1. bookVolume 68 (2010): Issue 2 (April 2010)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Metropolregionen – Restrukturierung und Governance. Deutsche und internationale Fallstudien

Published Online: 30 Apr 2010
Volume & Issue: Volume 68 (2010) - Issue 2 (April 2010)
Page range: 139 - 141
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Mit seinem Buch greift Ludger Basten ein brisantes Thema auf, das in Wissenschaft und Politik große Aufmerksamkeit genießt. Der Sammelband beinhaltet eine Einführung, gefolgt von sieben Beiträgen zu aktuellen Forschungen über Metropolen in Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika.

Im Eröffnungskapitel klärt Ludger Basten aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive das Konzept der Metropole, indem er verschiedene Metropolenbegriffe erläutert und diskutiert. Das Konzept der Metropolregion kommt in dieser Diskussion nicht zur Sprache. Erst im Zusammenhang mit der europäischen bzw. der deutschen Raumordnungspolitik wird die Metropolregion umfassend thematisiert. Diese Einbettung des Begriffs birgt den Anschein, als würden Metropolregionen nur in einem politisch-normativen Kontext existieren. Dieser Eindruck täuscht. Das Konzept der Metropolregion ist ursprünglich ein wissenschaftlich-analytisches Modell. Bereits im Jahre 1961 beschreibt Jean Gottmann den urbanisierten Küstenstreifen im Nordosten der USA als „Megalopolis“, als polyzentrische Stadtlandschaft, in der mehrere Millionenstädte zusammengewachsen sind (Gottmann 1961). Wenig später schreibt Peter Hall, dass neben den hoch zentralisierten Großstädten auch polyzentrische Metropolregionen existieren. Diese bestehen aus mehreren, spezialisierten und eng verflochtenen Zentren, welche sich ähnlich wie monozentrische Metropolen im Laufe der Zeit kontinuierlich weiterentwickelt haben (Hall 1966). Die jüngste Wiederentdeckung des Metropolregionen-Konzepts findet man in Ostasien, und zwar in Regionen wie dem Pearl River Delta und dem Yangtze River Delta in China oder dem Tokaido-(Tokyo-Osaka)-Korridor in Japan. Aber auch in Europa sind polyzentrische Metropolregionen im Entstehen begriffen, wie Peter Hall und Kathy Pain in ihrem Buch „The Polycentric Metropolis – learning from mega-city regions in Europe“ zeigen (Hall/Pain 2006).

Um die Debatte über Metropolregionen besser fassbar zu machen, werden im Folgenden drei unterschiedliche Lesarten von Metropolregionen vorgeschlagen. Erstens eine räumlich-morphologische Lesart, in welcher Metropolregionen als polyzentrische Räume angesehen werden, die hoch verdichtete städtische Räume, semirurale Gegenden sowie urbane Kulturlandschaften umfassen. Diese Diversität bringt eine erschwerte Begreifbarkeit von Metropolregionen mit sich, sodass deren räumliche Eigenschaften nur schwierig zu einem kohärenten Bild zusammengefasst werden können. Eine zweite Lesart ist die politisch-normative. Aus dieser Perspektive werden Metropolregionen als normative Leitvorstellung der Raumentwicklung definiert. Metropolregionen sollen dabei helfen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Regionen zu erhöhen und das wirtschaftliche Wachstum anzukurbeln. Die dabei zugrunde liegende Hypothese ist, dass durch ein polyzentrisches Raumentwicklungskonzept ökonomische und funktionale Integration erreicht werden kann, ohne gleichzeitig strukturell ungleiche Räume zu schaffen. Die dritte Lesart schließlich ist analytisch-funktionaler Natur. Sie ist geprägt von zwei sich gegenseitig ergänzenden Analyseansätzen: zum einen ein attributorientierter Ansatz, welcher auf die spezifischen Funktionen von Metropolregionen eingeht, wie beispielsweise die Entscheidungs- und Kontrollfunktion, die Innovations- und Wettbewerbsfunktion, die Gatewayfunktion oder die Symbolfunktion, zum anderen ein relationaler Ansatz, welcher Metropolregionen als Ergebnis sozioökonomischer Interaktionen auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen versteht. Mit Hilfe dieses Interpretationsrasters sollen nun die verschiedenen Beiträge in Ludger Bastens Buch kurz zusammengefasst werden.

In einer ersten Fallstudie erzählt Bernd Steinacher von seinen Erfahrungen mit der Europäischen Metropolregion Stuttgart. Seine Sicht ist klar der politisch-normativen Lesart zuzuordnen, welche er jedoch mit interessanten, funktionalen Argumenten ergänzt. Nach Steinachers Einschätzung erfordert eine nachhaltige Strategie für die Metropolregion Stuttgart sowohl eine fortschreitende Integration der Region nach innen – zum Beispiel durch konsequente Zusammenarbeit regionaler Akteure – wie auch eine Integration nach außen, beispielsweise durch partnerschaftliche Netzwerke im Rahmen des europäischen Integrationsprozesses.

Im zweiten Beitrag widmet sich Stefan Krätke aus einer analytisch-funktionalen Perspektive der Wissensökonomie in Europa, aufgeteilt in wissensintensive Dienstleistungen und forschungsintensive Industrien. Seine Analyse greift auf Daten aus der Eurostat-Datenbank der Jahre 1997–2005 zurück, woraus die wirtschaftlichen Entwicklungspfade von 57 Großstadtregionen (NUTS 2 Ebene) im EU-Raum abgeleitet werden. Sein Fazit lautet, dass wissensintensive Dienstleistungen keineswegs die allein bestimmende Komponente im Strukturwandel zur Wissensökonomie sind, sondern dass forschungsintensive Industrien einen ebenso prägenden Bestandteil dieses Prozesses darstellen.

In der dritten Fallstudie thematisiert Marco Bontje eine der wohl archetypischsten Metropolregionen Europas: die Randstad in Holland. Zuerst diskutiert er vier alternative Abgrenzungen einer Metropolregion Amsterdam. Anschließend analysiert er die historische Entwicklung Amsterdams seit dem 16. Jahrhundert. Zum Schluss identifiziert Bontje die Metropolregion Amsterdam als einen chancenreichen, aber auch verletzlichen Wirtschaftsraum, welcher durch seinen internationalen Hub-Flughafen Schiphol gut vernetzt ist, aufgrund der starken Integration in globale Produktions- und Dienstleistungsnetzwerke aber auch von globalen Krisen stärker und direkter getroffen wird als andere Volkswirtschaften.

In der vierten Untersuchung steht die ‚metropolitan governance‘ der ‚global city region‘ London im Zentrum. Peter Newman betrachtet aus einer wissenschaftlichen Perspektive die politisch-normative Seite der Metropolregion London. Dabei stellt er fest, dass die formalen Regionsstrukturen die Planung in der Metropolregion stark behindern und dass überlappende Zuständigkeiten und die Vielfalt von Stakeholdern Komplexitäten schaffen, mit denen staatliche wie private Akteure nur schwer umgehen können.

In der fünften Fallstudie nimmt Roger Keil mit Toronto die dominierende Metropole Kanadas in den Blick. Auch er fokussiert aus einer wissenschaftlichen Perspektive auf die politisch-normative Debatte im Großraum Toronto. Dabei stellt sich heraus, dass insbesondere den funktionalen Problemen – zum Beispiel im Bereich Verkehr – institutionell zu wenig Beachtung geschenkt wird. Um die Passung von funktionaler und institutioneller Logik besser zu gewährleisten, sieht Keil vor allem die übergeordneten Regierungsebenen in der Pflicht, insbesondere die Provinz Ontario.

Im sechsten Beitrag widmet sich Rainer Wehrhahn unter anderem der Region Sao Paulo, eine der typischen Metropolregionen Südamerikas. Laut Wehrhahn ist Sao Paulo heute nicht mehr als isolierte Großstadt zu verstehen, sondern als Knotenpunkt in einem regionalen Wirtschaftsnetz. Zwischen der Stadt Sao Paulo und der übrigen Metropolregion bestehen vielfältige ökonomische Beziehungen, wobei das Finanzkapital, das Humankapital und die politische Macht zum großen Teil im Zentrum verbleiben. Andere Funktionen wie industrielle Produktion, Logistik und Handel werden von anderen, sekundären Knoten wahrgenommen.

Die siebte und letzte Fallstudie von Uta Hohn betrachtet die Stadt Tokio, nach Saskia Sassen eine der führenden ‚global cities‘ weltweit (Sassen 2001). In einem ersten Teil entwickelt Hohn ein theoretisches Konzept zur Analyse von Governance-Kulturen, welches sie im zweiten Teil in Bezug auf die japanische Stadtentwicklungspolitik anwendet. An dieser Stelle sei betont, dass das ‚global city‘-Konzept von Saskia Sassen nicht mit dem Konzept der Metropolregion verwechselt werden darf. Das ‚global city‘-Konzept betont die starke räumliche Konzentration hochwertiger Funktionen von international operierenden, wissensintensiven Dienstleistungsunternehmen in einigen wenigen hochurbanen Zentren des globalen Städtesystems. Diese funktionale Zentralität führt zu einer zunehmenden Abkoppelung dieser Zentren von ihrem Umland. Das Konzept der Metropolregion hingegen betont die polyzentrische Struktur von mehreren kleinen und großen Zentren in unmittelbarer Nähe zueinander. Erst durch die komplementären Spezialisierungen und die funktionalen Verflechtungen zwischen diesen Zentren erreichen Metropolregionen die nötige kritische Masse, um im internationalen Standortwettbewerb zu bestehen.

Zusammenfassend bietet das Buch „Metropolregionen – Restrukturierung und Governance“ einen interessanten Einblick in verschiedene Aspekte der Metropolenforschung. Schade ist nur, dass dabei dem analytisch-funktionalen Konzept der Metropolregion wenig Beachtung geschenkt wird. Zukünftige Forschungsschritte dürfen nicht nur darauf abzielen, Strategien zur ‚territorial governance‘ auf großräumigem Maßstab zu analysieren, sondern müssen vor allem eine vertiefte, analytische Einsicht in die räumlichen Verflechtungen der Wissensökonomie anstreben. Nur so können das nötige Bewusstsein für diesen im Entstehen begriffenen räumlichen Maßstab und das Verständnis von Metropolregionen als relationaler Raumkategorie weiterentwickelt werden.

Gottmann, J. (1961): Megalopolis. The Urbanized Northeastern Seaboard of the United States. New York.GottmannJ.1961MegalopolisThe Urbanized Northeastern Seaboard of the United StatesNew YorkSearch in Google Scholar

Hall, P. (1966): The world cities. London.HallP.1966The world citiesLondonSearch in Google Scholar

Hall, P.; Pain, K. (2006): The Polycentric Metropolis. Learning from Mega-City Regions in Europe. London.HallP.PainK.2006The Polycentric Metropolis. Learning from Mega-City Regions in EuropeLondonSearch in Google Scholar

Sassen, S. (2001): The Global City: New York, London, Tokyo. Oxford.SassenS.2001The Global CityNew York, London, TokyoOxford10.1515/9781400847488Search in Google Scholar

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