1. bookVolume 68 (2010): Issue 3 (June 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Weltentwicklungsbericht 2009. Wirtschaftsgeografie neu gestalten

Published Online: 30 Jun 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 3 (June 2010)
Page range: 231 - 233
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Was hat die „geography of washrooms“ – so der Titel einer session beim US-amerikanischen Geographentag 2006 in Chicago, der größten Konferenz für (Wirtschafts-)Geographen weltweit – mit dem aktuellen Weltentwicklungsbericht 2009 gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten Blick das Thema (Wirtschafts-)Geographie, zugleich eine der forschungsintensivsten Teildisziplinen der Geographie und der wichtigsten wissenschaftlichen Themen der Gegenwart (Globalisierung und Regionalisierung!). Auf den dritten und primär inhaltlichen Blick allerdings haben beide Begriffe wieder nichts miteinander zu tun, da sie von völlig verschiedenen Begriffsinhalten der Wirtschaftsgeographie ausgehen – womit ich zugleich eine erste Bewertung des jetzt auch in deutscher Fassung vorliegenden Weltentwicklungsberichts der Weltbank vornehme.

Die Weltbank veröffentlicht seit mehreren Dekaden jährlich einen „Weltentwicklungsbericht“ mit einer Fülle von quantitativen Daten zu ökonomischen und sozioökonomischen Indikatoren des Entwicklungsstandes und der Entwicklungsdynamik von Ländern und Ländergruppen. Jeder Länderbericht widmet sich einem Schwerpunktthema. Der 2009er Bericht trägt im Original den Titel „Reshaping Economic Geography“, in der deutschen Version angemessen übersetzt mit „Wirtschaftsgeografie neu gestalten“. Generelles Ziel dieser Berichte ist es, „die politische Diskussion in neue Bahnen [zu] lenken“ bzw. – spezifischer für den aktuellen Bericht – die Diskussion in Gang zu setzen, „inwieweit ein ‚ausgewogenes Wachstum‘ […] überhaupt wünschenswert ist“ (S. xiii). Die Berichte sind nicht das Resultat wirtschaftsgeographischer Grundlagenforschung und erst recht kein Lehrbuch zur Wirtschaftsgeographie. Ihre primäre Zielgruppe sind auch nicht Wissenschaftler oder Dozenten an Hochschulen (oder gar Schulen), sondern die Politik.

Der mit 83 Themenkästen, 34 Tabellen, 75 Graphiken und 50 Karten umfassend illustrierte Weltentwicklungsbericht 2009 besteht aus drei Kapiteln. Zunächst wird die ökonomische Entwicklung aus der Perspektive der Dimensionen Dichte, Distanz und „Durchlässigkeit“ (die die Autoren auf den internationalen Austausch von Waren, Kapital, Menschen und Ideen beziehen) diskutiert. Im zweiten, inhaltlich zentralen Teil wird anhand der drei Themen „Skalenvorteile und Agglomeration“, „Faktormobilität und Migration“ sowie „Transportkosten und Spezialisierung“ aufzuzeigen versucht, wie Wirtschaftsgeographie neu gestaltet werden könnte. Im dritten Teil entwickeln die Autoren drei politische Konzepte: eines der Urbanisierung, eines für die Integration wirtschaftsstarker und -schwacher Gebiete sowie eines für den Aufbau „integrierter Nachbarschaften“ zwischen Staaten.

Wie viele seiner Vorgänger behandelt auch dieser Bericht empirisch ausführlich zentrale Themen einer raumwirtschaftlich ausgerichteten Wirtschaftsgeographie, die von der Regionalökonomie (einer Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften) konzeptionell nicht weit entfernt ist. Exemplarisch genannt seien die zeitliche Abfolge von Konvergenz und Divergenz, die Rolle von Skaleneffekten (insbesondere Agglomerationseffekten) oder die Bedeutung von Agglomerationsvorteilen für Migration. insbesondere aber stehen Standorte und Agglomerationen (im Sinne der räumlichen Ballung ökonomischer Aktivitäten) im Mittelpunkt dieses Berichts – und damit das Kernthema der Wirtschaftsgeographie. Aus meiner Sicht kann es der Wissenschaftsdisziplin der Wirtschaftsgeographie, nicht gerade die am meisten beachtete, nur gut tun, wenn dieses Label von so einflussreicher Seite verwendet wird. Ähnlich positive Effekte für die Bekanntheit dieses Faches hatten meines Erachtens – da vertrete ich eine Minderheitenmeinung innerhalb der Wirtschaftsgeographen – die Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an den bekennenden „economic geographer“ Paul Krugman im Jahre 2008 und sein 17 Jahre vorher erschienenes Standardwerk zur „New Economic Geography“ (vgl. auch Sternberg 2009).

Unabhängig von den Studienfächern der Zuhörer (Wirtschaftswissenschaften, Geographie) gehören die Weltentwicklungsberichte seit 20 Jahren zur Standardliteratur in meinen Grundlagenvorlesungen zur Wirtschaftsgeographie. Das wird auch so bleiben – trotz oder wegen dieses Berichts. Auch und insbesondere dieser Weltentwicklungsbericht bietet höchst relevante und umfängliche Informationen für die wirtschaftsgeographische Lehre, die das Ziel verfolgt, die Disparitäten zwischen und innerhalb von Ländern und Ländergruppen theoretisch zu erklären, mit empirischen Methoden zu beschreiben und politisch zu gestalten. Diese Art der Disparitätenforschung ist und bleibt ein Herzstück des Faches – gerade in Zeiten einer sozialwissenschaftlichen Überprägung der Wirtschaftsgeographie, vor deren Folgen der Wirtschaftsgeograph Rodríguez-Pose (2001) so überzeugend in seinem „Killing economic geography by a cultural overdose“ überschriebenen Artikel warnte.

Natürlich ist auch dieser Weltentwicklungsbericht nicht ohne Schwächen. Als ich den internen Entwurf des Berichts anderthalb Jahre vor der englischen Originalveröffentlichung von einer in der Weltbank tätigen ehemaligen Doktorandin erhielt, beklagte sie zurecht, dass nahezu keine „echten“ Wirtschaftsgeographen unter den zahlreichen Wissenschaftlern im Autorenteam vertreten seien und diese auch im Literaturverzeichnis kaum zitiert würden. Natürlich ist das ärgerlich und ein Stück weit ignorant. Zumindest anlässlich der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts in Deutschland ist aber ein Wirtschaftsgeograph zu Wort gekommen. Inhaltlich angreifbar sind der für Wirtschaftsgeographen ungewohnte Regionsbegriff (Staaten oder Staatengruppe, aber nicht die subnationale Maßstabsebene) und die (nur) drei Skalen „Gebiet“, Land und Region. Die Übersetzung ist teils holprig. Manche englischen Begriffe sind auch innerhalb der deutschsprachigen Wirtschaftsgeographie so gängig, dass sie besser unübersetzt geblieben wären. Keine Schwäche ist dagegen meiner Meinung nach, dass die Autoren (fast ausschließlich Ökonomen) die New Economic Geography mit „economic geography“ assoziieren und die Übersetzerinnen dies so und nicht anders ins Deutsche übertragen (Tabelle 4.4, S. 164). Den beiden Übersetzerinnen ist die heftige Debatte um die Deutungshoheit über die Inhalte der Wirtschaftsgeographie und des Labels „New Economic Geography“ offenbar unbekannt. Ihre Übersetzung der New Economic Geography ist deshalb ein Indiz dafür, wie dieses Label außerhalb der Wirtschaftsgeographie und der Wirtschaftswissenschaften perzipiert wird.

Insgesamt überwiegen aber die Stärken dieses Weltentwicklungsberichts eindeutig. Insbesondere möchte ich die angemessen ausführliche Fokussierung auf die Rolle der Politik als Gestalterin, aber auch als Betroffene wirtschaftsgeographischer Disparitäten loben. Politisches Gestalten, z. B. in Form der Regionalpolitik, wird in der wirtschaftsgeographischen Forschung und Lehre allzu oft ignoriert. Dies bedeutet nicht, dass ich die drei eingangs genannten politischen Konzepte allesamt für richtig und/oder umsetzbar hielte. Es wird aber zumindest der Versuch unternommen, solche Konzepte zu entwickeln und in die wissenschaftliche und – wichtiger – in die politische Diskussion einzubringen. Es ist anzuerkennen, dass die Autoren explizit konzedieren, dass Modelle und Erklärungsversuche der (heutigen) Industrieländer häufig nicht für die Übertragbarkeit auf heutige Entwicklungsländer taugen. Dies darf auch als ein Hinweis auf die eben nicht weltweite Gültigkeit von einigen Modellen der New Economic Geography interpretiert werden. Ebenfalls ist anzuerkennen, dass der Weltentwicklungsbericht eindeutig Partei für Migranten ergreift, die außerhalb ihrer Heimatländer ihre ökonomischen Chancen nutzen wollen. Abschottungsversuchen vieler Staaten wird mit ökonomischen und wirtschaftsgeographischen Argumenten eine inhaltlich überzeugende Absage erteilt.

Was diesen Bericht aus Sicht der Wissenschaftsdisziplin Wirtschaftsgeographie so interessant macht, ist, dass er diesen Gattungsbegriff explizit im Titel führt, auch wenn er von der vielköpfigen Autorengruppe nicht als solcher interpretiert wird. Er wird aber – der Begriff selbst ist halt doppeldeutig – von vielen Wirtschaftsgeographen als solcher missinterpretiert. Exemplarisch sei die Rezension des Weltentwicklungsberichts durch eine Gruppe britischer Wirtschaftsgeographen erwähnt, die die fehlende Berücksichtigung der Vielfalt wirtschaftsgeographischer Inhalte, das Fehlen von Wirtschaftsgeographen im Autorenkollektiv, die Annexion des Begriffes Wirtschaftsgeographie durch Ökonomen und die einseitig ökonomische Ausrichtung kritisiert (vgl. Rigg/Bebbington/Gough et al. 2009). Nicht ganz so extrem, dafür viel differenzierter, aber im Kern ähnlich argumentiert Thomi (2009) in seiner Rezension aus Sicht eines deutschsprachigen Wirtschaftsgeographen. Diese Art der Rezeption des Weltentwicklungsberichts erinnert an die Reaktionen der ‚echten‘ Wirtschaftsgeographen auf die „New Economic Geography“ Krugmans, eines Ökonomen. Erneut lamentieren viele (nicht alle!) Fachvertreter der ‚echten‘ Wirtschaftsgeographie, dass ihr ‚Label‘ geklaut bzw. falsch (einseitig ökonomisch) interpretiert worden sei. Im Falle Krugmans hat dieser ‚Dieb‘ (auch) hierfür 2008 einen Nobelpreis erhalten. Es stellt sich unmittelbar die Frage, warum dieses Klauen offenbar wiederholt möglich ist. Mein Erklärungsversuch lautet: Weil sich die (echten) Wirtschaftsgeographen trotz vieler guter und relevanter Forschungen offenbar bei den zentralen Institutionen bislang keine wissenschaftliche Lobby haben erarbeiten können, was wiederum (auch) an der gewaltigen Vielfalt an Themen (relevanten und vielen irrelevanten) liegt, mit denen sich Wirtschaftsgeographen glauben beschäftigen zu müssen. Dieser Mangel an klar erkennbarem Profil ist ein Grund für die geringe Aufmerksamkeit und führt dazu, dass Wirtschaftsgeographen in einflussreiche Projekte wie den Weltentwicklungsbericht selbst dann nicht integriert werden, wenn sie ihr ureigenstes Thema behandeln, nämlich die Wirtschaftsgeographie.

Ich werde diesen und weitere Weltentwicklungsberichte selbstverständlich auch in Zukunft lesen, empfehlen und für die Lehre nutzen – und damit erst dann aufhören, wenn im Weltentwicklungsbericht die Wirtschaftsgeographie so unpassend weit interpretiert wird, dass selbst die „economic geography of washrooms“ darin Platz findet.

Rigg, J.; Bebbington, A.; Gough, K. V.; Bryceson, D. F.; Agergaard, J.; Fold, F.; Tacoli, C. (2009): The World Development Report 2009 ‘reshapes economic geography’: geographical reflections. In: Transactions of the Institute of British Geographers NS 34, 128-136.RiggJ.BebbingtonA.GoughK. V.BrycesonD. F.AgergaardJ.FoldF.TacoliC.2009The World Development Report 2009 ‘reshapes economic geography’: geographical reflectionsTransactions of the Institute of British Geographers NS 3412813610.1111/j.1475-5661.2009.00340.xSearch in Google Scholar

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