1. bookVolume 58 (2000): Issue 2-3 (March 2000)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Creative Milieus as Factors of Regional Development

Published Online: 31 Mar 2000
Volume & Issue: Volume 58 (2000) - Issue 2-3 (March 2000)
Page range: 161 - 172
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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Abstract

This article deals with the question of what can be learnt for future regional development from the discussion on what are referred to as “creative milieus”, and with how these lessons can assist with the framing of integrated approaches to regional policy (“milieu-orientated regional policy”). But are there not also (regional) milieus which — far from being creative or innovative — are hostile to innovation, or even “sclerotic”? The author shows that it is possible to proceed from the assumption of a life-cycle for regional milieus within a heuristic model and that specific factors have to be developed in order for a milieu to be capable of being deemed “creative”. The article concludes with a number of propositions and reflections on how creative milieus can be promoted and on their relevance for regional policy.

Vorbemerkung

„Regionalentwicklung” ist ein sehr vielschichtiges und komplexes Thema, welchem man sich von verschiedenen, wissenschaftlichen Seiten her zuwenden kann. Im Folgenden wird ein Ansatz vorgestellt, der sich im Rahmen der Wirtschaftsgeographie und Regionalforschung etwa in den letzten zehn Jahren entwickelt hat und unter dem Schlagwort eines „kreativen” (oder innovativen) „Milieus” bekannt wurde.

Wie können solche Faktoren eines „kreativen Milieus” identifiziert werden, welchen Beitrag leisten „kreative Milieus” oder Konzepte der „Lernenden Region” zur regionalwirtschaftlichen Entwicklung und welche Konsequenzen zieht dies für die Landes- und Regionalplanung nach sich% Bei der Betrachtung regionaler Entwicklungsprozesse konzentrierte sich die Wirtschaftsgeographie bisher häufig auf die Erklärung sag. „harter Standortfaktoren” für die Regionalentwicklung. Geläufige, traditionelle Entwicklungsmodelle oder reine Betrachtungen der Branchen- und Wirtschaftsstrukturen können die Fragen der Innovationsfähigkeit und Kreativitat von Regionen jedoch nur unzureichend beantworten. In ihrer Entwicklung erfolgreich eingeschatzte Regionen werden häufig mit dem Typ des „Modernen Wissenschafts- und Technologieraumes” oder „High Tech Regionen” verglichen. In der Literatur findet man dazu immer nur sog. „Erfolgsstories”. Beispiele für solche Raume waren etwa das „Dritte Italien”, Silicon Valley, Cambridgeshire, die „Technologieregion” Karlsruhe, die „Wissenschaftsstadt” Ulm oder die “Biotechnologieregionen” u. a.

Warum aber scheinen manche Städte und Regionen in ihrer Entwicklung und Innovationsfähigkeit zur Bewältigung des Strukturwandels erfolgreicher zu sein als andere? Die reinen Ausstattungen mit entsprechender Infrastruktur und Bereithaltung sog. „harter Stand-ortfaktoren” allein erklären nicht mehr den komparativen Vorteil und das dynamische Wachstum solcher Regionen. Die Einflussgrößen sind vielmehr überaus komplex und mit gängigen Methoden quantitativer Analyse schwierig zu fassen, werden aber seit Ende der 80er Jahre subsumiert unter dem Begriff des „kreativen Milieus”. Einen Anstoß zu dieser Debatte liefert die Diskussion um die Entstehung und Beeinflussung eines sog. „innovativen” oder „kreativen Milieus”

Die Begriffe „innovatives Milieu” oder „kreatives Milieu“ werden häufig in der Literatur synonym verwendet

und dessen Beitrag für die Regionalentwicklung.

Netzwerke und kreative Milieus

Der Begriff der „Netzwerke” hat sich in der Literatur mit Sicherheit zu einer Art Modebegriff entwickelt, der wie weiter unten noch verdeutlicht wird, viele unterschiedliche Sachverhalte umschließt. Der neue Ansatz des „Milieu” - Begriffs in der Wirtschaftsgeographie betont die hohe Bedeutung einer regionalen „Netzwerkarchitektur” für die Regionalentwicklung. Die Firmen sind dabei zum einen in das soziokulturelle, regionale Umfeld „eingebettet” und siedeln sich zum anderen im Rahmen von Liefer- und Absatzverflechtungen jeglicher Art in sog. Produktionsclustern oder -komplexen an, um Fühlungsvorteile zu nützen. Im Gegensatz zum reinen Ansatz der „Industrial Districts” liegt der Schwerpunkt des kreativen Milieu Modells nicht nur auf letzterem, sondern auf der breiten Basis jeglicher, regionaler Netzwerke und Verflechtungen. Eine Region wird nicht als passiver räumlicher „Behälter” angesehen, wo mehr oder weniger wachstumsstarke oder innovative Unternehmen angesiedelt sind, sondern als der Rahmen eines aktiven „Milieus”, aus dem heraus innovative Entwicklungen erzeugt und vorangetrieben werden. Verantwortlich für Innovationen sind also nicht einzelne Firmen, sondern immer die ganze Region im Sinne eines funktionalen, netzwerkartigen Sozial- und Wirtschaftsraumes als der eigentliche „Innovator”

Siehe Aydalot, P. Keeble, D. (Ed.) High Technology Industry and Innovative Environments London 1989, S. 9 ff.

.

Die entscheidenden Faktoren, die ein solches innovatives oder kreatives Milieu ausmachen, werden bisher in der Literatur unterschiedlich diskutiert: Sind es neben der regionalen Netzwerkarchitektur, der Kapitalausstattung, der Wettbewerbsintensität und der Betriebsgrößen- und Sektoralstruktur der Unternehmen in der Region, der Qualifikation der Arbeitskräfte u.a. auch Faktoren, die stark von Motivationen, dem Zusammenwirken und dem Kommunikationsverhalten der Akteure abhängen, denn gerade auf der lokalen Ebene werden Informationen über Neuerungen vorwiegend durch persönliche, informelle Kontakte weitergegeben?

Vgl Storper, M.: Regional ‚Worlds of Production’: Learning and Innovation in the Technology Districts of France, Italy and the USA Regional Studies, Vol. 27 (1993), No.5, S. 435

Innovationen bilden das Ergebnis vielfältiger räumlicher Prozesse und werden von betriebsinternen und betriebsexternen Faktoren bestimmt. Als Basis der regionalen Innovationsfähigkeit lassen sich u. a. folgende Variablen erkennen:

die Ausstattung der Region mit Inputfaktoren wie Information, Wissenstransfer,

die Unternehmensstruktur und das Investitionsklima,

die Risikobereitschaft der regionalen Akteure,

die Einschätzung der Marktchancen von Innovationen,

die regionale und lokale Handlungskonstellation.

Gerade aufgrund dieser vielfachen Wechselseitigkeit der Faktoren können andere Modelle von Produktlebenszyklen und wirtschaftlicher Branchenstruktur als monokausale Modelle alleine die Innovations- und Investitionsschwäche bestimmter Räume nur ungenügend erklären. Im regionalen Innovationsprozess sind z. B. persönliche Kontakte und Netzwerke vor allem der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu Kunden, Zulieferern und Wissenstransfereinrichtungen ausschlaggebend für weitere Innovation. In diese Fragestellungen reiht sich auch die Diskussion um ein kreatives oder innovatives Milieu in der Regionalforschung ein. Läpple

Läpple, D.: Zwischen gestern und übermorgen. Das Ruhrgebieteine Industrieregion im Umbruch. In: Kreibich R., u.a. (Hrsg.): Bauplatz Zukunft — Dispute über die Entwicklung von Industrieregionen — Essen 1994, S. 41

erläutert diesen Sachverhalt: „In der regionalen Innovationsforschung verlagern sich deshalb auch die Erklärungsansätze stärker auf qualitativ orientierte Untersuchungen von Wirkungs- und Rückkoppelungszusammenhängen zwischen ökonomischen, technologischen, sozialen und kulturellen Potentialen von Regionen. Ein derartiger Forschungs-ansatz liegt der Theorie der 'regionalen’ Milieus zugrunde”.

Die Gedanken regionaler Netzwerke wurden bisher vor allem unter dem Aspekt funktionaler Netzwerke in den Bereichen regionaler Unternehmens- (z.B. „Industrial Districts”) oder Politiknetzwerke diskutiert. Die in der Regionalforschung aufgeworfene Frage der „regionalen Milieus” bedeutet jedoch die Untersuchung der „Ein-bettung” dieser Netzwerke in die Region:

Nach Kreibich, R., a.a.O., S. 14

„Zum regionalen Milieu gehören nicht nur die Unternehmensstrukturen und die wechselseitigen Abhängigkeiten der Branchen und Betriebe. Dazu gehören auch die sozialen, kulturellen, administrativen und politischen Verhältnisse. Solche ‘Regionalmilieus' können hemmend oder verstärkend auf den Innovationsprozeß wirken.”

Am Beispiel der soziokulturellen Einbettung von einzelnen Firmen („The embedded firm”

Grabher, G. (Hrsg.) The embedded firm. On the socioeconomics of industrial networks London 1992

) bzw. der Einbindung eines Unternehmensnetzwerkes in die Region kann dies verdeutlicht werden. Für Danielzyk / Ossen- brügge stellen sich die Verbindungen zwischen den verschiedenen Netzwerken in einer Region folgendermaßen dar:

Danielzyk, R. Ossenbrügge, J.: Globalisierung und lokale Handlungsspielräume Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 40. Jahrgang (1996), H. 1/2, S. 108 f.

„Zum einen können regionale Netzwerke als besonders enge Beziehungen zwischen Unternehmen existent sein, wobei es sich sowohl um horizontale als auch um vertikale Verflechtungen innerhalb einer Branche oder eines Produktionssystems handeln kann. Vor allem kooperativen und horizontalen Beziehungen wird eine hohe Flexibilität und Innovationsfähigkeit zugesprochen. Deshalb steht diese Art der Beziehungen auch im Vordergrund der Diskussion über industrielle Distrikte. Zum anderen bilden sich regionale Netzwerke durch Beziehungen zwischen Experten oder maßgeblichen Akteuren der Politik und Ökonomie. Die gemeinsame Basis kann das spezifische Wissen über komplexe ökonomische, technologische oder politische Sachverhalte sein. Diese Art von Beziehungen steht bei der Diskussion um kreative Milieus häufig im Vordergrund.”

Abbildung 1

Interaktionsverbindungen in regionalen Milieus

Quelle: Rösch (1998)

Rösch, A. Der Beitrag kreativer Milieus als Erklärungsansatz regionaler Entwicklung — dargestellt am Beispiel des Raumes Coburg. Arbeitsmaterialien zur Raumordnung und Raumplanung, Heft 179, Lehrstuhl Wirtschaftsgeographie und Regionalplanung, Universität Bayreuth, zugl. Diss., Bayreuth (1998), Selbstverlag

, S. 109

Dieser Ansicht soll hier insoweit gefolgt werden, als es in der Tat bei der Betrachtung kreativer Milieus um die Ausprägung regionaler Netzwerke geht. Butzin spricht hier z. B. von einer wichtigen „Vernetzung der Netze” innerhalb einer Region, um möglichst alle endogenen Potenziale ausschöpfen zu können. Damit sind weite Bereiche unterschiedlicher, regionaler Netzwerke gemeint. Dies bedingt aber dann sowohl die Betrachtung der Unternehmensnetzwerke als auch der Politiknetzwerke und soziokulturellen Netzwerke sowie eben insbesondere der Verbindung zwischen diesen Teilbereichen, etwa durch die Kontakte der lokalen bzw. regionalen „Eliten”. Dies wird in der Definition der GREMI-Gruppe deutlich, die eine zentrale und oft zitierte Definition für ein (innovatives) Milieu vorlegt:

Camagni, R.: Innovation Networks: Spatial perspectives. GREMI London 1991, S. 3

„… the set, or the complex network of mainly informal social relationships on a limited geographical area, of- ten determing a specific external ‘image’ and a specific internal 'representation’ and sense of belonging, which enhance the local innovative capability through syner- getic and collective learning processes”.

Zwei Hauptfunktionen eines derartigen Milieus lassen sich daher erkennen:

Die Reduzierung von Unsicherheiten der Umweltbedingungen durch lokale und regionale Kontakte und

die Erhöhung von lokalen Lernprozessen, die zu Innovationen führen können.

Wichtig erscheinen in diesem Zusammenhang insbesondere die im regionalen Milieu erzeugten Synergieeffekte durch häufige informelle Kontakte, die einen ständigen Lernprozess der Unternehmen ermöglichen. Die informellen Kontakte werden aufrecht erhalten über die sozialen Beziehungen wie informelle Netzwerke („invisible colleges”), z. B. ehemaliger Absolventen von Bildungseinrichtungen. Kooperationen entstehen durch gemeinsame Mitgliedschaft in lokalen Vereinen, Fachverbänden oder ähnlichem. Aus privaten Kontakten können geschäftliche Beziehungen entstehen. Gemeinsame räumliche und soziale Identifikation entwickelt das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Milieu (etwa durch regionale Identität) als Selbstimage und prägen darüber hinaus das Fremdimage von auβen über den regionalen Standort. Face-to-face-Kontakte, die durch räumliche Nähe begünstigt sind, werden im lokalen Milieu die Kreativität, Kommunikation, Kompetenz und Kooperation als ausschlaggebende Faktoren für Innovationen fördern, Einen wichtigen Beitrag dazu leisten die sog. intermediären Organisationen, wie Kammern, Verbände, öffentliche Transferstellen und Wirtschaftsförderstellen usw.

Wesentlich für den Milieubegriff ist darüber hinaus das gegenseitige, lokale Vertrauen und damit die unsicherheitsreduzierende Aufgabe des Milieus bei Innovations- und Investitionsrisiken der Unternehmen. Dabei bleibt jedoch zu beachten, dass es sich bei diesem regionalen Beziehungsgefüge um einen „Milieu’’-Begriff handelt, der zwar eine notwendige Voraussetzung, aber keine hinreichende Bedingung für ein kreatives Umfeld schafft. Gleichzeitig wird auch darauf hingewiesen, dass in manchen Regionen durch zu festgefügte Gewohnheiten und „mentale Blockadehaltungen” des Netzwerkes auch alles andere als innovative Tätigkeiten der Unternehmen oder einseitige Monostrukturen entstehen können (wie z. B. bei Politiknetzwerken möglich, etwa „Beharrungs-Kartelle” usw.).

Gibt es einen Lebenszyklus von Milieus?

Nun befinden sich aber sicher nicht alle Regionen im Zustand oder besitzen Kennzeichen eines kreativen oder innovativen Milieus mit dem Vorhandensein einer kritischen Masse, die für ein kreatives Milieu verantwortlich ist. Grabher

Grabher, G.: Wachstums-Koalitionen und Verhinderungs-Allianzen. In: Informationen zur Raumentwicklung, Bonn (1993), S.749-758

spricht in diesem Zusammenhang z. B. gerade vom Vorhandensein regionaler Netzwerke, die Entwicklungsprozesse und erfolgreiche Bewältigung des Strukturwandels

blockieren („Verhinderungs-Allianzen”). Man kann daher vermuten, dass auch regionale Milieus im evolutorischen Prozess einen Lebenszyklus analog der These von Produktlebenszyklen durchschreiten. Damit ist die Verbindung von Produktlebenszyklen zu sog. „regionalen Lebenszyklen”

Vgl dazu ausführlicher z.B. Butzin, B.: Zur These eines regionalen Lebenszyklus im Ruhrgebiet. In: Mayr, A.; Weber, P. (Hrsg.): 100 Jahre Geographie an der Westfälischen Wilhelms — Universität Münster. — Paderborn 1987, S. 191-210

hergestellt. Der Milieu-Ansatz gestattet, diese Vorgänge in einer integrierteren Betrachtungsweise regionaler Entwicklung zu untersuchen. Die Einbindung in regionale Netzwerkmodelle und Vergleiche mit dem Modell von Produktlebenszyklen, bezogen auf die Ebene räumlicher Entwicklungsmodelle, erweisen sich dabei als nützlich im Sinne erweiternder, heuristischer Erklärungsgehalte für die Auswirkungen und die Bewältigung des globalen Strukturwandels auf regionaler Ebene.

Wie ein „product life cycle” unterstehen auch Milieus dem Werdegang von Entstehen, Reifen und Vergehen. Im Gegensatz zu Theorien der langen Wellen, die eine gesamtwirtschaftliche, makroökonomische Sichtweise verdeutlichen, versuchen die Hypothesen über den Produktzyklus diesen Ansatz mit einer mikroökonomisch orientierten Sichtweise zu komplementieren.

Vgl Schätzl, L.: Wirtschaftsgeographie, Band 1: Theorie. 4. Aufl. – Paderborn 1992, S. 193

Beide Ansätze besitzen dabei den Vorteil einer dynamischen Sichtweise, die im Rahmen eines Strukturwandels Erklärungsgehalt besitzen. Auch bei Maillat als einem Hauptvertreter der GREMI-Gruppe werden die Möglichkeiten einer evolutorischen Weiterentwicklung regionaler Milieus stärker in die Forschungsüberlegungen mit einbezogen.

Maillat, D.: Vom „Industrial District” zum kreativen Milieu: Beitrag zu einer Analyse der gebietsgebundenen Produktorganisationen. Institut de recherches économiques et régionales (IRER), Working Papers Université de Neuchâtel, No. No. 9606c. – Neuchâtel 1996

Bei produktiven und schließlich nicht innovativen Milieus bzw. regionalen Netzwerken scheint ein gewisser „Reifegrad” regionaler Entwicklungsprozesse einzutreten, der die Regionalökonomie in die Verteidigung von Massenmärkten unter globaler Konkurrenz führt.

Die Ansätze der Vorstellung von Produktlebenszyklusmodellen können auf einen Lebenszyklus der regionalen Milieus angewandt werden, wie Abbildung 2 als gedankliche Skizze verdeutlicht:

Abbildung 2

Skizzierte Darstellung eines regionalen Milieu-Lebenszyklus

Quelle: Rösch (1998), S. 44

Der exemplarische (heuristische) Verlauf eines solchen Milieuzyklus kann - vereinfacht dargestellt - folgender-maßen durchschritten werden: Die Region mit einem kreativen Milieu ist geprägt von einer hohen Dynamik an Unternehmensgründungen in einem äußerst informationsreichen, regionalen Umfeld. Informations-und Transaktionskosten sind durch aktive Netzwerkbeziehungen und Vielzahl persönlicher Kontakte wesentlich gesenkt. Klassisches Beispiel für dieses Milieu sind die zahlreichen Unternehmensgründungen der Elektronik und Halbleitertechnik im Silicon Valley der 80er Jahre („Garagengründungen”).

Storper, M., a.a.O., S. 202

Krugman ordnet interessanterweise diesem Beispiel das Vorhandensein „historischer Zufälle” oder „Unfälle” („historical accidents”)

Krugman, P.: How the Economy Organizes Itself in Space: A Survey of the New Economic Geography. In: Arthur, W.B. et al. (eds.): The Economy as an Evolving Complex System II, SFI Studies in the Sciences of Complexity, Vol. XXVII. – Reading (MA) Addison-Wesley 1997, S. 239

zu. Gleichzeitig herrschen aber auch eine kurze Lebensdauer der Unternehmen sowie überdurchschnittlich belastbare betriebswirtschaftliche und soziale Organisationsformen vor. Das regionale Umfeld fördert spielerisch - kreative Verhaltensweisen regionaler Akteure unter gewissen Freiheitsgraden. Entscheidend für ein Milieu in dieser Phase sind auch die Attraktivität der landschaftlichen Umwelt und damit die weichen Standortfaktoren der regionalen Lebensqualität. Dies drückt sich des Weiteren in einer hohen Bedeutung der sozialen und kulturellen Umfeldbedingungen aus.

Die Stufe des innovativen Milieus (GREMI et.al.) ist geprägt von den überlebenden Firmen, die sich bereits mit ersten Produkt- und Prozessinnovationen auf dem Markt behaupten konnten. Sie sind vorwiegend kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die sich in neue Märkte oder Marktnischen eingearbeitet haben. Das innovative Milieu basiert insbesondere auf gut funktionierenden Innovationsnetzwerken („Wissenslandschaft”) zwischen den regionalen KMU und den Hochschul- und Bildungseinrichtungen. Hier sind exzellente Forschung, Forschungskontakte und Netzwerke von hoher Bedeutung. Typisches Beispiel für derartige Regionen sind Forschungslandschaften, in denen ein enger Kontakt zwischen Hochschulen und Unternehmen gepflegt wird. In diese Richtung zielen zahlreiche Konzepte der Technologie- und Gründerzentren bzw. „Science Parks”. Als Beispiele für innovative Milieus sind zu nennen:

Sophia Antipolis bei Nizza in Südfrankreich

Cambridge Science Park (UK)

Wissenschaftsstadt Ulm („Science City”)

Bio-Technologieregion Rhein-Neckar (Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg) u.a.

In Deutschland wird eine Übertragung dieser Ansätze seit Anfang der 80er Jahre unter dem Schlagwort der „innovationsorientierten Regionalpolitik”

Vgl etwa Ewers, H.-J. u.a. (Hrsg.) Innovationsorientierte Regionalpolitik. Schriftenreihe Raumordnung des Bundesministers für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 0.6042, Bonn 1980

betrieben.

In produktiven Milieus befinden sich die Unternehmen in einer expansiven Wachstumsphase. Die Märkte werden stärker besetzt, und die regionalen Unternehmer besitzen bereits einige Jahre an Branchen- und Technologieerfahrung (Diktat: Qualitätsführerschaft). In diesem produktiven Milieu der Region werden hohe Wachstumsraten erzielt, und die regionale Entwicklungspolitik (etwa Gewerbeflächenausweisung und Regionalplanung) schließt sich diesem Wachstumsdruck an. Die regionalen Sozialstrukturen und -netzwerke beginnen sich stärker zu formalisieren. Hier weitet sich der Druck von der innovativen neu entstandenen Wirtschaft auf die etablierte Wirtschaft anderer Regionen fühlbar durch Kaufkraftkonkurrenz aus.

Vgl Grossmann, W.-D. u.a. Soziologisch-, ökonomisch- und ökologisch lebensfähige Entwicklung in der Informationsgesellschaft. UFZ-Bericht 8/1997, UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle, Leipzig 1997

Oberbayern z.B. wird in regionalen Bestands- und Strukturanalysen immer noch als eine der zwanzig dynamischsten Wachstumsregionen Europas identifiziert; diese Region kann als Beispiel für ein Milieu in der produktiven Lebenszyklusphase dienen.

Schließlich wird in der Phase nicht-innovativer Milieus der volle Wachstumsausbau beendet, und die regionalen Unternehmen produzieren in Massenmärkten, die unter einem zunehmenden Konkurrenzdruck stehen (Diktat: Kostenführerschaft) und zahlreiche differenzierende marginale Produktinnovationen vornehmen. Der Umfang der Produktveränderungen ist auf dieser Stufe am höchsten; jedoch sind die Innovationen „flach”, nicht wie zu Beginn der Lebensphasen eines regionalen Milieus „radikal” (von der Wurzel her neu) in einem spielerisch-kreativen Umfeld. Nennenswerte Skalenerträge bei den Betrieben sind vor allem durch Kostensenkung zu erreichen. Das Milieu ist kaum mehr kreativ oder innovativ, d.h. es werden kaum grundlegend neue Produkt- und Prozesstechnologien eingeführt, und die politischen, sozialen und kulturellen Netzwerke in der Region verfestigen sich. Die Spitze des regionalen Wohlstandes ist erreicht.

Die nächste Lebensphase im Zyklus eines regionalen Milieus ist von ersten deutlichen Anzeichen der wirtschaftlichen Stagnation gekennzeichnet. Man ist in der lokalen Wirtschaftspolitik bemüht, den Bestand an vorhandenen Unternehmen zu sichern. Maillat

Maillat, D., a.a.O., S. 16

etwa bezeichnet einen solchen Zustand des Regionalsystems auch als „konservatives” Milieu. Erste Krisenanzeichen sind auf Grund der in der Wachstumsstufe des ehemals produktiven Milieus ausgebildeten Konzentration in sich abzeichnenden Monostrukturen

Vgl z.B. Blien, U.: Arbeitsmarktprobleme als Folge industrieller Monostrukturen — Das Beispiel Schweinfurt. In: Raumforschung und Raumordnung, (1993) H. 6, S. 347-356

zu sehen. Regionale Beispiele für derartig stagnierende Milieus wären etwa Standorte von Altindustrien wie der Bergbau-, Stahl- oder Textil- und Bekleidungsindustrie u.a. In dieser Phase werden in einem stagnierenden Milieu keine innovativen Netzwerke mehr gefördert oder neue Veränderungen in den Wechselwirkungen der komplexen, regionalen Systemzusammenhänge erwirkt. Bewusstsein und Einstellungen als Voraussetzung für Kreativität, regionale Wissens- und Bildungseinrichtungen, Wirtschaftsunternehmen und die regionale Kulturlandschaft erfahren in einem stagnierenden Milieu keine Impulse mehr.

Sofern in einer Region die nächste Phase des Milieuzyklus erreicht wird, beruht dies auf einer außerordentlich geschickten und erfolgreichen Verteidigung des Bestehenden im mittlerweile global gewordenen Wettbewerb. Hierzu haben Politiker, Wirtschaftsführer und Gewerkschaften miteinander Interessenkoalitionen aufgebaut.

Siehe Grabher, G., a.a.O., Anm. (12)

Dieses Netzwerk ist also außerordentlich erfolgreich in der Abwehr von allen Störungen. Unter diesem Vorzeichen beginnt die Region den Kampf um ihr ökonomisches und politisches Überleben. Ein verteidigendes Milieu versucht den Niedergang der Region besonders in den Bereichen des technologischen Wissens und der Wirtschaft aufzuhalten. Diese Regionalmilieus sind insbesondere durch eine sog. „passive Sanierung” der selektiven Abwanderung endogener Potenziale gekennzeichnet, d. h. jüngere und gut qualifizierte Arbeitskräfte verlassen die Region. Viele Beispiele dieser Art lassen sich in den neuen Bundesländern finden, die nach der Wiedervereinigung einem dramatischen Strukturwandel ausgesetzt waren. Besonders betroffen sind dort die ländlich peripheren und altindustrialisierten Regionen.

Vgl Nolte, D. Ziegler, A.: Regionen in der Krise — Regionale Aspekte des Strukturwandels in den neuen Bundesländern In: WSI-Mitteilungen (1994) 1, S. 61 ff.

Die negative Bewertung der regionalen Lebensqualität in Bezug auf die weichen Standortfaktoren geht einher mit einem negativen Standortimage.

Als weiteres Beispiel soll hierfür die durch den extensiven Braunkohletageabbau geprägte Region des Südraumes Leipzig genannt werden („Südraumsyndrom”, vgl. Grossmann, a.a.O., S. 82 ff.)

In der letzten Abfolge eines generalisierend vereinfacht dargestellten Milieuzyklus schließlich erstarrt die Region in einem „sklerotischen” Zustand

Nach Läpple, D., a.a.O.

, welcher mit einem Absterben der Altindustrien, vorwiegend Groß-unternehmen und damit verbunden der sozialen und kulturellen Netzwerke einhergeht. Exemplarisch kann hierfür das Ruhrgebiet mit dem Ende der Montanindustrie und der Romantisierung des Bergarbeitermythos betrachtet werden. Dies hat auch dramatische Auswirkungen auf die Kulturlandschaft. Ein sklerotisches Milieu ist gekennzeichnet durch verfestigte und verkrustete Strukturen, die von sich heraus (endogen) nicht mehr zur Bewältigung des Strukturwandels fähig sind.

Folgende Tabelle versucht - vereinfacht zusammengefasst - die Milieus und Kennzeichen innerhalb eines regionalen Milieuzyklus darzustellen

Vgl auch Rösch, A. Grossmann, W.-D.: Structural Change, Creative Milieu and Regional Planning. In: Proceedings of the International Conference „Urban, Regional, Environmental Planning and Informatics to Planning in an Era of Transition”, National Technical University of Athens (Hrsg.) — Athens 1997, S. 50–71

:

Grundsätzliche Fragestellungen ergeben sich des Weiteren für den deterministischen Entwicklungsgang regionaler Milieus im Sinne eines evolutorischen Prozesses (und technologischer Innovationen, „path dependency”

Vgl. Storper, M., a.a.O., S. 204 ff.

). Empirisch können diese Übergänge anhand von Entwicklungspfaden einzelner Regionen durchaus beobachtet werden.

Hier nur als Beispiel die Beobachtungen für das Ruhrgebiet, vgl. Butzin, B. (1987), a.a.O.

Ungeklärt bleiben aber die Einflussfaktoren, deterministische Reihenfolge und Richtungsmöglichkeiten der Übergänge. Welche theoretischen Modelle von Milieus als Systeme regionaler Netzwerke besitzen wirklich Erklärungsgehalt? Können aus den Modellen Hinweise für die Gestaltung regionaler Entwicklung erfolgen; stellvertretend seien hierfür nur die Aussagen von Häußermann / Siebel

Häußermann, H.; Siebel, W.: Die Kulturalisierung der Regionalpolitik. In: Geographische Rundschau, Jg. 45, (1993) H. 4, S. 218–223

genannt: „Wie organisiert man Innovation in nicht innovativen Milieus?”

Regionale Milieus im Lebenszyklus

Stufe im Lebenszyklus

Milieu

Kennzeichen

Mögliches regionales Beispiel

Die Auswahl der Beispiele bezieht sich auf die Regionen, die in der Literatur häufig als solche genannt werden

1

Kreativ (Fromhold-Eisebith 1995, Butzin 1996)

inventiv, spielerisch lernend, Runde Tische, virtuelle Teams, unkonventionell, „Garagengründungen“, offene soziale und kulturelle Netzwerke

Silicon Valley in der ersten Phase, dito Route 128

2

Innovativ (Maillat 1995 / GREMI)

Umsetzungsorientiert, sichere Reproduktion von Erfindungen

Sophia Antipolis, „Drittes Italien“

3

Produktiv

Pioniergewinne, rasches Wachstum, entwicklungsorientierte Politik

Oberbayern

4

Expansiv

Gesicherte Massenproduktion, allgemein bekannte Produkte, Politiksättigung

Rhein-Neckar-Raum

5

Erfolgreich, aber zugleich stagnierend

Abwehr von grundlegend neuen Produkten und Institutionen, bestandsorientierte Politik, relativer Wohlstand

Nord-Hessen

6

Verteidigend (Grabher 1993b)

Rationalisierung, Einkommensrückgang, Besitzstandswahrung, Kampf um ökonomisches und politisches Überleben

Ländliche und altindustrialisierte Regionen in den neuen Ländern

7

Sklerotisch (Läpple 1994)

Hoffnungslosigkeit, Lähmung, Absterben der Altindustrien und sozialpolitischer Regelungsformen

Ruhrgebiet

Dies führt letztendlich zur Frage, ob denn mit den Mitteln, z.B. der Raumordnungspolitik oder der Landesund Regionalplanung, solche Milieus gefördert werden können. Vorher allerdings noch einmal eine Klarstellung über die Ausprägung von verschiedenen Faktoren, die ein regionales Milieu ausmachen.

Ausprägung der Faktoren eines kreativen Milieus

Die o.a. regionale Netzwerkarchitektur bestimmt die Ausprägung eines kreativen oder andersartiger (regionaler) Milieus. Diese können jedoch nicht in einer linearen Funktion mit einfachen Ursache-Wirkungsketten beschrieben werden. Vielmehr sind strukturelle Merkmale nichtlinearer Abläufe (etwa durch positive oder negative Rückkopplungen), Strukturen eines „deterministischen Chaos” und der Selbstorganisation im Sinne der Allgemeinen Systemtheorie

Vgl. für die Wirtschaftsgeographie z.B. bei Ritter, W.: Allgemeine Wirtschaftsgeographie. Eine systemtheoretisch orientierte Einführung. 2. Aufl., München 1993

in diesen Netzwerken zu beobachten.

Freilich zeigt dies Strukturen genereller Art von Netzwerken und allgemeiner Netzwerkeigenschaften; dies beantwortet jedoch noch nicht die Forschungsfrage, was denn eigentlich die Ausprägungsfaktoren eines kreativen Milieus im Gegensatz zu einer sklerotischen Ausprägung des regionalen Milieus genauer kennzeichnen.

In einem kreativen Milieu steigt die Fähigkeit der Region, auf neue Umweltbedingungen und Veränderungen zu reagieren mit ihrer Variabilität, also der Fähigkeit zum Strukturwandel, und ihrer Vitalität. Hier kommen die Schlüsselkriterien für kreative Regionalentwicklung ins Spiel. Sie wirken als sogenannte „Modifikatoren” beeinflussend auf die Regionalentwicklung ein, je nach Ausprägung beschleunigend oder verlangsamend. Entscheidend für die genannten regionalen Synergieeffekte sind die Beziehungen zwischen diesen handelnden Personen in einer Region.

Wie aber die Ausprägung der Netzwerke von diesen Modifikatoren oder entscheidenden Schlüsselpersonen (regionale Eliten, „stakeholders”) messen oder feststellen? Dies stößt auch in der Forschungsliteratur häufig auf Grenzen. Entscheidend für den innovatorischen Charakter eines kreativen gegenüber eines sklerotischen Milieus erscheint m.E., dass die Netzwerke sowohl in einer (auch geistigen) Haltung kommunikativ offen, als auch flexibel und wandelbar bleiben (ohne jedoch die für Netzwerke hier bezeichneten positiven Eigenschaft der Redundanz, losen Kopplung und Stabilitätssicherung zu verlieren). Dies betrifft zum einen Offenheit innerhalb der Region, zum anderen auch den Technologie-, Wissens- und Informationstransfer mit außerhalb der Region liegenden Akteuren. Kreative Milieus zeichnen sich im Gegensatz zu den verteidigenden, sklerotischen u. a. Milieus dadurch aus, dass Kreativität und Innovation nicht blockiert, sondern gerade durch den Kontaktaustausch gefördert werden. Den regionalen Akteuren wird somit in einem kreativen Milieu eine offene Kontakthaltung, eine erhöhte Lernfähigkeit und Bereitschaft zum Lernen zugewiesen. Das Netzwerk in einem solchen Milieu ist mehr als die Summe seiner Teile (regionalen Akteure), d.h. ein kreatives Milieu ist gekennzeichnet durch regionale Synergieeffekte mit der Möglichkeit der Förderung des innovatorischen Outputs einer Region.

Gezeigt werden kann dies auch an einem historischen „best practice” Beispiel: Wien um 1900 wird als ein solch konstituiertes kreatives Milieu betrachtet

Vgl Brix, E. Janik, A. (Hrsg.): Kreatives Milieu — Wien um 1900. Ergebnisse eines Forschungsgesprächs der Arbeitsgemeinschaft Wien um 1900. Wien 1993: „kreative Kaffeehauskultur”

, weil unterschiedlichste Menschen in kommunikativer Offenheit und entsprechendem lokalen Umfeld aufeinander trafen und sich dementsprechend Netzwerkstrukturen zum fördernden Informations- und Kommunikationsaustausch bilden konnten.

Wie bereits angedeutet, sind in einem kreativen Milieu formelle wie informelle persönliche Kontaktnetzwerke und soziokulturelle Bindungen entscheidende Merkmale. Diese Merkmale müssen jedoch auch in einer dementsprechenden, für ein kreatives Milieu positiven Ausprägung vorliegen. Natürlich ist die Messung der Ausprägung dieser Indikatoren nicht immer offenkundig, und für die Skalierung muss häufig eine einfache Ordinalskala genügen. Das heißt, die regionalen Milieus können einer gewissen Rangfolge bzw. Einreihung (kreativ, innovativ, … bis hin zu verteidigenden und sklerotischen Milieus) zugeordnet werden. Verdeutlichen kann dies das Beispiel des Indikators der gesellschaftlichen und kulturellen Verbände, Vereine usw. in einer Region. Je nach ihrer Ausprägung können sie Anzeichen eines eher kreativen oder sklerotischen, regionalen Umfeldes (Milieu) sein. So behindert fortgesetztes Verharren in engen und geschlossenen Formen und Angeboten kreative Prozesse, während Handlungsspielräume, vielfältiges Angebot, Offenheit, Pluralität u. ä. Ausprägungen dieses Indikators vermehrt kreative Prozesse fördern und unterstützen.

Es sei betont, dass es sich bei den Indikatoren immer um Anzeichen nach dem hier vorgestellten Erklärungsansatz eines kreativen oder sklerotischen, regionalen Milieus handelt, “Kreativität” als vorwiegend psychologisches Phänomen der regionalen Akteure an sich jedoch nicht gemessen wird. Aus dem Gesamtbild dieser Indikatoren lässt sich anhand der Skalierung ein regionales Milieu dahingegen beurteilen, ob es sich eher um ein kreatives oder sklerotisches Milieu handelt (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3

Indikatoren und Skalierungsmöglichkeiten zur Darstellung und Abgrenzung eines kreativen Milieus (Auswahl):

Quelle: Rösch (1998): 111

Thesen zur Ausgestaltung und Förderung kreativer Milieus

Als wesentliche Ergebnisse für den Entwicklungsansatz eines kreativen Milieus, die hier thesenartig zusammengefasst werden, lassen sich für die Raumforschung und Landesplanung allgemein festhalten:

Vgl. nach STMLU (Hrsg.): Chancen und Möglichkeiten eines kreativen Milieus für die Stadt- und Regionalentwicklung. Gutachterliche Stellungnahme im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Landesentwicklung und Umweltfragen (STMLU) durchgeführt von der RRV-Forschungsstelle für Raumanalysen, Regionalpolitik und Verwaltungspraxis an der Universität Bayreuth, Langfassung. - Erlangen 1997, S. 170 ff.

Ein kreatives Milieu entsteht aus der lokalen Einzigartigkeit der Ausprägung verschiedener Faktoren in einer Region. Dies bedeutet: Sie können somit nicht in irgendeiner Weise „(re)produziert” oder „gemacht” werden. Die Einbettung des Innovationsnetzes aus Unternehmen und Forschung in das lokale bzw. regionale Milieu (Umfeld) kennzeichnet ein kreatives oder innovatives Milieu. Dazu bedarf es starker lokaler Identität aber auch Offenheit nach außen.

Siehe dazu auch bei Danielzyk/Ossenbrügge, a.a.O.

Von öffentlicher Hand und vom privaten Interesse aus ist insbesondere der Blickwinkel auf Bildungs- und Hochschul- sowie Kultureinrichtungen zu richten, die innovative und kreative Potenziale des angestammten Humankapitals einer Region beeinflussen. Forschungseinrichtungen z. B. bieten eine notwendige - aber deshalb noch nicht hinreichende (automatische) - Bedingung für Innovation und Kreativität. In betrachteten empirischen Fallregionen freilich haben zweifelsohne die Hochschuleinrichtungen und angesiedelten Institutionen (Fachhochschule, Kammern, Verwaltungsbehörden, Kultureinrichtungen u.a.) eine bedeutende Rolle für die Stadt- und Regionalentwicklung und Ausprägung des kreativen Milieus inne.

Daneben existieren aber noch eine Reihe weiterer Einflussfaktoren auf ein kreatives Milieu, die vom Staat und regionsexternen Markt- und Technologieentwicklungen gefördert bzw. verhindert werden können. Zu nennen wären hier auf jeden Fall auf der einen Seite weltweite Marktentwicklungen im Zuge der Globalisierung und auf der anderen Seite politische Rahmenbedingungen, die von staatlicher Seite gesetzt werden. Der Raum Coburg z.B. bemüht die Stärke seines Innovationsnetzwerkes sowohl in der Nutzung endogener Potenziale als auch in der erwähnten Offenheit des regionalen Milieus nach außen in Anpassung an diese externen Faktoren.

Vgl. zu diesem Fallbeispiel bei Rösch, a.a.O.

In diesem Sinne kann ein kreatives Milieu in dem hier nur angedeuteten Spannungsfeld zwischen Globalität und Lokalität einen Beitrag zur Regionalentwicklung leisten, wenn es - wie im Falle Coburgs - durch Netzwerkbeziehungen Offenheit nach außen, aber vor allem auch wesentliche Syneregieeffekte in der Region (endogen) miteinander verbinden kann.

Im Gegensatz zur isolierten Betrachtungsweise verschiedener Standortfaktoren in einer Region betont das Entwicklungsmodell des kreativen Milieus den Netzwerkansatz und die Verbindungen zwischen den regionalen Akteuren. In manchen Fallregionen konnten die Ansätze einer „Netzwerkarchitektur” zwischen Akteuren in Wirtschaft, Politik und Kultur festgestellt werden.

Vgl. STMLU, a.a.O., S. 30 ff.

Der positive Beitrag des kreativen Milieus besteht in der spezifischen Ausformung von lokalen Kooperationen und Kontakten zur Aktivierung der endogenen Potenziale. Daneben wird die Entwicklung einer Region natürlich auch von exogenen Faktoren auf nationaler und internationaler Ebene bestimmt, die jedoch von einer einzelnen Region heraus nicht zu verändern sind. Daher eignet sich das Entwicklungsmodell eines kreativen Milieus im Besonderen zur eigenständigen und nachhaltigen Entwicklung - was nicht gleichbedeutend ist mit einer isolierten, abgekoppelten Regionalentwicklung. Als Leitbild kann hierbei das Konzept einer „Lernenden Region” dienen, d. h. das Milieu in der Region begünstigt eine hohe Lernfähigkeit und Netzwerkarchitektur der regionalen Akteure.

Vgl. Butzin (1996), a.a.O. S. 146 oder Stahl, T.: Lokale Netze als Thema unter ADAPT. Vortrag anläßlich des europäischen Workshops „Lernfördernde regionale Netzwerke im Rahmen der europäischen Gemeinschaftsinitiativen und Aktionsprogramme — Erfahrungen und Perspektiven” am 10.10.1996 in Berlin

Diese kann gerade auf globale Strukturveränderungen reagieren, weil - wie erwähnt - regional spezifische Synergieeffekte des Milieus ausgenutzt werden können. Der Beitrag des kreativen Milieu- Ansatzes zur Erklärung regionaler Entwicklung ähnelt daher in gewisser Weise dem Ansatz einer „lernenden Organisation”

Z.B. bei Senge, P.: Die Fünfte Disziplin — Kunst und Praxis der lernenden Organisation. — Stuttgart 1996 (engl. Originalausgabe: Ders.: The Fifth Discipline – The art and practice of the learning organistion New York 1990

, wobei die gesamte „Region” als Netzwerkorganisation der verschiedenen regionalen Akteure aufgefasst werden kann.

In den verschiedenen Teilräumen Europas, Deutschlands oder eines Bundeslandes können nicht überall „kreative Milieus” entwickelt werden. Es ist jedoch aus Sichtweise der Raumordnung und Landesplanung darauf zu achten, dass in bestimmten Regionen den Ansätzen entsprechender Milieubedingungen durch staatliche Maßnahmen nicht entgegengewirkt, sondern diese gefördert werden. Dies bedeutet, im Sinne der Zielsetzung „gleichwertiger und nachhaltiger Lebensbedingungen” können endogene Potenziale der Regionen im besonderen genutzt werden. Bezogen auf ein „kreatives Milieu” heißt dies, dass Landesentwicklungspolitik den regional verorteten Einsatz staatlicher Maßnahmen koordinieren sollte, die eine Notwendigkeit zur Inwertsetzung des kreativen Humankapitals einer Region darstellen.

Wie die empirischen Untersuchungen

Vgl. dazu ausführlicher STMLU, a.a.O.

deutlich zeigen, bedeutet dies, ganz verschiedene Instrumente für die Landesentwicklung und Regionalplanung einzusetzen. In den Verdichtungsräumen sind viele der sog. „harten” Infrastrukturfaktoren und zahlreiche Einrichtungen des Wissens- und Technologietransfer bereits vorhanden. Auch die „Netzwerkstrukturen” der lokalen und regionalen Eliten (Führungspersönlichkeiten) sind komplex und vielschichtig ausgeprägt. Kreatives Milieu in der Umsetzung stärken, bedeutet hier, unterschiedliche Eliten und Interessen gemeinsam zu bündeln und zu koordinieren, denn die „kritische Masse” eines kreativen Milieus, in den verschiedenen Bereichen:

„harte” Infrastruktur,

Humankapital,

„weiche” Standortfaktoren,

wirtschaftliche und politische Netzwerkstrukturen in der Region,

ist in vielen Verdichtungsräumen z. B. im Freistaat Bayern vorhanden. Im ländlichen Raum hingegen müssen andere Schwerpunkte und Maßnahmen auf die genannten Ausprägungsfaktoren eines kreativen Milieus konzentriert werden. Beides kann im Ansatz einer sog. „milieuorientierten Regionalpolitik” zur regionalen Vernetzung und darin verschiedener Schwerpunktlegung erfolgen.

Vgl generell auch Goppel, K.: Vernetzung und Kooperation — das neue Leitziel der Landesplanung Raumordnung (1994) H. 2, S. 101-103

Fazit; Milieuorientierte Regionalpolitik

Bei der Ausprägung eines kreativen Milieus in einer Region wird es im Wesentlichen darauf ankommen, dass die verschiedenen der o.a. Teilbereiche in einer regionalen Netzwerkarchitektur miteinander verbunden sind und nicht isoliert voneinander ablaufen. Zu der Bedeutung von Infrastruktureinrichtungen in den einzelnen Teilbereichen für die Regionalentwicklung liegen zum größten Teil Untersuchungen vor. Das Vorhandensein der sog. „harten” Standortfaktoren - durch Instrumente einer traditionellen Regionalpolitik - sind zwar notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzungen für die Schaffung eines innovationsfreundlichen Klimas, wie auch empirische Fallstudien bestätigen. Viele dieser harten Standortfaktoren sind als Einrichtungen nach dem Prinzip der Zentralen Orte in den Stadtregionen vorhanden. Manche dieser Einrichtungen haben inzwischen in vielen Städten zentralörtlicher Ausprägung nahezu ubiquitären Charakter. Die alleinige Ausstattung mit harten Standortfaktoren, z. B. Autobahnanschlüsse oder Technologie- und Gründer-zentren (TGZ), reicht jedoch für das Anstoßen von Innovationen in einer Region nicht aus. Vielmehr gilt, wie Sternberg ausführt:

Sternberg, R.: Regionaler Informationstransfer — die Rolle von Technologie- und Gründerzentren in der bundesdeutschen Regionalpolitik In: Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK) (Hrsg.): Innovations- und Technologiezentren. Ein taugliches Instrument der Regionalpolitik Schriftenreihe Nr. 81, Wien 1990, S. 17

„TGZ allein können (auch) in peripheren Gebieten nur in Kooperation mit anderen innovationsfördernden Institutionen und Maßnahmen, mit denen sie in ein regionales Netzwerk eingebunden sein sollten, realwirtschaftliche und ‘klimatische’ Effekte bewirken.”

Daneben erfolgt in der Wirtschaftsgeographie und den Regionalwissenschaften eine wachsende Konzentration auf höherwertige, Unternehmens- und haushaltsorientierte Dienstleistungen und „weiche” Standortfaktoren zur Erklärung regionaler Entwicklung und Innovationsfähigkeit. Diese haben zunehmend das regionale Umfeld (Milieu) in seiner soziokulturellen Dimension im Blickpunkt der Betrachtungen. Einen weiteren Beitrag zu Erklärungsansätzen regionaler Entwicklung liefert die Beachtung und Erforschung kultureller Werte und Potenziale in einer Region. Der Ansatz des kreativen Milieus geht darüber aber hinaus und versucht den Blick auf die Beziehungen zwischen diesen Bereichen in einer Region zu lenken.

Abschließend sei skizziert: Die Initiierung weiterer Anreize und Anlässe zu Verbindungen zwischen Forschungseinrichtungen und den Unternehmen in der Region sowie Unternehmenskooperationen von kleinen und mittleren Unternehmen untereinander - wie in der Debatte um „industrial and technological districts” - ist sicher ein wesentliches Erkennungsmerkmal für die Existenz eines kreativen Milieus in einer Region. Das Vorhandensein dieser „Innovationsnetzwerke” wurde zu Beginn dieser Ausführungen diskutiert. Die Initiierung weiterer Anreize und Anlässe zu Verbindungen in diesen Innovationsnetzwerken ist Aufgabe einer komplementären, innovationsorientierten Regionalpolitik (Träger: über EU, Bund, Land, Kammern, Regionalplanung, Kommunalpolitik, …). Letztendlich sorgt aber gerade die Verbindung des Innovationsnetzwerkes mit dem sozialen und kulturellen Umfeld dafür, dass in dem Milieu einer Region auch ein „kreatives Milieu” i. S. der genannten Begriffsbestimmung vorhanden ist. Einen Beitrag hierzu liefert die Beachtung und Förderung kultureller Werte und Potenziale in einer Region im Rahmen einer „Kulturali-sierten Regionalpolitik”.

Vgl Häußermann/Siebel, a.a.O., S. 218

Die milieuorientierte Regionalpolitik versucht schließlich, alle diese Elemente insgesamt in einer Region zu verbinden. Sie kann eine wichtige Stütze sein, das kreative Milieu in Wert zu setzen und somit als einen Antriebsmotor für die Stadt- und Regionalentwicklung zu nutzen für „regionale Zukünfte” auf dem Weg ins 21. Jahrhundert.

Abbildung 4

Zusammenfassende Darstellung einer „Milieuorientierten Regionalpolitik“

Quelle: Rösch (1998), S. 105

Abbildung 1

Interaktionsverbindungen in regionalen Milieus
Interaktionsverbindungen in regionalen Milieus

Abbildung 2

Skizzierte Darstellung eines regionalen Milieu-Lebenszyklus
Skizzierte Darstellung eines regionalen Milieu-Lebenszyklus

Abbildung 3

Indikatoren und Skalierungsmöglichkeiten zur Darstellung und Abgrenzung eines kreativen Milieus (Auswahl):
Indikatoren und Skalierungsmöglichkeiten zur Darstellung und Abgrenzung eines kreativen Milieus (Auswahl):

Abbildung 4

Zusammenfassende Darstellung einer „Milieuorientierten Regionalpolitik“
Zusammenfassende Darstellung einer „Milieuorientierten Regionalpolitik“

Regionale Milieus im Lebenszyklus

Stufe im Lebenszyklus

Milieu

Kennzeichen

Mögliches regionales Beispiel

Die Auswahl der Beispiele bezieht sich auf die Regionen, die in der Literatur häufig als solche genannt werden

1

Kreativ (Fromhold-Eisebith 1995, Butzin 1996)

inventiv, spielerisch lernend, Runde Tische, virtuelle Teams, unkonventionell, „Garagengründungen“, offene soziale und kulturelle Netzwerke

Silicon Valley in der ersten Phase, dito Route 128

2

Innovativ (Maillat 1995 / GREMI)

Umsetzungsorientiert, sichere Reproduktion von Erfindungen

Sophia Antipolis, „Drittes Italien“

3

Produktiv

Pioniergewinne, rasches Wachstum, entwicklungsorientierte Politik

Oberbayern

4

Expansiv

Gesicherte Massenproduktion, allgemein bekannte Produkte, Politiksättigung

Rhein-Neckar-Raum

5

Erfolgreich, aber zugleich stagnierend

Abwehr von grundlegend neuen Produkten und Institutionen, bestandsorientierte Politik, relativer Wohlstand

Nord-Hessen

6

Verteidigend (Grabher 1993b)

Rationalisierung, Einkommensrückgang, Besitzstandswahrung, Kampf um ökonomisches und politisches Überleben

Ländliche und altindustrialisierte Regionen in den neuen Ländern

7

Sklerotisch (Läpple 1994)

Hoffnungslosigkeit, Lähmung, Absterben der Altindustrien und sozialpolitischer Regelungsformen

Ruhrgebiet

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