1. bookVolume 58 (2000): Issue 2-3 (March 2000)
Journal Details
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Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
Open Access

Sustainable, Regional, Developed?

Published Online: 31 Mar 2000
Volume & Issue: Volume 58 (2000) - Issue 2-3 (March 2000)
Page range: 150 - 160
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English
Abstract

The first section of this article deals with the concept of “sustainability” and examines the broader conditions affecting strategies to bring about sustainable regional development. Part Two extends the discussion to include the two lead projects undertaken in the Pyhrn-Eisenwurzen region of Austria— the “Kalkalpen National Park” and the State Exhibition entitled “Land of the Hammers”. Part Three draws on the product-cycle model in an attempt to identify potential breaks with the trends of development found in Pyhrn-Eisenwurzen. The article concludes by presenting some general conclusions regarding the status and prospects of a policy of sustainable regional development in Europe.

Nachhaltige Entwicklung

Der Begriff „Sustainable Development“, im Deutschen meist übersetzt als „Nachhaltige Entwicklung“

Beide Begriffe werden in Laufe dieser Untersuchung synonym verwendet

, hat mit dem so genannten „Brundtland-Report“

World Commission on Environment and Development: Our Common Future.— Oxford 1987

erstmals eine großere internationale Bühne betreten. Er ist inhaltlich von verschiedensten Institutionen seit den 1960er Jahren geformt worden.

Zur Entwicklung des Begriffes seit den 1960er Jahren siehe Adams, W. M.: Sustainable Development? In: Johnston, Ronald J.; Taylor, P.J.; Watts, M.J. (Hrsg.): Geographies of Global Change: Remapping the World in the Late Twentieth Century. — Oxford 1995, S. 354–373

Im Gefolge des „Erdgipfels“ 1992 in Rio de Janeiro (UNO Konferenz für Umwelt und Entwicklung) erlebte das Nachhaltigkeitsparadigma wohl seinen Popularitätshöhepunkt, ehe der weitere Lauf der 1990er die politische und öffentliche Aufmerksamkeit in Europa auf Arbeitslosigkeit, die fortschreitende EU-Integration und wirtschaftliche Krisen gelenkt hat.

Ausgangspunkt der meisten Nachhaltigkeitsbestimmungen ist, dass das bisherige ressourcenintensive, wachstumsorientierte Wirtschaftsmodell der Industriestaaten nicht ad infinitum fortgeführt werden kann. Es gibt Grenzen des quantitativen Wachstums, die nur um den Preis schwerwiegender 6kologischer und sozialer Schaden überschritten werden k6nnen. Folgende Elemente und Dimensionen k6nnen für ein langfristig orientiertes Modell der nachhaltigen Entwicklung als wesentlich angeführt werden:

Vgl. u.a. Bätzing, Werner: Nachhaltige Naturnutzung im Alpenraum. In: Franz, Herbert (Schriftleitung): Gefährdung und Schutz der Alpen.— Wien 1994; Busch-Lüty, Christiane: Nachhaltigkeit als Leitbild des Wirtschaftens. In: Politische Ökologie, 10. Jg. (1992), Sonderheft 4: Ökologisch nachhaltige Entwicklung von Regionen, S. 6–12; Kanatschnig, Dietmar: Vorsorgeorientiertes Umweltmanagement. Grundlagen einer nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft.— Wien, New York 1992. = Linzer Universitätsschriften, Monographien, Bd. 14; Redclift, Michael: Sustainable Development. Exploring the Contradictions. — London, New York 1987

Ökologie. Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, Reduzierung des Material-, Energie- und Flachen- verbrauchs

Wirtschaft. Regionalisierung von Kreisläufen, Anerkennung ökologischer Grenzen, qualitatives Wachstum

Gesellschaft. Demokratische Auseinandersetzung und Beteiligungsmöglichkeiten, Offenheit für Neues, Toleranz, Wertorientierungen

Soziale Gerechtigkeit: in lokaler wie globaler Betrachtungsweise

Räumliche Ausgewogenheit

Langfristigkeit. Gerechtigkeit über Generationen hinweg, vorausschauende Planungen, Zukunfts-fähigkeit

Es ist wichtig, zu betonen, dass diese Bereiche in der Realität miteinander verwoben sind. Nachhaltigkeit kann nur erreicht werden, wenn sie in jedem dieser Bereiche gegeben ist. Strategien zur Umsetzung des Nachhaltigkeitsparadigmas verlangen nach einer gleichgerichteten, komplementären Entwicklung auf den verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen. Es sind in diesem Sinn Aktivitäten von „oben“ und „unten“ nötig.

Stöhr, Walter (Hrsg.): Global Challenge and Local Response. Initiatives for Economic Regeneration in Contemporary Europe. — London 1990

Es wäre verkürzt, Nachhaltigkeit als allein umweltpolitisches oder bloß konservierendes Konzept zu sehen. Die radikalen ökologischen Zielvorgaben implizieren weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Konsequenzen. Das Gestaltungsobjekt einer nachhaltigen Entwicklung ist die sozioökonomische Entwicklung. Nachhaltigkeit wird in diesem Sinn als Prozess der Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft mit dem Ziel einer vorsorgenden, strukturell ökologisierten und sozial gerechten Entwicklung verstanden. Die Umstrukturierung in Richtung Nachhaltigkeit würde, wie jeder Entwicklungsweg, Interessenskonflikte, Verteilungskämpfe und regionale wie sektorale Gewinner und Verlierer hervorbringen.

Die regionale Ebene

Dass unter den Rahmenbedingungen von EU-Integration, Deregulierung und Post-Fordismus auch der Stellenwert von Regionen im Sinn einer lokal-globalen Dialektik steigt

Giddens, Anthony: The Consequences of Modernity. — Cambridge 1990; Amin, Ash und Thrift, Nigel (Hg.): Globalization, Institutions and Regional Development in Europe.— Oxford 1994

, unterstreicht die Wichtigkeit regional-spezifischer Nachhaltigkeits-Projekte. Systemtheoretisch (optimistisch) gesehen kann eine Region als „Island of Sustainability“ wie ein Kristallisationskern wirken, von dem Impulse auf eine gesamtgesellschaftliche Nachhaltigkeit ausgehen.

Moser, Franz (Hrsg.): Regionale Konzepte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Wie funktionieren regionale „Islands of Sustainability”?— Graz 1993

Der Begriff der „Region“ steht dem der „Nachhaltigkeit“ in seiner Vielfalt an möglichen Inhalten nur um wenig nach. Die Verwendung dieses Begriffes ist insofern problematisch, als in den europäischen Staaten sehr unterschiedliche Vorstellungen davon existieren, was eine Region ausmacht.

Bauer, Ursula: Europa der Regionen— zwischen Anspruch und Wirklichkeit.— Wien 1999. = Institut für Stadt- und Regionalforschung. Forschungsbericht 12; Wiehler, Frank und Stumm, Thomas: The Powers of Regional and Local Authorities and their Role in the European Union. In: European Planning Studies 3(2) (1995), S. 227–250

In der vorliegenden Arbeit wird Region, stets mit dem Blick auf die Pyhrn-Eisen- wurzen, verstanden als ein Gebiet, das

eine „Meso-Ebene“ oberhalb von Kommunen und unterhalb der staatlichen bzw. teilstaatlichen (föderalen) Machtebene bildet,

etwa der NUTS-III-Ebene nach EU-Nomenklatur entspricht,

überwiegend innerhalb bestimmter politisch-administrativer Grenzen liegt,

nur über geringe legistisch-formale Entscheidungsbefugnisse verfügt und

durch Geschichte, Naturraum, Symbole, Verflechtungen, Netzwerke, Institutionen, Medien, Problemsituationen und/oder Entwicklungsziele als, wenn auch unbewusst und unreflektiert, zusammengehörig erfahren wird.

Paasi, Annsi: The Institutionalization of Regions: A Theoretical Framework for Understanding the Emergence of Regions and the Constitution of Regional Identity. In: Fennia 164 (1) (1986), S. 105–146

Rahmenbedingungen für die nachhaltige Regionalentwicklung

Regionale Projekte zur nachhaltigen Entwicklung müssen die übergeordneten Trends und Rahmenbedingungen sowie die spezifischen Handlungsspielräume berücksichtigen, um erfolgreich sein zu können. Als allgemeiner Startpunkt zur Analyse dieser Trends dient die Erwartung, dass die Zukunft von Regionen durch zunehmende Europäisierung, Deregulierung und Ökonomisierung im Prozess der europäischen Integration geprägt sein wird. Es gibt Potenziale und Beschränkungen von innen und außen.

Ökonomische Rahmenbedingungen

Budgetäre Sparkurse im Zuge der europäischen Währungsunion, eine strukturell hohe Arbeitslosigkeit trotz quantitativen Wachstums und die Europäisierung der wirtschaftlichen Regeln und Beziehungen sind die Vorgaben auch für regionale Initiativen. Mit einiger Berechtigung kann von einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche gesprochen werden.

Zu den Konsequenzen für die Regionalplanung siehe Fürst, Dietrich: Europäische Tendenzen der Regionalisierung und Dezentralisierung der Raumordnung. In: Pernthaler, Peter (Hrsg.): Föderalistische Raumordnung— eine europäische Herausforderung. — Wien 1994. = Schriftenreihe des Instituts für Föderalismusforschung 58, S. 3–15

Die schwindende Bereitschaft und Fähigkeit des Staates, aktiv soziale Infrastrukturen und öffentliche Dienstleistungen aufrecht zu erhalten, wird prägend für die regionalen Entwicklungsmöglichkeiten der Zukunft sein.

Lichtenberger, Elisabeth: Der Rückbau der sozialen Wohlfahrtsstaaten. In: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft, 140. Jg. (Jahresband) 1998, S. 7–24

Gerade für ländliche Räume hat dies enorme Konsequenzen, da finanzielle Gewinnaussichten für Investoren dort gering sind.

Politisch-institutionelle Rahmenbedingungen

Die fortschreitende Integration unter der organisatorisch-politischen Ägide der EU hat den Stellenwert der Regionen in Europa dramatisch verändert und neue Potenziale eröffnet:

Die Einbindung der Regionen in die europäische Entwicklung manifestiert sich zumindest auf zweifache Weise: symbolisch in den Begriffen „Subsidiarität“ und „Europa der Regionen“

Eine Formel, die ihre Hochkonjunktur bereits hinter sich haben dürfte, und die meist ungenau und idoelogisch motiviert verwendet wurde. Siehe dazu: Borras-Alomar, Susana; Christiansen, Thomas und Rodriguez-Pose, Andres: Towards a „Europe of the Regions”? Visions and Reality from a Critical Perspective. In: Regional Politics and Policy 4 (2) (1994), S. 1–27

, institutionell im Regime der EU-Regionalpolitik und in politischen Regionalisierungsprozessen in fast allen Staaten der Union.

Jones, Barry; Keating, Michael (Hrsg.): The European Union and the Regions. Oxford 1995

Die sozialpsychologische Frage nach der regionalen „Identität“ wird gerade in größer werdenden politischen Einheiten mit neuer Schärfe gestellt. Regionale Kulturen verschwinden zwar nicht, sie verlieren jedoch ihren Charakter als gewachsene Lebenswelten und bestehen als beliebig reproduzier- und nutzbare Konsumartikel fort, losgelöst von ihrer regionalen und lebensweltlichen Verankerung.

Münch, Richard: Das Projekt Europa. Zwischen Nationalstaat, regionaler Autonomie und Weltgesellschaft. Frankfurt am Main 1993. = Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 1103, S. 286

Nichtsdestotrotz stehen bei allen Diskussionen um das Verhältnis von „Europa“ zu den Regionen, ausgesprochen oder nicht, Fragen der kulturellen Identität im Mittelpunkt.

Regional- und Raumentwicklungspolitik wird verstärkt aus europäischer Perspektive formuliert (EU- Struktur- und Agrarpolitik, Europäisches Raumentwicklungskonzept EUREK

Europäische Kommission: Europäisches Raumentwicklungskonzept. Auf dem Wege zu einer räumlich ausgewogenen und nachhaltigen Entwicklung der EU. Vorgelegt beim imformellen Raumordnungsministerrat der EU in Potsdam 1999

). Auch die Regionen müssen europäisch denken, um an Programmen und neuen Entwicklungen teilhaben zu können.

Es existieren eine Fülle gegenläufiger Trends, die mit der dialektischen Formel „Europäisierung und Regionalisierung“

Siehe Anm. (13)

gefasst werden können. Der Raum für Selbstbestimmung und Identität von Regionen ist ebenso angewachsen wie die Fremdbestimmung durch übergeordnete Vorgaben.

Siehe Anm. (14), S. 286

Technologische und infrastrukturelle Rahmenbedingungen

Technologische Innovationen, neue Kommunikations- technologien und transeuropäische Netze in den Bereichen Information und Verkehr haben sehr differenzierte Auswirkungen auf regionale Entwicklungs-potenziale.

Giannopoulos, George; Gillespie, Andrew: Transport and communications innovation in Europe: policy implications and options. In: Dies. (Hrsg.): Transport and Communications Innovation in Europe.— London 1993, S. 329–360

Neue Kommunikationstechnologien etwa bergen sicher innovative Potenziale für die Regionalentwicklung und eröffnen Möglichkeiten zur räumlichen Dezentralisierung. Dennoch könnte die Folge eine Perpetuierung räumlicher Ungleichheiten sein: ein zeitlich verzögerter Ausbau in peripheren Gebieten durch geringe Gewinnerwartungen, eine nur nachvollziehende statt kreative Verwendung, eine mögliche Ablösung realer Institutionen (z.B. Bankfilialen) durch virtuelle.

Häfner, Thomas; Maier, Jörg; Troeger-Weiß, Gabi: Die Ausgangsdiskussion: Ländliche Räume in den 90er Jahren— Rahmenbedingungen, Herausforderungen, Problemsituationen. In: ARL (Hrsg.): Entwicklungsperspektiven für ländliche Räume. Thesen und Strategien zu veränderten Rahmenbedingungen. Hannover 1993. = ARL Arbeitsmaterial, Nr. 197, S. 1–17; Eskelinen, Heikki: Rural areas in the high-mobility communications society. In: Giannopoulos und Gillespie, siehe Anm. (18), Andrew: Transport and communications innovation in Europe: policy implications and options. In: Dies. (Hrsg.): Transport and Communications Innovation in Europe.— London 1993, S. 259–283; Nahrada, Franz: Globale Netze— lokale Perspektiven. In: Schwarz, Wolfgang (Hrsg.): Festschrift für Gerhard Silberbauer 1996. = AMR INFO, Mitteilungen des Arbeitskreises für Regionalforschung, 26, S. 68–72

Ebenso schafft der Ausbau transeuropäischer Verkehrsnetze neue Voraussetzungen für die räumlichen Strukturen. Die Verkehrspolitik der EU verfolgt damit die Ziele Wettbewerbsfähigkeit und Kohäsion, wobei eines das andere untergraben kann und das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung völlig ausgeblendet scheint. Generell besteht die Gefahr, dass regionale Disparitäten sich verschärfen.

Vickerman, Roger; Spiekermann, Klaus; Wegener, Michael: Accessibility and Economic Development in Europe. In: Regional Studies 33(1) (1999), S. 1–15

Sektorale Rahmenbedingungen

Zu den rahmengebenden Faktoren Ökonomie, Politik und Technologie sind für die Beurteilung nachhaltiger regionaler Entwicklungsaussichten eine Reihe sektoraler Strukturen zu berücksichtigen, die regionsspezifisch von Bedeutung sind. Im Fall der Region Pyhrn- Eisenwurzen sind dies insbesondere Trends in den Bereichen Tourismus und Landwirtschaft. Zusätzlich sind demographische Entwicklungen, wie die demographische Überalterung der Gesellschaft, zentrale Determinanten der zukünftigen Raumentwicklung.

Die übergeordneten Rahmenbedingungen für regionale Entwicklungsstrategien können regional sehr unterschiedliche Ausformungen zeigen und lassen Raum für eigenständige Initiativen. Entwicklungsplanung auf regionaler Ebene muss dennoch ihren eingeschränkten Wirkungsgrad zur Kenntnis nehmen.

Schmitz, G.: Regionalplanung. In: Handwörterbuch der Raumordnung. Hrsg.: Akademie für Raumforschung und Landesplanung. — Hannover 1995, S. 822–830

Innerhalb vorgegebener Rahmen-Restriktionen nimmt jedoch die Optionenvielfalt für dezentrale Akteure zu.

Pyhrn-Eisenwurzen: Regionale Voraussetzungen für die nachhaltige Entwicklung
Geographische Innensicht

Die Bezeichnung „Pyhrn-Eisenwurzen“ verweist auf den historisch prägenden Wirtschaftszweig der Eisenverarbeitung in der Region, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert in einer vorindustriellen Wirtschaftsregion mit stark dezentralem Charakter ihre Hochblüte erlebte. Sensen, Nägel, Messer oder Maultrommeln (ein Musikinstrument) waren bedeutende Produkte der Region. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche montan- historische, kulturlandschaftliche und architektonische Besonderheiten, die seit dem Niedergang der Eisenverarbeitung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwahrlost sind.

Hoffmann, Alfred: Wirtschaftsgeschichte des Landes Oberösterreich, Band 1.— Salzburg 1952; Meixner, Erich-Maria: Wirtschaftsgeschichte des Landes Oberösterreich, Band 2.— Salzburg 1952

Die „Pyhrn-Eisenwurzen“ im Bundesland Oberösterreich wird hier räumlich gleichgesetzt mit der NUTS- III-Region „Steyr-Kirchdorf

Gebildet aus den „Politischen Bezirken” Kirchdorf/Krems, SteyrLand und Steyr-Stadt

nach EU-Nomenklatur. Naturräumlich gesehen liegt sie am Übergang vom Alpenvorland zu den Nördlichen Kalkalpen. Abgesehen von der Stadt Steyr mit einer Wohnbevölkerung von rund 40 000 gibt es keine Gemeinde mit urbanem Charakter. Nach Jahrzehnten des Bevölkerungsrückgangs ist seit Anfang der 80er Jahre wieder eine positive Bevölkerungsentwicklung zu verzeichnen, die weiter an- halten dürfte.

Wohnbevölkerung 145 535 Einw. (Volkszählung 1991) auf 2 237 km2; Fassmann, Heinz; Münz. Rainer; Kytir, Josef: Bevölkerungsprognosen für Österreich 1991 bis 2021. Szenarien der räumlichen Entwicklung von Wohn- und Erwerbsbevölkerung.— Wien 1996. = ÖROK Schriftenreihe Nr. 126

Die heutige Wirtschaftsstruktur kennt keine gesamtregional zutreffende Charakterisierung. Industriebetriebe in den Bereichen Maschinen-, Werkzeug- und Motorenerzeugung sowie Kunststofftechnik sind die wichtigsten Arbeitsplatzbereitsteller. Im alpinen Süden der Region bestehen bedeutende touristische Strukturen, jedoch ohne intensiven Ausländerfremdenverkehr. Weite Gebiete sind land- und forstwirtschaftlich genutzt. Die Region kann analytisch geteilt werden in das Industrie-, Bevölkerungs- und Arbeitsplatzzentrum Steyr (Ziel-2-Gebiet der EU-Regionalförderung für die Jahre 1995-1999) und in das ländliche, kleinräumig strukturierte Gebiet der Voralpen und Kalkhochalpen (Ziel-5b 1995-1999).

Regionale Leitprojekte

Seit dem Ende der 1980er Jahre haben sich zwei gesamtregionale Leitprojekte etabliert: das Naturschutz- Projekt „Nationalpark Oberösterreichische Kalkalpen“ und die touristisch orientierte Landesausstellung 1998 „Land der Hämmer - Heimat Eisenwurzen“. Beide bauen auf endogenen regionalen Potenzialen auf und sind von Akteuren in der Region initiiert und aufgebaut worden. Ihre Finanzierung erfolgt zum weitaus überwiegenden Teil von externen Stellen (Bundesland, Staat, Europäische Union).

Nationalpark Oberösterreichische Kalkalpen

Der Nationalpark OÖ Kalkalpen wurde am 25. Juli 1997 in einer Größe von 165,09 km2 - überwiegend auf Grund der Österreichischen Bundesforste - eröffnet. Das waldreiche Berggebiet ist bald darauf von der Weltnaturschutzorganisation IUCN als Nationalpark (Kategorie II)

IUCN Nationalpark-Kommission mit Unterstützung des World Conservation Monitoring Centre: Richtlinien für Management-Kategorien von Schutzgebieten. Deutsche Übersetzung: Föderation der Natur- und Nationalparke Europas. IUCN, Gland (Schweiz).— Cambridge (Großbritannien), Grafenau (Deutschland) 1994

international anerkannt worden. Der Eröffnung ging eine etwa siebenjährige Planungsphase voraus, im Laufe derer das Nationalparkprojekt aus Gründen der Finanzierbarkeit und politischen Machbarkeit von einer 1 300 km2 umfassenden Maximalvariante sich auf die nunmehrige Fläche reduziert hat.

Trotz dieser kleineren Startvariante wird es der Nationalpark Kalkalpen GmbH verstärkt möglich sein, über das klassische Naturraummanagement hinaus Akzente in der Regionalentwicklung zu setzen. Vom Beginn der Planungsarbeiten im Frühjahr 1990 bis Ende 1998 wurden ca. 200 Mio. Schilling (ca. 14,5 Mio. Euro) von öffentlicher Seite in das Nationalparkprojekt gesteckt. Eine Kosten-Nutzen-Analyse erwartet knapp hundert neue Arbeitsplätze in der Region durch den Nationalpark.

Baaske, Wolfgang; Sulzbacher, Rüdiger; Reiterer, Franz: Kosten-Nutzen-Analyse Nationalpark Kalkalpen. Studienzentrum für Internationale Analysen.— Schlierbach 1999

Alpinvereine und Naturschutzorganisationen brachten anlässlich der Eröffnung des Nationalparks das Projekt eines bundesländerübergreifenden „Nationalpark Österreichische Kalkalpen“ in die Diskussion. Dieses umfassende Projekt fasst geplante Nationalpark-Erweiterungen auf oberösterreichischer Seite (Totes Gebirge zwischen Bad Ischl und Hinterstoder, Warscheneck, Haller Mauern) ebenso wie das Planungsgebiet Gesäuse in der Steiermark zu einer Gesamtfläche von ca. 870 km2 Nationalpark zusammen (Abb. 1).

Abbildung 1

Nationalpark OÖ Kalkalpen: „Startvariante“ 1997, Erweiterungsgebiete in Oberösterreich und geplanter Nationalpark Gesäuse

Umweltdachverband ÖGNU: Gesäuse und Totes Gebirge sollen bis 2003 Nationalpark werden. Medieninformation zum Zukunftsgespräch der Hintergebirgsbesetzer und Naturschutzorganisationen am 25. Juli 1997 in Großraming

Oberösterreichische Landesausstellung 1998 - Eisenstraße

Aufbauend auf der kulturhistorischen Tradition der Eisenverarbeitung, wurde 1998 unter dem Titel „Land der Hämmer - Heimat Eisenwurzen“ versucht, mit der oberösterreichischen „Landesausstellung“ zur touristischen und kulturellen Belebung der Region beizutragen. Der regionalpolitisch bedeutende Gedanke der Ausstellung lag darin, dass nicht ein einzelnes bauliches Objekt, sondern eine ganze Region ins Blickfeld gerückt wurde.

Die Konzeption umfasste in einer betont dezentralen Ausrichtung Ausstellungen, Schaubetriebe und thema-tische Wanderwege in 25 Orten der Pyhrn-Eisenwurzen. Die Errichtung der Ausstellungsprojekte wurde zumeist von örtlichen Vereinen und Freiwilligenorganisationen durchgeführt. Die gastronomische Kooperation von 40 „Eisenstraßenwirten“, die Ausweitung des regionalen Rad- und Mountainbikewegenetzes, ein Ausbildungsprogramm für Regionsführer, neue regionsbezogene Publikationen sowie Werbung und Regionalmarketing waren weitere Schwerpunkte der Vorbereitungsarbeiten.

Zur Vorbereitung und Durchführung der Landesausstellungwurden in der Region ca. 300 Mio. Schilling (ca. 21,8 Mio. Euro) an Ausgaben getätigt. Über 70 % der Gesamtsumme werden von außerhalb der Region finanziert: 161 Mio. Schilling (ca. 11,7 Mio. Euro) vom Land Oberösterreich, 13 Mio. Schilling (ca. 0,95 Mio. Euro) vom Bund sowie 39 Millionen Schilling (ca. 2,8 Mio. Euro) aus Regionalförderungsmitteln der EU. 93 Mio. Schilling (ca. 6,8 Mio. Euro) stammen aus Eigenmitteln der Gemeinden bzw. der Projektbetreiber. Schneider (1998) rechnet mit zusätzlich induzierten Wirkungen zwischen 60 und 150 Mio. Schilling (ca. 4,3 bis 10,9 Mio. Euro; Multiplikatorwerte 1,2 bzw. 1,5).

Schneider, Friedrich: Zur Dezentralisierung von Landesausstellungen. In: Land der Hämmer— Heimat Eisenwurzen. Katalog zur OÖ Landesausstellung 1998, S. 44–47

Für die Periode 1998-2002 wird durch die Effekte der Landesausstellung ein regionales Beschäftigungsplus von ca. 100 Personen jährlich erwartet.

Untersuchungen in sechs Regionsgemeinden über die Akzeptanz des Projektes in den Jahren 1995, 1997 und 1999, d.h. vor und nach dem Veranstaltungsjahr

Heintel, Martin und Weixlbaumer, Norbert (Hrsg.): Oberösterreichische Eisenwurzen/Eisenstraßenide. Pilotstudie zur räumlichen Abgrenzung, Akzeptanz und regionalen Identität der Region Eisenwurzen bzw. der Eisenstraßenidee. — Wien 1996. = Aktuelle Beiträge zur Geographie, Raumforschung und Raumordnung, Bd, 5; Dies.: Oberösterreichische Eisenwurzen/Eisenstraße II. Vergleichende Studie zur räumlichen Abgrenzung, Akzeptanz und regionalen Identität der Region Eisenwurzen bzw. der Eisenstraßenidee: Eine begleitende Evaluation 1995–1997.— Wien 1997. = Institut für Geographie der Universität Wien; Dies.: Oberösterreichische Eisenwurzen/Eisenstraße III. Endergebnisse 1995–1999.— Wien 1999. = Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien

, ergaben einen hohen und weiter steigenden Bekanntheitsgrad, ein steigendes Bewusstsein über das kulturelle Erbe der Region, ein steigendes Zugehörigkeitsgefühl zur „Eisenwurzen“ sowie hohe Erwartungen der Bevölkerung insbesondere in den Bereichen Tourismus und Image der Region. Die Besucherzahl von knapp 700 000 in der Zeit von Mai bis Oktober 1998 wurde von den Veranstaltern als großer Erfolg betrachtet.

Bisherige Wirkungen der regionalen Leitprojekte

Nationalpark und Eisenstraße reichen über ihre Kernziele Naturschutz und Kultur-Tourismus deutlich hinaus. Bereits vor ihrer Verwirklichung haben sie bemerkenswerte Wirkungen auf die Region mit sich gebracht:

Finanziell. Beide Projekte haben ein beachtliches direktes Investitionsvolumen, großteils von öffentlichen Stellen, in die Region gelenkt.

Wirtschaftlich, neue direkte Arbeitsmöglichkeiten, Anstoßwirkungen auf andere Sektoren, Förderungen für regionsbezogene und ökologische Projekte

Infrastruktur. Revitalisierung montanhistorischer (touristischer) Objekte, Radwege, Informationsstellen, Verwaltungsgebäude, Qualitätssteigerung im Tourismus

Naturräumlich, großflächiger Schutz der Berggebiete

Bewusstseinsbildend. Anstoß für ökologisches Verhalten und Wertschätzung regionaler Kulturgeschichte

Gesellschaftlich-mental, gesamtregional dezentrale Mobilisierung, Stärkung eines regionalen Bewusstseins, Vertrauen auf endogene Stärken, Sammlung positiver Kräfte, Entstehung einer positiven innerregionalen Wettbewerbssituation, Bereitschaft zur Kooperation, Konsensualisierung und strukturelle Entpolitisierung

Regionale Identität und Institutionalisierung

Regionen können abhängig von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen entstehen, sich etablieren und wieder verschwinden. Diese „Institutionalisierung“ von Regionen als Teil der sozial-räumlichen Struktur und des Bewusstseins der Gesellschaft ist ein Prozess, im Verlauf dessen ein Teil des räumlichen Systems zur etablierten Region wird, die durch individuelle und institutionelle Praxis (in Bereichen wie Kultur, Recht, Erziehung, Wirtschaft, Politk) permanent reproduziert wird.

Paasi (1986) unterscheidet vier Stufen des Prozesses der Herausbildung von Regionen, die jedoch nicht als notwendige chronologische Abfolge zu verstehen sind:

Siehe Anm. (9)

Das Annehmen einer territorialen Form

Die Entwicklung von konzeptiver (symbolischer) Gestalt

Die Entwicklung von Institutionen

Die Etablierung als Teil des regionalen Systems und des Bewußtseins der Gesellschaft.

Bis in die 80er Jahre war das Gebiet der Pyhrn-Eisen- wurzen institutionell, politisch, symbolisch und mental nur in geringem Ausmaß als zusammengehörige Region anerkannt.

Maier, Franz (1992): Innen-Ansichten einer Idee. Unterwegs im Nationalpark Kalkalpen. In: Alpenvereinsjahrbuch Berg ’93, S. 267–278; Verein Eisenstraße OÖ: Landesausstellung 1998. Projektbuch.— Steinbach an der Steyr 1994, S. 5

Mit fortschreitender Konkretheit der Landesausstellungsaktivitäten und wohl auch durch intensivierte Informationsarbeit wurde bei den Bewohnern der Region jedoch ein steigendes Zugehörigkeitsgefühl zur Eisenwurzen festgestellt (Heintel und Weixlbaumer 1996 und 1997). Die Pyhrn-Eisenwurzen kann so als eine Region im Entstehen, oder auch eine wiederentstehende Region, gesehen werden. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Eisenverarbeitung ging die verbindende regionale Identität verloren. Ob im Vertrauen auf die Gültigkeit historischer Analogie-schlüsse daran heute wieder erfolgreich angeknüpft werden kann, ist keineswegs gesichert. Nationalpark und Eisenstraße sind die entscheidenden Institutionen, die eine gesamtregionale Identitätsbildung (aktiv) betreiben und gleichzeitig diese Identität inhaltlich konstituieren. Derzeit bestehen noch deutliche Defizite:

Die administrativen Bezirksgrenzen wirken als mentale Barriere und erschweren eine Identitätsbildung. Die Region Pyhrn-Eisenwurzen ist in diesem Sinn als „under-bounded“

Bennett, Robert J.: Administrative Systems and Economic Spaces. In: Regional Studies 31 (3) (1997), S. 323–336

zu verstehen.

Ein anerkannter und allgemein verwendeter Regionsname hat sich noch nicht durchgesetzt.

Die wochenaktuellen Printmedien widmen sich eher der Lokal- als der Regionalberichterstattung.

Gesamtregionale Institutionen sind erst ansatzweise wirksam.

Regionale Zukünfte
Regionalentwicklung als Produktzyklusmodell

Mit dem Entstehen der heutigen Leitprojekte - Nationalpark Kalkalpen und Eisenstraße - wurde Ende der 1980er Jahre eine „Gründerzeit“ für lokale und regionale Entwicklungsaktivitäten eingeläutet. Es ist von regionalen Akteuren unbestritten, dass seither eine gesamtregional positive Entwicklung eingesetzt hat (Zahl und Qualität regionsbezogener Veranstaltungen, regionale Bewusstseinsbildung, Initiativen im sozialen, kulturellen und sportlichen Bereich, intensivierte regionsinterne Kooperation). Mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und dem damit wirksam gewordenen Regime der EU-Regionalpolitik wurde dieser Trend vorerst noch verstärkt.

Diese „Gründerzeit“ ab den Jahren 1989/90 unterscheidet sich von der davorliegenden Phase in folgenden Punkten:

Es gab vor 1989 keine anerkannte gesamtregionale Entwicklungsidee.

Eine gesamtregionale Problemsicht war nur schwach ausgeprägt.

Vorherrschend waren örtliche Projekte und Einzelaktivitäten ohne regionale Vernetzung.

Es gab keine gesamtregionalen Institutionen.

Die Frage ist nun: Wie lange kann diese positive Entwicklung anhalten und was kann unternommen werden, um sie weiter aufrecht zu erhalten? Es sprechen eine Reihe von Gründen dafür, dass die Pyhrn-Eisenwurzen nach der Etablierung von Nationalpark und Eisenstraße in eine Phase abflauender Dynamik eintauchen könnte:

Die enge Fixierung vieler Aktivitäten auf das Jahr der Landesausstellung 1998 ohne längerfristigen Erwartungshorizont,

möglicherweise übersteigerte und unscharfe Erwartungen an einen „generellen Aufschwung“ durch die Landesausstellung, die nicht überall eingelöst wurden,

geringere finanzielle Förderungen für Nationalpark und Eisenstraße als in der Aufbauphase/Gründer- zeit,

der bereits nach Ausstellungsende merkbare Rückbau der Trägerinstitution „Verein OÖ Eisenstraße“,

möglicherweise neu entflammende regionale Konflikte im Zusammenhang mit Nationalpark-Erweite-rungen,

mögliche Fehler in der Informations- und Kommunikationspolitik der regionalen Institutionen,

das gebietsweise Auslaufen der EU-Regionalförderungen ab dem Jahr 2000,

eine mögliche Ernüchterung darüber, dass aus dem ideellen Aufschwung kein materieller geworden ist.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen soll versucht werden, die Dynamik der Regionalentwicklung in der Pyhrn-Eisenwurzen als „Produktzyklus“ darzustellen. Die Produktzyklus-Hypothese

Schätzl, Ludwig: Wirtschaftsgeographie 1. Theorie. 6. Auflage.— Paderborn, München, Wien-Zürich 1996. = UTB für Wissenschaft Nr. 782, S. 194 ff.

besagt, dass Produkte nur über eine begrenzte Lebensdauer verfügen und im Lauf der Zeit Veränderungen in der Produktgestaltung, den Produktions- und Absetzbedingungen unterliegen. Idealtypisch kann der Lebenszyklus eines neuen Produktes (einer neuen Branche) in vier Phasen gegliedert werden:

Entwicklungs- und Einführungsphase

Wachstumsphase

Reifephase

Schrumpfungsphase.

Um den Produktlebenszyklus zu verlängern und einer drohenden Schrumpfungsphase zu entgehen, sind neue Strategien (z.B. Substitution des alten durch ein neues Produkt, permanente Modifikationen und Innovationen) anzuwenden.

Es spricht vieles dafür, dass die Dynamik der gesamtregionalen en dogenen Entwicklung in der Pyhrn-Eisenwurzen einem solchen Lebenszyklusmodell folgt. Als neue Produktideen bzw. Innovationen werden dabei Nationalpark und Eisenstraße gesehen, die als Träger für die gesamtregionale Entwicklung fungieren. Der Erfolg dieser Produkte bzw Projekte im Zeitablauf unterliegt verschiedenen Änderungen. Die daraus erwachsende gesamtregionale Dynamik von Entwicklungsinitiativen kann dabei als Verlaufskurve dargestellt werden (Abb. 2).

Abbildung 2

Dynamik und Qualität der Regionalentwicklung in der Pyhrn-Eisenwurzen als Produktzyklenmodell

Quelle: eigener Entwurf

Vor dem Jahr 1989 gab es indirekt vorbereitende Aktivitäten, wie regionale Umweltinitiativen, erfolgreiche Ortsentwicklungskonzepte oder ein Interesse an der regionalen Kulturgeschichte. Diese waren jedoch nicht in eine gesamtregionale Konzeptidee eingebunden. Man könnte so für die Zeit vor 1989/90 von einer „In-kubationsphase“ sprechen.

Das Ende der darauf folgenden „Gründerzeit“ wird in diesem Modell mit 1998 angesetzt. In diesem Jahr fand die lange vorbereitete OÖ Landesausstellung „Land der Hämmer - Heimat Eisenwurzen“ statt, was als zeitlicher Brennpunkt für viele Initiativen gewirkt hat. Ebenso ist dies das erste Jahr nach der offiziellen Gründung des Nationalparks OÖ Kalkalpen. Es wird angenommen, dass in der unmittelbaren Folgezeit, etwa bis zum Jahr 2000 oder auch darüber hinaus, für beide Projekte in einer Art „Reifephase“ die Erfolge der geleisteten Arbeiten noch stärker sichtbar und zunehmend regional verankert werden.

Danach könnte die Region jedoch am Ende eines Produkzyklus stehen. Um einer möglicherweise drohenden regionalen Schrumpfungsphase zu entgehen und neue Entwicklungsdynamik zu generieren, sind entsprechend dem Modell vom Produktlebenszyklus Anpassungen oder Innovationen nötig.

Szenarien für die nachhaltige Regionalentwicklung

Ein potenzieller Trendbruch nach der beinahe zehnjährig positiven Entwicklung sollte als strategischer An-satzpunkt für neue regionale Strategien dienen. Aufbauend auf den bisherigen regionalen Aktivitäten wird in diesem Beitrag vorgeschlagen, ein Leitbild der gesamtregionalen Nachhaltigkeit zu etablieren. Es würde dies einen neuen Diskussions- und Zielfindungsprozess in der Region erfordern.

Als Grundfrage wird gesehen, ob die Leitprojekte Nationalpark und Eisenstraße eine Klammer für die nachhaltige Entwicklung bilden können, und wie sie zur Identität und Institutionalisierung der Pyhrn-Eisenwurzen beitragen können (vgl. Abb. 3). Nationalpark und Eisenstraße sind jene Projekte, von denen entscheidende Wirkungen auf eine nachhaltige Regionalentwicklung ausgehen. Wesentlich für den Erfolg der beiden Schlüsselprojekte werden sein: eine offene Informations- und Kommunikationsarbeit, wirtschaftliche Erfolge und Anstoßeffekte, die Eröffnung neuer Verdienstmöglichkeiten, die Aufrechterhaltung der externen Finanzierung und die mentale Identifizierung der Bevölkerung mit den Projekten.

Abbildung 3

Szenarien „Pyhrn-Eisenwurzen 2010“-Struktur

Die Wirkung von Nationalpark und Eisenstraße auf die regionale Nachhaltigkeitsdynamik kann in Form von drei qualitativen, mittelfristigen Szenarien beschrieben werden:

Trend: Langsam positive Fortschreibung Langsame Identitätsstiftung; gestärktes Regionalbewusstsein; verschwommenes Leitbild; beginnende regionsweite Zusammenarbeit in Teilbereichen; breite Akzeptanz für Leitprojekte Nationalpark und Eisenstraße; geringe Aktivität der Bevölkerung; gebremste Begeisterung und Bereitschaft zur Mitarbeit; regionaler Pragmatismus ohne Visionen bei den regionalen Akteuren.

Wunsch: Nachhaltige Entwicklung mit regionaler Dynamik Hohe Identifizierung mit der Region; klares Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“; gesamtregionale Problemsicht; institutionalisierte Strukturen zur Nachhaltigkeitsentwicklung; umfassende Kooperationen; breite Aktivtät und gesellschaftliche Mobilisierung; wirtschaftliche Erfolge; erneuerte Aufbruchsstimmung und Professionalisierung.

Warnung: Desintegration und Enttäuschung Geringe regionale Identität; schwindende Wertschätzung für die eigene Region; fehlendes Leitbild; konkurrierende Einzelaktivitäten statt gesamtregionaler Zusammenarbeit; Enttäuschung über Leit-projekte; fehlendes Vertrauen auf regionale Stärken; Resignation und steigende Außenabhängigkeit.

Diese prototypischen Entwicklungen können die Grundlage bilden für weitere sektorale Teilszenarien, die versuchen sollen, mögliche Zukunftsentwicklungen unter Einbeziehung übergeordneter Trends regionsbezogen zu konkretisieren. Eine Ausformulierung zu den Zukünften der Bereiche Tourismus, Landwirtschaft, des physischen Naturraums, des regionalen Klimas der Zusammenarbeit und der räumlichen Entwicklung würde den vorgegebenen Rahmen sprengen und sollte gesehen werden als kommunikativer und stimulierender Prozess im Rahmen der Erarbeitung eines regionalen Leitbildes zur nachhaltigen Entwicklung.

Stiens, Gerhard: Prognostik in der Geographie.— Braunschweig 1996

Schlussfolgerungen

Aus den bisherigen Überlegungen über die Entwicklungsaktivitäten in Richtung Nachhaltigkeit der Region Pyhrn-Eisenwurzen lassen sich einige allgemeinere Schlüsse ziehen:

Es bestehen bedeutende endogene Handlungsspielräume für nachhaltige Entwicklungsplanung auf regionaler Ebene. Regionale Nachhaltigkeit muss sich jedoch ihres begrenzten Charakters bewusst sein, da sie nicht in der Lage ist, wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen zu ändern. Regionale Konzepte können nur bei Einbindung in übergeordnete Strukturen erfolgreich sein. Es geht um die richtige Balance zwischen Eigenständigkeit, Offenheit und Vernetzung mit Partnerregionen und Institutionen.

Der Weg, regionale „Groß“-Vorhaben wie den Nationalpark Kalkalpen oder die Landesausstellung „Land der Hämmer“ als Leitprojekte mit mobilisierender Wirkung und Anstoßeffekten zu initiieren, hat sich in der Pyhrn-Eisenwurzen als grundsätzlich erfolgreich erwiesen. Wesentlich dabei sind ein regionalspezifisches Konzept, die umfassende Beteiligung der Bevölkerung für die Entwicklungsidee und die langfristige Wirksamkeit der Aktivitäten über ein bestimmtes Ereignis hinaus.

Die eingeschlagene Strategie der Pyhrn-Eisenwurzen ist im Kontext einer intensivierten Freizeitnutzung attraktiver Landschaftsräume im österreichischen und europäischen Rahmen keineswegs singulär. Im Grundprinzip wird dies gleichartig von vielen ländlichen Regionen verfolgt. Regionale „unique“-Faktoren, wie etwa die Nutzbarmachung der kulturhistorischen Tradition der Eisenverarbeitung, sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung.

Gerade in ländlichen Gebieten ist eine Entwicklungsidee meist eng mit einer einzelnen Person oder einem kleinen Personenkreis verbunden. Eine Dauerhaftigkeit der Aktivitäten ist selten gewährleistet. Die Institutionalisierung der Nachhaltigkeitsentwicklung Ist somit ein vordringliches strategisches Ziel.

Regionalentwicklung orientiert sich zunehmend an betriebswirtschaftlichen Instrumenten: Auftritt der Region als „Marke“, effizientes Regionalmanagement, permanente Produktinnovationen, strategische Planung, regionale Leitbilder. Nachhaltigkeit muß sich in dieses ökonomische Umfeld integrieren, um wirksam sein zu können und um finanzielle Ressourcen erschließen zu können.

Nachhaltigkeit scheint derzeit vor allem ein Nischenkonzept für ländlich-periphere Räume mit geringem Entwicklungspotenzial zu sein. Nachhaltigkeitsprojekte sind meist extern subventioniert und selten selbst-tragend. Dazu, dass Nachhaltigkeit ein selbsttragendes Modell wird, braucht es jedenfalls geänderte Rahmen-bedingungen, die vorerst nicht zu erkennen sind. Bis dahin dürfte ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit nur in einzelnen „Inseln“ oder „Musterregionen“ ohne Strukturwirkung für die übrige Gesellschaft zu verwirklichen sein.

Gesellschaftliche Anforderungen an politische und planerische Programme sind einem ständigen Wandel unterworfen. Standen in den 1980er Jahren, wenn auch unreflektiert und stimmungsabhängig, Umwelt- und Ökologiefragen hoch auf der Tagesordnung, muß sich heute jedes Projekt die Frage nach den finanziellen Effekten und nach Arbeitsplätzen gefallen lassen und sich öffentlich legitimieren können. In 15 Jahren können diese Anforderungen ein völlig verändertes Bild bieten.

Nachhaltige Entwicklung ist mit der Integration ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Faktoren ein so breit angelegtes Konzept, dass die zeitliche Dimension eine besondere Rolle spielt. Trotz eines inherent langfristigen Zeithorizonts muss Nachhaltigkeit auch kurzfristig sichtbare Erfolge bringen, um gesellschaftlich anerkannt zu werden.

Abbildung 1

Nationalpark OÖ Kalkalpen: „Startvariante“ 1997, Erweiterungsgebiete in Oberösterreich und geplanter Nationalpark GesäuseUmweltdachverband ÖGNU: Gesäuse und Totes Gebirge sollen bis 2003 Nationalpark werden. Medieninformation zum Zukunftsgespräch der Hintergebirgsbesetzer und Naturschutzorganisationen am 25. Juli 1997 in Großraming
Nationalpark OÖ Kalkalpen: „Startvariante“ 1997, Erweiterungsgebiete in Oberösterreich und geplanter Nationalpark GesäuseUmweltdachverband ÖGNU: Gesäuse und Totes Gebirge sollen bis 2003 Nationalpark werden. Medieninformation zum Zukunftsgespräch der Hintergebirgsbesetzer und Naturschutzorganisationen am 25. Juli 1997 in Großraming

Abbildung 2

Dynamik und Qualität der Regionalentwicklung in der Pyhrn-Eisenwurzen als Produktzyklenmodell
Dynamik und Qualität der Regionalentwicklung in der Pyhrn-Eisenwurzen als Produktzyklenmodell

Abbildung 3

Szenarien „Pyhrn-Eisenwurzen 2010“-Struktur
Szenarien „Pyhrn-Eisenwurzen 2010“-Struktur
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