1. bookVolume 60 (2002): Issue 1 (January 2002)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Local Actor Networks and Regional Development overshadowed by Gorleben

Published Online: 31 Jan 2002
Volume & Issue: Volume 60 (2002) - Issue 1 (January 2002)
Page range: 61 - 69
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
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German, English
Abstract

In the course of the EU research project DORA (Dynamics of Rural Areas), the Institute of Farm Economics and Rural Studies at the Federal Research Institute for Agriculture (FAL) analyses factors which influenced the economic performance of rural areas in the last two decades. Next to bottlenecks in terms of infrastructure, human capital and industrial structure, the county Luechow-Dannenberg suffers from a marked social and political segmentation of the local community, which is rooted in the ongoing dispute about the nuclear waste facilities in the village of Gorleben. This paper analyses social capital in the region and network structures between the decision makers. The study reveals that the local actor network is clearly segmented into opposing groups and it proves difficult for the regional community to reach consensus about measures for regional development. As a result regional decision making processes and economic development are decisively obstructed.

Einleitung

Der vorliegende Beitrag widmet sich der Beantwortung der Frage, inwiefern regionsinterne, „weiche” Faktoren auf die vergleichsweise rückständige ökonomische Raumentwicklung des Landkreises Lüchow-Dannenberg während der letzten Jahrzehnte Einfluss genommen haben. Den Anstoß zur Untersuchung dieser Fragestellung lieferte das EU-Projekt DORA

Das Dora-Projekt, dessen Förderung auf Mitteln der Europäischen Kommission beruht, wird im Zeitraum von 1999-2001 von Projektteams in Griechenland, Schottland, Schweden und Deutschland bearbeitet. Der deutsche Beitrag wird durch die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Helmut Schräder, Gerd Hachmöller, Birgit Koch und Lars Masurek am Institut für Betriebswirtschaft, Agrarstruktur und ländliche Räume in der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft/Braunschweig erstellt. Das übergeordnete Projektziel besteht in der Identifizierung der Ursachen für unterschiedliche wirtschaftliche Dynamik in ländlichen Räumen der EU. Die inhaltliche und methodische Vorgehensweise ist darauf ausgerichtet, herauszufinden, inwiefern sich Unterschiede in der Entwicklung vergleichbarer ländlicher Regionen mit dem Wirken einzelner tangibler und intangibler Faktoren sowie durch deren Interaktion erklären lassen. Dabei werden insbesondere die jeweils spezifischen nationalen, regionalen und lokalen Rahmenbedingungen als Erklärungsursachen mit herangezogen

, bei dem insgesamt vier ländlich geprägte Landkreise Deutschlands als Fallbeispiele paarweise vergleichend gegenübergestellt wurden.

Bei den als Fallbeispiele untersuchten Regionen handelt es sich um die Landkreise Emsland, Ludwigslust, Lüchow-Dannenberg und Uecker-Randow.,

Um die regionalen Besonderheiten in Bezug auf das Vorhandensein und die Inwertsetzung regionaler Entwicklungsressourcen nachvollziehen zu können, werden in einem ersten Teil Spezifika der sektoralen Wirtschaftsstruktur sowie der Faktorausstattung in Lüchow-Dannenberg vorgestellt. Im zweiten Teil wird untersucht, in welcher Art Netzwerkstrukturen und Sozialkapital zwischen regionalen Akteuren Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung dieses Landkreises genommen haben. Grundlage hierzu bilden die Ergebnisse quantitativer und qualitativer Erhebungsverfahren, wie eine schriftliche Unternehmensbefragung. Netzwerkanalysen und Experteninterviews mit den Spitzen regionaler Institutionen, Kommunen, Parteien, Unternehmen, Bürgerinitiativen und Verbänden. In diesem Zusammenhang werden auch konkrete Beispiele zur Veranschaulichung angeführt. In dem abschließenden Teil werden neben der Zusammenfassung der wichtigsten Resultate mögliche zukünftige Entwicklungstendenzen der Region skizziert, ehe Handlungsempfehlungen zur Dynamisierung sozioökonomischer Entwicklungen formuliert werden.

Räumliche Besonderheiten und strukturelle Entwicklungstrends

Nach Jahrzehnten der politisch bedingten Peripherlage im Schatten der innerdeutschen Grenze rückte der Landkreis Lüchow-Dannenberg im Nord-Osten Niedersachsens seit der Wiedervereinigung aus geographischer Sicht wieder in eine zentralere Position inmitten des Städtedreiecks Hamburg-Berlin-Hannover. An dem Image, eine der periphersten und strukturschwächsten Regionen der alten Bundesländer zu sein, hat sich seitdem jedoch wenig verändert. Dies spiegelt sich beispielsweise an Vergleichsdaten zur Bevölkerungsdichte, der Arbeitslosenquote und der Produktivität wider (Tab. 1), lässt sich durch eine detailliertere Analyse einzelner sozioökonomischer Einflussgrößen jedoch noch untermauern.

Quantitative Strukturdaten im Vergleich

Lüchow-Dannenberg

Niedersachsen

Bevölkerungsdichte in Einwohnern pro km2 (1997)

43

165

Arbeitslosigkeit in % (30.9.2000)

17,0

9,6

Bruttovvertschöpfung je Erwerbstägigen in DM (1996)

88 450

96 601

Quelle: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 1999;

Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg; Statistisches Landesamt Niedersachsen 2000

Entwicklung des Humankapitals

Die Bevölkerungsentwicklung des Landkreises zeigte sich während der 90er Jahre seit Jahrzehnten erstmals wieder positiv, jedoch war sie gleichzeitig durch eine fortschreitende Überalterung gekennzeichnet. Mit einem Anteil der über 65-Jährigen von mehr als 20 % der Bevölkerung weist der Landkreis die stärkste Überalterung aller niedersächsischen Kreise auf. Insbesondere ältere Bevölkerungsgruppen, die Lüchow-Dannenberg auf Grund der Naturraumpotenziale als Alterswohnsitz wählten, wanderten zu.

Landkreis Lüchow-Dannenberg (1997): Statistische Information: Bevölkerung, Wirtschaft, Finanzen

Auf Grund der ungenügenden Ausstattung mit Arbeitsplätzen, Aus- und Weiterbildungsplätzen ist auf Seiten der jüngeren Bevölkerungsgruppen jedoch eine anhaltende Abwanderung zu verzeichnen, die nur nach der Grenzöffnung eine kurzzeitige Unterbrechung fand.

Hahn, Barbara; Pudemat, Petra (1998): Die Entwicklung des Landkreises Lüchow-Dannenberg nach der innerdeutschen Grenzöffnung unter besonderer Berücksichtigung des Verarbeitenden Gewerbes. In: Neues Archiv (1998) 1, S. 67–86

Ein weitgehender Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist heute die Folge dieser Entwicklung.

Sektorale Wirtschaftsentwicklung und infrastrukturelle Ausstattung

Bei der Betrachtung der Wirtschaftszweige nimmt die Landwirtschaft, gemessen an der Anzahl der Beschäftigungsverhältnisse, nach wie vor einen hohen Stellenwert ein. Im Jahr 1998 lag der Anteil aller Erwerbstätigen im primären Sektor in Lüchow-Dannenberg mit 3,6 % fast dreimal so hoch wie im Durchschnitt der ländlichen Räume Westdeutschlands.

Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.) (1999): Aktuelle Daten zur Entwicklung der Städte, Kreise und Gemeinden. Ausgabe 1999, Bonn

Der strukturelle Wandel in diesem Sektor wird auch zukünftig zu Arbeitsplatzverlusten und zur Ausweitung des Anteils größerer Betriebe führen. Die Nutzung vorhandener Kompetenzen im ökologischen Landbau, die in Verbindung mit den bestehenden naturräumlichen Potenzialen, kulturellen Angeboten sowie dem regionalen Handwerk zu clusterartigen Strukturen weiterentwickelt werden könnten, bleibt aus heutiger Sicht auf Grund organisatorischer Schwächen im Vermarktungsbereich noch hinter den Möglichkeiten zurück. Im tertiären Sektor konnten das Gaststätten- und Fremdenverkehrsgewerbe, ebenso wie der Einzelhandel, den einheitsbedingten Boom nicht längerfristig stabilisieren. Schon ab 1992 war der Verlauf der Übernachtungszahlen im Kreis stark rückläufig. Positive Arbeitsmarktimpulse im Baugewerbe und im Verarbeitenden Gewerbe, wie sie nach der Grenzöffnung zunächst eintraten, haben während der letzten Jahre ebenfalls an Entwicklungsdynamik eingebüßt.

Siehe Anm. (4)

Abbildung 1

Bevölkerungsentwicklung im Vergleich

Neben gravierenden Defiziten in der Faktorausstattung weist der Landkreis eine ungünstige Betriebsgrößenstruktur auf, mit einem ausgeprägten Mangel an mittelgroßen Betrieben. Statt dessen haben im produzierenden Sektor einzelne größere Fertigungsstätten regionsexterner Mutterbetriebe eine große Beschäftigungswirkung. Diese Betriebe aus der Automobilzulie und dem Maschinenbau, die sich in den 60er Jahren durch Investitionsanreize im Rahmen der Zonenrandförderung sowie durch das Vorhandensein ausreichender Arbeitskräfte bei niedrigen Löhnen im Landkreis niederließen, leiden in Zeiten der Just-in- time-Fertigung v.a. durch die abseitige Lage des Landkreises zu den Lkw- und schienenorientierten Verkehrsachsen unter erheblichen Standortnachteilen.

Siehe Anm. (4)

Trotz einzelner verkehrsbaulicher Maßnahmen gilt Lüchow-Dannenberg bzgl. der Erreichbarkeit als eine der periphersten Regionen Westdeutschlands.

Verkehrliche Erreichbarkeit

Lüchow-Dannenberg

Niedersachsen

Ländliche Räume der alten Bundesländer

Durchschnittliche Erreichbarkeit der nächsten drei Agglomerationsräume im Pkw in min.

95

85

105

Durchschnittliche Erreichbarkeit der nächsten drei Agglomerationsräume im Schienenverkehr in min.

131

94

132

Pkw-Fahrzeit zum nächsten IC-Haltepunkt

56

36

35

Pkw-Fahrzeit zum nächsten internationalen Verkehrsflughafen in min.

115

60

78

I.kw-Fahrzeit zum nächsten KLV-Tenninal in min.

82

32

38

Quelle: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 1999

Einen weiteren negativen Gesichtspunkt stellt das geringe Ausmaß der Lieferverflechtungen der Großbetriebe mit den heimischen KMU dar. Entscheidungen über Standortverlagerungen, die in den regionsexternen Konzernzentralen getroffen werden, stellen angesichts der geringen Integration in regionale Zuliefer- und Absatznetzwerke einen permanenten Unsicherheitsfaktor für den regionalen Arbeitsmarkt dar. Neuansiedlungen externer Investoren sind bei einer leistungsfähigeren Verkehrsinfrastruktur und günstigeren Förderkonditionen eher im wenige Kilometer entfernten Landkreis Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) zu erwarten.

Die Rolle der atomaren Lagerstättenwirtschaft als ökonomischer Standortfaktor

Vor dem Hintergrund der geschilderten wirtschaftlichen Voraussetzungen kommt den beiden Unternehmen der atomaren Entsorgungswirtschaft „BLG“ (Brennstoffelementelager-Gesellschaft Gorleben mbH) und „DBE“ (Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe mbH) innerhalb des Landkreises eine besondere regionalökonomische Bedeutung zu. Die Beschäftigungswirkung der mittelbar Beschäftigten kann für die letzten Jahre auf ca. 600 beziffert werden, das Moratorium zur Unterbrechung der bergwerklichen Erkundungstätigkeiten aus dem Jahr 2000 wird jedoch mittelfristig schätzungsweise eine Halbierung der Beschäftigtenzahlen zur Folge haben. In der Region bestehen zudem nicht genau quantifizierbare sekundäre Beschäftigungseffekte, z.B. in der Bauwirtschaft, im Zuliefer- und Servicebereich. Durch höher- bzw. hochqualifiziertes Personal, z.B. aus Ingenieursdisziplinen, werden zusätzlich regionale Komplementäreffekte über die Endnachfrage induziert. Durch Zuweisungen in Form von sog. „Gorleben- geldern“ aus dem Bundeshaushalt bis 1992 sowie durch die von der BLG geleisteten Strukturhilfemittel und Infrastrukturzuschüsse für die Samtgemeinde Gartow nimmt die Atomwirtschaft erheblichen positiven Einfluss auf die Haushaltslage. In Erwartung entsprechender fiskalischer Effekte begrüßte der Kreistag 1979 das Vorhaben der Bundesregierung zur Errichtung eines nuklearen Entsorgungszentrums inklusive Endlagerstätte, mit deren Ausbau Anfang der 80er Jahre begonnen wurde. 1987 stimmte der Kreistag darüber hinaus mit knapper Mehrheit für die standortgebundene Prüfung des Baues einer Politkonditionierungsanla- ge, die in den 90er Jahren errichtet wurde.

Niedersächsisches Institut für Wirtschaftsforschung (Hrsg.) (1993): Perspektiven der wirtschaftlichen Entwicklung im Landkreis Lüchow-Dannenberg und Handlungsmöglichkeiten der regionalen Strukturpolitik bei einem Ausstieg aus der atomaren Entsorgungswirtschaft. Gutachten im Auftrag der Niedersächsischen Staatskanzlei. Kurzfassung. Hannover

Auf der anderen Seite formierte sich aus verschiedensten Teilen der Bevölkerung erheblicher Widerstand gegen diese politischen Entscheidungen. Neben der politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung innerhalb des Kreises leidet Lüchow-Dannenberg insbesondere seit Einlagerung der ersten Castorbehälter im Zwischenlager Mitte der 90er Jahre auch unter erheblichen Imageproblemen, da es immer wieder zu Konfliktsituationen zwischen heimischer Bevölkerung, zugereisten Demonstranten und der Polizei kommt.

Ökonomische Entwicklungsdynamik unter Einfluss von Sozialkapital
Ergebnisse der empirischen Erhebung

Die Ergebnisse der schriftlichen Unternehmensbefragung, der Experteninterviews, die im Rahmen des DORA-Projektes mit insgesamt 34 regionalen Akteuren durchgeführt wurden, sowie der Netzwerkanalyse sollen nach der obenstehenden Analyse der regionalen Ausstattungs- und Strukturmerkmale zur Klärung der Frage beitragen, inwiefern die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung Lüchow-Dannenbergs durch bestimmte gesellschaftliche Verhaltensmuster mitbeeinflusst wird.

Insbesondere dem regionalen Netzwerk- bzw. Kooperationsansatz wird in der regionalwissenschaftlichen Literatur der letzten Jahre steigende Bedeutung beigemessen. Nach diesem kann die regionale Interaktion relevanter, entscheidungskompetenter Akteure verschiedenster Institutionen in einem Milieu der Offenheit und des Vertrauens Synergien schaffen und wichtige Impulse für die Ausschöpfung endogener Entwicklungspotenziale geben.

Cagmagni, Roberto (1995): The Concept of Innovative Milieu and its Relevance for Policies in European Lagging Regions. In: Papers in Regional Science: The Journal of the RSAI 74,4, S. 317–340

Im Zusammenhang mit langfristigen, vertrauensvollen Beziehungen taucht in jüngerer Zeit auch der Begriff des „Sozialkapitals“ auf. Das Sozialkapital kann nach Putnam

Putnam, Robert D. (1993): Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy. Princeton

bei der Lösung von Kollektivgutproblemen innerhalb eines Gemeinwesens unterstützend wirken. Die Fähigkeit, solches Sozialkapital zu entfalten, stützt sich besonders auf gemeinsame Werte und Normen sowie eine gemeinsame kulturelle Identität. Beide Punkte beeinflussen das Verhalten von Individuen innerhalb einer Gemeinschaft und können helfen, über Informationsflüsse „Reibungsverluste“ im Wirtschaftsgeschehen zu verringern, die Verwaltung zu entbürokratisieren und sozial destruktives Auftreten durch Konsensverhalten abzubauen.

In einem Fragebogen wurden die Befragten gebeten, aus Begriffspaaren spontan positiv oder negativ belegte Begriffe anzukreuzen, die sie mit ihrem Landkreis assoziieren. Bei dem Begriffspaar „integriert“ gegen-über „gespalten“ wählte eine deutliche Mehrheit der Befragten den Begriff „gespalten“ als passende Beschreibung für Lüchow-Dannenberg, was ein erstes Indiz dafür ist, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt auf der regionalen Ebene gestört zu sein scheint. Die in den Experteninterviews gewonnenen Informationen erlauben detaillierte Einblicke in das Sozialkapital zwischen den regionalen Entscheidungsträgern. Hier kristallisierte sich der andauernde Konflikt um die Atommüll-Lagerstätten in Gorleben als entscheidender Negativfaktor heraus, der eine Entfaltung von Sozialkapital auf regionaler Ebene verhindert. Nach Ansicht der Interviewpartner bleibt der Gorlebenkonflikt nicht auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen beschränkt, sondern gehe „bis in die Familien hinein“. Die politische Entscheidung zum Betrieb der Anlagen bewirkt eine Spaltung großer Teile der Bevölkerung in zwei konträre Lager sowie die Ideologisierung der regionalen Politik- und Entscheidungsprozesse. Interviewaussagen entsprechend, entpuppt sich der Streitfall Gorleben als „tiefgreifendster Konflikt, der politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hemmfaktor ist“. Die Bereitschaft, regionalpolitisch wichtige Zielbestimmungen und Fragestellungen im gesellschaftlichen Konsens und über Parteigrenzen hinweg zu lösen, scheitert an der Blockbildung, denn „politische Gegensätze sind erst seit Gorleben politische Gegensätze”.

Exemplarisch sei anhand der persönlichen Kontakte regionaler Akteure untereinander die Qualität und Struktur der Netzwerkbeziehungen in dem Landkreis Lüchow-Dannenberg untersucht. Abbildung 2 bildet die symmetrischen

Als „symmetrisch“ werden solche Kontakte bezeichnet, die von zwei Seiten bestätigt werden. Gibt z.B. Person A einen Kontakt zu Person B an, nicht jedoch umgekehrt, so wäre der Kontakt „unsymmetrisch“.

privaten Kontakte der befragten Akteure graphisch ab.

Dem Sozialkapital auf privater Ebene kann besondere Relevanz in Bezug auf kooperatives Verhalten beigemessen werden. Im Gegensatz zu beruflichen Kontakten, die auf damit verbundenen Verpflichtungen beruhen können, wird erste Kontaktart eher durch eine soziale Komponente (Vertrauen) geleitet. Insbesondere Beziehungen informeller Art können daher einen wichtigen Faktor für regionalökonomische und -politische Entscheidungsprozesse darstellen

In bestimmten Fällen sind auch „vermutete“ symmetrische Kontakte abgebildet. Hier handelt es sich um Kontakte zu Akteuren, die nicht persönlich befragt werden konnten. Durch Hintergrundwissen aus den Interviews, d.h. durch die Angabe von Kontakten durch andere Akteure, kann in diesen Fällen jedoch eine symmetrische Qualität unterstellt werden. Da in fast allen Interviews u.a. das Thema „Gorleben“ behandelt wurde, war es im Nachhinein möglich, die befragten Akteure anhand ihrer Einstellung zu den Atommüll-Lagerstätten zu gruppieren. Danach wird eine Teilung des Akteursnetzwerkes in drei Gruppen deutlich: In Atommüll-Lagerstättengegner, -befürworter sowie Akteure, deren persönliche Haltung zum Gorlebenkonflikt im Interview nicht deutlich zum Ausdruck gekommen ist oder deren private Ansicht von der ihrer Partei bzw. Institution abweicht.

Abbildung 2

Netzwerk privater symmetrischer Kontakte regionaler Akteure

Quelle: eigene Erhebung

Kontakte innerhalb der beiden gegensätzlichen Gruppen sind häufig direkter Natur und können insbesondere zur Erreichung von Gruppenzielen genutzt werden.

Pfeiffer, Judith (2000): Der Einfluss von Sozialkapital auf die Entwicklung von Regionen im ländlichen Raum. Diplomarbeit an der Universität Dortmund, Fakultät Raumplanung, S. 62 ff.

Direkte symmetrische Kontakte zwischen den beiden Lagern bestehen jedoch nicht. Interessanter weise lässt sich diese starke Segmentierung des regionalen Akteursnetzwerkes auch bei der Betrachtung des Netzwerkes über gemeinsame Mitgliedschaft in „Vereinen, Clubs und Parteien“ nachweisen (Abb. 3), auch wenn hier vereinzelt direkte Kontakte zwischen Atomkraftbefürwortern und -gegnern bestehen.

Abbildung 3

Netzwerk symmetrischer Kontakte regionaler Akteure durch Mitgliedschaft in Vereinen, Clubs und Parteien

Quelle: eigene Erhebung

Vor dem Hintergrund der Interviewaussagen sowie der Netzwerkstrukturen kann festgehalten werden, dass persönliche Beziehungsgeflechte teilweise stark ausgeprägt sind. Da Sozialkapital jedoch eher zur Erreichung von Gruppen- bzw. Eigeninteressen zur Verfügung steht und nicht zu Gunsten regionaler Zusammenarbeit, widerspricht es somit dem regionalen Milieugedanken. Diese starke gruppeninterne Vernetzung, die als „strong ties“ (im Gegensatz zu „weak ties“) bezeichnet werden kann, führt letztlich zu einem Abschottungsverhalten gegenüber dem anderen Lager. Gruppenexterne Impulse werden nur bedingt aufgenommen und „ideologische Frontlinien“ behindern die Entfaltung endogener Entwicklungspotenziale.

Beispiele blockierter Entwicklungsprozesse

Auch wenn sich die Wichtigkeit der „Gorlebenfrage“ für die festzustellenden Tendenzen einer gesellschaftlichen wie politischen Spaltung im Landkreis Lüchow- Dannenberg nicht genau quantifizieren lässt, untermauern die zusammengetragenen Ergebnisse, dass die Debatte um die Atommüll-Lagerstätten in verschiedener Hinsicht Auswirkungen auf Bereiche der räumlichen Entwicklungsplanung hat.

Der schon zuvor angesprochene gesellschaftliche und politische Widerstand hat sich über die Jahre in zweckgerichteten, in sich relativ homogenen Gruppen manifestiert. Dabei kommt insbesondere zwei Bürgerinitiativen gegen die atomaren Lagerstätten („Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg“ und „Bäuerliche Notgemeinschaft“) ein erheblicher Stellenwert zu. Sie sind im Gemeinwesen neben „typischen“ norddeutschen Vereinsstrukturen wie Schützenvereinen, freiwilligen Feuerwehren und Sportvereinen etabliert und vereinigen Bürger unterschiedlicher sozialer Herkunft. Entsprechende Zusammenschlüsse existieren auf Seiten der Lagerstättenbefürworter nicht, sie werden aber vermutlich partiell in den Reihen einer bestimmten Partei subsumiert. Problematisch bei der Gruppenbildung erscheint neben der gegenseitigen „Sprachlosigkeit“ beider Lager die Pauschalisierung im Werturteil gegenüber der anderen Seite, die Vertrauensaufbau schwierig macht.

Ebenfalls als problematisch anzusehen ist ein in Teilen der Bevölkerung verankertes Misstrauen gegenüber Entscheidungsträgern, das von einem Befragten als „Akzeptanzproblem gegenüber politischen Entscheidungen von oben“ beschrieben wurde. In dieser Aussage spiegelt sich ein „Gorleben-Dilemma“ wider. In der Folge weitgehend regionsexterner politischer Entscheidungen über den Bau und Betrieb der Anlagen hat sich in der Bevölkerung partiell eine Abwehrhaltung gegenüber weit reichenden Eingriffen in die regionale Entwicklung manifestiert. Dass der Vertrauensverlust in übergeordnete Verwaltungsinstanzen („die da oben“) einen wichtigen Aspekt zur Erklärung der Vorbehalte gegenüber der räumlichen Entwicklungsplanung verkörpert, wird anhand folgender Beispiele deutlich:

Vor dem Hintergrund der abseitigen räumlichen Lage zu wichtigen Verkehrsachsen im Schienenfern- und Kraftfahrzeugverkehr würden direkte Anbindungen des Landkreises im Schienen- und/oder Straßenbereich eine deutliche Aufwertung der Region als Wirtschaftsstandort bedeuten, die einen Beitrag dazu liefern könnte, strukturelle Defizite abzubauen. Letztlich setzt sich auf Grund unterschiedlicher „Meinungsbildner“ jedoch eine Ablehnungshaltung durch, welche im Schienenfernverkehr nach Interviewaussagen darauf beruhe, dass die Konsequenz eine schnellere Abwicklung weiterer Castortransporte sein könne. Pläne für den Autobahnbau der A 14 treffen jedoch gleichermaßen auf Ablehnung, sowohl aus den Reihen von Naturschützern wie auch aus den Reihen zugereister Ruheständler. So haben Proteste beispielsweise dazu geführt, dass im Herbst 2000 der RROP-Entwurf, der eine Linienführung der A 14 enthielt, wieder zurückgenommen wurde.

http://www.ejz.de/(Elbe-Jeetzel-Zeitung): „Autobahn: auch in EJZ diskutiert” (29.12.2000)/ „Gesprächsbereit, aber in Grenzen“ (20.1.2002)

Mag dem Ziel der verbesserten infrastrukturellen Anbindung der Region das schützenswerte Naturraumpotenzial entgegenzuhalten sein, so ist festzustellen, dass auch das „Ökologieziel“ als Entwicklungsalternative auf Grund der verschiedenen „Verhinderungskoalitionen“ nicht konsequent verfolgt werden kann. Als Beispiel lässt sich die juristische Verhinderung der Einrichtung des „Nationalparks Elbtalaue“ anführen. Angesichts einer besonders starken Heimatverbundenheit und eines hohen Ökologiebewusstseins, über das die regionale Bevölkerung nach Interviewaussagen verfügt und das die Region auch nach außen zu vermitteln sucht, wäre die Ausweisung eines solchen Schutzgebietes nicht nur aus Naturschutzgründen sinnvoll, sondern könnte auch für den Bereich des naturnahen Tourismus ein bedeutender Standortfaktor und ökonomischer Impulsgeber sein. Ein Gerichtsbeschluss des Oberverwaltungsgerichtes Lüneburg im Februar 1999 stufte den 1998 eingerichteten Nationalpark nach der Klage eines Landwirtes aus Lüchow-Dannenberg, jedoch als widerrechtlich ein, da es durch die strengen Nutzungsauflagen der landwirtschaftlichen Flächen die Betriebsexistenz als gefährdet ansah. Weitere 3 200 schriftliche Einwände, darunter solche von 170 Landwirten, deuten auf die Unausgewogenheit in der gesellschaftlichen Meinung über dieses Projekt hin.

http://news.agrar.de/:@grar.de Aktuell: Nationalpark Elbtalaue widerrechtlich (23.2.1999)

Auch wenn an dieser Stelle nicht der Eindruck entstehen soll, dass Großprojekte mit Flächennutzungskonflikten in anderen Regionen frei von gesellschaftlichen Diskussionen wären, wird anhand der genannten Beispiele jedoch deutlich, dass die Beschreitung alternativer Entwicklungspfade auf Grund des fehlenden gesellschaftlichen Konsenses mehrfach verhindert wurde. Zwar wird eine aktive „regionale Streitkultur“ unter Beteiligung von Bürgern, Wirtschaft, Vereinen usw. im Sinne eines bottom-up-Prozesses zur Dynamisierung endogener Ressourcen nicht zuletzt nach den Statuten der Agenda 21 ausdrücklich erwünscht. In Lüchow- Dannenberg hat sich jedoch ein Konfliktpotenzial entwickelt, das eine Bündelung der Kräfte und die Herausbildung eines sichtbaren regionalen Leitbildes - als Voraussetzung der endogenen Regionalentwicklung - nur schwer möglich erscheinen lässt.

Zusammenfassende Bewertung

Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass Ansätze der wirtschaftlichen Entwicklung im Landkreis Lüchow-Dannenberg durch verschiedene Einflussgrößen erschwert werden. Auf der einen Seite stellen die räumliche Anbindung an die überregionale Verkehrsinfrastruktur sowie die Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur Standortnachteile dar. Diese „klassischen“ Entwicklungshemmnisse werden jedoch flankiert durch deutliche Brüche im sozialen Gefüge. Hier ist insbesondere die Spaltung von Gesellschaft und Entscheidungsträgern in ideologische Lager zu nennen, die sich bezüglich Fragen der regionalen Konsensfindung als sehr statisch erweisen. Die gespaltenen Netzwerke der meinungsbildenden Akteure stellen sich für die Herausbildung eines einheitlichen Entwicklungspfades als kontraproduktiv dar.

Nach Ansicht der befragten regionalen Akteure ist die Ursache der entstandenen Blockadesituation überwiegend im Streit um die atomaren Lagerstätten in Gorleben zu sehen. Während dieser Konflikt einerseits thematisch zu polarisieren vermochte, hat er zum anderen einen massiven Vertrauensverlust in Bezug auf extern induzierte Entwicklungsvorhaben bewirkt und blieb daher nicht auf den Kern der Auseinandersetzung (pro oder kontra Atommüll-Lagerstätten) beschränkt.

Es bleibt abzuwarten, ob es in Lüchow-Dannenberg zukünftig gelingen wird, existierende Entwicklungshemmnisse abzubauen, um einen sich weiter beschleunigenden negativen sozioökonomischen Kreislauf mit dem Ergebnis eines selektiven Entzuges der Produktivfaktoren Arbeit, Kapital und technisches Wissen zu vermeiden. Klar ist jedoch, dass die Region bei dem sich verschärfenden Wettbewerb um Investitionen und Kapital Gefahr läuft, weiter an Boden zu verlieren. Bei steigender Flexibilität von Standortentscheidungen werden Rahmenbedingungen wie das Vorhandensein ausgebildeter Arbeitskräfte, einer leistungsfähigen Infrastruktur sowie einer unbürokratischen regionalen Entscheidungsfähigkeit vorausgesetzt. Momentan stellen sich alle drei Bedingungen jedoch eher als ungünstig dar.

In Zeiten allgemein immer weiter auseinander driftender Raumnutzungsansprüche ist angesichts der Tatsache, dass Interessen nicht länger über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entschieden werden können, eine breite, sachliche Auseinandersetzung über Entwicklungsziele und -maßnahmen dringend erforderlich. In Anbetracht der „Heimatverbundenheit“, die trotz des vorherrschenden Konfliktpotenzials ein verbindendes Element der Bevölkerung Lüchow-Dannenbergs ist, könnten über die Weiterentwicklung eingangs erwähnter Potenziale und Motivationen im ökologischen Landbau, naturnahen Tourismus bzw. Tagungstourismus sowie auch im regionalen Handwerk weitere identitätsstiftende Impulse initiiert werden. Des Weiteren stellen Verknüpfungspunkte dieser Bereiche durchaus positive regionale Wertschöpfungseffekte in Aussicht. Allerdings dürfen potenzielle Effekte dieses Wirtschaftsbereiches nicht überschätzt werden - Kritiker sehen hierin nur einen gesellschaftlichen Trend und mahnen das Überangebot im Fremdenverkehrssektor an. In diesem Sinne muss der Bestandspflege der derzeit bestimmenden Branchen sowie der Verbesserung der Standortbedingungen ein wesentliches Interesse zukommen.

Die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung des Landkreises wird in Zukunft jedoch wesentlich durch die Fähigkeit von Bevölkerung und Entscheidungsträgern bestimmt werden, einen gelasseneren und pragmatischeren Umgang miteinander zu finden. Die weitere regionale Bedeutung der Gorlebenfrage dürfte dabei eine mitentscheidende Rolle spielen. Der Abbau ideologischer Konfliktmauern als Basis gemeinschaftlichen Handelns, die Verbesserung des regionalen Images nach außen und eine durch Realismus geprägte Diskussion über die atomaren Lagerstätten, unter Einbezug ihrer Funktion als ökonomischer Standortfaktor in der Region, würden letztlich dazu beitragen, Entwicklungshemmnisse im Landkreis Lüchow-Dannenberg zu vermindern.

Abbildung 1

Bevölkerungsentwicklung im Vergleich
Bevölkerungsentwicklung im Vergleich

Abbildung 2

Netzwerk privater symmetrischer Kontakte regionaler AkteureQuelle: eigene Erhebung
Netzwerk privater symmetrischer Kontakte regionaler AkteureQuelle: eigene Erhebung

Abbildung 3

Netzwerk symmetrischer Kontakte regionaler Akteure durch Mitgliedschaft in Vereinen, Clubs und ParteienQuelle: eigene Erhebung
Netzwerk symmetrischer Kontakte regionaler Akteure durch Mitgliedschaft in Vereinen, Clubs und ParteienQuelle: eigene Erhebung

Verkehrliche Erreichbarkeit

Lüchow-Dannenberg

Niedersachsen

Ländliche Räume der alten Bundesländer

Durchschnittliche Erreichbarkeit der nächsten drei Agglomerationsräume im Pkw in min.

95

85

105

Durchschnittliche Erreichbarkeit der nächsten drei Agglomerationsräume im Schienenverkehr in min.

131

94

132

Pkw-Fahrzeit zum nächsten IC-Haltepunkt

56

36

35

Pkw-Fahrzeit zum nächsten internationalen Verkehrsflughafen in min.

115

60

78

I.kw-Fahrzeit zum nächsten KLV-Tenninal in min.

82

32

38

Quantitative Strukturdaten im Vergleich

Lüchow-Dannenberg

Niedersachsen

Bevölkerungsdichte in Einwohnern pro km2 (1997)

43

165

Arbeitslosigkeit in % (30.9.2000)

17,0

9,6

Bruttovvertschöpfung je Erwerbstägigen in DM (1996)

88 450

96 601

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