1. bookVolume 68 (2010): Issue 4 (August 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Der Kulturkosmos Müritz. Sozialkapital, Placemaking und Local Governance als Entwicklungsfaktoren in ländlich-peripheren Regionen Ostdeutschlands

Published Online: 31 Aug 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 4 (August 2010)
Page range: 337 - 338
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Mittels einer Fallstudie, die im Rahmen einer Diplomarbeit erstellt wurde, wird in diesem Buch untersucht, wie in ländlich-peripheren Räumen nachhaltige und innovative Entwicklungen durch ein Zusammenwirken von Placemaking und Local Governance angeregt werden können. Als Beispiel dient der Kulturkosmos Müritz e. V in Mecklenburg-Vorpommern. Somit widmet sich dieses Werk dem allgegenwärtigen Thema „Governance“, einbezogen wird zudem der im deutschsprachigen Fachdiskurs noch weniger präsente Diskurs um Placemaking. Den englischen Begriffen Placemaking und Place liegt ein erweitertes Begriffsverständnis von Raum zugrunde, das über die topographisch-physikalischen Eigenschaften des materiellen Raumes („space“) hinausgeht. Place ist sozial konstruiert und formiert sich durch Zuordnung von Werten und Bedeutungen.

Dem Forschungsdesign der vorliegenden Arbeit liegen die folgenden Fragen zugrunde:

Wie haben die Akteure des Kulturkosmos Müritz e. V als kreatives innovatives Milieu bzw. als Gruppe von Raumpionieren Raumaufwertungseffekte angeregt?

Wie haben sie dabei Bewohner der Region involviert?

Inwiefern haben sie im Rahmen ihrer Arbeit im Bereich Jugendkulturarbeit und Soziokultur Placemaking initiiert?

Wurde durch das Placemaking zu einer Steigerung des sozialkapitals beigetragen?

Entstehen im Rahmen der Prozesse möglicherweise neue (raumbezogene) Strukturen von Local Governance?

Welche Empfehlungen könnte man für eine erfolgreiche zukünftige Entwicklung der Netzwerkarbeit bzw. der Kooperation mit den Bewohnern geben?

Als roter Faden der Erörterungen dient die zunächst aus der einschlägigen Literatur abgeleitete These, dass es kollektive Prozesse zur Verbesserung der Raumnutzung gibt („Placemaking“), die die Bindungen der beteiligten Akteure untereinander intensivieren (Sozialkapitalbildung) und über diesen Prozess die Entstehung neuer Formen der Selbststeuerung („Local Governance“) begünstigen.

Zunächst werden in den ersten Kapiteln für eine Diplomarbeit pflichtgemäß Einführungen in den Problemhintergrund peripherer Räume und die theoretischen Grundlagen dargelegt – dies geschieht nicht unausführlich. Das Spannende an diesem Buch ist hingegen, wie dann die mit Anglizismen gespickten Theorien um Governance und Placemaking in der Empirie des ländlichen Mecklenburgs zum Leben erweckt und deren praktische Relevanz veranschaulicht werden.

Das Kulturkosmos-Netzwerk stellt sich als komplexes Gebilde dar, so gibt es über die Vereinsmitglieder hinaus viele zum Teil auch autonom agierende Akteure und Akteursgruppen. Der Kulturkosmos hat dabei zahlreiche Kooperationsformen zwischen Projekten entwickelt und ganz unterschiedliche Akteursgruppen zusammengebracht. So wird das Netzwerk als eine Kreuzung aus politischem Netzwerk, Arbeitsnetzwerk, zivilgesellschaftlichem Netzwerk und (lokalem) Aktionsbündnis beschrieben.

Überregional bekannt ist der Verein durch das „Fusion“- Festival, welches eine jährlich stattfindende viertägige Veranstaltung ist, die eine Mischung aus verschiedenen Musikgenres, Experimentalfilm, Kleinkunst, Theater, kreativer (Landschafts-)Gestaltung, Workshops und vielen partizipationsoffenen Situationen bietet. Dabei treibt der Kulturkosmos e. V. auf der für das Festival genutzten Konversionsfläche (ehemaliger Flugplatz) insgesamt auch über das Festival hinaus eine kontinuierliche Entwicklung der Soziokultur mit dem Schwerpunkt Jugendkulturarbeit in der Region voran.

Für den Erfolg der Initiativen des Kulturkosmos ist das Verhältnis der Akteure zu ‚ihrem gemeinsamen Raum‘ in all seinen Wirkungsdimensionen von großer Bedeutung. Es hat sich bezüglich des Festivalgeländes eine Raumvision im Sinne einer „conception of place“ entwickelt, die von den meisten Beteiligten als Leitbild betrachtet wird. Hervorzuheben ist, dass durch den Ansatz des Kulturkosmos, unterschiedlichste Gruppen und Stile zusammenzuführen, auch die „conception of place“ dadurch gekennzeichnet ist, unterschiedliche Vorstellungen des Raumes zu integrieren, wobei Vielfalt und die Möglichkeit der Begegnung als zentrales Element des gemeinsam gestalteten Raumes herausgestellt werden. Das Erleben eines gemeinschaftlich gestalteten Ortes beeinflusst den Wunsch, im Umfeld mitzuwirken. Daneben sind die intensiven sozialen Kontakte sowie das attraktive Image der „Fusion“ eine wichtige Motivationsgrundlage.

Auch für die Entstehung von Governance sieht die Autorin Indizien, da die zum Teil zugezogenen Akteure im Laufe ihrer Ansässigkeit dazu beigetragen haben, in der Müritz-Region eine Kultur des kooperativen Handelns zwischen engagierten Bürgern, Initiativen, Vereinen und regionalen Wirtschaftsunternehmen zu stärken. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass die Akteure des Kulturkosmos zum Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen im lokalen Raum in erheblichem Maße beigetragen haben.

Die Fallstudie zeigt Möglichkeiten auf, mit eigenen Potenzialen etwas zu verändern und ein Klima für Innovationen und konstruktive Gestaltungen – gegen die „Schrumpfung in den Köpfen“ – zu entwickeln. Die Steigerung der Qualität von Place kann durchaus Lebens- und auch Bleibeperspektiven der Menschen in gewissem Maße erhöhen. Die Aktionen des Kulturkosmos gehören nach Einschätzung der Autorin zu den Pionierarbeiten, auf die auch in Zukunft angesichts von weiterhin zu erwartenden Abwanderungsfolgen zurückgegriffen werden könnte. Dabei wird aufgezeigt, dass insbesondere in sich entleerenden ländlichen Räumen jeder und jede Einzelne zählt, der/die sich ‚aufrafft‘ und begeistern kann.

Dabei stuft die Autorin die „Fusion“ als europaweit einmalig ein, da sie als nicht-kommerzielles Festival den Kulturkosmos Müritz e. V. als kreatives Milieu in seinem Bestehen sichern kann und darüber hinaus noch finanzielle Überschüsse für jugendkulturelle Projekte und ein internationales Theater-Festival bietet. Der Erfolg lässt sich auch daran ablesen, dass bereits Monate vor Beginn des Festivals 2010 im Wesentlichen ohne Werbemaßnahmen alle 50.000 Tickets verkauft waren. Diese Einmaligkeit wiederum deutet auf das Problem der Übertragbarkeit auf andere Regionen hin: Ein derartiges Erfolgsprojekt allein ist eben nicht als Beleg für die Erfolgsaussichten von solchen Placemaking-Prozessen in der Breite geeignet, da hierzu auch alltäglichere Regionen nach einem ähnlichen Muster zu betrachten wären.

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