1. bookVolume 68 (2010): Issue 4 (August 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Gelungen – Misslungen? Die Geschichte der Raumplanung Schweiz

Published Online: 31 Aug 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 4 (August 2010)
Page range: 331 - 333
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
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German, English

Die deutschsprachige Literatur zur Geschichte der Raumplanung hat eine deutliche Ausweitung ihrer zeitlichen, thematischen und geographischen Schwerpunkte erfahren. Speziell in den 1980er und 1990er Jahren stand zunächst die Verstrickung der Planer und Wissenschaftler in die nationalsozialistische Siedlungs-, Bevölkerungs- und Rassenpolitik – besonders die geplante Neuordnung der besetzten Ostgebiete (Generalplan Ost) – im Zentrum des Forschungsinteresses (u. a. Gröning/Wolschke-Bulmahn 1987; Rössler/ Schleiermacher 1993; Wasser 1993; Mai 2002; Mäding/Strubelt 2009). Die Genese der Raumordnung in den 1920er Jahren sowie ihre Institutionalisierung seit den 1960er Jahren bildeten hingegen ein Forschungsdesiderat, das überwiegend in regionalgeschichtlichen Arbeiten aufgegriffen wurde (etwa Hoebink 1990; Waldhoff/Fürst/Böcker 1994). Seit einigen Jahren gewinnt auch die Entwicklung der Raumordnung in der Nachkriegszeit allgemein größere Aufmerksamkeit (z. B. Ante 1991; Behrens 1997; Bernhardt/Fehl/Kuhn et al. 2005; Gnest 2008).

Während die Geschichte der Raumordnung in Deutschland als relativ gut erforscht bezeichnet werden kann, kann Ähnliches für das Nachbarland Schweiz nicht behauptet werden. Erst in den letzten Jahren verstärkten sich hier die Bemühungen, diese Forschungslücke zu schließen (v. a. Degen 1999; Lendi 2006; Nahrath 2003). Der Band „Gelungen – Misslungen? Die Geschichte der Raumplanung Schweiz“ von Martina Koll-Schretzenmayr bietet einen ersten Aufriss und Materialband zum Thema, der sich im Wesentlichen auf die 1960er und 1970er Jahre konzentriert. Die Studie erhebt aufgrund dieses zeitlichen Fokus und der reduzierten Literatur- und Quellenbasis bewusst nicht den Anspruch, eine umfassende Geschichte der eidgenössischen Raumplanung zu zeichnen, wie sie etwa Leendertz 2008 für Deutschland vorlegte.

Ausgangspunkt der Publikation waren Interviews mit insgesamt 34 Planungspionieren, welche die Autorin in den Jahren 2006 und 2007 anfertigte, um das Planungsarchiv der ETH Zürich mit „O-Tönen“ anzureichern. Diese Zeitzeugengespräche sind im Buch in kondensierter Form wiedergegeben – 13 Einzelinterviews in ausführlichen Zusammenfassungen sowie zwei Hearings mit einer Synthese der Kernaussagen. Der Band ist zudem reichlich mit zeitgenössischem Bild- und Quellenmaterial ausgestattet, darunter zahlreiche Karikaturen, Plakate zu Volksabstimmungen über Bodenspekulation, Raumplanung und Naturschutz sowie die zentralen gesetzlichen Regelungen zur Raumplanung Schweiz im Wortlaut. Der dokumentarische Teil bildet den zweiten – und umfangreicheren – Abschnitt dieser Veröffentlichung. Ihm vorangestellt ist ein rund 80seitiger Essay „Der lange Weg zum Bundesgesetz über die Raumplanung“, in dem Martina Koll-Schretzenmayr unter Mitarbeit von Martin Meier eine informative Übersicht über die Geschichte der eidgenössischen Raumplanung in den 1960er und 1970er Jahren präsentiert.

Vor dem Hintergrund der allgemeinen historischen Entwicklung der Nachkriegszeit beleuchtet der Forschungsbericht die Institutionalisierung der Landes- bzw. Raumplanung Schweiz in einer Schlüsselphase, in der das Thema allgemein im politischen und öffentlichen Diskurs sowie als verfassungsrechtliche Aufgabe auf der nationalen Ebene etabliert wurde. Nach einer knappen Einleitung zur raumrelevanten Planung vor 1945 werden die Gründe für den Durchbruch der Landesplanung in den 1960er Jahren eingehend diskutiert. Diese Phase der ‚heimlichen‘ Institutionalisierung wird auf ein Bündel von Problemen und Anreizen zurückgeführt, wobei als wesentliche Momente Zersiedelung, Wohnungsnot und Bodenteuerung, der Gewässer-, Gefahren- und Naturschutz sowie das kulturpolitisch-ideologische Klima (Kalter Krieg, Interesse der Gesamtverteidigung an einer geordneten räumlichen Entwicklung des Landes, Furcht vor Landenteignung) herausgearbeitet werden. Breiter Raum wird in der Darstellung der Spannung zwischen der offiziellen Planung der Kantone, den Vorstellungen der nationalen Planungskommissionen und Delegierten sowie den privaten Initiativen der Baugenossenschaften und -gesellschaften eingeräumt und auf diese Weise das Scheitern übergeordneter Leitbilder an der „normativen Kraft des Faktischen“ sowie an den Bedürfnissen und Wünschen der betroffenen Bürger illustriert. Weiter wird die Brisanz und Bedeutung der Eigentumsfrage bei der Etablierung der Landes- bzw. Raumplanung in der Schweiz deutlich – letztere konnte erst verfassungsrechtlich festgeschrieben werden, nachdem mit Art. 22ter bzw. Art. 22quater der Bundesverfassung (Eigentumsgarantie) der Fortbestand der bestehenden Gesellschaftsordnung gesichert war. Die endgültige Etablierung der Raumplanung vom „dringlichen Bundesbeschluss“ vom 17. März 1972 bis zum Bundesgesetz über die Raumplanung vom 22. Juni 1979 wird dann wesentlich kürzer abgehandelt und insbesondere Erfolge und Misserfolge der Raumplanung aus der Sicht der Interviewpartner aufgeführt. Schließlich werden (S. 89 ff.) drei Thesen und Themen für die weitere Forschung präsentiert:

Aufstieg und Fall des Glaubens an die Planbarkeit bestimmten die Geschichte der Raumplanung Schweiz – eine Schlussfolgerung, die angesichts des Forschungsstandes kaum strittig sein dürfte (vgl. Leendertz 2008).

Unterschiedliche politische Wurzeln von Raumplanung und Stadtplanung.

Die Raumplanung erreichte nie den Status einer Volksbewegung wie etwas später der Umweltschutz.

Essay wie Interviewteil der Publikation bieten einen informativen Einblick in die Dynamiken und Hemmnisse der Landes- und Raumplanung Schweiz in den 1960er und 1970er Jahren, der allerdings – der Materialgrundlage entsprechend – stark von der Perspektive der Zeitzeugen geprägt ist. Zwischen den beiden Abschnitten des Buches tritt dabei eine Reihe von Überschneidungen und Wiederholungen auf. So wird etwa im planungsgeschichtlichen Teil immer wieder ausführlich aus den später abgedruckten Interviews zitiert und die Bewertung der Gesprächpartner wiedergegeben, zentrale Quellen wie Art. 22quater der Bundesverfassung werden in dem Band mehrfach im Wortlaut aufgeführt. Die repetitive Gestaltung der Interviews, die letztlich alle demselben Frageschema folgen, lässt die bloße lineare Lektüre des Dokumentarteils ferner bisweilen etwas ermüdend ausfallen.

Die Publikation wird der Absicht, interessierte Forscher auf das Material aufmerksam zu machen, eine erste Analyse und Interpretation vorzunehmen sowie allgemein Materialien bereitzustellen, „aus denen für die Raumplanung Schweiz Lehren gezogen werden können“ (S. 13), im vollen Umfang gerecht. Dennoch ist es zu bedauern, dass zugunsten einer raschen Veröffentlichung weitgehend darauf verzichtet wurde, die Ergebnisse – etwa durch eine transnational vergleichende Perspektive – in die breitere Forschungsdebatte einzuordnen. Dies dürfte auch der aufklärerischen zweiten Zielsetzung des Bandes geschuldet sein. Indem wesentliche Akteure um eine Bewertung der eidgenössischen Planungsgeschichte sowie ihrer aktuellen Herausforderungen gebeten werden, möchte das Buch auch einen Beitrag zur gegenwärtigen schweizerischen Debatte um raumrelevante Themen leisten (Aufhebung des Lex Koller, das den Grundstückserwerb durch Personen aus dem Ausland erschwert (im März 2008 vom Nationalrat zurückgewiesen); Volksbegehren gegen Verbandsbeschwerderecht in Umwelt- und Raumplanungsangelegenheiten nach demokratisch gefällten Entscheidungen (im November 2008 gescheitert); Teilrevision des Raumplanungsgesetzes als indirekter Gegenentwurf zur Landschaftsschutzinitiative gegen eine weitere Zersiedelung (im Januar 2010 vom Bundesrat verabschiedet)). Der Grundtenor der Statements rückt dabei insbesondere die Qualitäten des bestehenden Raumplanungsgesetzes sowie die Notwendigkeit einer nicht nur reaktiven, sondern aktiv gestaltenden Raumplanung in den Vordergrund. Der Band „Gelungen – Misslungen?“ bietet somit eine gut lesbare Einführung in eine Schlüsselperiode der Raumplanung Schweiz, die interessierte Bürger und aktive Raumplaner ebenso ansprechen dürfte wie Planungshistoriker, denen mit dem Interviewteil zudem aufschlussreiche Materialien für die eigene Forschung zur Verfügung gestellt werden.

Ante, U. (1991): Zur geschichtlichen Entwicklung der Raumordnung, Landes- und Regionalplanung in der Bundesrepublik Deutschland. Hannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 182.AnteU.1991Zur geschichtlichen Entwicklung der Raumordnung, Landes- und Regionalplanung in der Bundesrepublik DeutschlandHannover. = Forschungs- und Sitzungsberichte der ARL, Bd. 182Search in Google Scholar

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