1. bookVolume 68 (2010): Issue 3 (June 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Ageing in a Large Housing Estate: The Impact of Network Support

Published Online: 30 Jun 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 3 (June 2010)
Page range: 207 - 217
Received: 27 Aug 2009
Accepted: 12 Feb 2010
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Abstract

The article investigates the activities of a network in Berlin that aims to enable elderly people to live independently in their own homes as long as possible. The investigation covered problems and potentials of a large housing estate as a place to grow old as well as the effects of networking in a neighbourhood. Qualitative and quantitative methods were used, including spatial analyses, participant observation, structured interviews, group discussions and a questionnaire. The results show that elderly residents value the estate as a good place to live. The network definitely has a positive impact in terms of providing support in the residential setting and identifying structural deficits. Involving informal multipliers from the neighbourhood in the network’s operation represents a notable and hitherto insufficiently utilized potential.

Keywords

Einleitung

Die Anforderungen an das Wohnen ändern sich mit zunehmender Alterung und kultureller Verschiedenheit der Bevölkerung. Mit abnehmenden Einwohnerzahlen verändert sich der Wohnungsmarkt vielerorts in einen Nachfragemarkt, der die Wohnungswirtschaft unter Anpassungsdruck setzt. Vor diesem Hintergrund befinden sich Großwohnsiedlungen gegenwärtig in einem tief greifenden Veränderungsprozess, der nicht zuletzt durch die öffentliche Wahrnehmung vieler Siedlungen als soziale Brennpunkte beeinflusst wird. Erhebungen, wie sie im Rahmen des Berliner Sozialstrukturatlasses von 2008 durchgeführt wurden, zeigen überwiegend negative Sozialdaten und Sozialprognosen für (Berliner) Großwohnsiedlungen (Meinlschmidt 2008: 342 ff.) und stützen damit die These, dass diese Siedlungen besonders von Ausgrenzungs- und Armutsphänomenen betroffen sind. Diese Einschätzung wird unter anderem von Häußermann/Kronauer/Siebel (2004: 32) vertreten, die die Gefahr einer Ghettobildung im 21. Jahrhundert, verursacht durch die Konzentration von Sozialwohnungen in den Neubausiedlungen am Rand der Großstädte, prognostizieren. Dieses negative (westdeutsche) Szenario wird durch den Blick auf ostdeutsche Großwohnsiedlungen, Bernt und Kabisch zufolge, relativiert. Untersuchungen in Plattenbausiedlungen zeigen eine widersprüchliche Entwicklung, die sowohl von Wegzug und Segregation als auch von gewachsener Stabilität geprägt ist (Bernt/Kabisch 2006: 7). Die Autoren verweisen auf eine erhebliche Binnensegregation innerhalb der Wohngebiete. Auch Geiling diskutiert diesen Aspekt und führt in seiner Studie zu einer Großwohnsiedlung in Hannover die Segregation unter anderem auf siedlungsinterne, hierarchische Beziehungen zurück. Diese hierarchischen Beziehungen werden vor allem in Generationskonflikten deutlich, die nicht nur Konflikte zwischen Jung und Alt, sondern auch zwischen alteingesessenen und neu zugezogenen Bewohnern sind (Geiling 2007: 104 ff.). Dieser Aspekt muss bei der Analyse der Situation älterer Bewohner in einer Großwohnsiedlung berücksichtigt werden.

Vor allem alte Menschen mit geringem Einkommen benötigen bei der Bewältigung ihres selbstständigen Wohnalltages Unterstützung. Ihr Aktionsradius konzentriert sich nach der Erwerbsphase und mit abnehmender Gesundheit und Mobilität weitgehend auf das Stadtviertel (Friedrich 2001: 155 ff.; Marbach 2005: 515 ff.). Daher beziehen sich nachhaltige Strategien zur Unterstützung zunehmend auf das Stadtviertel bzw. das Quartier als Interventionsebene. Die Begriffe „Stadtviertel“, „Stadtteil“ und „Quartier“ werden in der Fachliteratur im Allgemeinen synonym verwendet, um unter Bezug auf den UrbanAreas-Begriff der Chicago School aus den 1920er Jahren „Zonen, die ein jeweils signifikantes Struktur- und Nutzungsprofil aufweisen“ (Riege/Schubert 2005: 11) zu beschreiben. Entsprechend wird in der aktuellen Sozialraumforschung der Begriff „Sozialraum“ verwendet, der über die räumlich eingegrenzte Sozialstruktur hinaus den „ortsbezogene(n), räumlich zugeordnete(n) Kontext von Verhaltensweisen und Nutzungsroutinen“ (Riege/Schubert 2005: 8) meint. Trotz ihrer Größe verfügen Großwohnsiedlungen durch ihre bauliche und soziale Homogenität häufig über die typischen Merkmale eines abgegrenzten Sozialraumes und können daher als eine räumlich-soziale Einheit behandelt werden.

Vor diesem Hintergrund untersuchte das Institut für Gerontologische Forschung e.V. Berlin in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsvorhaben die Wirkungen eines ehrenamtlich arbeitenden Akteursnetzwerkes zur Förderung des Wohnens im Alter in der Berliner Großwohnsiedlung „Märkisches Viertel“.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Programm „Gesundheitsforschung: Forschung für den Menschen“, Kennzeichen 01EL0710, gefördert (Laufzeit: 2007–2010).

Der vorliegende Beitrag stellt die Ergebnisse der Studie vor und diskutiert Netzwerkbildung als mögliche sozialräumliche Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen für alte Menschen.

Das Märkische Viertel
Siedlungsstruktur und Bebauung

Das Märkische Viertel gehört zu Reinickendorf, einem der zwölf Bezirke von Berlin, und liegt am nördlichen Stadtrand. Dieser jüngste der zehn Reinickendorfer Ortsteile

Berlin besteht aus zwölf Bezirken. Die Randbezirke sind zum Teil in Ortsteile untergliedert, um die im Laufe des 20. Jahrhunderts eingemeindeten Landgemeinden und Gutsbezirke für die Bevölkerung transparent zu halten. In den Innenstadtbezirken gibt es keine Untergliederung in Ortsteile (vgl. www.statistik-berlin.de/framesets/berl.htm).

besteht im Wesentlichen aus einer Großwohnsiedlung, die zwischen 1960 und 1974 für etwa 40.000 Menschen als Westberliner Projekt des sozialen Wohnungsbaus errichtet wurde. Bis heute befindet sich der überwiegende Teil der Mietwohnungen im Besitz einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft. Die meisten Wohnungen sind mittlerweile aus der Förderung entlassen und einige stehen inzwischen auf dem privaten Markt zum Verkauf.

Im Lageplan (vgl. Abb. 1) wird die offene Bebauungsstruktur des Quartiers deutlich, die unmittelbar an die Reste der ursprünglichen Bebauung mit Einfamilienhäusern und Kleingärten angrenzt. Gewerbeflächen und öffentliche Einrichtungen konzentrieren sich im multifunktionalen und weitgehend barrierefreien „Märkischen Zentrum“. Hier befinden sich eine große Einkaufspassage, Ärztehäuser, Kirchen sowie verschiedene Sport- und Freizeitstätten. Mehrere Buslinien verbinden die Randbereiche der Siedlung mit dem Zentrum und dem U- und S-Bahnhof Wittenau am westlichen Rand des Märkischen Viertels. Das Erscheinungsbild der Siedlung beherrschen 8–15-geschossige Wohnhäuser in durchgrünter Bauweise (vgl. Abb. 2).

Abb. 1

Lageplan Märkisches Viertel. (Quelle: Bezirksamt Reinickendorf sowie eigene Darstellung)

Abb. 2

Wohnbebauung Märkisches Viertel

Seit seiner Entstehung wurden im Märkischen Viertel verschiedene umfangreiche Sanierungsmaßnahmen zur Aufwertung des Gebietes durchgeführt, beispielsweise eine flächendeckende Wohnumfeldverbesserung in den 1980er Jahren oder die gegenwärtige, nahezu komplette energetische Sanierung des Mietwohnungsbestandes. Außerdem nimmt das Märkische Viertel seit 2008 am Programm „Stadtumbau West“ teil, in dessen Rahmen vor allem die Stärkung des Zentrums und ein Ausbau der Bildungslandschaft geplant sind.

Sozialstruktur

Nach den aktuellen Erhebungen des Berliner Sozialstrukturatlasses gehört das Märkische Viertel zu den Berliner Gebieten mit dem höchsten Anteil an Empfangern von Hilfe zum Lebensunterhalt (HZL) (Meinlschmidt 2008: 183). die Daten wurden auf der räumlichen Basis von „Lebensweltlich orientierten räumen“ (LOR) erhoben.

der Sozialstrukturatlas Berlin erfasst die Sozialdaten bezogen auf die statistischen Einheiten „Bezirke“, „Verkehrszellen“ und „Lebensweltlich orientierte räume“ (LOR), die eine jeweils feinere räumliche Struktur abbilden. Berlin besteht aus 12 Bezirken bzw. 338 Verkehrszellen bzw. 447 Lebensweltlich orientierten räumen (vgl. Meinlschmidt 2008: 265). in der Beschreibung des kleinsten Berliner Planungsraums (Lebensweltlich orientierte räume) werden unter anderem eine homogene Binnenstruktur sowie strukturelle und räumliche Barrieren berücksichtigt (vgl. Meinlschmidt 2008: 510 ff.).

das Märkische Viertel besteht aus sechs LOR-Einheiten, die einen sehr differenzierten Blick auf das Gebiet erlauben. In dem sozialen Ranking, das auf Indikatoren wie Arbeitslosigkeit und Hilfen zum Lebensunterhalt basiert, bildet sich deutlich die Problematik der Großwohnsiedlung ab. Während die Einfamilienhausgebiete am Rande des Märkischen Viertels Rang 79 (von 447 Planungsräumen) erreichen, liegen die drei unmittelbar angrenzenden LOR-Einheiten der Großwohnsiedlung auf rang 318, 326 und 390. dieses Ergebnis verweist auf eine „Verräumlichung von sozialer Ungleichheit“ (Dangschat/Hamedinger 2007: 2) auf sehr kleinräumlicher ebene. Zugleich deuten die Unterschiede innerhalb der Großwohnsiedlung auf die eingangs erwähnte Binnensegregation und soziale Ungleichheit in der Siedlung hin.

Ein großer Teil der Bevölkerung im Märkischen Viertel besteht aus alteingesessenen Bewohnern, die in und mit der Siedlung gealtert sind und sich stark mit dem Quartier identifizieren. Der Anteil der Bewohner, die 65 Jahre und älter sind, liegt mit etwa 21 % über dem Berliner Durchschnitt. Durch den hohen Anteil an gefördertem Wohnraum und die Belegungsrichtlinien für Sozialwohnungen ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen der Altmieter relativ niedrig. In den letzten Jahren sind vermehrt Familien mit Migrationshintergrund in das Märkische Viertel gezogen. Zurzeit beträgt der Anteil an Migranten ungefähr 30 % der Bevölkerung. Diese Zahl variiert stark je nach Altersgruppen: Während über 50 % der Kinder und Jugendlichen aus Migrantenfamilien stammen, besitzen nur etwa 10 % der älteren Menschen einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe unter ihnen bilden Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Polen, gefolgt von Migranten aus der Türkei.

Alle Angaben vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Stand 31.12.2007.

Der Anteil der älteren Menschen mit Migrationshintergrund im Quartier ist gegenwärtig noch gering. Es ist aber damit zu rechnen, dass er künftig erheblich ansteigen wird – ein Umstand, auf den sich sowohl Wohnungsbaugesellschaften als auch soziale Träger oder Gewerbetreibende einstellen müssen.

Das Forschungsprojekt
Der Forschungsgegenstand: Netzwerk Märkisches Viertel

Lokale Vernetzung und die Kooperation von Akteuren sind Strategien, die als wirkungsvolle Ansätze in sozial belasteten Quartieren zunehmend Beachtung finden.

Vgl. z. B. das Tenderloin-Projekt in San Francisco (Hurrelmann 2006: 183).

Im Märkischen Viertel arbeitet ein ehrenamtliches Akteursnetzwerk daran, alte Menschen vor Ort in ihrer Alltagsbewältigung zu unterstützen. Dieses Netzwerk wurde im Rahmen der Präventionsforschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung exemplarisch als Forschungsgegenstand ausgewählt, um die Potenziale von lokaler Vernetzung für die Gesundheitsförderung älterer, sozial benachteiligter Menschen zu untersuchen. Eine wirkungsvolle Gesundheitsförderung besteht im Verständnis des Forschungsvorhabens nicht nur in einer befriedigenden medizinischen Versorgung, sondern in gesundheitsfördernden Wohn- und Lebensbedingungen im weitesten Sinne. Ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben im Alter zählt zu den wesentlichen Indikatoren einer erfolgreichen Gesundheitsförderung alter Menschen.

Das Netzwerk Märkisches Viertel wurde im Jahr 2003 auf Initiative von Mitarbeiterinnen der Reinickendorfer „Koordinierungsstelle Rund ums Alter“ und der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft gegründet. Inzwischen beteiligen sich Partner aus verschiedenen gewerblichen und sozialen Branchen am Netzwerk: Pflegedienste, eine Apotheke, Seniorenheime, eine geriatrische Klinik, Ärzte, Handwerksbetriebe, eine Schule, Beratungsstellen und Kirchen. Die kommunalpolitischen Interessen werden durch das Bezirksamt Reinickendorf und die Seniorenvertretung gewahrt.

Eine vollständige Liste der Netzwerkpartner findet sich unter www.netzwerkmv.de.

Eine engmaschige Vernetzung soll dazu dienen, Defizite in der Beratung, Unterstützung und Gesundheitsversorgung älterer Menschen zu überwinden und soziale Problemlagen frühzeitig erkennen und bewältigen zu können. Das Netzwerk Märkisches Viertel widmet sich mit seinem Motto „Hier will ich bleiben“ ausdrücklich der Anpassung der Versorgungsstruktur an die Bedürfnisse der alternden Bevölkerung, damit diese so lange wie möglich selbstständig in der eigenen Wohnung leben kann – und so zur langfristigen Stabilisierung des Wohngebietes beiträgt.

Forschungsfragen und Methoden

Im Fokus der Untersuchung stehen die Fragen,

ob ein solches Netzwerk das Leben älterer Menschen im Untersuchungsraum erleichtert,

ob dem Netzwerk gesundheitsförderliche Effekte nachgewiesen werden können,

ob bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders von dem Netzwerk profitieren,

ob das Netzwerk als Modell auf andere Gebiete übertragbar ist.

Dabei war es im Rahmen des Forschungsvorhabens nötig zu klären, wie die Wohnbedingungen und Angebotsstrukturen für alte Menschen im Märkischen Viertel beschaffen sind, welche Defizite bestehen und welche Bedürfnisse und Ressourcen innerhalb dieser vielfältigen Zielgruppe „alte Menschen“ herrschen. Angesichts der Bewohnerstruktur im Märkischen Viertel und dem Wissen, dass schlechte Ressourcen und Krankheit sich gegenseitig verstärken, lag ein besonderer Fokus der Untersuchung auf der Lebenslage und den Bedürfnissen sozial benachteiligter älterer Menschen, das heißt in diesem Fall: älterer Menschen mit geringem Einkommen und älterer Menschen mit Migrationshintergrund.

Der Begriff „soziale Benachteiligung“ wurde in Sinne der Definition der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verwendet (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2007).

Das Projekt besteht aus drei zeitlich und inhaltlich abgegrenzten Untersuchungsphasen, in denen folgender Methodenmix eingesetzt wurde:

(2007–2008; abgeschlossen): Fokus Netzwerk – Entstehung und Entwicklung

Dokumentenanalysen

Teilnehmende Beobachtungen

Interviews mit 20 Netzwerkmitgliedern

(2008–2009; im Abschluss): Fokus Außenwirkung Bevölkerung 60+ und Sozialraum

Sozialraumanalyse

Fokusgruppen mit sozial benachteiligten alten Menschen

Repräsentativbefragung

(2009–2010; laufend): Fokus Evaluation und Weiterentwicklung Netzwerk

Diskussion der Ergebnisse im Netzwerk

Entwicklung eines Partizipationskonzeptes

Gemeinsame Abschlussveranstaltung im Netzwerk

Im Mittelpunkt der ersten Forschungsphase stand die Untersuchung des Netzwerks im Hinblick auf Indikatoren, die für die Evaluation von Netzwerken relevant sind, wie Kommunikation, Offenheit, Kooperationsstrukturen und Organisation, Zielsetzung und Planung (Spieckermann 2005: 188 ff.). Dazu wurden sämtliche verfügbaren Netzwerkdokumente (Satzungen, Protokolle, Presseinformationen etc.) ausgewertet und tabellarisch dokumentiert. Durch die teilnehmende Beobachtung der Netzwerkgremien wurden die interne Kommunikation des Netzwerkes erfasst, formelle und informelle Hierarchien analysiert und die Arbeitsweise der einzelnen Netzwerkorgane dokumentiert. Die Motive, Erwartungen und Erfahrungen von rund 20 Netzwerkmitgliedern wurden in leitfadengestützten Interviews erhoben. Die Interviews wurden themenzentriert ausgewertet.

Ziel der zweiten Forschungsphase war es, Informationen über die Außenwirkungen des Netzwerkes auf den Sozialraum und die Zielgruppe zu gewinnen. Zunächst wurde eine Sozialraumanalyse des Märkischen Viertels durchgeführt. Durch Begehungen und durch die Auswertung von unterschiedlichen Informationsmaterialien (z. B. Datenbanken, Zeitungen, Broschüren, Internet) wurden die sozialräumliche Angebots- und räumliche Infrastruktur sowie die Zusammensetzung und Verteilung der Bewohnerschaft im Gebiet erfasst. Damit konnten die Aussagen der Netzwerkpartner zu Versorgungslücken sowie zu Aktivitäten und Bedürfnissen der alten Menschen eingeordnet werden.

Um Erkenntnisse über die Lebenslagen von sozial benachteiligten älteren Menschen zu erlangen, wurden Fokusgruppen

„Fokusgruppen“ oder focus groups sind eine Form der Gruppendiskussion, die bewusst die Interaktion der Gruppen zur Produktion von Daten und Einsichten nutzt (Flick 2005: 180).

durchgeführt. Die Methode war ausgewählt worden, weil bekannt ist, dass sozial benachteiligte Menschen und (alte) Menschen mit Migrationshintergrund mit konventionellen Erhebungsinstrumenten, wie repräsentativen Fragebogenerhebungen, schwer zu erreichen sind. In den Gruppendiskussionen wurden unter anderem die individuellen Aktionsräume beschrieben und Szenarien zum Wohnen im Märkischen Viertel entwickelt. Es wurden drei Veranstaltungen mit folgenden Vertretern der Zielgruppe durchgeführt:

Altersgruppe 60+, deutsche Herkunft, geringes Einkommen (14 Teilnehmer)

Altersgruppe 60+, deutsche Herkunft, zugewandert aus ehemaligen GUS-Staaten (10 Teilnehmer)

Altersgruppe 60+, türkische Herkunft (15 Teilnehmer)

Die Fokusgruppen ergänzten eine Repräsentativbefragung unter 1.000 älteren Bewohnern (auswertbarer Rücklauf etwa 25 %). Die Versendung der teilstandardisierten Fragebögen erfolgte anhand einer zufällig gezogenen Stichprobe aus dem Einwohnermelderegister des Landes Berlin unter den mit erstem Wohnsitz im Ortsteil Märkisches Viertel gemeldeten Personen aus der Altersgruppe 60+. Neben der Erhebung von sozialstatistischen Daten wurden Angaben zur Nutzung der sozialräumlichen Angebote im Märkischen Viertel und zur Bewertung der eigenen Wohnsituation erbeten. Darüber hinaus erhielten die Befragten die Möglichkeit, in offenen Antworten die Eignung des Märkischen Viertels als „Wohnort im Alter“ zu beurteilen.

Basierend auf den Ergebnissen der beiden Forschungsphasen werden im dritten Teil des Forschungsprojekts gegenwärtig Methoden für die qualitative Weiterentwicklung und laufende Evaluation des Netzwerkes sowie für die Beteiligung der Zielgruppe an der Netzwerkarbeit entwickelt und erprobt.

Ergebnisse der Forschungsphase 1: Fokus Netzwerk – Entstehung und Entwicklung
Organisation und Handlungsfelder des Netzwerkes

Dem Netzwerk gehören etwa 25 Partner als Vertreter unterschiedlicher Branchen aus dem Märkischen Viertel an. Die Partner haben sich mit der Unterzeichnung der Satzung zur aktiven Teilnahme am Netzwerk, zur Entrichtung eines jährlichen Mitgliedsbeitrages und auf die Netzwerkziele verpflichtet. Seit Juni 2008 läuft ein Verfahren zur Neuorganisation des Netzwerkes als gemeinnütziger Verein, um unter Beibehaltung von Philosophie, Organisationsstruktur und Zielen in einer rechtlich verbindlichen Form zusammenzuarbeiten.

Die Aktivitäten des Netzwerkes werden vom Netzwerkvorstand koordiniert und von der Servicestelle organisiert. Diese dient als Kontakt- und Anlaufstelle sowohl für Netzwerkpartner als auch für die Bevölkerung des Märkischen Viertels. Sie hat die Aufgabe, für die Angebote des Netzwerkes zu werben, Anfragen und Hilfegesuche von älteren Menschen aus dem Quartier an die zuständigen Netzwerkpartner weiterzuleiten und die Gremiensitzungen des Netzwerkes vorzubereiten.

Dem Netzwerk können natürliche und juristische Personen beitreten. In ihrer Bewerbung um eine Mitgliedschaft müssen die Anwärter den Anlass für ihren Antrag und die Ressourcen, die sie dem Netzwerk zur Verfügung stellen können, der Mitgliederversammlung darlegen. Bedingung für eine Mitgliedschaft ist die Ansässigkeit des Bewerbers im Märkischen Viertel. Auf diese Weise soll der gemeinsame sozialräumliche Bezug der Mitglieder gewährleistet sein.

Mit dem Beitritt zum Netzwerk wird von den Mitgliedern die Mitarbeit in einer Arbeits- oder Projektgruppe erwartet. In diesen Gremien, die im Allgemeinen befristet eingesetzt werden, erfolgt die eigentliche Netzwerkarbeit. Die Arbeitsgruppe „Wohnen“ setzte sich beispielsweise über mehrere Jahre mit Themen wie „Altersgerechte Wohnungsanpassung“ und „Wohnformen im Alter“ auseinander und richtete in Kooperation mit der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft eine barrierearme Musterwohnung als Anschauungsobjekt ein. In der Arbeitsgruppe „Fallkonferenz“ suchen Netzwerkpartner aus den Bereichen Pflege, medizinische Versorgung, Verwaltung und soziale Beratung gemeinsam Lösungswege für alte Menschen in konkreten Notlagen. Die Arbeitsgruppe „Qualifizierung“ gestaltet für die Netzwerkpartner ein umfangreiches, unentgeltliches Fortbildungsangebot zu medizinischen und psychosozialen Themen. Darüber hinaus organisieren Projektgruppen die Öffentlichkeitsarbeit, z. B. über Feste, Netzwerk-Rundbriefe oder die Teilnahme an Veranstaltungen.

Die Mitglieder des Netzwerkes sind angehalten, in ihren unterschiedlichen professionellen Tätigkeitsbereichen lokale Versorgungslücken zu identifizieren und auf dieser Basis neue Angebote zu entwickeln. Die durch die Beratungsstellen konstatierte Isolierung mancher älterer Menschen im Märkischen Viertel führte z. B. zur Gründung eines ehrenamtlichen Besuchsdienstes. Öffentliche Informationsveranstaltungen zu Themen der Gesundheitsvorsorge oder zu rechtlichen Fragen im Alter sowie kostenlose, ehrenamtlich geleitete Computerkurse für Senioren reagieren auf entsprechenden Beratungs- und Weiterbildungsbedarf. Jährlich stattfindende Netzwerkfeste bieten den Bewohnern die Möglichkeit, sich über aktuelle Gesundheitsthemen und Angebote informieren zu können.

2007 führte das Netzwerk außerdem Workshops durch, in denen mit den alten Menschen des Märkischen Viertels über ihre Sorgen und Bedürfnisse diskutiert wurde. Das mit Mitteln aus dem Programm „Lokales soziales Kapital – LSK“ geförderte Projekt stellte einen ersten Beitrag zur Partizipation und zielgruppenorientierten Weiterentwicklung des Netzwerkes dar und trug dazu bei, das Wissen der Netzwerkpartner über die Bedarfe der Zielgruppe zu verbessern.

Netzwerkpartner: Motive und Engagement

Die Partner im Netzwerk kommen aus Praxisfeldern mit sehr unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Entsprechend heterogen sind die Motive zur Mitarbeit und das Engagement der Mitglieder. Die zeitlichen und finanziellen Kapazitäten, die investiert werden (können), hängen von der Firmengröße und der Wertigkeit ab, die dem Netzwerk beigemessen wird. Während sich manche Netzwerkpartner, vor allem selbstständige Unternehmer mit kleinen Betrieben, außerhalb ihrer Arbeitszeit im Netzwerk engagieren, werden in Institutionen oder bei sozialen Trägern Arbeitskräfte für die Netzwerkarbeit freigestellt.

Eine wichtige Partnerin im Netzwerk ist die größte Wohnungsbaugesellschaft im Quartier, die im Märkischen Viertel über einen Bestand von rund 15.000 Wohnungen verfügt. sie zählt nicht nur zu den Gründungsmitgliedern des Netzwerkes, sondern engagiert sich auch überdurchschnittlich stark. Im Rahmen der Mieterinformation werden regelmäßig Netzwerkaktivitäten vorgestellt und dem Netzwerk unentgeltlich Räume für seine Treffen überlassen. Es gehört zum Stellenprofil der Sozialmanagerin, die Wohnungsbaugesellschaft im Netzwerk zu vertreten. Dieses Engagement erklärt sich nicht zuletzt damit, dass sich das Ziel des Netzwerkes – den Verbleib der älteren Menschen in ihrer Wohnung zu fördern – direkt mit den Eigeninteressen der Wohnungsbaugesellschaft deckt. Die Netzwerk-Mitgliedschaft der Wohnungsbaugesellschaft als große lokale Investorin ist wiederum ein wichtiger Anreiz für das Engagement der im Netzwerk vertretenen Handwerksbetriebe.

Eine konzeptionell und organisatorisch tragende Kraft des Netzwerkes ist die ansässige „Koordinierungsstelle Rund ums Alter“, die ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern zählt. Zu ihren Arbeitsfeldern gehören die Beratung von alten Menschen und die Vermittlung von Unterstützung in unterschiedlichen Lebenslagen. Damit verfügt die Koordinierungsstelle über einen guten Überblick über die Versorgungsstrukturen im Quartier.

Anbieter aus dem Pflegebereich, besonders ambulante Pflegedienste, sind im Netzwerk stark vertreten. Sie begründen ihren Einsatz mit dem unmittelbaren Nutzen, den ein besseres Schnittstellenmanagement und die Zusammenarbeit bei Problemfällen für ihre Unternehmen haben. Teilweise besteht zudem die Befürchtung, von der Konkurrenz auf dem engen Berliner Pflegemarkt ‚abgehängt‘ zu werden, wenn man nicht in den örtlichen Netzwerken vertreten sei. Die Mitarbeit in einem Netzwerk bietet diesen Netzwerkpartnern die Möglichkeit, sich auf dem Markt zu präsentieren, Entscheidungsträger zu treffen und auf die Gestaltung der Angebotsstruktur einzuwirken.

Ein weiterer wichtiger Netzwerkpartner ist das Bezirksamt Reinickendorf, das seit der Gründung aktiv mit dem Netzwerk kooperiert. Mitarbeiterinnen der Leitungsebene im Verwaltungsbereich „Wirtschaft und Bauen“ vertreten den Bezirk in den Netzwerkgremien, unterstützen das Netzwerk bei der Beantragung von Fördermitteln und spiegeln Diskurse und Projekte des Netzwerkes in die Bezirksverwaltung und bezirkliche Arbeitskreise zurück. Angebote des Netzwerkes werden unter anderem über das Bezirksamt veröffentlicht. Die Bezirksbürgermeisterin trat mehrfach öffentlich für Netzwerkbelange ein und sicherte dem Netzwerk so politische Rückendeckung. Diese kontinuierliche Kooperation der Verwaltung mit dem Netzwerk bildet eine wichtige Basis der Netzwerkarbeit, die für Stabilität und Nachhaltigkeit sorgt.

Interne und externe Effekte des Netzwerkes

Die Arbeitsweise und der Erfolg des Netzwerkes basieren auf dem Prinzip von Win-win-Situationen, in denen das Verhältnis von investierten Ressourcen zu erzielten Effekten durch die Netzwerkpartner permanent überprüft und nachjustiert wird. Das Bemühen, diese Situation für alle Partner im Gleichgewicht zu halten, stellt den Motor und den Maßstab für die laufende Netzwerkarbeit dar.

In der ersten Forschungsphase wurde deutlich, dass die laufende Arbeit des Netzwerkes ein ständiges Ausloten der verschiedenen Bedürfnisse und Ansprüche der Netzwerkpartner beinhaltet. Die Unterschiedlichkeit der Partner und wechselnde Mitgliedschaften erfordern immer wieder neue Aushandlungsprozesse. Dadurch ist die Netzwerkarbeit komplizierter und die Prozesse sind langwieriger als sie in einem hierarchischen oder branchengebundenen Verbund wären. Netzwerkpartner beurteilten im Interview die heterogene Zusammensetzung aber als positive Vielfalt, die erst eine komplexe Netzwerkarbeit möglich macht.

Durch die Kooperation der unterschiedlichen Netzwerkpartner können die Beteiligten und das Setting über die unmittelbaren Projekte hinaus profitieren. Beispielsweise stellt eine Hauptschule räume und eine ehrenamtliche Lehrkraft zur Verfügung, um die vom Netzwerk angebotenen Computerkurse durchzuführen. Damit öffnet sich die Schule dem Sozialraum und entwickelt sich zu einem Ort, an dem junge (oft migrantische) auf ältere (oft deutsche) Menschen treffen. Solche im Alltag häufig konfliktträchtigen Verknüpfungen unterschiedlicher Lebenswelten sowie die Erfahrungen und Kompetenzen von Netzwerkpartnern und Bewohnern lassen wieder neue Ansätze für Netzwerkaktivitäten entstehen und halten das Netzwerk lebendig.

Die Untersuchung zeigte, dass die Aktivitäten des Netzwerkes besonders von den stark engagierten Netzwerkpartnern positiv bewertet werden. Durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit sind die jeweiligen Angebote und Möglichkeiten bekannt, es kommt zu wechselseitigen Vermittlungen und bilateralen Kooperationen. Wenig aktive Mitglieder, die zudem primär kurzfristige ökonomische Interessen an den Aktivitäten haben, sind tendenziell enttäuscht von der Netzwerkarbeit.

Ergebnisse der Forschungsphase 2: Fokus Bevölkerung 60+ und Setting
Sozialräumliche Infrastruktur

In der Sozialraumanalyse trat das durchschnittlich gute lokale Angebot an Versorgungsgütern, medizinischen Dienstleistungen, Beratungsstellen und Freizeitstätten hervor. Allerdings wurden Versorgungsdefizite deutlich, die sich zum Teil auf die räumliche Struktur der Großwohnsiedlung und zum Teil auf eine schleppende Anpassung an veränderte Bedürfnisse der Bewohnerschaft zurückführen lassen.

Typische Merkmale einer Großwohnsiedlung sind die räumliche Konzentration öffentlicher Funktionen und die Ausweisung von relativ großen Gewerbeflächen. Dadurch wird die zentrale Ansiedelung von Einkaufszentren, Discountern und Filialisten gefördert, während kleine einzelhandels- oder Dienstleistungsunternehmen, wie Bäckereien oder Friseure, im Wohnumfeld kaum zu finden sind. Die Versorgungssituation ist im Zentrum des Märkischen Viertels, d. h. im unmittelbaren Umfeld des Einkaufszentrums, gut, in den Wohnbereichen am Rand des Viertels hingegen eher unbefriedigend. ein großer Teil der dortigen Bewohner ist im Alltag auf öffentliche oder private Verkehrsmittel angewiesen. die Dominanz von Discountern und Filialisten führt zudem zu einer Standardisierung der Angebote und einem Mangel vor allem an internationalen oder hochwertigen Produkten. auch für die Bereiche „Freizeit“ und „Unterstützung und Beratung“ konnte eine gute Grundversorgung, aber ein Defizit bei zielgruppenspezifischen oder kulturellen Angeboten festgestellt werden. so fehlen z. B. Freizeitstätten für alte Menschen mit Migrationshintergrund, muttersprachliche Beratungsangebote sowie Bibliotheken, Theater, Kinos und Galerien.

Bewertung der Großwohnsiedlung als „Wohnort im Alter“

Die überwiegende Mehrheit der befragten alten Menschen bezeichnete das Märkische Viertel als „geeigneten Wohnort für ältere Menschen“. Auch die eigene Wohnung wurde von der großen Mehrheit (rund 83 % der Befragten) als „geeignet, um in ihr alt zu werden“ bezeichnet. Die typische Struktur der Großwohnsiedlung bietet Vorteile für den Wohnalltag der älteren Menschen. Kleine Wohnungen, die barrierearme Gestaltung der öffentlichen Räume und Gebäude sowie die gut ausgebauten Busverbindungen erleichtern die eigenständige Alltagsgestaltung im Alter erheblich. Die meisten der Befragten können sich trotz eingeschränkter Mobilität und engen Aktionsradien selbst versorgen. Ältere Menschen mit Migrationshintergrund nutzen für ihre Einkäufe und in ihrer Freizeitgestaltung im großen Maße andere Berliner Stadtteile. Ihre Aktionsradien sind dadurch erheblich weiter als die der anderen Befragten. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel erweist sich aber für ältere Menschen dann als problematisch, wenn sie auf Hilfsmittel, wie Rollator oder Rollstuhl, angewiesen sind, da nur ein Teil der Fahrzeuge und Haltestellen barrierefrei ist. Im hohen Alter und bei eingeschränkter Mobilität besteht für sie deshalb die Gefahr von Versorgungsproblemen und Isolierung.

Die Lebensqualität im Quartier wird für die meisten der Befragten durch den hohen Anteil an Grünflächen gefördert, der ihnen viele Anreize für Aktivität und Mobilität bietet. Allerdings sind die Bewegungsräume vor allem der älteren Frauen dadurch stark eingeschränkt, dass der öffentliche Raum im Märkischen Viertel aus zahlreichen uneinsehbaren Teilräumen, Durchgängen und Brachen besteht. Diese Bereiche, die wenig genutzt und teilweise mäßig beleuchtet sind, bilden für die meisten der befragten Frauen Angsträume, die sie nie oder selten durchqueren. Die Erdgeschosszonen der Wohnhäuser sind im Allgemeinen ohne öffentliche Funktion und daher unbelebt; sie wirken im Dunklen ‚unheimlich'. Nahezu alle Teilnehmerinnen und auch einige Teilnehmer der Fokusgruppen gaben an, nach Einbruch der Dunkelheit nicht auf die Straße zu gehen. Damit schränkt sich für sie die Teilhabe am öffentlichen Leben vor allem in den Wintermonaten erheblich ein.

Nutzung und Bewertung von sozialräumlichen Angeboten

Die (erwartungsgemäß relativ engen) individuellen Aktionsräume der Befragten wurden in den Fokusgruppen mit Hilfe von Nadelkarten erfasst (vgl. Ortmann 1999). Die Methode der Nadelkarte bietet sich zur Verwendung in Gruppendiskussionen an, vor allem für die Dokumentation von individuellen Nutzungsmustern in Sozialräumen. Als Nadelkarte wird ein Lageplan des jeweiligen Gebietes verwendet. Den Teilnehmern der Diskussion werden farblich markierte Stecknadeln zugeordnet, mit denen die einzelnen Personen die von ihnen genutzten Orte im Sozialraum markieren. In den hier durchgeführten Fokusgruppen wurden die von den Teilnehmenden häufig aufgesuchten Orte für Einkauf, Arztbesuche, Freizeitaktivitäten sowie ihre Wohnorte mit Nadeln auf einem Plan des Märkischen Viertels markiert. Diese Karten visualisieren nicht nur die individuellen Aktionsräume und Nutzungsstrukturen, sie unterstützten auch die Gruppendiskussionen über das Quartier und seine Orte sehr effektiv. Die abgebildete Nadelkarte (vgl. Abb. 3) aus einer Fokusgruppe mit einkommensarmen deutschen Teilnehmern zeigt beispielhaft für alle Gruppen die engen Aktionsradien und die Nutzungsballung im Märkischen Zentrum.

Abb. 3

Nadelkarte der Fokusgruppe 2, einkommensarme deutsche Teilnehmer

Von großer Bedeutung für die Freizeitgestaltung aller Befragten sind private, nicht organisierte Aktivitäten, z. B. regelmäßige und ausgedehnte Spaziergänge in den Grünanlagen des Märkischen Viertels und seiner Umgebung oder Besuche bei Bekannten. Auch für Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt und auf Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind, stellen die täglichen Spaziergänge, die häufig mit kleinen Erledigungen verbunden werden, eine wichtige Aktivität und Teilhabe am öffentlichen Leben dar. Insgesamt ist die Teilnahme an öffentlichen Freizeitaktivitäten gering. In diesem Zusammenhang wurde kritisiert, dass Freizeitangebote im Wohngebiet (z. B. Tanzen oder Schwimmen) fehlen oder mit zu hohen Kosten verbunden sind.

Viele der Befragten sind nur punktuell und eher zufällig über öffentliche Angebote informiert. Die wichtigste Quelle für entsprechende Tipps sind gut informierte Nachbarn. Vor allem die Menschen, die in ihrer Nachbarschaft gut vernetzt und anerkannt sind, fühlen sich von organisierten Freizeitaktivitäten angesprochen. Andere äußern die Befürchtung, in bestehenden Gruppen nicht erwünscht zu sein: „Ich kenn hier ja niemanden. Da wird man direkt ausgegrenzt.“

Auszug aus einem Protokoll, Fokusgruppe 1-4, Auswertung „Sozialraum“ vom 12.03.2008.

Auch alte Menschen mit Migrationshintergrund, die sich als „Ausländer“ von ihren Nachbarn diskriminiert fühlen, nutzen Angebote in der Nachbarschaft nur wenig. In diesem Zusammenhang wurden die Bedeutung guter Nachbarschaft und der Einfluss von informellen Multiplikatoren, die über bessere Ressourcen (z. B. Zweisprachigkeit, Führerschein, Computerkenntnisse) verfügen, vor allem für sozial benachteiligte ältere Menschen deutlich. Diese Personen, selbst Teil der jeweiligen Nachbarschaft und hier gut verankert, bilden wichtige Bindeglieder zwischen den älteren Menschen und öffentlichen Angeboten. Das Potenzial solcher ‚Experten‘ wird gegenwärtig noch nicht genug genutzt.

Netzwerk Märkisches Viertel

Das Netzwerk war unter den Befragten wenig bekannt, wobei deutliche Unterschiede zwischen deutschen Senioren und alten Menschen mit Migrationshintergrund auftraten. Während die deutschen Teilnehmer der Fokusgruppen und der Repräsentativbefragung zu etwa 20 % angaben, das Netzwerk zu kennen oder an Angeboten des Netzwerkes teilgenommen zu haben, war es weniger als 10 % der älteren Migranten bekannt. diese Gruppe wird bislang von der Öffentlichkeitsarbeit des Netzwerkes kaum erreicht. Teilnehmer von Veranstaltungen, die durch das Netzwerk beworben worden waren, äußerten sich in Feedback befragungen durchgängig positiv über die Angebote. Es besteht somit deutlicher Handlungsbedarf hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit.

Fazit für die Praxis und Ausblick

Die Auswertung der ersten Forschungsphase zeigt, dass ein Zusammenschluss von Akteuren mit unterschiedlichen anliegen erfolgreich sein kann, wenn der Arbeit gemeinsame Ziele und eine von allen anerkannte Struktur zugrunde liegen. die gut funktionierende Kommunikation und die stets auf konstruktive Lösungen zielenden Aushandlungsprozesse auf Augenhöhe haben das Netzwerk über die Jahre stabilisiert. die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure erleichtert die Identifizierung von Bedürfnissen und Versorgungslücken und ermöglicht ein effektives Schnittstellenmanagement. Angebote können auf diese Weise besser aufeinander abgestimmt und die Adressaten von unterstützenden Maßnahmen leichter erreicht werden. Durch die gemeinsame Arbeit im Netzwerk entstehen neue Kooperationen von Akteuren im Quartier, die ohne Netzwerk nur mit großem Aufwand zu initiieren wären. Die fachübergreifende Vernetzung setzt ein erhebliches kreatives Potenzial frei, von dem vor allem aktive Mitglieder profitieren. Damit wirkt das Netzwerk wie eine Ideenbörse für die Entwicklung von neuen Projekten, die das Setting nachhaltig positiv verändern können. Eine erfolgreiche Vernetzung und eine effektive Netzwerkarbeit erfordern, das wurde in der Studie deutlich, ein kontinuierliches Netzwerkmanagement, eine zielorientierte, gleichberechtigte Aushandlung von Interessen zwischen den Netzwerkpartnern und zeitnah umgesetzte, konkrete Projekte, mit denen Effekte der Vernetzung unmittelbar deutlich werden. Die Unterstützung des Netzwerkes durch politische Repräsentanten und die kooperative Mitarbeit der kommunalen Verwaltung in den Netzwerkgremien fördert die Netzwerkarbeit entschieden und kann als Vorbild für andere Vorhaben lokaler, bürgerschaftlicher Vernetzung dienen.

Auch der eindeutige sozialräumliche Bezug der Netzwerkarbeit erweist sich als wesentlicher struktureller Vorteil. Die Begrenzung auf das Märkische Viertel ist wichtig, weil das Netzwerk auf diese Weise lokal verortet bleibt und sich die Arbeitsfelder und Interessen der Akteure überlagern. Die spezifischen Merkmale dieser Großwohnsiedlung – die zentrale Verwaltung des Wohnungsbestandes durch eine große Wohnungsbaugesellschaft, zu deren Arbeitsbereichen auch eine soziale Betreuung der Mieter zählt, ein klar definierter, räumlich begrenzter Sozialraum, die vorhandene soziale Infrastruktur – erleichtern den Aufbau und die Arbeit des Netzwerkes erheblich und erlauben die Entwicklung passgenauer Maßnahmen oder Projekte.

Von einer Vernetzung profitieren neben den Wohnungsbaugesellschaften vor allem die Kommunen, Seniorenberatungsstellen und Pflegestützpunkte, die daher prädestiniert sind, die Initiative zur Vernetzung zu ergreifen. Da in vielen Großwohnsiedlungen mehrere Wohnungsbaugesellschaften aktiv sind, bedarf eine erfolgreiche Vernetzung der Bereitschaft zur Kooperation, die durch die jeweiligen Vorstände aktiv unterstützt werden muss. Die Handlungsfähigkeit eines Netzwerkes hängt sehr von Motiven und Kompetenzen der einzelnen Beteiligten ab. Die Bereitschaft zur fachübergreifenden Zusammenarbeit, ein grundlegendes Interesse an der Förderung des Stadtviertels und der Verbesserung der Wohnbedingungen der Bewohner und nicht ausschließlich gewinnorientierte Ziele sind dabei grundsätzliche Voraussetzungen.

Die Ergebnisse der zweiten Forschungsphase beleuchten die Lebensbedingungen der alten Menschen im Viertel. Das Märkische Viertel wird als Wohnort im Alter geschätzt, vor allem wegen der Barrierearmut sowohl der öffentlichen Räume als auch der privaten Wohnungen. Grün- und Erholungsflächen in unmittelbarer Wohnungsnähe sind für die Alltagsgestaltung, die sich weitgehend auf das Quartier beschränkt, von hoher Bedeutung. Wahrgenommen werden vor allem aktivierende, niedrigschwellige und in der Lebenswelt verankerte Angebote. Defizite sind klar benannt und im Rahmen des Forschungsprojektes dem Netzwerk als Handlungsimpulse weitergegeben worden. Eine besondere Bedeutung für die Alltagsbewältigung im Alter kommt gut informierten Nachbarn zu. Diese Multiplikatoren können den Akteuren im Sozialraum den Zugang zu schwer zugänglichen Bevölkerungsgruppen erleichtern und als Mittler fungieren. Im konkreten Fall des Märkischen Viertels können sie die Aktivitäten und die Öffentlichkeitsarbeit des Netzwerks hilfreich unterstützen. Eine Einbeziehung von gut vernetzten Bewohnern, den „Experten des Alltags“, in die Netzwerkarbeit erscheint vor diesem Hintergrund sinnvoll.

Die teilweise geringen Kenntnisse der Netzwerkpartner über die Lebenssituation und die Bedürfnisse der älteren Bewohner im Märkischen Viertel weisen auf ein typisches Problem in der Kommunikation zwischen Akteuren und Nutzern im Sozialraum hin. Vor allem sozial benachteiligte ältere Bewohner werden häufig in erster Linie als hilfesuchend und passiv wahrgenommen. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass gerade unter den älteren Menschen über die Jahre gewachsene Nachbarschaften und Unterstützungsmuster bestehen. Teilweise haben diese Strukturen ihren Ursprung in dem gemeinsamen Erstbezug der Siedlung in den 1970er Jahren, der für viele einen gemeinschaftsbildenden Aufbruch und Neuanfang bedeutete. Diese Ressource, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in anderen Großwohnsiedlungen vorhanden ist, sollte in die Konzeption von Akteursnetzwerken einbezogen werden. Dabei sollte aber auch auf den teilweise ausschließenden Charakter dieser Strukturen reagiert werden, der die am Anfang erwähnten hierarchischen Beziehungen innerhalb einer Siedlung verstärken kann. Im Rahmen einer sozialräumlichen Vernetzung sollten daher bewusst generationsübergreifende und interkulturelle Projekte unterstützt werden. Die partizipative Beteiligung der Bewohner an der Entwicklung ihres Wohngebietes erfährt dabei eine wesentliche Bedeutung.

Die Auswertung der Untersuchungsergebnisse zeigt, dass eine Großwohnsiedlung, wie das Märkische Viertel, gute räumliche Voraussetzungen für das Wohnen im Alter besitzt. Eine Unterstützung der älteren Bewohner durch Angebote zur Alltagsbewältigung und ein vorausschauendes Nachbarschaftsmanagement können ein zusätzliches Potenzial einer Siedlung darstellen, das durch eine Akteursvernetzung aktiviert werden kann. Dieser Aspekt sollte bei künftigen Betrachtungen von Großwohnsiedlungen stärker in den Fokus rücken und einen Impuls für weitere Entwicklungsmaßnahmen in diesen Siedlungen liefern.

Abb. 1

Lageplan Märkisches Viertel. (Quelle: Bezirksamt Reinickendorf sowie eigene Darstellung)
Lageplan Märkisches Viertel. (Quelle: Bezirksamt Reinickendorf sowie eigene Darstellung)

Abb. 2

Wohnbebauung Märkisches Viertel
Wohnbebauung Märkisches Viertel

Abb. 3

Nadelkarte der Fokusgruppe 2, einkommensarme deutsche Teilnehmer
Nadelkarte der Fokusgruppe 2, einkommensarme deutsche Teilnehmer

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