1. bookVolume 58 (2000): Issue 2-3 (March 2000)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

What is the Driving Force?

Published Online: 31 Mar 2000
Volume & Issue: Volume 58 (2000) - Issue 2-3 (March 2000)
Page range: 244 - 253
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Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Abstract

Great expectations are currently being pinned on towns and urban regions with regard to the crucial part ascribed to them in shaping the competitive environment in both European and global terms. They are the “engines” which deliver creative solutions and perform myriad feats of integration regarded as vital to maintaining economic competitiveness. The theoretical debate on the functioning of regional economies reflects this view and is constantly increasing the number of aspects which it includes in its model studies. Two examples are the local innovative milieu investigated by the GREMI research group, and the discussion on urban governance. Both models are concerned with the description and analysis of structures and actions in regions and towns. Irrespective of differences between the specific norms which apply to the two models, in a more fundamental sense these are the issues of the future: Faced with the complexity of the competitive environment, how will it be possible for urban regions to create and to maintain the ability to shape themselves?

Einleitung

Städten und Stadtregionen wird seit geraumer Zeit in einer beinahe konzertierten Aktion herausragende Bedeutung beigemessen. Auf europäischer Ebene sprechen Dokumente der Europäischen Kommission, wie Europa 2000 und Europa 2000+ oder das Dokument zur European Urban Agenda, sehr deutlich davon, dass Städte und Stadtregionen als die zentralen Orte betrachtet werden, in denen die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit Europas entschieden wird - und ganz beiläufig angemerkt, hier leben auch 80 % der europäischen Bevölkerung. In gleicher Weise betonen auf deutscher Seite der Raumordnungspolitische Orientierungs-, der Handlungsrahmen sowie das Dokument Europäische Metropolregionen in Deutschland die Wichtigkeit einer dezentralen polyzentrischen Raum-und Siedlungsstruktur. Innerhalb dieser werden ingesamt sieben Metropolregionen als Zentren der entscheidenden Entwicklungskräfte gesehen: Hier bündeln sich Innovation, Kreativität und gesellschaftliche Dynamik.

Zu den Dokumenten: Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Generaldirektion Regionalpolitik (Hrsg.): Europa 2000: Perspektiven der künftigen Raumordnung der Gemeinschaft. — Luxemburg 1991; European Commission (Ed.): Europe 2000+: Cooperation for European territorial development. — Luxembourg 1994; Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.): Raumordnungspolitischer Orientierungsrahmen. Leitbilder für die räumliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. — Bonn 1993; dass. (Hrsg.): Raumordnungspolitischer Handlungsrahmen. Beschluss der Ministerkonferenz für Raumordnung in Düsseldorf am 8. März 1995. — Bonn 1995; Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): European metrolitan areas in Germany. Europäische Metropolregionen in Deutschland. — Düsseldorf 1998

Nicht genug damit, dass diese Stadtoder Metropolregionen wichtige Knotenpunkte innerhalb eines weiteren Entwicklungsmusters darstellen - diese Städte bewirken den Wandel.

Im Zeichen des globalen Wettbewerbs, der oft den Hintergrund der jeweiligen Dokumente bildet, sind diese Stadtregionen vor allem Hoffnungsträger für zukünftige Wirtschaftsentwicklung: „Ais Motoren der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung sollen sie die Leistungs- und Konkurrenz-fähigkeit Deutschlands und Europas erhalten und dazu beitragen, den europäischen Integrationsprozess zu beschleunigen.“

Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): European metropolitan areas in Germany. Europäische Metropolregionen in Deutschland. — Düsseldorf 1998, S. 20

Dies ist eine große Aufgabe für die Städte und Stadtregionen Deutschlands, vor allem wenn man die z.T. doch sehr unterschiedlichen Ausgangspunkte bedenkt. Altindustrielle Regionen werden seit der Diskussion über das Süd-Nord-Gefälle als die Verlierer des global-regionalen Wettbewerbes gesehen - zumindest hält sich diese Einschätzung hartnäckig, trotz mehr oder weniger gelungener PR-Aktionen wie „Der Pott kocht“. Eingedenk der immer noch negativen Bewertung des Ruhrgebietes verwundert

Verwundert ist wohl eher der Außenseiter. Intern wurde das Ruhrgebiet immer schon differenzierter bewertet. Vgl. Ache, P.; Ingenmey, F.J.; Kunzman, K.R.: Die regionale Entwicklung süddeutscher Verdichtungsräume: Parallelen zum Ruhrgebiet? — Essen 1989

es zunächst, die Region unter den herausragenden Metropolen zu finden - allerdings nur auf den ersten Blick. Der zweite Blick offenbart, es geht um die Rhein-Ruhr-Region, eine Region mit ca. 10 Mio. Einwohnern und mit den Städten Köln und Düsseldorf als modernen Zentren. Ein dritter Blick zeigt, was das Kernthema des Ansatzes überhaupt ist: Wesentlicher Motor des Erfolgs aller genannten Metropolregionen ist die freiwillige Kooperation zwischen den Städten und insbesondere zwischen öffentlichen und privaten Partnern und Akteuren. Hierin werden Synergieeffekte gesehen, die es auszunutzen gilt.

Die Stadt und auch Region als komplexe Strukturen zu verstehen, die gesellschaftliche Subsysteme wie Ökonomie, Soziales, Kultur, Wissenschaft usw. miteinander integriert und konzertiert, hat über die vergangenen zehn Jahre wesentliche Züge verschiedener wissenschaftlicher Diskussionen geprägt.

Geographie, Wirtschaftswissenschaften, Regionalwissenschaft, Soziologie u.a. Vgl. Lagendijk, A.: Will New Regionalism survive? Tracing dominant concepts in economic geography. = Draft Paper, Centre for Urban and Regional Development Studies, University of Newcastle upon Tyne, April 1998

Die Modelle des lokalen innovativen Milieus als auch der Urban Governance sind zwei der in diesem Zusammenhang interessanteren Vorstellungen. Sowohl das lokale innovative Milieu als auch die Urban Governance sind theoretische Diskussionslinien der letzten Jahre, die genau diese komplexe Thematik ansprechen: Innovation und lokale Kultur, Politik und Handeln werden als eng miteinander verbundene regional-gesellschaftliche Komplexe verstanden. Die multiplen Integrationsleistungen auf städtisch-lokaler Ebene werden mit unterschiedlich ausgerichteten Modellen beschrieben. Beide Ansätze zeigen letztlich eine Gemeinsamkeit: Mit ihnen wird das Verhältnis von Struktur und Handlung genauer betrachtet. Und genau dies sind die Themen, um die es in den zuvor genannten politisch-strategischen Dokumenten geht. Wie erreicht man neue Gestaltungsfähigkeit angesichts immer komplexerer Prozesse mit immer größerer Dynamik?

Der vorliegende Beitrag hat seinen Ausgangspunkt in einer Untersuchung zum Thema lokales innovatives Milieu in den Städten Dortmund und Newcastle upon Tyne, UK.

Ache, P.: Lokale innovative Milieus in altindustriellen Regionen. Theoretische Konzepte und empirische Befunde. Eine Untersuchung am Beispiel der Region Dortmund und Newcastle upon Tyne. — Dortmund 1998. = Dissertation, Fakultät Raumplanung, Universität Dortmund. Die Untersuchung fand zwischen 1994 und 1997/98 in Dortmund und Newcastle upon Tyne statt. In beiden Regionen wurden Vertreter regionaler Institutionen in intensiven Interviews zum Thema befragt. Zusätzlich wurde in Dortmund eine schriftliche Unternehmensbefragung sowie eine Auswertung von Patentdaten durchgeführt.

Nach einer kurzen Einführung der grundlegenden Elemente der beiden Modelle werden die Untersuchungsergebnisse einer empirischen Erhebung in zwei Stadtregionen entlang der wesentlichen Modell-aussagen diskutiert. Schließlich wird unter dem Aspekt der stadtregionalen Gestaltungsfähigkeit ein Ausblick auf mögliche Handlungsweisen in einem engeren Feld der Raumplanung gegeben: „normatives“ Milieu, ein Katalog von Maßnahmen.

Lokales innovatives Milieu und Urban Governance - Theoriediskussion

Durch den Bezug zum globalen Wirtschaftssystem, der in den o.g. Dokumenten mit an erster Stelle der Problemanalyse genannt wird, sind die Herausforderungen klar formuliert: In einem globalen Wettbewerbssystem ist es für Unternehmen und Regionen gleichermaßen wichtig, neue Kombinationen (Schumpeters generischer Begriff für Innovationen) schnell und mit allen Mitteln zu finden und sie an den Markt zu bringen.

Der Innovationsprozess hat sich dabei in eine Richtung verändert, die der „späte“ Schumpeter bereits angedeutet hatte: Innovation ist immer mehr eine Frage der systematischen Leistungsfähigkeit von komplexen Akteursstrukturen - die Region ist sicher ein Teil davon. Die theoretische Diskussion sieht in der Einbettung in die regionale Gesellschaft eine Unterstützung des Innovationsprozesses durch die gegebenen institutionellen und sozialen Strukturen und Kulturen, dem Ausbildungsstand oder Arbeitskräfte-Pool. Explizit formuliert dies die Hypothese vom lokalen innovativen Milieu. Der Dominanz industrieller Organisation werden moderierende Kräfte des Regionalen entgegengesetzt, bis hin zu der These, dass es die Region ist, die die innovativen Unternehmen hervorbringt. Diese Sichtweise ruft Kritiker auf den Plan: Der Vorwurf fehlender Operationalisierbarkeit verbleibt dabei im Rahmen regionalwissenschaftlicher Modellvorstellungen. Auf Basis gesellschaftstheoretischer Modellvorstellungen wird die Milieu-Hypothese als zu kurzgreifend kritisiert. Auch ihr, so wird bemängelt, gelingt es letztlich nicht, einer ökonomischen Logik zu entkommen, obwohl (regional-)gesellschaftliche Bedingungen ins Kalkül einbezogen werden. Als ein Gegenentwurf kann das Konzept der Urban Governance verstanden werden. Die Urban Governance hat als Ausgangspunkt eine gesellschaftstheoretische Analyse. Verschiedene Regulationsbereiche und -ebenen werden im Zusammenspiel kapitalistischer Gesellschaftsformationen analysiert. Lokale Regulation ist dabei erst vor kurzem bearbeitet bzw. diskutiert worden.

Zum Thema der Embeddedness vgl. Granovetter, M.: Economic Action and Social Structure: The Problem of Embeddedness. In: American Journal of Sociology 91 (1985), S. 181–510. Zur lokalen Regulation vgl. z.B. Mayer, M.: Postfordistische Stadtpolitik. Neue Regulationsweisen in der lokalen Politik und Planung. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 40 (1996), S. 20–27

Lokales innovatives Milieu

Das Konzept vom lokalen innovativen Milieu wurde vor ca. 10 Jahren durch die GREMI-Forschergruppe in die Diskusssion eingebracht. Die zentrale Aussage lautet: Unternehmen werden als Produkt des lokalen innovativen Milieus verstanden. Ein solches Milieu ist der Inkubator von Innovationen und innovativen Unternehmen in einer Region. Innovatives Verhalten wird geprägt durch lokale, regionale und nationale Einflüsse. „This line of argument leads naturally to the hypothesis that it is often the local environment which is, in effect, the entrepreneur and innovator, rather than the firm.“

Das Zitat stammt aus Aydalot, P.; Keeble, D.: High-Technology Industry and Innovative Environments in Europe: An Overview. — London, New York 1988. In: Aydalot, P.; Keeble, D. (Ed.): High Technology Industry and Innovative Environments: The European Experience, S. 1–21, hier: S. 9, Hervorhebung durch den Verfasser; GREMI — Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs versammelt überwiegend Forscher aus Italien und Frankreich. Die folgenden Zitate und Anmerkungen stammen aus Camagni, R.: Innovation Networks: Spatial Pespectives. — London, New York 1991, S. 2; Maillat, D.: The Innovation Process and the Role of the Milieu. — London, New York 1991. In: Bergmann, E.; Maier, G.; Tödtling, F. (Ed.): Regions reconsidered: economic networks, innovation and local development in industrialised countries, S. 103–117, hier: S. 113; Maillat, D.: Territorial Development, Milieu and Regional Policy. = Working Papers, IRER, Université de Neuchâtel, No. 0306, S. 5. Zur Diskussion der Weltsicht vgl. Crevoisier, O.: Functional Logic and Territorial Logic and how they inter-relate in the region. — Berlin 1990. In: Ciciotti, E.; Aldermann, N.: Thwaites, A. (Ed.): Technological Change in a Spatial Context. Theory, Empirical Evidence and Policy, S. 17–36

Die GREMI-Arbeiten versuchen damit eine moderne Raumentwicklungstheorie zu entwerfen: Der ökonomische Raum wird relationaler Raum, ein Feld sozialer Interaktion, interpersonaler Synergien und kollektiver Aktion, das die Innovationskapazität und den ökonomischen Erfolg eines spezifischen lokalen Raumes bestimmt. Der Unterschied insbesondere zu den neoklassischen Ansätzen wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Räumliche Nähe wird nicht als Distanzfaktor (ausgedrückt in Transportkosten) aufgefasst. Im Gegenteil, es werden die Potenziale zum Informationsaustausch (persönliche Kontakte) oder Ähnlichkeiten kultureller und psychologischer Art hervorgehoben. Schließlich kann räumliche Nähe auch mit einer hohen Dichte von Produktionsfaktoren und erhöhter (potenzieller) Mobilität dieser Faktoren verbunden sein.

„All these elements in fact are crucial (…) not only because they widely determine the efficiency of the local production System, but particularly because they determine the local response capability to a changing external environment, its innovativeness and production flexibility.“

Insbesondere diese Idee der lokalen Reaktionsfähigkeit ist interessant und wird bei der Betrachtung der konstituierenden Elemente des Milieus deutlicher. Das Milieu darf nicht als ein Warenhaus definiert werden, aus dem sich Unternehmen und Akteure nach Belieben bedienen können. Die Grundelemente des Milieus liegen eher auf einer organisatorischen, funktionalen Ebene:

a collection of players: these players (firms, research and training institutes, local authorities, etc.) must have relative decision-making independence and autonomy in making Strategie choices;

physical elements (firms, infrastructure) but also non-physical elements (know-how) and institutio- nal elements (various forms of local authorities or organizations having decision-making powers);

an interaction logic which forms part of Cooperation: the players must act interdependently in order to make better use of the existing resources;

a learning logic, which is manifested by the player's ability - formed in the course of time - to modify their behaviour and to implement new Solutions as a function of the changes in their external environment.“

Das lokale innovative Milieu stellt sich insgesamt als ein komplexes System dar, in dem ökonomische und technologische Abhängigkeiten bestehen: Ein territoriales Produktionssystem, das sich nach außen als kohärentes Ganzes darstellt. Es ist wichtig, diese Begriffe von Kohärenz und Prozess noch weiter zu betrachten: Prozesse des Kommunizierens, des Interagierens und Lernens formen langfristig eine lokale Kultur, in der die Akteure - d.h. Unternehmen, Individuen, Organisationen, Institutionen - eine gemeinsame Weitsicht entwickeln, verstanden als „common approach to situations, problems and opportunities“ oder auch „coherent System of representations“, worüber sich letztlich die soziale und kulturelle Kohärenz herstellt.

Diese Konzepte sind sehr abstrakt und sind daher auch kritisiert worden.

Kritische Darstellungen und Kommentare zum lokalen innovativen Milieu sind zu finden in: Butzin, B.: Kreative Milieus als Elemente regionaler Entwicklungsstrategien? Eine kritische Wertung. — Bayreuth 1996. In: Bedeutung kreativer Milieus für die Regional- und Landesentwicklung, S. 9–37; Fromhold-Eisebith, M.: Das „kreative Milieu” als Motor regionalwissenschaftlicher Entwicklung. Forschungstrends und Erfassungsmöglichkeiten. In: Geographische Zeitschrift (1995), S. 30–47; Lagendijk, A.: Spatial clustering at the cross-roads of territorial and industrial development: a review. = Paper to be presented to the EUNIT Seminar on the Territorial Dimensions of Innovation, Dortmund, 21–23 May 1996; Storper, M.: The Resurgence of Regional Economics, Ten Years Later: The Region as a Nexus of Untraded Interdependencies. In: European Urban and Regional Studies (1995) 2, S. 191–221. Das Systematische Konzept basiert auf Camagni, R.: Local ‘milieu’, uncertainty and innovation networks: towards a new dynamic theory of economic space. — London, New York 1991. In: Camagni, R. (Ed.): Innovation Networks: Spatial Perspectives, S. 121–144

Auch innerhalb der GREMI-Arbeits- gruppe gibt es einen Diskussionsstrang, der die vielfältigen Fragen und kritischen Diskussionen des Milieu-Konzeptes aufgegriffen und zu einem systematischeren Konzept ausgebaut hat: Evolutionstheoretische Ansätze, das network behaviour von Firmen und die jeweils wirksamen räumlichen Faktoren in beiden Konzepten wurden herausgearbeitet.

Der Evolutions-Ansatz wurde durch Nelson/Winter entwickelt. Vgl. Nelson, R.R.; Winter, S.G.: An evolutionary theory of economic change. — Cambridge, MA 1982; Nelson, R.R.: Understanding technical change as an evolutionary process. In: Series: Prof. Dr. F. de Vries Lectures in Economics, Place 8. Er konzentriert sich auf die Rolle des technologischen Wandels für die generelle wirtschaftliche Entwicklung. Die organisationstheoretischen Vorstellungen des Ansatzes basieren auf den Arbeiten von O.E. Williamson, der die Transaction-Cost-Schule (Coase) weiterführt. Dosi, G. et al.: Technical Change and Economic Theory. — London, New York 1988 geben eine extensive Darstellung. Literaturangaben zur Network-Diskussion: Bergmann, E.M.; Maier, G.; Tödtling, F.: Regions Reconsidered: Economic Networks, Innovation, and Local Development in Industrialized Countries. — London 1991; Camagni, R.: Innovation Networks: Spatial Perspectives. — London, New York 1991

Das harte Milieu-Konzept arbeitet danach mit Netzwerken als zusätzlich stützenden Strukturen, die industrielle und soziale Akteure in der Region miteinander verbinden. Durch die Evolutionsperspektive wird vor allem der Unsicherheitsaspekt bei Innovationen hervorgehoben und dafür eine Reihe von regionalen Funktionen entwickelt, die die Unsicherheit beheben: SSSTTC-search-selection-signalling-transcoding-transformer-control.

Urban Governance

Unter dem Stichwort der Urban Governance werden die politischen und strategischen Dimensionen moderner Stadtregionen kritisch untersucht. Das Modell der Urban governance beschreibt die Veränderungen der politisch-administrativen Strukturen und erfasst den Bedeutungswandel von öffentlichen, privaten und halb-öffentlichen Akteuren. Die Grundhypothese ist, dass ein Handlungsvakuum durch die Akteure in Stadtregionen ausgefüllt wird. Dieses entsteht durch Verschiebungen im nationalen und supranationalen politisch-administrativen System (insb. EU) und es besteht hinsichtlich der zusehends eingeschränkten Hand-lungspotenziale gerade des öffentlichen Sektors. Dabei findet eine Verlagerung statt, von administrativ und konstitutionell abgesicherten Bereichen der Politikformulierung und -ausführung (d.h. von government), zu einer außerhalb der etablierten Strukturen ausgebildeten Politikform (d.h. zu governance).

Urban governance wird eng in Zusammenhang mit der regulationstheoretischen Debatte gesehen

Insbesondere mit der Analyse von Jessop, B.: Towards a Schumpeterian workfare regime in Britain? Reflections on regulation, governance, and welfare state. In: Environment and Planning A, 27 (1995), S. 1613–1626. Zu den nachfolgenden Aspekten vgl. Amin, A.; Thrift, N.: Institutional issues for the European regions: from markets and plans to socioeconomics and powers of association. In: Economy and Society 24 (1995), S. 41–66

, die im so genannten Schumpeterian Workfare State (SWS) einen potenziellen Übergang vom Fordismus zum Post- Fordismus sieht. In einem globalen makroökonomischen System werden sich Staatshandeln und Wachstumsstrategien verstärkt auf unternehmerische Elemente konzentrieren. Innovation und Technologieentwicklung, Aus- und Weiterbildung oder Infrastrukturausbau sind die zentralen Themen. Verbunden damit ist eine Abkehr von einem eher sozial-sichern- den Staat hin zu einer Leistungsgesellschaft. Diese Bewegungsrichtung ist in vielen Politikfeldern in Deutschland deutlich zu beobachten. Vor allem das neue Unternehmertum (höhere Gründungsraten, mehr Selbstständige) und der Gedanke der Leistungsgesellschaft sollen die Grundlage für eine ökonomische Erneuerung schaffen.

Wichtig für die Stadtregionen sind innerhalb dieser Entwicklung der Bedeutungszuwachs von Akteurs-Projekt-Konstellationen. Dies liegt in dem sich stetig verschlechternden materiellen Steuerungspotenzial begründet:

„There is therefore an important distinction to be made between the sorts of actions which local government can carry out more or less autonomously, those where intergovernmental agreement (public-public partnership) is needed and those where government as a whole cannot ‘command’ the achievement of certain aims but must induce them by providing appropriate sanctions and incentives to non-statutory interests and organisations (a form of public-private partnership).“

Harding, A.: European Urban Regimes? = Paper, CURDS Seminar Series, Newcastle upon Tyne, 6 March 1996, S. 5

Je nachdem, welcher Akteur in der Stadtregion als material stakeholder agiert oder agieren kann, können öffentliche Zielsetzungen positiv wie negativ ermöglicht oder beeinflusst werden. Eine wichtige Frage also richtet sich auf die Verteilung von Ressourcen innerhalb der Stadtregionen und ihrer jeweiligen lokalen Strukturen.

Was sind die Kennzeichen der strategischen Orientierung und was sind die resultierenden Strukturen der Urban Governance?

Der Schumpeterian Workfare State löst traditionelle Wohlfahrtsorientierungen ab und betont unternehmerische Strukturen und unternehmerisches Handeln. Charakteristisch hierfür ist die Orientierung am globalen Markt bei gleichzeitigem Ausbau der lokalen und regionalen Beziehungen.

Der Nationalstaat zeigt ein Einsehen (oder ergibt sich) in die Notwendigkeiten des Globalen, er unter-stützt lokale Initiativen.

Die politisch-administrativen Veränderungen lassen sich wie folgt beschreiben: Entscheidungen werden dezentral und dort mit größerer Problemnähe getroffen; lokale administrative Strukturen entwickeln neue, produktionsorientierte Aktivitäten; Sichern eines lokalen trade-off zwischen Wohlfahrt und Wachstum; Umorientieren von Wohlfahrtsprogrammen auf ökonomische Zielsetzungen; das Handeln wird mehr auf Erfolgsindikatoren ausgerichtet (achievements und benchmarking); Partnerschaften werden aktiv und mit großer Bandbreite geschaffen.

Auf sub-nationaler Ebene formieren sich lokale und stadtregionale Wachstumskoalitionen im Spannungsfeld zwischen Politik und Ökonomie.

Die entscheidende (analytische) Frage ist, wer kümmert sich, wer erreicht etwas, in formalen und (zu-nehmend) informellen Prozessen der Strategieentwicklung und letztlich Politikausführung.

D.h. welche Schlüsselgruppen (differenziert nach politischen und strukturellen Merkmalen) koordinieren oder verstärken ihre Potenziale auf Ebene der Stadtregion, um ergebnis- und zweckorientiert zu handeln?

Lokales innovatives Milieu oder Urban Governance? Kritische Gegenüberstellung

Eine empirische Untersuchung

Die Untersuchung hat zwei Fallstudien betrachtet (Dortmund und Newcastle upon Tyne). Die Ergebnisse sind im Detail in Ache, P.: Lokale innovative Milieus in altindustriellen Regionen. Theoretische Konzepte und empirische Befunde. Eine Untersuchung am Beispiel der Regionen Dortmund und Newcastle upon Tyne. — Dortmund 1998. = Dissertation, Fakultät Raumplanung, Universität Dortmund, dargestellt.

zum lokalen innovativen Milieu und der Urban Governance zeigte in ihren Ergebnissen die unterschiedlichen Perspektiven lokaler Akteure zur Existenz eines Milieus in den Regionen. Im vorliegenden Beitrag werden die empirischen Ergebnisse durch eine Gegenüberstellung mit den jeweils aufgestellten Hypothesen des Milieus sowie der Urban Governance vorgestellt und gleichzeitig interpretiert. Die grundlegende Gliederung orientiert sich dabei an den Aussagen des Milieus: Das Milieu ist ein sozialer (1) sowie ein lokaler Komplex (2), der verschiedene Systeme miteinander verbindet (3), dies hauptsächlich in kommunikativen Prozessen tut (4); das Milieu ist einerseits Ausdruck der regionalen Kultur, andererseits prägt es ihre wesentlichen Elemente (5). Diese leitenden Hypothesen werden jeweils vorangestellt.

Das lokale innovative Milieu wird als ein komplexes System von Beziehungen zwischen wichtigen Akteuren am Standort oder in der Region verstanden. Dieser Komplex initiiert Prozesse, die eine Synergie schaffen können.

Die Ergebnisse der Fallstudien zeigten, dass es in der Regel Personen und Organisationen sind, die ein lokales innovatives Milieu bilden. Sie bauen Netzwerke auf, typischerweise zwischen zentralen Entscheidungsträgern, Verwaltungseinrichtungen und anderen öffentlichen oder privaten Akteuren, sowie Interessen-verbänden. Die lokale oder die regionale Gesellschaft, d.h. vor allem die sozialen, kulturellen, funktionalen Eliten einer Region sind darin einbezogen. Dieser Komplex entwickelt Ideen, initiiert Projekte und versucht die dafür notwendige Synergie zu schaffen, d. h. es wird einerseits konzentriert und zielgerichtet gehandelt, andererseits werden Mängel im System von Akteuren ausgeglichen, insbesondere die zur Verfügung stehenden Potenziale werden ergänzt.

Die kritische Interpretation sieht in diesen Systemen das Aufkommen eines lokalen Staates, der in Wachstumskoalitionen seinen Part übernimmt. Die Rollen sind klar verteilt, da nur in der Bündelung aller vorhandenen Potenziale ein optimales Ergebnis erzielt werden kann. Es wird immer offensichtlicher, dass in den Regionen eine ganze Reihe von Organisationen und Personen sowohl des öffentlichen, halböffentlichen wie des privaten Sektors Zusammenkommen müssen, um Strategien zu entwickeln und Ziele zu setzen. Auf lokaler Ebene wird so auf ein immer stärker global organisiertes und verwobenes System reagiert. Das Ergebnis an sich ist nicht garantiert. Verschiedene Akteure können Teilergebnisse erzielen, die für sie durchaus attraktiv sind. Die kritischen Punkte werden darin gesehen, dass in der Abwendung von einer einheitlichen Autorität hin zu stark fragmentierten Strukturen ein Kontroll- und Gestaltungsverlust einhergeht, zumindest auf Seiten der legitimierten Strukturen. Diese Befürchtung existiert scheinbar zu Recht, da sich in den Fallstudien gezeigt hat, dass die vorhandenen lokalen innovativen Milieus stark exklusive Züge tragen.

Die Hypothese vom lokalen innovativen Milieu betont die Bedeutung des räumlichen Kontextes, ein deutlicher Unterschied zu anderen Theorieansätzen. Es besteht eine enge Beziehung zwischen dem organisatorischen Komplex und dem geographischen Kontext. Diese Verbindung wird als ein so genanntes territoriales Produktionssystem bezeichnet, das im Kern durch wirtschaftliche, technologische und soziale Wechselwirkungen geprägt ist.

In den Fallstudien hat sich gezeigt, dass die Milieus sehr wohl durch einen lokalen und regionalen Zusammenhang geprägt sind. Insbesondere durch die öffentlichen Vertreter sind für den Bereich der strategischen Orientierung und Durchsetzung von Projekten effiziente Organisationsstrukturen gekennzeichnet worden, hauptsächlich in Form von Netzwerken. Sie basieren auf einer Reihe von lokalen Organisationen und zentralen Akteuren, die ihr lokales Handlungsumfeld genau kennen und ebenso wissen, welche übrigen Akteure nach Möglichkeit und zielgerichtet zu mobilisieren sind. Die Seite der Unternehmen und der konkreten technologischen Innovation zeigt etwas andere Netzwerke - die Ergebnisse der schriftlichen Befragung zeichnen ein eher standörtliches (i.S. von kleinräumig lokal) und primär an anderen Unternehmen orientiertes, erst in zweiter Linie durch öffentliche Einrichtungen gestütztes Milieu.

Die kritische Interpretation sieht in dem Aufkommen von intermediären Organisationen und Akteursnetzwerken einen Kernbereich der Neuorganisation des Schumpeterian Workfare State. Hier wird der eigentliche Einfluss auf die Entwicklung der Region ausgeübt. Das Lokale hat eine entscheidende Bedeutung für den kapitalistischen Verwertungsprozess. In diesen Netzwerken werden die globalen Herausforderungen über-setzt in lokale Aktionen und Strategien. Der lokale Staat, d.h. die lokalen Akteure sind intensiv darum bemüht, Potenziale aufzudecken und zu entwickeln, die es ermöglichen, am Wettbewerb der Regionen teilzunehmen. Die Fähigkeit, auf der lokalen Ebene so zu agieren, ist an sich ein neues standörtliches Potenzial.

So sieht es z.B. das Difu von Henckel, D.: Entscheidungsfelder städtischer Zukunft. In: Difu-Berichte (1997), S. 2–5

Anders ausgedrückt, wird mit dem lokalen innovativen Milieu die Hypothese entworfen, dass sich auf der lokalen Ebene ein zusammenhängendes Ganzes herausbildet, das ein vorhandenes Produktionssystem mit einer technischen Kultur und Protagonisten, also hervortretenden Akteuren, verbindet - das Thema der Kohärenz.

Die in den beiden Fallstudien vorhandenen territorial gebundenen Produktionskomplexe befinden sich seit langem in einem Prozess der Auflösung und deutlichen Umstrukturierung. Neue Komplexe sollen zwar aufgebaut werden, treten aber nicht so deutlich hervor. Die Ergebnisse zeigen eher die Versuche, das Akteursnetz auszubauen und zwar umfassend (im Sinne des zusammenhängenden Ganzen), durch Einbeziehen einer Vielzahl von Akteuren und Institutionen. Die Orientierung erfolgt jedoch noch entlang der traditionellen Bereiche. Bekannte Netzwerke und Personen sind darin wichtiger als neue, unbekannte Institutionen und Netzwerke. In diesem Zusammenhang wird auch von den (nur montanindustriellen?) „Mafias“ gesprochen, die eine Stadt oder Region bewegen.

Peck, J.; Trickell, A.: Business goes Local: Dissecting the ‘Business Agenda’ in Manchester. In: International Journal for Urban and Regional Research 19 (1995), S. 55–78. Interessanterweise ist in einem der Gespräche in Dortmund genau dieser Begriff benutzt worden — „positive Mafia”!

Während das Paradigma des Milieus einen eher organischen Prozess darin sieht, der sozio-kulturelle, historische und technologische Merkmale zu einer Kohärenz verdichtet, wird von kritischer Seite her die These auf-gebaut, dass mehr oder weniger gezielt eine Kompatibilität geschaffen wird. Auf lokaler Ebene müssen Strukturen und Regeln entworfen werden, die beispielsweise eine Einbindung globaler Entwicklungen ermöglichen. Die Voraussetzung dafür wird in starken lokalen Assoziationen gesehen. In letzter Konsequenz heißt das: Gelingt es nicht, die vorhandenen regionalen Strukturen anzupassen, ist das Abhängen der Region von allgemeinen Entwicklungsverläufen (erst recht?) gewiss.

Die prozedurale Dimension des Milieus ist ein entscheidendes Charakteristikum des Konzeptes. Akteure kommunizieren, beeinflussen sich gegenseitig durch den Austausch von Informationen, lernen mit- und voneinander.

Die Fallstudien zeigten diese Aspekte ebenfalls. Kommunikation ist eine entscheidende Zutat des lokalen innovativen Milieus. Unterschieden nach den Phasen eines Projektes oder einer Zielsetzung werden die jeweiligen Akteure arbeitsteilig einbezogen, werden Aufgaben verteilt. Die Kohärenz, d.h. die gemeinsame Sicht der Dinge und Welt, wird u.a. in Kommunikationszirkeln hergestellt. Darin spielen kulturelle Merkmale ebenso eine Rolle: Man weiß, wie man mit jemandem sprechen muss, was das Gegenüber hören will, welche Zielsetzungen und Ideen man Vorbringen kann (und muss).

Die kritische Position hierzu betont, dass die Verhandlungs- und Moderationskultur zunehmend wichtiger wird in einem sich ständig verändernden Umfeld, das immer öfter immer schneller Entscheidungen einfordert. Fixierte Strukturen, formalisierte Verfahren sind demgegenüber nicht flexibel genug oder zu langwierig. Die Verhandlungs- und Moderationskultur bezieht nicht alle möglichen Akteure einer Region ein. Nicht alle Bereiche der lokalen Zivilgesellschaft haben gleichmäßige Chancen zur Teilnahme - und nicht alle Themen. Im Gegenteil, die Netzwerke (oder auch Milieus) sind hinsichtlich der Themenauswahl und der Teilnehmer „exklusiv“.

Das Paradigma des lokalen innovativen Milieus sieht in der gemeinsamen Wahrnehmung von Situationen, Problemen und Potenzialen ein wichtiges Bindeglied zwischen den Akteuren.

In den Fallstudien wurde deutlich, dass trotz der z.T. unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen oder sonstwie definierten Stellung der Befragten in großen Zügen eine gemeinsame Sichtweise der Dinge

Im Sinne einer Erzählung wirkt z.B. der Dortmunder Technologiepark auf die Sicht und Interpretation der Milieu-Teilnehmer

bestand - auch wenn mit unterschiedlichen Mitteln zu Werke gegangen werden sollte. Eine gemeinsame Erfahrung, der gemeinsame lokale Kontext unterstützen dies.

Die konkurrierende Interpretation lässt als Schluss zu, dass in beiden Fallstudien die regionalen Vertreter eine Erfolgsgeschichte ihrer Region entwerfen. Das - möglicherweise substanziell - Schlechte wird gut geredet und erzeugt letztlich einen selbstverstärkenden Effekt (s. unten die Diskussion des Stellenwertes von Symbolen). Die bedeutenden Elemente Kooperation und Koordination sind besonders verdächtig, bloßes Postulat zu sein, denn oft genug sind die Kreise der Kooperationspartner recht klein und bringen (s.o.) nur bestimmte Akteure an einen Tisch.

Bewertung der Innovationsleistung des Dortmunder Milieus

Lässt sich aus den Fallstudien letztendlich schließen, ob die vorhandenen Strukturen innovativ sind oder nicht? Die Ergebnisse der Fallstudien können die anfängliche Skepsis nicht rundheraus zerstreuen: Milieu? Ja! Innovation? … !

Die befragten Vertreter rechnen sich selber positiv eine Innovationsleistung an. Sie sehen darüber hinaus viele der Charakteristika eines Milieus als erfüllt an - wiewohl dies überwiegend die weichen Aspekte sind, d. h. Kommunikation, Konsens, eine geteilte Weitsicht u.v.m. Dieses Milieu besteht definitiv auf einer hohen strategischen und funktionalen Ebene in der Stadt, zwischen zentralen Akteuren. Diese Art des Grundkonsenses ist immer wieder betont worden - und wird von anderen Untersuchungen bestätigt.

Stadtler, A.: Der „Dortmunder Konsens”. Ein Beispiel für Lebenszyklus und Leistungsfähigkeit raumbezogener Gestaltungsnetzwerke? — Bochum 1996

Die Befragung einer Vergleichsgruppe von Unternehmen deutet ebenfalls auf Charakteristika eines Milieus hin. Unterschiede in der Bewertung werden hinsichtlich der Teilnehmer und der Wichtigkeit von Teilnehmern deutlich: Den Unternehmen sind andere Unternehmen zunächst einmal wichtiger für den Prozess der Innovation; erst in zweiter Linie kommen Institutionen hinzu. Dieser Unterschied ist wesentlich durch die Herangehensweise geprägt: Für die Unternehmen stand bei der Beantwortung der Fragen der technologische Innovationsprozess deutlicher im Zentrum. Im Vergleich dazu stand für die Vertreter von Institutionen die lokale Akteurskultur im Zentrum der Bewertung; das institutionelle Netzwerk als Handlungsraum war ihnen wichtiger.

Zur Beantwortung der Eingangsfrage soll auf einen Expost-Indikator der Innovationsleistung eingegangen werden. Die Fachliteratur weist auf die Bedeutung von Patenten für die Bewertung von Innovationsleistungen hin. Die Auswertung der PATOS Datenbank

Die PATOS-Datenbank basiert auf der Patentstatistik des Deutschen Patentamtes. Für eine bessere Vergleichbarkeit hätte eigentlich ein Bezug zu den Gesamtbeschäftigten oder der Bevölkerung hergestellt werden müssen. Leider standen die Daten allerdings nur über den jeweiligen Zeitraum aggregiert zur Verfügung. Die Auswahl von Vergleichsstädten macht aber auch so einen Unterschied deutlich. Für methodische Hinweise: Koschatzky, K.: Regionale Innovationsindikatorik. Wettbewerbsvorsprung durch Patentinformation. Handbuch für die Recher-chenpraxis. - Köln 1990

für den Zeitraum 1980 bis 1997 zeigt, dass die Stadt Dortmund weder auf der Seite der Patentanmelder noch auf Seite der Innovatoren als deutlich innovativer hervortritt.

Die „klassische“ Rangordnung innerhalb des Ruhrgebietes (erst kommt Essen, dann Dortmund, dann Bochum) ist ebenfalls offensichtlich. Hypothetisch hätte man annehmen können, dass Dortmund zumindest dichter an Essen heranreicht - was sich in den Zahlen allerdings nicht niederschlägt. Interessant ist, dass das gesamte Ruhrgebiet auf der Erfinderseite nicht so deutlich hinter anderen Vergleichsräumen zurückliegt wie auf der Seite der Patentanmelder. Die Verwertung der Innovationen im Ruhrgebiet verläuft wohl stockender als in anderen Regionen - wofür wiederum die Industriestruktur als Ursache herangezogen werden könnte.

Unter Berücksichtigung anderer Ergebnisse kann festgehalten werden, dass das lokale innovative Milieu in Dortmund im Sinne besonderer industrieller Innovationstätigkeit nicht hervortritt. Für diese negative Bewertung spricht, dass die sektorale Struktur noch deutlich durch das verarbeitende Gewerbe geprägt ist - innerhalb dessen sind moderne Branchen eher unterrepräsentiert. Neue Cluster (z.B. Medienwirtschaft) prägen die Strukturdaten nicht. Vor allem aber die Patentstatistik zeigt für den Zeitraum 1980 bis 1997 keine deutlich bessere Innovationsleistung in Dortmund als in anderen Regionsteilen, die ja potenziell dieselbe Ausgangsposition (bezogen auf Strukturen, Geschichte, Kultur usw. wird unterstellt, dass das gesamte Ruhrgebiet diesbezüglich sehr homogen ist) haben.

Stadtregionale Gestaltungsfähigkeit

Der Titel des vorliegenden Beitrags und die Einleitung sprechen von stadtregionaler Gestaltungsfähigkeit. Auf dieses Thema soll abschließend unter zwei Aspekten eingegangen werden: Sowohl unter dem Aspekt eines normativen Milieus als auch unter dem Thema Strukturen und Handlung sollen Hinweise auf lokale Handlungspotenziale gewonnen werden. Sie geben implizit eine Antwort auf die Frage, was den Motor antreibt.

Normatives Milieu

Welche Maßnahmen können für eine positive Weiterentwicklung des vorhandenen zu einem „innovativen“ Milieu ergriffen werden? Die jüngeren Arbeiten der der GREMI-Forscher liefern dafür Anknüpfungspunkte.

Camagni, R.: The concept of innovative milieu and its relevance for public policies in European lagging regions. In: The Journal of the RSAI 74 (1995) 4, S. 317–340

Die prozeduralen Aspekte des Milieukonzeptes stehen hierbei im Vordergrund und müssen durch eine entsprechende Analyse für die Region weiter präzisiert werden. Die Handlungsfelder können dabei in materiell-institutionelle Aspekte (1,2) sowie Aspekte der lokalen Gesellschaft (3,4,5) unterteilt werden. Zum ersten Handlungsfeld gehören:

Die Bereiche Synergie, Kreativität und Innovation müssen gestärkt werden: Welche Organisationen und Funktionen gestalten den Kernbereich des innovativen Milieus und können vor Ort z.B. die angesprochenen SSSTTC-Funktionen (search-selection-signalling- transcoding-transformer-control) übernehmen? Für regionale Institutionen bzw. Organisationen wie die Universitäten oder Technologieeinrichtungen bedeutet dies, eine Funktion des Beobachtens, Übersetzens, Informierens zu übernehmen und zu stärken. Das lokale innovative Milieu muss für die Außenwelt geöffnet werden, fehlende Ressourcen müssen mobilisiert, Partner gefunden werden. Nach innen zielt das Verstärken von Lern- und Kreativitätsprozessen innerhalb des Milieus.

Die Grundstruktur aus Netzwerk und Verankerung in einem lokalen Kontext muss gestärkt werden: Die unterschiedlichen Dimensionen des globalen Wirtschaftssystems müssen in ebenso vielfältig gestalteten Formen und Stufen von Netzwerken gespiegelt sein, d.h. unter den Aspekten Nähe und Ferne (Integration), Bandbreite und Variation und unter der Verknüpfung von Milieu- und Netzwerkstrukturen. Für das Entwickeln einer (Handlungs-)Strategie bieten Netzwerk und Milieu effiziente Integrations- und Durch-setzungsmechanismen. Die (angesichts des Globalen zunächst) geringen Handlungsmöglichkeiten können erweitert und konsequent genutzt werden. Allerdings: Das innovative Element muss weiter gestärkt werden (s.u.).

Auf Ebene der lokalen Gesellschaft bzw. mit Blick auf die weichen Milieuaspekte sind folgende Punkte zu entwickeln:

Bezogen auf die lokale Gesellschaft sollte geprüft werden, wie umfangreich die personellen Netzwerke sind und welche Bereiche abgedeckt sind. Wie für Punkt I bereits angedeutet, findet ein wesentlicher Integrationsprozess globaler Rahmenbedingungen auf der lokalen Ebene statt. Bewusstseinsbildung, das Finden einer eigenen Position sind dafür entscheidende Voraussetzungen. Das Aufbrechen des eingeschlagenen Pfades

Das Bild vom „Entwicklungspfad“ (path dependency) wird vor allem in evolutionstheoretischen Betrachtungen genutzt. Siehe Anm. (9)

, das Vermeiden des Eingeschlossenseins kann nur durch das Aufschließen vieler kreativer Visionen gelingen. Kreativität kann bereits darin liegen oder entstehen, dass nicht das Altbekannte miteinander verknüpft wird, sondern im Gegenteil „unusual Connections“ zum Thema werden.

Becattini, G.: The industrial district as a creative milieu. — London 1991. In: Benko, G.; Dunford, M. (Ed.): Industrial change and regional development: the transformation of new industrial spaces, S. 102–114

Der Aspekt der Kohärenz zwischen territorialem Produktionssystem und lokaler Gesellschaft muss verstärkt berücksichtigt werden: Es ist wichtig, ein ganzheitliches Konzept zu verfolgen, das die unterschiedlichen Dimensionen des lokalen Nexus berücksichtigt. Regionale Kultur und territoriales Produktionssystem sind aneinander gebunden. Unter dem Aspekt der Einbettung gilt es vor allem, nomadisierende (zufällig regionale?) Produktionssysteme lokal einzubinden.

Ausgehend von den vielfältigen prozeduralen Dimensionen des Milieus sind neue Formen des Handelns zu entwerfen, die Raum für Kommunikation, Kreativität und Visionen lassen - und die eher einschließend denn ausgrenzend sind sowie Raum für Initiative (Risikobereitschaft) lassen.

Ausgehend von der geteilten Weitsicht, wie zuvor schon angemerkt, ist schließlich hervorzuheben, dass Imagination und Visionen als wirksame Kräfte innerhalb des regionalen Entwicklungsprozesses ihren Platz haben.

Zur Rolle von „Visionen” vgl. Kunzmann, K.R.: Ein Leitbild für die Stadtregion Rhein-Ruhr? — Stuttgart 1995. In: Barsch, D.; Karrasch, H. (Hrsg.): Umbau alter Industrieregione, S. 52–66; Ache, P.; Kunzmann, K.R.: Vision and Creativity: The Future of City Regions in North Rhine-Westphalia. = Draft Paper presented to Governing Cities: International Conference, 18/19 September 1997, Brussels

Hier sollten Prozesse und Verfahren einbezogen werden, die auf breiter Basis zum Schaffen solcher verbindlicher und verbindender Symbole beitragen.

Zusätzliche Aktivitäten genereller Ausrichtung zur Stärkung des potenziell gegebenen Milieus sind:

Politik und Strategien müssten stärker miteinander in den verschiedenen Bereichen verknüpft werden (Unternehmertum, Infrastrukturen, Ausbildung),

diese müssten auf entwicklungsfähige Cluster konzentriert sein,

das lokal vorhandene Know-how müßte gebündelt werden sowie spezifische Vorteile herausgearbeitet werden,

neben der internen Sicht wären externe Verknüpfungen zu verstärken, um nicht vorhandene Potenziale zu ergänzen.

Strukturen und Handlungen

Eingangs ist auf die wichtige Rolle von Stadtregionen in Europa und im „Globalen” hingewiesen worden. In Stadtregionen sollen die multiplen Integrationsleistungen zur Verfügung gestellt werden, die vor allem im ökonomischen Wettbwerb wichtig sind. Die Stadtregion verfügt über die Potenziale und die meisten der Ressourcen, die in den theoretischen Modellen postuliert werden. Als bedeutender Aspekt ist Handlungsfähigkeit gerade in jüngster Zeit hinzugekommen.

Für die in diesem Beitrag angesprochenen Innovationsprozesse, die letztlich als Beispiel für andere Prozesse gewertet werden können, ist gezeigt worden, wie die lokalen Akteure auf globale Prozesse reagieren und „ihr” lokales Milieu zu fördern versuchen. Die Realität wird durch die beiden Modelle in großen Teilen richtig beschrieben. Wie üblich, folgt die Realität jedoch nicht ohne weiteres den Modellregeln.

Auf einer abstrakteren Ebene betrachtet das Kernthema beider Modellvorstellungen sowie der empirischen Erhebungen die verschiedenen öffentlichen wie privaten Strukturen vor Ort und die Handlungen lokaler Akteure. Angesichts der komplexen Handlungs- und Regelbedarfe auf stadtregionaler Ebene müssen offensichtlich immer mehr Akteure Zusammenkommen und ihre Ressourcen poolen. Die Kosten der Nichtkooperation werden ständig wachsen.

Wie kann Gestaltungsfähigkeit angesichts der komplexen Situation erreicht werden? Offenbar müssen die Auflösungsprozesse traditioneller Politik- und Handlungsstrukturen in Stadtregionen akzeptiert werden. Die durch den globalen Wettbewerb in den Ruhestand versetzten Stahlbarone (und mit ihnen die „Stahlpolitiker“) werden heute durch „Post-Industrielle-Sozial-partner“ als Vorentscheider abgelöst. Der „Ort”, an dem dies geschieht, sind die neuen Institutionen, d.h. z.B. Milieus oder Governancesysteme, die am Standort geschaffen werden. Institutionen vermitteln zwischen den vorhandenen Strukturen. Das Vorgefundene Milieu „vermittelt“ zwischen Politik, Verwaltung, privaten und öffentlichen Akteuren. Symbolik ist dabei ein wichtiges Element - der Technologiepark der Dortmunder Universität wird als ein solches Symbol gesehen und verbindet die verschiedenen Akteure in der Region miteinander. Er ist wirksam als eine „Erzählung“, die Erzählung vom Erfolg der gemeinsamen Bemühungen, den Strukturwandel positiv zu beeinflussen.

Wendet man sich von diesem Beispiel ab, so scheint die post-industrielle Stadt jedoch vor allem einer spezifischen Tendenz ausgesetzt: Städte werden immer öfter als ein Produkt, städtische Verwaltung und Steuerung immer öfter als ein Produktionsprozess verstanden! Symbole hierfür sind benchmarking, Neue Steuerung, Produktdefinitionen. Während in Unternehmen, zumindest den fortschrittlicheren, nach neuen Wegen zwischen Markt und Hierarchie gesucht wird, insbesondere Netzwerke und andere Formen der Partnerschaft angestrebt werden, scheinen in den Städten eher traditionelle Formen der Institutionenbildung betrieben zu werden - der Markt wird eingeführt. Kann man jedoch so mit Städten umgehen, die aus konstitutioneller Sicht schließlich die kleinste Einheit des Staates und der Gesellschaft bilden?

Oft genug fehlen die Ressourcen, um Dinge vor Ort in Bewegung setzen zu können. Ressourcen können durch Dritte zur Verfügung gestellt werden - insbesondere „privates Kapital“. Wie aber damit umgehen, ohne nur am passiven Ende zu sein? Dazu eine abschließende Hypothese: Lokales innovatives Milieu und Urban Governance weisen auf die komplexe Bedeutung des lokalen Zusammenhangs hin. In ihnen spielen Symbole, Kultur und Sprache eine besondere Rolle. Ein Feld für das öffentliche Handeln können daher das Entwickeln von Visionen und das Schaffen von Kreativität sein - und zwar unter Einbeziehen von vielen Beteiligten, nicht nur der wenigen „üblichen Verdächtigen“!

Vgl. oben unter „positiver Mafia“, um den Kreis der allgemein bekannten Gestalter zu charakterisieren

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