aber individuenreicher sommergrüner Laubwald mit einem hohen Buchenanteil identifiziert wird.

Die Entwicklung von Landschaften als Nebenfolge von Nutzungsprozessen

Eine vollständig andere Perspektive ergibt sich aus der Akzeptanz von Landschaftsentwicklung im Zuge sozioökonomischer Entscheidungen. Der steuernde Einfluss der räumlichen Planung beschränkt sich hier im Wesentlichen auf die Einhaltung gesetzlicher Rahmenbedingungen, beispielsweise zum Schutz der Natur- und Kulturgüter, und die Herstellung von Rechtsverhältnissen, beispielsweise im Baurecht. Die Zwischenstadt, wie Sieverts (1998: 15) sie beschreibt, ist ein typisches Beispiel für komplexe Landschaften, die – als „Resultat unzähliger rationaler Einzelentscheidungen“ – „insgesamt ‚planlos‘“ wirken. Sie entstehen als Nebenfolge von Nutzungsprozessen, was sich auch in der Regel für Agrar- und Waldlandschaften feststellen lässt. Diese Einzelentscheidungen können durchaus auch das Unterlassen einer weiteren Nutzung bedeuten, also Nutzungsaufgabe und Bracheentwicklung: Bisherige Nutzungen ziehen sich aus der Fläche zurück und diese entwickelt sich als Folge natürlicher Prozesse.

Die Neugestaltung von Landschaften

Die Neugestaltung von Landschaften knüpft nicht oder nur sehr eingeschränkt an den Gegebenheiten des physischen (und sozialen) Raumes oder am historischen Kontext an, sondern stellt vielmehr eine Realisierung meist elitärer oder expertokratischer Landschaftsentwürfe und Zukunftsvisionen dar. Diese „Architekturen“ bleiben – zumindest im mitteleuropäischen Kontext – in aller Regel auf kleinere Räume beschränkt. Hierzu zählen beispielsweise neu geschaffene Park- oder Platzanlagen im (sub)urbanen Kontext. Sie sind häufig Impulsgeber für Innovationen und stehen im Zentrum der Debatten um zeitgenössische Landschaftsarchitektur und modernen Städtebau.

Die selektiv kontextualisierende Gestaltung von Landschaft

Ausgewählte Elemente des physischen Raumes werden in neue gesellschaftlich relevante Kontexte eingestellt und selektiv in Wert gesetzt. Damit verbindet sich meist eine Umnutzung und Inszenierung einzelner Objekte, die zwar an historische Kontexte anknüpft, aber gleichzeitig neue Nutzungszusammenhänge und -optionen herstellt. Dieser Ansatz der Qualifizierung und Aktualisierung von oftmals reliktären, d. h. aus der Nutzung gefallenen Elementen des physischen Raumes gewinnt insbesondere in Regionen mit erheblichen ästhetischen und funktionalen Defiziten an Bedeutung. Sehr ausgeprägt findet sich dieser Ansatz in den Altindustriegebieten und Bergbaufolgelandschaften: Die Relikte von Industrie und Bergbau werden nicht (vollständig) beseitigt, sondern als „Bottroper Tetraeder“, „Himmelsspiegel“ auf der Halde Lydia (Saarland) oder Seenlandschaften in Braunkohletagebaugebieten (vgl. Schwarzer 2009) neu interpretiert – als Grundlage zur Neuentdeckung von Heimat oder zur Attraktion von Touristen.

Die aktive Begleitung des Landschaftswandels im Zuge von Transformationsprozessen

Darüber hinaus lassen sich in der Planungspraxis Ansätze für eine integrative Regionalentwicklung beobachten. Dabei wird versucht, die zukunftsfähige Entwicklung der Nutzungssysteme mit einer sozial akzeptierten Entwicklung von (Kultur)Landschaft in Einklang zu bringen. Ausgangspunkte sind oftmals Transformationsprozesse, die zu einem grundlegenden und in der zu erwartenden Form nicht akzeptierten Landschaftswandel führen werden. Dazu zählen eine dynamische Siedlungsentwicklung in Stadtregionen, der Strukturwandel mit Nutzungsaufgaben in Bergbau- und Industrieregionen oder der Rückzug der Landwirtschaft aus Agrargebieten. Bezeichnend sind die (kooperative) Einbindung von Akteuren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären und ein oft gemeinsam erarbeitetes regionales Leitbild, das auch die Entwicklung von Landschaft dem Diskurs unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte öffnet (Hartz/Kühne 2007). Beispiele sind die Implementierung von Regionalparks für den urbanen Raum oder „Integrierte Ländliche Entwicklungskonzepte“ (ILEK).

Die reflexive Umdeutung von Landschaften

Sie zielt auf eine Veränderung der sozialen Vorstellungen und der Aneignungspraxis von Natur und Landschaft ab. Nicht mehr die Veränderung der physischen Bezüge steht im Vordergrund, sondern ein Wandel der sozialen Konstruktion der Landschaft selbst. Dieser Prozess der Neukodierung setzt an den Zuweisungen von Bedeutung, Symbolik und Sinn und an den Bewertungsmustern im Prozess der Landschaftskonstruktion an. Die Kategorien von „schön“ und „hässlich“, die in diesem Zusammenhang wirksamen Stereotype und erlernten Deutungsschemata, werden einem kritischen Reflexionsprozess unterzogen. Wie tief Bewertungsmuster verankert und Grundlage der sozialen Vorstellung und Aneignung von Landschaft sind, zeigt sich beispielsweise am Phänomen der Zwischenstadt oder in Altindustrieregionen nicht nur in der Diskussion mit Laien, sondern auch in den Fachdiskussionen in Planungspraxis und Raumwissenschaften.

Der Blick auf die aktuelle Planungspraxis zeigt, dass die ersten vier Ansätze das traditionelle Repertoire der räumlichen Planung abbilden, der vierte und fünfte dagegen in den letzten Jahren insbesondere im Umgang mit vielschichtigen urbanen und postindustriellen Landschaften an Bedeutung gewonnen haben. Die Ansätze 1 bis 4 sind darauf ausgerichtet, Landschaft in ihrer physischen Dimension zu verändern bzw. zu erhalten. Ansatz 7 versucht, die soziale Konstruktion von Landschaft, ihre sozialen Zuschreibungen zu reflektieren, für den gesellschaftlichen Diskurs zu öffnen und neue Perspektiven von Natur und Landschaft zu erschließen. Die Ansätze 5 und 6 nehmen dabei eine vermittelnde Position ein: Sie basieren sowohl auf der Veränderung der physischen als auch der sozialen Grundlagen von Landschaft.

Alle Ansätze bedienen sich dabei sowohl kognitivanalytischer als auch ästhetisch-emotionaler Zugänge zu Landschaft. In den letzten Dekaden standen zweifelsohne gerade im Bereich der Landschaftsplanung die analytischen Zugänge im Vordergrund. Differenzierte Indikatorsysteme, u. a. zu Gewässergüte, Bodenwerten, Hangneigungen und Baumartenzusammensetzungen, dienten eher der „Vermessung“ von Landschaft. Mittlerweile lässt sich in vielen Planungsprozessen eine vermehrte Wertschätzung ästhetischer Zugänge erkennen. Diese nimmt ihren Ausgangspunkt in der sinnlichen Konstruktion von Raum, seiner Erfahrung im Erleben, Denken und Fühlen, dem aktiven Handeln und Aneignen der am Prozess der Konstruktion von Raum beteiligten Menschen (Hartz/Kühne 2009).

In der Planungspraxis überlagern sich die vorgestellten Ansätze zumeist innerhalb eines größeren Planungsraumes bzw. werden auch inhaltlich kombiniert. Die hier vorgenommene Differenzierung dient insbesondere der Verdeutlichung der unterschiedlichen Herangehensweisen und der Offenlegung der implizierten Paradigmen und ‚im Verborgene‘ wirksamer Stereotypen.

Richtungswechsel in der Regional- und Stadtplanung?

Das Instrumentarium der Regional- und Stadtplanung ist im Wesentlichen auf die Steuerung des Siedlungswachstums, die Sicherung der Daseinsvorsorge sowie den Freiraumschutz ausgerichtet. In dieser Planungslogik greifen die gesetzlich verankerten Instrumente. In komplexen Metropolregionen, in den Altindustrie- und Bergbauregionen mit ihrem Flächenüberfluss oder gar in den ‚schrumpfenden‘ (Stadt)Regionen werden die Herausforderungen komplexer, die Planungspraxis schwieriger und die herkömmlichen Instrumente weniger passgenau.

In schrumpfenden Altindustrieregionen wie dem Saarland zeigen sich die Brüche in der Logik von Stadt- und Regionalentwicklung immer deutlicher: Aufgrund der wirtschaftlichen und demographischen Perspektive greifen bisherige Konzepte für Folgenutzungen auf Bergbaufolge- und Altindustriestandorten nicht wie erwartet. Die Wachstumsmaschinen Kohle und Stahl haben ihre Funktion verloren; die freiwerdenden Flächen können nicht – wie lange gehofft – nahtlos in neue gewerbliche Nutzungen überführt werden. Es besteht schlichtweg kein oder nur noch ein sehr eingeschränkter Bedarf an weiteren Gewerbe- oder auch Wohngebieten. Heute hat man erkannt, dass die tradierte Planungslogik nur noch begrenzt Wirkung zeigt, zugleich aber der Planungsauftrag der Sicherung der Daseinsgrundfunktionen besteht. Das Ende der großen Versprechungen des Strukturwandels erfordert ein Umdenken. In dieser offenen und schwierigen Situation erscheint eine neue Form von Planung Erfolg versprechend: Sie beruht auf einer intensiven Interaktion von Politik und Planung, Wirtschafts- und gesellschaftlichen Akteuren, bezieht Bürgerinnen und Bürger frühzeitig mit ein und flexibilisiert den Prozess im Sinne eines iterativen Zusammenspiels von Leitbild- und Potenzialdiskussionen, aktionsorientierter Projektplanung und konkreter Umsetzung. Das bedeutet eine Abkehr von der klassischen, linearen Planungslogik der Moderne (vgl. hierzu Eckardt/Hartz 2006: 20 ff.).

Der notwendige Übergang in der (Regional- bzw. Stadt-)Planung vom großen Entwurf zu an den lokalen Bedürfnissen und Möglichkeiten ausgerichteten Entwicklungskonzepten bedeutet eine Hinwendung zu alltäglichen Lebenswelten (Hartz/Kühne 2007). Damit öffnet sich der Prozess (des Strukturwandels) auch für diejenigen, deren Einfluss sowohl in der traditionellen räumlichen Planung als auch in der auf Partizipation ausgerichteten Planung in der Regel unterrepräsentiert bleibt: Der Einfluss der „Mindermächtigen“ (Paris 2005: 23) und weniger Mobilen, also jener, die aufgrund des Mangels an ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital einen besonderen Bedarf an einem ihren Bedürfnissen entsprechenden Wohnumfeld aufweisen, da sie sich nicht wie jene mit einer hohen Kapitalausstattung ihrer Umgebung z. B. durch Fernreisen entziehen können. Hierbei handelt es sich beispielsweise um Personen mit Migrationshintergrund oder Langzeitarbeitslose, die sich in überwiegend auf Diskussion ausgerichteten Beteiligungsverfahren u. a. aufgrund von Sprach-, kulturellen und milieubedingten Barrieren nur sehr schwer, wenn überhaupt, einbinden lassen. So schreiben Grüger und Hartz (2009: 41) zur Bürgerbeteiligung am Beispiel eines städtebaulichen Wettbewerbs, dass trotz intensiver Mobilisierung und Werbung der Teilnehmerkreis die für diskussionsorientierte Verfahren typische Zusammensetzung aufzeigt und Jugendliche oder auch Menschen mit Migrationshintergrund nur mittelbar, d. h. über zivilgesellschaftliche Organisationen, eingebunden werden konnten. Die Einbindung über solche intermediären Akteure ist sicherlich sinnvoll; darüber hinaus könnten jedoch ‚aufsuchende‘ und zielgruppenspezifischere Angebote die bisherigen Beteiligungsverfahren stärker als bisher ergänzen. Eine Qualifizierung des Planungsprozesses ließe sich gleichfalls über Verfahren der qualitativen Sozialforschung erreichen.

Strukturwandel bedeutet dann, die eingefahrenen Gleise zu verlassen: Dies heißt in erster Linie, sich konsequenter als bisher auf lokale Potenziale zu konzentrieren und die Ressourcen der örtlichen Zivilgesellschaft zu aktivieren. Hierzu sind Partner notwendig. Regionale wie lokale Netzwerke müssen – unter konstitutiver Einbindung von Mindermächtigen – geknüpft werden: Netzwerkorientierte, nicht-lineare Planungsprozesse, die das Wachstumspostulat auf den Prüfstand stellen, erscheinen unter den gegebenen Rahmenbedingungen für viele postindustrielle Räume alternativlos (vgl. hierzu Eckardt/Hartz 2006: 20 ff.).

Mit der Umsetzung eines Naturschutzgroßvorhabens im urbanen oder postindustriellen Raum verbindet sich ein grundlegender Perspektivenwechsel in der Raumplanung und Regionalentwicklung, dessen Implikationen erst in den nächsten Jahren in der Praxis nachvollziehbar werden. Aber auch von Seiten des Naturschutzes wird Anpassungsbedarf gesehen: „Viele naturschützerische Ansätze, die sich in der offenen Landschaft bewährt haben, sind auf Siedlungsräume nur schwer übertragbar.“

http://www.bfn.de/urban.html (Zugriff am 30.08.2009).

Hier muss Neuland betreten bzw. es müssen bestehende Instrumente angepasst werden – nicht nur mit Blick auf spezifische Ausgangssituationen im physischen Raum wie beispielsweise die Altlastenproblematik auf alten Industriestandorten oder die Sanierung von Halden, sondern auch hinsichtlich der komplexen Akteurskonstellationen und den vielfältigen Nutzungsansprüchen in dicht besiedelten Bereichen.

Die „Landschaft der Industriekultur Nord“: Perspektiven für ein Naturschutzgroßvorhaben im postindustriellen Umfeld

Die „Landschaft der Industriekultur Nord“ ist der dritte Projektraum des Regionalparks Saar in der Wald- und Bergbauachse, die den Verdichtungsraum Saar quert (vgl. Abb. 1). Er spannt sich zwischen der Altindustriestadt Neunkirchen und dem ehemaligen Bergwerk Göttelborn auf und umfasst knapp 8.700 ha (vgl. Abb. 2). Hier soll das erste Naturschutzgroßvorhaben in einem von Kohle und Stahl geprägten (sub-)urbanen Raum umgesetzt werden. Dieses Großprojekt erfordert den Mut der regionalen und lokalen Akteure, den damit verbundenen Perspektivenwechsel in der Regionalentwicklung nachzuvollziehen, zumal dieser Weg zunächst nicht mit der bisherigen Planungslogik des Strukturwandels in der Region vereinbar und damit sehr risikobehaftet erscheint.

Abb. 1

Verdichtungsraum Saar, Regionalpark Saar und die Projekträume. (Quelle: Planungsgruppe agl)

Abb. 2

Im Umbau: Altindustriestadt Neunkirchen und ehemaliges Bergwerk Göttelborn. (Fotos: Delf Slotta)

Im Folgenden werden die Rahmenbedingungen in der „Landschaft der Industriekultur Nord“ und das dem Naturschutzgroßvorhaben zugrunde liegende Konzept (Planungsgruppe agl 2008) dargestellt.

Die Ausgangssituation in der Region

Die Region ist in weiten Teilen von den physischen Folgen und Nebenfolgen der Industrialisierungsprozesse gezeichnet, die das Saarland – ähnlich dem Ruhrgebiet – über Jahrhunderte hinweg gestaltet haben. Industriekultur und Industrienatur prägen die Landschaft auf unterschiedliche Weise. Die Hochphasen von Kohle und Stahl im 19. und 20. Jahrhundert führten zu einem grundlegenden und andauernden Landschaftswandel. Zwischen Friedrichsthal, Göttelborn, Heiligenwald und Neunkirchen entstanden zahlreiche Bergwerke. Parallel zum Bergbau entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Neunkirchen das Stumm'sche Eisenwerk zu einem Großunternehmen. Seit den 1960er Jahren führten die Kohlekrise und der Strukturwandel im Bergbau zur Schließung vieler traditionsreicher Betriebe. Zuletzt wurde das Verbundbergwerk Göttelborn/ Reden im September 2000 stillgelegt.

Die wesentlichen Entwicklungsphasen des Steinkohlenbergbaus, des Verkehrswesens sowie der Eisen- und Stahlindustrie sind im Projektraum auf engstem Raum vergegenständlicht: Zahlreiche Objekte und Ensembles der Industriekultur zeugen von den Epochen des Steinkohlenbergbaus sowie der Eisen- und Stahlerzeugung. Gleichzeitig sind viele Standorte, die noch unter Bergrecht stehen, bis heute für die Öffentlichkeit nicht zugänglich; eine lebensweltliche Aneignung bleibt von offizieller Seite untersagt.

Die Nutzungsstruktur verdeutlicht die intensive Durchdringung von Freiraum und Siedlungen. Es entstand ein ausgeprägtes „Patchwork“ unterschiedlicher Landschafts- und Nutzungstypen, das sich in einer für die Altindustrieregion im Saarland typischen Dreigliederung rekonstruieren lässt (vgl. Abb. 3 und 4): Der Saarkohlenwald wird traditionell waldwirtschaftlich genutzt. In randlicher Lage und in den umgebenden Wald eingebettet liegen die mittlerweile aufgegebenen Bergbaustandorte. Die nördlich anschließende großflächige Bergbaufolgelandschaft zwischen Göttelborn und Neunkirchen besteht heute aus einem Mosaik landschaftsprägender Halden und Schlammweiher, aufgegebener Tagesanlagen des Bergbaus, Kohlenlagern, Industrie(-brachen), (ehemaligen) Bergbausiedlungen und naturnahen Waldflächen. Im nördlichen Teil förderte die Entwicklung des Arbeiterbauerntums eine kleinparzellierte landwirtschaftliche Nutzung mit Kleintierhaltung. hier wirtschafteten die Familien der in den Kohlegruben oder der Schwerindustrie Beschäftigten im Nebenerwerb bzw. In der Subsistenz.

Abb. 3

Dreigliederung des Projektraumes. (Quelle: Planungsgruppe agl, auf der Grundlage der Entwürfe von scheuvens+wachten und scape)

Abb. 4

Im Zentrum der Region: das ehemalige Bergwerk Reden. (Foto: Delf Slotta)

Rahmenbedingungen für die Ära nach Kohle und Stahl

Die Gemeinden der Region sind seit mehr als drei Dekaden Schauplatz eines intensiven Strukturwandels im Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft. Die Stilllegung von Kohlegruben und des Eisenwerkes in Neun kirchen hatten nicht nur ökonomische, sondern insbesondere soziale Auswirkungen, die bis heute nachwirken. Waren in der industriellen Ära der Region auch die lebensweltlichen Bezüge stark von der Solidarität der Bergleute, auch über Tage, den Schichtwechseln in gruben und im Hüttenwerk, dem gemeinsamen sozialen Kontext der arbeit geprägt, zerfallen heute Institutionen und Traditionen, das gemeinsame erleben einer geteilten Lebens- und Arbeitswelt. Am Beispiel von Neunkirchen lässt sich das Aufbrechen der Symbiose von Eisenwerk und Stadt deutlich nachvollziehen: ES gibt sie nicht mehr, „die Schichtwechselzeiten, die an dieser Nahtstelle zwischen Stadt und Werk den Lebensrhythmus bestimmten und den öffentlichen Geschäftsgang regelten“ (Slotta 2000: 15). in einer individualisierten postindustriellen Gesellschaft wird das kollektive Erleben durch individuelle Bezüge abgelöst: War der Schichtwechsel im Hüttenwerk Neunkirchen früher ein Ereignis, das die ganze Stadt erfasste, sind Arbeitsbeginn und Arbeitsende in den zahlreichen kleineren Betrieben der Gegenwart auch aufgrund vielfach flexibler Arbeitszeiten im Stadtbild kaum noch erlebbar.

Der strukturwandel in der region ist noch lange nicht abgeschlossen; die Zukunftsperspektiven stellen sich unverändert schwierig dar. aufgrund der fehlenden Nach-frage nach Wohnbau- und Gewerbeflächen bestehen für viele Brachflächen kaum Nachnutzungsoptionen; gut gemeinte Revitalisierungsabsichten finden keine adäquaten Adressaten.

Die Dimension des Arbeitsplatzverlustes in den ehemaligen Bergbaugemeinden wird anhand des Vergleichs der sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen pro 1.000 Einwohnern zwischen 1980 und 2006 deutlich (vgl. Abb. 5): Durch den Strukturwandel sind bis auf Neunkirchen alle Gemeinden im Projektgebiet zu Auspendlergemeinden geworden. Doch auch Neunkirchen mit rund 400 im Gemeindegebiet Erwerbstätigen pro 1.000 Einwohner zwischen 1990 und 2006 weist im Vergleich zu den anderen saarländischen Kreisstädten (Durchschnitt 498 Einwohner) ein deutliches Defizit auf.

Abb. 5

Die Entwicklung der Zahl der im Gemeindegebiet sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen pro 1.000 Einwohner in den Projektraumkommunen zwischen 1980 und 2006. (Quelle: Eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Amtes Saarland)

Hinzu kommt, dass die aktuellen Bevölkerungsverluste in den altindustriellen Kernen besonders deutlich spürbar werden: Für die Gemeinden Friedrichsthal und Illingen werden bis zum Jahr 2020 nahezu 10 % Bevölkerungsrückgang prognostiziert – mit allen damit verbundenen Problemstellungen. Städtebauliche Programme zielen deshalb verstärkt darauf ab, die Auswirkungen des Struktur- und des demographischen Wandels in den Siedlungsbereichen abzufedern.

Im Projektraum hat auch die IndustrieKultur Saar GmbH (iks), eine landeseigene Gesellschaft, ihren Sitz. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Revitalisierung der ehemaligen Grubenstandorte Göttelborn und Reden, die inmitten der „Landschaft der Industriekultur Nord“ liegen. Sie hat die beiden Großstandorte wieder „in Betrieb“ genommen. Im Hinblick auf wirtschaftliche, touristische und kulturelle Nutzungen werden hier „Zukunftsorte“ des Saarlandes aufgebaut. Damit versucht das Saarland, Zeichen des Aufbruchs zu setzen, neue Technologien und Dienstleistungen anzusiedeln und über spannende (Landschafts-) Architekturen den Imagewandel in der Region einzuleiten. Während am Zukunftsort Göttelborn die Entwicklung einer „Cité der Industriekultur Saar“ als Ausdruck des Strukturwandels von der Industrie- zur Wissens- und Informationsgesellschaft vorgesehen ist, wird in Reden der Umbruch durch den Einzug wichtiger Landesinstitutionen und des Wissensparks „Gondwana - das Praehistorium“ vollzogen. Von beiden Standorten werden zukünftig touristische Impulse erwartet.

Trotz der bereits begonnenen und umgesetzten Bemühungen um Strukturwandel und Regionalentwicklung gefährden die sozioökonomischen Rahmenbedingungen den Fortschritt und das Gelingen tradierter Konzepte, die von quantitativem Wachstum und einer linearen Planbarkeit des Strukturwandels ausgehen. Gleichzeitig erschwert der „Patchwork“-charakter der Landschaft mit vielen aufgelassenen Bergbaustandorten die Zugänglichkeit und positive Wahrnehmung der Region. Viele Standorte warten noch auf die Entlassung aus der Bergaufsicht und eine Erfolg versprechende Folgenutzung. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels stehen jedoch die Chancen für ein „Weiter so“ im Strukturwandel denkbar schlecht. In dieser Situation lohnt sich ein Blick auf die ‚anderen‘ Potenziale der Region.

Die Potenziale der Region für Naturschutz und Landschaftsentwicklung

Wenige denken direkt an besondere Natur- und Landschaftspotenziale in einer alten Kohle- und Stahlregion, wenngleich die Bemühungen an der Ruhr oder in der Lausitz Industrie- und Bergbaufolgelandschaften diesbezüglich sicherlich in ein neues Licht gerückt haben. Doch ein genauer Blick auf diese Potenziale lohnt sich, im Falle der „Landschaft der Industriekultur Nord“ führte dieser Blick – zunächst von Experten, dann von den lokalen Akteuren – zu der erfolgreichen Bewerbung im Rahmen des Bundeswettbewerbs „idee.natur“. Im Rahmen des Antragsverfahrens wurde auf der Basis der Kriterien Großflächigkeit, Naturnähe/Natürlichkeit, Beispielhaftigkeit und Gefährdung das besondere Potenzial der Region für eine naturschutzorientierte Entwicklung nachgewiesen.

Das Gebiet repräsentiert einen charakteristischen und sehr differenziert genutzten Ausschnitt einer von der Montanindustrie geprägten Landschaft. Mit Siedlungslagen sowie großen Wald- und Landwirtschaftsflächen lassen sich hier die charakteristischen Transformations- und Konversionsprozesse einer Montanregion, die in 200-jähriger Bergbaugeschichte eine Vielzahl unterschiedlicher Bergbaurelikte und Standortbedingungen hervorbrachte, exemplarisch nachvollziehen.

Die Bergbaufolgelandschaft zeichnet sich durch eine außerordentlich hohe Vielfalt an sehr unterschiedlichen Standorten, Ökosystemen und Arten aus – mit einer großen Bandbreite an Lebensräumen auf sehr naturnahen bis neu geschaffenen Standorten und mit zahlreichen, teilweise hochgefährdeten Arten. Ein Schwerpunkt liegt auf den Arten und Lebensgemeinschaften der Rohböden und Pionierstandorte im Bereich der Bergehalden, Schlammweiher, Kohlenlager und Tagesanlagen des Bergbaus. Hier laufen natürliche Sukzessions- und Besiedlungsvorgänge nach dem Rückzug des Bergbaus oftmals ungestörter ab als in den intensiver genutzten Agrar- und Waldlandschaften. Gleichzeitig blieben die naturraumtypischen und teilweise sehr naturnahen Biozönosen der Wälder und Gewässer sowie extensiv genutzte Landwirtschaftsflächen erhalten.

Ein hoher Flächenanteil des Projektgebietes besitzt bereits heute eine hohe bis sehr hohe naturschutzfachliche Wertigkeit sowie ein enormes Entwicklungspotenzial, was sich auch in dem hohen Prozentsatz der zukünftigen Kernflächen im Naturschutzgroßvorhaben (vgl. Abb. 6) widerspiegelt (rund 28 %).

Abb. 6

Vorgeschlagene Kernflächen und wichtige Vorkommen spezialisierter bzw. gefährdeter Arten. (Quelle: Planungsgruppe agl)

Die Bergbaufolgelandschaft befindet sich mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus in einer Umbruchsituation. Mit der Erstellung der Abschlussbetriebspläne und Entlassung aus dem Bergrecht werden zahlreiche Bergbauflächen für Nachnutzungen frei. Angesichts der wirtschaftlichen Bedrängnis der Kommunen besteht die Gefahr, dass bei der Nachnutzung der Bergbauflächen im Einzelfall kurzfristige wirtschaftliche Interessen den Ausschlag geben, zumal in den letzten Jahrzehnten stets versucht wurde, die ehemaligen Bergbauflächen einer aus ökonomischer Sicht relevanten Nutzung (Gewerbe, Einzelhandel, Wohnen) zuzuführen – nicht unbedingt mit den gewünschten Erfolgen.

Die Lebensraumkomplexe der Bergbaufolgelandschaft haben sich bisher der Vorgehensweise eines konservierenden Naturschutzes, der auf die Erhaltung und Wiederherstellung von Landschaften in Anlehnung an einen normativ definierten Idealzustand abzielt, weitgehend entzogen. Die Behandlung der Flächen über das Bergrecht, der Pioniercharakter der naturschutzrelevanten Arten und die in der Bergbauphase ständig wechselnde Landschaftsstruktur verhinderten den Ansatz der klassischen Schutzinstrumente. Aufgrund der vielfältigen Nutzungsansprüche an die Bergbaulandschaft und das vielfach noch bestehende Bergrecht blieb die Ausweisung von Schutzgebieten nach dem saarländischen Naturschutzrecht auf die Waldgebiete und das extensiv genutzte Offenland beschränkt.

Die Neuorientierung einer Region: Natur konsequent Raum lassen

Mit dem Regionalpark Saar und der IndustrieKultur Saar GmbH (iks) hat das Saarland die Anstrengungen intensiviert, seinem Erbe von Bergbau und Stahl eine Zukunftsperspektive zu geben. Seit nunmehr einer Dekade zielen beide Initiativen darauf ab, Industriekultur als integralen Bestandteil einer zukunftsfähigen Regional- und Landschaftsentwicklung zu betrachten. Insbesondere der Regionalpark Saar versteht sich dabei als Kooperationsplattform für Akteursnetzwerke. Die Aktivitäten der Landesplanung haben einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, Strukturwandel und Regionalentwicklung stärker auf Kooperation und Beteiligung auszurichten. So konnte auch im Falle der „Landschaft der Industriekultur Nord“ auf bestehende Partnerschaften und eine bewährte kooperative Praxis zurückgegriffen werden (vgl. hierzu Brown 1989; Eckardt/Hartz 2006; Hartz/Kühne 2007).

Auf dieser Basis gelang ein – wohl in der Geschwindigkeit für alle Beteiligten überraschender – Perspektivenoder gar Paradigmenwechsel in der Regionalentwicklung: Die Bewerbung im Rahmen des Bundeswettbewerbs „idee. natur“ wurde von allen Kommunen des Projektgebietes, der Landesebene, den Bergbautreibenden sowie zivilgesellschaftlich organisierten Akteuren im Rahmen eines Kooperationsprozesses vorangetrieben und unterstützt. Das Vorhaben bedeutet nicht nur eine Abkehr von der bisherigen Planungslogik im Strukturwandel im regionalen Maßstab, sondern eine völlige Neuorientierung der zukünftigen Entwicklung der Altindustrieregion.

Das Naturschutzgroßprojekt eröffnet die Chance, Natur und Landschaft in einem postindustriellen Raum aus der Perspektive des Naturschutzes und den Imagewandel der Region in Verbindung mit den Zukunftsinitiativen zur Industriekultur weiterzuentwickeln. Die „Perspektive Naturschutz“ soll exemplarisch als Motor für die Regionalentwicklung genutzt und dadurch ein Imagewandel – im Sinne des Paradigmas der reflexiven Umdeutung von Landschaften – eingeleitet werden, der auch dazu beiträgt, die Wirkungen der sozialökonomischen Rahmenbedingungen zumindest abzufangen.

Im Zentrum der gemeinsamen Raumvision steht die Idee, nach dem Rückzug von Bergbau und Schwerindustrie Natur konsequent Raum zu lassen. Dies bedeutet, in weitaus stärkerem Maße als in Agglomerationen bisher üblich auf natürliche Prozesse bei der Entwicklung von Brach- und Freiflächen zu vertrauen. In Verbindung mit landschaftsplanerischen Gestaltungsentwürfen, die punktuelle Eingriffe bzw. Pflegeroutinen mit langen Perioden der Sukzession vorsehen, entstehen „extensive“ Landschaften, zumal gerade auf den verdichteten Rohböden der Halden und (abgedeckten) schlammweihern eine Wiederbesiedlung erfahrungsgemäß sehr langsam erfolgt und interessante sukzessionsstadien durchläuft. Diese „extensiven“ Landschaften entlasten nicht nur die öffentlichen Haushalte finanziell, sondern schaffen auch neue Qualitätsstandards in Bezug auf ökologische, soziale und ästhetische Funktionalität.

Es entstehen ‚neue‘ (Landschafts-)Bilder, die den lebendigen Kontrast von Naturnähe und künstlicher Landschaft gezielt betonen und gleichzeitig den hybriden Charakter von Natur und Landschaft aufdecken: Dieser zeigt sich in der Durchdringung natürlicher und kultürlicher Einflüsse auf der Objektebene, insbesondere bei der Sanierung von Bergbauflächen. Der Ansatz „Konsequent Raum lassen für Natur“ verändert dabei sukzessive das Verhältnis von Kultur und Natur in der Wahrnehmung urbanisierter und industrialisierter Landschaften. Die zweite Seite der Hybridität betrifft das Verständnis von Landschaft und Natur als Vermittlung von Materialität und sozialer Konstruktion, dessen Reflexion die Praxis von Naturschutz und Raumplanung für neue Perspektiven und die Kontingenz von Landschaftsentwürfen öffnet.

Die Bilder und das Erleben von Landschaft sollen den Imagewandel der Region nach innen wie außen befördern. Image wird hierbei als handlungsleitender Faktor betrachtet; mit dem Imagewandel wird auch auf einen Wandel der Selbstbeschreibung der Region sowie der Bereitschaft der Bevölkerung, entsprechend dem neuen Image zu handeln, hingearbeitet. Ehemals wichtige Standorte wie Itzenplitz, Reden, König, Heinitz, Dechen oder Göttelborn haben Einfluss genommen auf die Gesellschaftliche Landschaft ebenso wie auf die Menschen der Region. Mit der Aufgabe der bergbaulichen Nutzung haben sie ihre Wirkung als ‚Mitten‘ und ‚Orientierungspunkte‘ verloren. Mit dem Projekt verbindet sich deshalb eine „Schule der Sinne“, ein breit angelegtes Kommunikations- und Partizipationsprojekt, in dessen Rahmen die Hybridität von Natur und Landschaft auch sinnlich zum Thema wird. Dies bedeutet, die Orte – im Sinne einer reflexiven Umdeutung von Landschaften – neu zu sehen und erleben zu lernen, stereotype Muster zu überdenken und sich die ‚verbotenen‘ Räume (wieder) behutsam anzueignen.

Das „Raumprogramm“ zur regionalen Einbettung des Naturschutzgroßvorhabens besteht aus drei Bausteinen (vgl. Abb. 7a, b):

Abb. 7

Bausteine des „Raumprogramms“ für die „Landschaft der Industriekultur Nord“: a scharniere und Basiscamp sowie b landschaftslabore im Bereich der Kernflächen. (Quelle: Planungsgruppe agl, auf der Grundlage der Entwürfe von scheuvens+wachten und scape)

Die „Scharniere“ fungieren als Schnittstellen zwischen Naturschutzgroßvorhaben und ökonomischer wie siedlungsstruktureller Entwicklung sowie als Ankerpunkte für touristische Initiativen. Hierzu zählen der Zukunftsort Göttelborn, der Garten Reden mit der Tagesanlage Itzenplitz sowie das AlteHüttenAreal (AHA-Gelände) in Neunkirchen.

Die „Landschaftslabore“ im Bereich der Kernflächen setzen thematische und maßnahmenbezogene Schwerpunkte und betonen den experimentellen Charakter der naturschutzorientierten Zielsetzungen in der postindustriellen Landschaft. Die Landschaftslabore bündeln die Kerngebiete in vier Aufgabenbereichen und setzen klare räumliche Schwerpunkte für die Entwicklung im Sinne des Naturschutzes und einer integrierten Regionalentwicklung.

„Reisewege und Entdeckerpfade“ erschließen die Landschaftslabore und verbinden alle wichtigen Orte untereinander. Es entsteht ein kohärentes Netz im Dienste der „Schule der Sinne“.

Das „Raumprogramm“ ist die Basis für eine aktive Begleitung des Landschaftswandels im Zuge der anstehenden Transformationsprozesse. Interkommunale Kooperation und ein breit angelegter Dialog, der sowohl Planungsfachleute als auch Bürgerinnen und Bürger als Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelten einbezieht, sind Voraussetzung dafür, die Kräfte in der Region auf gemeinsame Ziele auszurichten und zu bündeln.

Ein wichtiger Schritt im Rahmen des Projektes ist die Entwicklung eines positiven Regionalbewusstseins. Die industrielle Bedeutung und die vielerorts entstandene reizvolle Industrienatur erfahren bislang nur bedingt Wertschätzung. Im Gegenteil, gerade in einer Bergbaufolgelandschaft steht man hier vor besonderen Problemen, werden doch die Relikte auch vielfach als Denkmale des Scheiterns der die Moderne symbolisierenden Montanindustrie gesehen (Kühne 2006). Die Akzeptanz und Wertschätzung der Bergbaufolgelandschaft hängen zu großen Teilen von den Möglichkeiten für die Bevölkerung ab, aktiv an den Entscheidungsprozessen mitzuwirken, sowie von Optionen zur individuellen und kollektiven Aneignung der Landschaft.

Die Gemeinden im Projektgebiet sowie weitere lokale und regionale Akteure haben zur Umsetzung des Naturschutzgroßvorhabens einen Zweckverband gegründet. Damit sind wesentliche Strukturen für eine effektive Beteiligung bereits geschaffen. Wichtige Elemente sind neben der Verbandsversammlung und dem Verbandsausschuss sowie der Geschäftsstelle auch die „Regionale Partnerschaft“. Die „Regionale Partnerschaft“ ist in der Satzung des Zweckverbandes „Landschaft der Industriekultur Nord – LIK-Nord“ als Organ (Beirat) verankert. Sie versammelt eine Vielzahl an Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft und kann somit die Plattform für den gesellschaftlichen Diskussionsprozess bieten.

Fazit

Das Naturschutzgroßvorhaben in der „Landschaft der Industriekultur Nord“ setzt an dem Gedanken an, einen Prozess der Neupositionierung in der Region zu initiieren. Naturschutz und Landschaftsentwicklung bieten eine Plattform für einen zivilgesellschaftlichen Diskussionsprozess über die „Zeit nach Kohle und Stahl“ – vor dem Hintergrund einer sich rasch verändernden Gesellschaft und einer schrumpfenden Region. Das Naturschutzgroßvorhaben muss dabei große Anstrengungen unternehmen, um die Transformationsprozesse im Rahmen des Strukturwandels dafür zu nutzen, zukunftsfähige und naturschutzorientierte Folgenutzungen mit einer sozial akzeptierten Entwicklung der urbanen Landschaft zu verbinden. Dies bedeutet eine gleichberechtigte Berücksichtigung der physischen und der sozial-konstruktiven Aspekte von Landschaft. Die vielfältigen sozialen Praktiken der Gestaltung und Aneignung von Landschaft rücken so in den Fokus.

Dieser Prozess zielt auch auf eine reflexive Umdeutung der sozialen Bewertung des Vorhandenen ab: Bergbaufolgelandschaften nicht mehr als „Resträume“ oder „Landschaftsschäden“ zu begreifen, sondern als spannende Räume mit viel Dynamik und einem besonderen, bundesweit herausragenden „Wert“ für den Naturschutz. Das Naturschutzgroßvorhaben kann damit dazu beitragen, den Wert dessen, was sich bisher als urbaner Restraum und Stadtlandschaftspatchwork darstellt, neu zu begreifen. Voraussetzung ist ein gemeinsamer Lernprozess, der von den Akteuren des Projektes in die Bevölkerung hineingetragen werden muss und der den angestrebten Imagewandel als Prozess der Selbstreflexion und einer neuen Selbstbeschreibung der Region beflügelt.

Um den Imagewandel voranzutreiben, wird die Planungspraxis um selektiv kontextualisierende Ansätze ergänzt, die die freiwerdenden Bergbaustandorte für aktuelle, postmontane Nutzungsbedürfnisse öffnen und – über neue Bilder und Symbole – Identifikationsorte anbieten. Wie die bisherigen Projektfamilien im Regionalpark Saar und vergleichbare Gestaltungsprozesse in urbanen Landschaften zeigen, eignen sich ästhetisch-partizipative Zugänge in besonderem Maße dazu, Regional- und Landschaftsentwicklung, Bewusstseinsbildung und Imagewandel, Beteiligung und Aneignung miteinander zu koppeln (Hartz/Kühne 2007; Hartz/Kühne 2009).

Wird einem Verständnis von Natur und Landschaft als zwar im Physischen verankert, aber dennoch auf sozialen bzw. individuellen Konstruktionsprozessen beruhend gefolgt, liegt der Schluss nahe, die Umsetzung des Naturschutzgroßvorhabens in weitaus stärkerem Maße als bisher in den Naturschutzpolitiken und der räumlichen Planung üblich an die Vorstellungen und Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger zu koppeln und auch jene Bürgerinnen und Bürger in den Planungsprozess zu integrieren, die sich üblicherweise nicht an Partizipationsprozessen beteiligen. Die Konsequenzen für Planung und Praxis sind weitreichend: Damit wird eine objektive Entdeckung oder Herleitung von Natur und Landschaft ausgeschlossen und eine iterative und kommunikative Annäherung vorausgesetzt (Hartz/Peters 2008: 318). Die „Europäische Landschaftskonvention“ (ELC) betont deshalb inArt. 5d die Notwendigkeit, „Verfahren für die Beteiligung der Öffentlichkeit, der kommunalen und regionalen Behörden und weiterer von der Festlegung und Umsetzung der (…) Landschaftspolitik direkt Betroffener einzuführen“.

Die Orientierung an Diskussion und Konsens erschwert eine konsequente und einheitliche Umsetzung tradierter Ansätze im Naturschutz und in der Landschaftsgestaltung, aber auch im Strukturwandel und der Regionalentwicklung. Dies gilt für die konservierende Naturschutzpraxis, die traditionelle Kulturlandschaftspflege und eine expertenorientierte Landschaftsarchitektur ebenso wie für die „lineare“ Planungslogik im Strukturwandel, deren Ziel die physische Manifestation eines „großen Entwurfs“ ist. Anstelle dieser Planungslogik gilt es aus unserer Sicht, das Zusammenspiel von Naturschutz, Landschafts- und Regionalentwicklung in den Stadtregionen und Agglomerationen zu überdenken, neu zu gewichten und von ihren umfassenden Ansprüchen zu befreien.

In diesem Kontext erscheint es notwendig, die Deutungsoptionen, die Landschaft bietet, aufzuzeigen und mit Hauser und Kamleithner (2006: 162) davon auszugehen, dass sich Kulturlandschaften „nicht als Zustand, sondern nur als Projekt einer Entwicklung lokal situierter Eigenart verstehen“ lassen. Hauser und Kamleithner (2006: 162) ziehen daraus die Schlussfolgerung, „dass Strategien entwickelt werden sollen, die die Nachhaltigkeit nicht von gebauten Strukturen, sondern von Prozessen entwerfen, die gewünschte Eigenarten einer wie auch immer begrenzten Kulturlandschaft unterstützen“. Gemäß dieser Überlegungen geht es nicht darum, einen landschaftlichen Endzustand zu erreichen, vielmehr gilt es, Landschaft prozedural nachhaltig zu entwickeln, indem soziale, ökonomische und ökologische Prinzipien gleichberechtigt einen physischen Niederschlag finden.

Einen fruchtbaren Beitrag zur Konstruktion urbaner, postindustrieller Landschaften könnte eine integrative Landschaftspolitik liefern. Dementsprechend versuchen neue Ansätze, der Komplexität zukünftiger Landschaftsentwicklung nachzuspüren, eine pro-aktive und den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen gerecht werdende Landschaftspolitik auf den Weg zu bringen und in den raumrelevanten Politiken auf unterschiedlichen Planungsebenen zu verankern (Hartz/Peters 2008). Die Europäische Landschaftskonvention fordert in Art. 5 hierzu, „die Landschaft zum Bestandteil ihrer Raum- und Stadtplanungspolitik, ihrer Kultur-, Umwelt-, Landwirtschafts-, Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie anderer Politiken zu machen, die sich unmittelbar oder mittelbar auf die Landschaft auswirken können“. Eine so verstandene Landschaftspolitik geht weit über das bisherige Verständnis und die eingeübte Planungspraxis von Naturschutz und Landschaftsplanung hinaus. Zentrales Ziel muss es sein, in der Auseinandersetzung mit Experten und Bevölkerung unterschiedlichste Perspektiven und Paradigmen im Umgang mit Natur und Landschaft anzuerkennen. In diesem Sinne wäre das Naturschutzgroßvorhaben ein Versuch, eine aktive Landschaftspolitik als Ausgangspunkt und Fokus für den Strukturwandel in der Region zu initiieren.

Abb. 1

Verdichtungsraum Saar, Regionalpark Saar und die Projekträume. (Quelle: Planungsgruppe agl)
Verdichtungsraum Saar, Regionalpark Saar und die Projekträume. (Quelle: Planungsgruppe agl)

Abb. 2

Im Umbau: Altindustriestadt Neunkirchen und ehemaliges Bergwerk Göttelborn. (Fotos: Delf Slotta)
Im Umbau: Altindustriestadt Neunkirchen und ehemaliges Bergwerk Göttelborn. (Fotos: Delf Slotta)

Abb. 3

Dreigliederung des Projektraumes. (Quelle: Planungsgruppe agl, auf der Grundlage der Entwürfe von scheuvens+wachten und scape)
Dreigliederung des Projektraumes. (Quelle: Planungsgruppe agl, auf der Grundlage der Entwürfe von scheuvens+wachten und scape)

Abb. 4

Im Zentrum der Region: das ehemalige Bergwerk Reden. (Foto: Delf Slotta)
Im Zentrum der Region: das ehemalige Bergwerk Reden. (Foto: Delf Slotta)

Abb. 5

Die Entwicklung der Zahl der im Gemeindegebiet sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen pro 1.000 Einwohner in den Projektraumkommunen zwischen 1980 und 2006. (Quelle: Eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Amtes Saarland)
Die Entwicklung der Zahl der im Gemeindegebiet sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen pro 1.000 Einwohner in den Projektraumkommunen zwischen 1980 und 2006. (Quelle: Eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Amtes Saarland)

Abb. 6

Vorgeschlagene Kernflächen und wichtige Vorkommen spezialisierter bzw. gefährdeter Arten. (Quelle: Planungsgruppe agl)
Vorgeschlagene Kernflächen und wichtige Vorkommen spezialisierter bzw. gefährdeter Arten. (Quelle: Planungsgruppe agl)

Abb. 7

Bausteine des „Raumprogramms“ für die „Landschaft der Industriekultur Nord“: a scharniere und Basiscamp sowie b landschaftslabore im Bereich der Kernflächen. (Quelle: Planungsgruppe agl, auf der Grundlage der Entwürfe von scheuvens+wachten und scape)
Bausteine des „Raumprogramms“ für die „Landschaft der Industriekultur Nord“: a scharniere und Basiscamp sowie b landschaftslabore im Bereich der Kernflächen. (Quelle: Planungsgruppe agl, auf der Grundlage der Entwürfe von scheuvens+wachten und scape)

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