1. bookVolume 57 (1999): Issue 5-6 (September 1999)
Journal Details
License
Format
Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Tertiarisation without a competitive industrial base?

Published Online: 30 Sep 1999
Volume & Issue: Volume 57 (1999) - Issue 5-6 (September 1999)
Page range: 386 - 397
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
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German, English
Abstract

Within the discussion on strategies to bring down unemployment, great hopes have been placed in the services sector. Many people have already come to see services as the powerhouse of economic growth in the Federal Republic of Germany. However, this thesis fails to take account of the mutual dependencies which exist between the secondary and tertiary sectors. Empirical analysis for the Münster region administrative district illustrates the importance of the role played by upstream relationships between these two sectors. Consequently, the successes of the services sector in terms of job-creation are dependent on the competitiveness of the region’s industries. Providing support for the services sector without at the same time taking measures to nurture the industrial base would thus appear to be a highly questionable strategy.

Fragestellung, Vorgehen und Ergebnisse

Der Strukturwandel vollzieht sich europaweit im Sinne der Drei-Sektoren-Hypothese: Der Beschäftigungsanteil der Industrie sinkt, während der Anteil des Dienstleistungsgewerbes entsprechend steigt.

Vgl. Löbbe, Klaus u.a.: Der Wirtscliaftsstandort Deutschland vor dem Hintergrund regionaler Entwicklungen in Europa. — Essen 1997. In: Untersuchungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, H. 22 S. 68–75

Aus dieser Tertiarisierung wird in Deutschland vielfach geschlossen, daß nicht mehr die Industrie, sondern das Dienstleistungsgewerbe wirtschaftliches Wachstum anstoße und insofern eine herausragende Rolle bei der Bekämpfung der Arbeitsmarktkrise spiele.

Vgl. z.B. Bullinger, Hans-Jörg: Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert — Trends, Visionen und Perspektiven. In: ders. (Hrsg.): Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert. Gestaltung des Wandels und Aufbruch in die Zukunft. — Stuttgart 1997, S. 27–64

Allerdings wird dabei entweder anhand einzelner Fallbeispiele oder partialanalytisch argumentiert. Interdependenzen zwischen Industrie und Dienstleistern werden auf diese Weise vernachlässigt.

Tatsächlich hat sich die Arbeitsteilung zwischen Industrie und Dienstleistungsgewerbe intensiviert.

Vgl. Siebe, Thomas: Zur Bestimmung wichtiger intermediärer Waren-und Dienstleistungsströme. In: RWI-Mitteilungen, Jg. 44 (1993) H. 4 S.313-316

Der Dienstleistungsgehalt von Industrieprodukten steigt. Gefragt sind immer häufiger integrierte Problemlösungen, die zusätzlich zur Ware Dienstleistungskomponenten wie Planung, Finanzierung, Wartung und Service umfassen. Zudem kaufen Industrieunternehmen Dienste zunehmend am Markt ein, statt sie selbst vorzuhalten. Allein durch Outsourcing ändert sich die funktionelle Struktur der Wirtschaft aber nicht. Berücksichtigt man die Vorleistungsbeziehungen, dann lag der Industrieanteil an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung 1996 bei 36,4 % ohne Einbeziehung der Lieferverflechtungen waren es 28 %. Zudem fällt der Tertiarisierungstrend wesentlich schwächer aus als bei einer isolierten Betrachtung der Wertschöpfungsanteile.

Lichtblau, Karl; Meyer, Bernd; Ewerhart, Georg: Komplementäres Beziehungsgeflecht zwischen Industrie und Dienstleistungen. In: IW-Trends (1996), 4, 36–53

Der vorliegende Beitrag untersucht diese Zusammenhänge auf einer regionalen Ebene.

Der vorliegende Beitrag stellt eine Zusamrnenfassung eines Gutachtens für die Industrie- und Handelskammer zu Münster dar. Meyer, Bernd; Ewerhart, Georg; Siebe, Thomas: Strukturwandel, Arbeitsplätze und Dienstleistungen. Analyse des sektoralen Strukturwandels in der Beschäftigung des IHK-Bezirks Münster für die Jahre 1978 bis 1996 und Prognose bis zum Jahr 2000. — Münster 1998

Der Regierungsbezirk Münster stellt ein interessantes Analyseobjekt dar, weil seine acht Landkreise und kreisfreien Städte stark unterschiedliche sektorale Wirtschaftsstrukturen aufweisen: Die Stadt Münster ist ein bedeutendes Dienstleistungszentrum. Ihr Umland ist industriell und durch überwiegend mittlere Betriebsgroßen geprägt. Dagegen ist der Emscher-Lippe-Raum als altindustrielle Region zu charakterisieren. Für diese strukturell vielfältige Region wird der Frage nachgegangen, inwieweit von der Industrie noch fühlbare Beschäftigungsimpulse ausgehen.

Abbildung 1

Lageskizze des Untersuchungsraums

Diese Fragestellung erfordert letztlich eine Analyse der sektoralen Arbeitsteilung in der Region. InputOutput-Tabellen, die diese Informationen liefern, stehen nur für das Bundesgebiet zur Verfügung. Aus diesem Grund wird ein „Umweg” gewählt, der die Beschäftigungsentwicklungen im Bund und in der Region miteinander verknüpft. Entsprechend stellt Kapitel 2 ein ökonometrisches Regionalmodell vor, daß die Beschäftigung nach acht Teilregionen und jeweils mindestens 12 Branchen nachzeichnet. Der gewählte Ansatz ermoglicht es, aus den beobachteten Daten den Einfluß der überregionalen Komponente Branchenkonjunktur und der regionalen Komponente Standortqualität zu messen.

In Kapitel 3 wird dieses Regionalmodell eingesetzt. Zunächst erfolgt eine regionale Beschäftigungsprognose nach Sektoren und Teilregionen. Dabei werden nicht regionale Beschäftigungsanteile, sondern Niveaus prognostiziert.

Vgl. z.B. Bade, Franz-Josef: Die Beschäftigungsentwicklung bis zum Jahr 2000 in den Regionen der Bundesrepublik Deutschland. Prognose 1992-2000 und Ex-post-Kontrolle der Prognose 1987-1992. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt-und Berufsforschung (1994) H. 2 S. 137-151 bzw. Tassinopoulos, Alexandras: Gewinner und Verlierer des regionalen Strukturwandels. Eine Projektion der Beschäftigung für Westdeutschland bis 1999. = Materialien aus der Arbeitsmarkt-und Berufsforschung (1998) H. 3

Die dazu notwendige Beschäftigungsprognose nach Wirtschaftsbereichen für das Bundesgebiet wurde mit dem INFORGE-Modell durchgeführt.

INFORGE ((INterindustry FORecasting GErmany)) ist ein nach 58 Bereichen disaggregiertes ökonometrisches Modell für Deutschland. Das Modell wird zweimal jährlich aktualisiert und regelmaßig für Prognosen, Simulationsrechnungen und Sensitivitatsanalysen eingesetzt. Zu weiteren Details vgl. Meyer, Bernd; Ewerhart, Georg: INFORGE. Ein disaggregiertes Simulations-und Prognosemodell für die Bundesrepublick Deutschland. In: Lorenz, H.-W.; Meyer, B. (Hrsg.): Studien zur Evolutorischen Ökonomik IV.-Berlin 1999

Anschließend wird der Modellverbund dazu verwendet, die Konsequenzen einer auf Bundesebene erhöhten Nachfrage nach industriellen Erzeugnissen für die Industrie- und Dienstleistungsbranchen in der Region abzuschätzen. Die Differenzen zwischen dieser Alternativlosung und der Basisprognose lassen auf die Relevanz des Verarbeitenden Gewerbes in der Region schließen.

Für die Landkreise des Münsterlands fallt die Diagnose insgesamt positiv aus: Für die Industriesektoren ergeben sich überwiegend positive Standorteinflüsse. Allerdings gelingt es kaum, vorhandene Dienstleistungslücken zu schließen. Die Stadt Münster erweist sich aufgrund ihres hohen Beschäftigungsanteils in Wissenschaft, Gesundheitswesen und öffentlichem Dienst erwartungsgemaß als schwach konjunkturabhängig. Vor dem Hintergrund der günstigen Situation im Umland fallt die schwache Arbeitsmarktdynamik auf - dies gilt auch für sonst eher expansive Dienstleistungszweige. Für die Emscher-Lippe-Region sind neben einem kräftigen Stellenabbau im Bergbau negative Standorteinflüsse auf eine Reihe von Industriezweigen zu konstatieren. Zudem ist das Dienstleistungsgewerbe teilweise von seiner Beschäftigungsentwicklung im Bund abgekoppelt.

Die Ergebnisse der Beschäftigungsprognose lassen eine Fortsetzung des Tertiarisierungstrends erwarten. Allerdings schneidet die Region in weiten Teilen der Industrie und bei den distributiven Dienstleistungen überdurchschnittlich gut ab. Deutlich schlechter als im Bund wird dagegen die regionale Entwicklung im Bergbau und in der Bauindustrie verlaufen. Steigt durch exogene Einflüsse die Produktion und die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe, dann profitieren auf regionaler Ebene unmittelbar die Industrie und die distributiven Dienste. Die Beschäftigung in den übrigen Dienstleistungsbereichen reagiert zunächst nur schwach auf einen Industrieboom. Je starker jedoch die Einkommenseffekte wirksam werden, desto Großer wird die Bedeutung der haushaltsbezogenen Dienstleistungen. Unternehmensbezogene Dienstleistungen fassen in Teilregionen mit einer strukturschwachen Industrie schwerer Fuß. Industrie und Dienstleister sind über komplementäre Beziehungen miteinander verbunden - eine Vernachlässigung der Industrie im Rahmen der regionalen Wirtschaftspolitik durfte daher gerade im Regierungsbezirk Münster fatale Konsequenzen haben.

Analyse der regionale Beschäftigungsstrukturentwicklung
Strukturelle Ausgangsbedingungen und Standortqualität

Der Regierungsbezirk Münster umfaßt acht Kreise und kreisfreie Städte. Im Jahr 1995 waren dort 757 000 Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

In der Statistik der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten werden alle abhangig Beschäftigten erfaßt, die nicht Beamte sind und keiner geringfügigen Beschäftigung nachgehen. Obwohl daher der Aussagewert dieser Statistik z.B. für die Landwirtschaft und den Offentlichen Dienst eingeschrankt ist, stellt sie die einzige verfügbare Datenquelle dar, die Beschäftigungsanalysen mit gleichzeitig regionaler und sektoraler Gliederung ermöglicht.

Davon entfielen im Münsterland auf den Kreis Borken 14,2 % den Kreis Coesfeld 6,5 % den Kreis Steinfurt 15,4 % den Kreis Warendorf 10,7 % und die Stadt Münster 15,6 % Die Emscher-Lippe-Region umfaßt die Städte Bottrop (4, I %) und Gelsenkirchen (11,4 %) sowie den Kreis Recklinghausen (22,0 %). Wahrend die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Bundesrepublik (alter Gebietsstand)

Hier und im folgenden beziehen sich die Begriffe Bundesrepubilk, Bund oder auch Deutschland grundsatzlich auf den Gebietsstand bis 1990.

zwischen 1978 und 1996 um 9 % gestiegen ist, nahm sie im Regierungsbezirk mit 13 % etwas starker zu. Für die Teilregionen zeigte sich dabei ein sehr unterschiedlicher Entwicklungspfad der Beschäftigung. Im Münsterland legte die Beschaftigung seit 1978 um 27 % zu, wahrend in der Emscher-Lippe-Region 4 % der Arbeitsplatze verloren gingen (Abb. 2). Alle abgebildeten Beschaftigungskurven enthalten zudem ein gemeinsames konjunkturelles Muster.

Abbildung 2

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Regierungsbezirk Münster (1978=100)

Innerhalb des Münsterlands lag der Beschäftigungsanstieg im Kreis Steinfurt und in der Stadt Münster im Beobachtungszeitraum unter dem Durchschnitt. In den Kreisen Borken, Coesfeld und Warendorf ergaben sich entsprechend stärkere Beschäftigungszuwachse. In der Emscher-Lippe-Region nahm die Beschäftigung nur in der Stadt Bottrop zu. Im Kreis Recklinghausen blieb die Beschäftigung im Vergleich zu 1978 unveränderte. In Gelsenkirchen fiel seither jeder fünfte Arbeitsplatz weg.

Grundsätzlich lassen sich derartige Divergenzen in der regionalen Beschäftigungsentwicklung auf zwei Einflußfaktoren zurückführen: auf die strukturellen Ausgangsbedingungen und auf die Standortqualität. Regionen, die stark mit Branchen besetzt sind, die gesamtwirtschaftlich überdurchschnittlich wachsen, haben ceteris paribus gute Entwicklungschancen. Dagegen wachsen Regionen mit einem überdurchschnittlichen Besatz an wachstumsschwachen Industrien entsprechend langsamer. Die strukturellen Ausgangsbedingungen haben also einen Einflußauf die zu erwartende Beschäftigungsentwicklung. Shift-Share-Analysen erfassen diese Komponente mit Hilfe des Strukturfaktors.

Vgl. Klemmer, Paul: Die Shift-Analyse als Instrument der Strukturforschung. In: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Methoden der empirischen Regionalforschung. — Hannover 1973, S. 117 ff.

Tatsachlich liegen in den Teilregionen des Regierungsbezirks vollkommen unterschiedliche strukturelle Ausgangsbedingungen vor: Wahrend die Stadt Münster durch überwiegend öffentliche Dienstleistungen geprägt ist, wird die Beschäftigung im übrigen Münsterland durch eine mittelständische Industriebasis bestimmt. Dagegen gilt das nördliche Ruhrgebiet als altindustrielle Region.

Vgl. Wienert, Helmut: Was macht Industrieregionen alt? In: RWI-Mitteilungen, Jtg. 41 (1990) H. 4. S. 363–390

Dort begrenzen schon die Ausgangsbedingungen die Beschäftigungschancen.

Mit Hilfe des Standortfaktors erfaßt die Shift-Share-Analyse diejenige Beschäftigungsentwicklung, die sich unabhängig von den Ausgangsbedingungen ergibt. Eine im Vergleich zu einer übergeordneten Region schwache Beschäftigungsentwicklung ohne sichtbare strukturelle Ursachen impliziert beispielsweise eine ungünstige Standortqualität. Neben Preisen und Verfügbarkeiten der Produktionsfaktoren kommt in diesem Zusammenhang der regionalen Wirtschaftspolitik eine Bedeutung zu: Unternehmensbefragungen zeigen regelmäßig, daß die Verfügbarkeit und der Preis von Gewerbeflachen, die Verkehrsanbindung sowie sonstige infrastrukturelle Aspekte hier als besonders wichtig angesehen werden. Insbesondere hinsichtlich der Flächensituation unterscheiden sich die Teilregionen des Regierungsbezirks Münster erheblich. Flachen in den BallungsRäumen sind naturgemäß knapp und teuer. Dies konnte einen Teil der Beschäftigungserfolge in den Kreisen mit geringerem Verdichtungsgrad erklären. Als ein weiterer Grund für den bundesweit überdurchschnittlichen Erfolg ländlicher Regionen wird die sich auch in der Flache verbessernde Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur angesehen.

Vgl. Bade, Franz-Josef: Zu den wirtschaftlichen Chancen und Risiken ländlicher Räume. In: Raumforschung und Raumordnung. 55 (1997) H. 4/5 S. 247–259

Unterschiede zwischen den regionalen Beschäftigungspfaden können sich zudem durch differierende regionale Innovationspotentiale ergeben. Aufgrund unterschiedlicher Indikatoren - wie der Zahl der Patentanmeldungen pro Beschäftigten, der Zahl der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung oder der Bedeutung der Forschungssubventionen von Bund und Land Nordrhein-Westfalen - Iäßt sich das Innovationsklima im Regierungsbezirk allenfalls als durchschnittlich klassifizieren.

Vgl. Feldotto, Petra: Regionale Innovationsunterschiede in Nordrhein-Westfalen. In: RWI-Mitteilungen, Jg. 47 (1996) H. 3/4, S. 151–170

Allerdings erweisen sich in diesem Punkt gerade die Teilregionen mit überdurchschnittlichen Beschäftigungserfolgen als eher innovationsschwach.

Regionale Beschäftigungstrends werden ferner durch die sich ändernde nationale und internationale Arbeitsteilung beeinflußt: Funktionale Schwerpunktbildungen wie z.B. Finanzplatze, Beratungszentren oder Forschungsstandorte intensivieren zwar die regionale Arbeitsteilung und implizieren-wenn auch schwache-sektorale Spezialisierungstendenzen.

Vgl. Löbbe, Klaus u.a.: Der Wirtschaftsstandort Deutschland…, a.a.O. [siehe Anm.(1)]

Zum anderen lassen sich aber deutliche Angleichungstendenzen messen.Für die europäischen Regionen ergeben sich unterdurchschnittliche Zuwachse der Spitzenregionen und Aufholprozesse peripherer Räume.Dabei lassen die sektoralen Ausgangsstrukturen in den Zentren regelmäßig günstigere Beschäftigungsentwicklungen erwarten, als tatsachlich erreicht werden.Umgekehrt sind Umlandregionen und schwacher verdichtete Räume überwiegend in der Lage,schlechtere Ausgangsbedingungen durch eine bessere Standortqualität zu kompensieren.Abseits der Zentren nimmt die Wettbewerbsfahigkeit der Standorte offenbar zu.

Diese regionale Reallokation weist ein zeitlich stabiles Muster auf, wie eine weitere Analyse auf europäischer Ebene zeigt.

Vgl. Molle, Wim: The Regional Economic Structure of the EU. An Analysis of Long-Term Developments. In: Vosgerau, Hans-Jürgen (Hrsg.): Zentrum und Peripherie. Zur Entwicklung der Arbeitsteilung in Europa.— Berlin 1997, S. 13–32

Beschäftigungsverlagerungen von den ökonomischen Zentren in die Peripherie finden sich u.a. für die Bauindustrie,Teile der Metallindustrie und für die Mineralölindustrie. Eher in „mittlere Lagen” wandern die Chemische Industrie und der Maschinenbau. Auch Handel und Finanzdienstleister weiten ihren Beschäftigungsanteil abseits der Zentren aus.

Zur Messung der regionalen Standortqualität

Shift-Share-Analysen erlauben es zwar, den beobachteten Strukturwandel ex post einem Strukturfaktor und einem Standortfaktor zuzurechnen. Die dabei verwendete Annahme, nach der sich eine Branche über alle Regionen hinweg gleichmäßig entwickelt, läßt sich wohl zu deskriptiven, nicht aber zu analytischen Zwecken aufrechterhalten. Die Entwicklung des einzelnen Unternehmens unterliegt in der Regel auch individuellen und regionalen Einflüssen. Die Abhängigkeit von der Branchenkonjunktur muß daher nicht bei allen Unternehmen gleich stark sein. Der Gleichlauf eines Wirtschaftszweigs über alle Regionen hinweg ist eine Fiktion. Typischerweise werden die Unternehmen einer Branche in der einen Region die konjunkturellen Schwankungen überzeichnen, wahrend sie sich in einer anderen Region von der allgemeinen Entwicklung ihrer Branche mehr oder minder stark abkoppeln können.

Der im folgenden verwendete Ansatz ermöglicht es, das skizzierte allgemeinere Modell empirisch anzuwenden und den jeweiligen Einfluß der überregionalen Komponente Branchenkonjunktur und der regionalen Komponente Standortqualität zu quantifizieren. Für die acht Kreise und kreisfreien Städte des Regierungsbezirks Münster sowie für jeden der mindestens 12 unterschiedenen Wirtschaftszweige

Grundsätzlich erfolgt die sektorale Disaggregation mindestens nach dem folgenden Raster: (1) Land- und Forstwirtschaft, Fischerei usw. (2) Versorger und Bergbau; (3) Vorleistungen produzierendes Gewerbe; (4) lnvestitionsguter produzierendes Gewerbe; (5) Konsumgüter produzierendes Gewerbe (einschließlich Nahrungs- und Genußmittel); (6) Baugewerbe; (7) Handel; (8) Verkehr und Nachrichtenubermittlung; (9) Kreditinstitute und Versicherungen; (10) Übrige private Dienste; (11) Öffentliche Dienste und (12) Organisationen ohne Erwerbscharakter und private Haushalte.

werden auf der Basis von Jahresdaten für den Zeitraum 1978 bis 1996 die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit der entsprechenden sektoralen Beschäftigtenzahl Westdeutschlands korreliert:

Vgl. Hamm, Rüdiger; Wienert, Helmut: Simulation von regionalen Binnenmarkt und Vereinigungseffekten mit Hilfe eines einfachen Top-Down-Modells für Westdeutschland. — Bonn 1991. = Veröffentlichungen des Ruhr-Forschungsinstituts für Innovations-und Strukturpolitik (1991) 2, S. 9–13

Bi,tj=αBi,tWβeγt$$B_{i, t}^j = \alpha *B_{i, t}^{W\beta }*{e^{\gamma t}}$$ mit: Bi,tj$B_{i, t}^j$: jahresdurchschnittlich Beschäftigte in Jahrt t, Wirtschaftsbereich i in Region} (i = 1, … 12; j = 1, …, 8), Bi,tW$B_{i, t}^W$: jahresdurchschnittlich Beschäftigte in Jahr t, Wirtschaftszweig i in Westdeutschland (i = 1, …, 12).

Die Parameter dieses Modells werden unter Verwendung der üblichen stochastischen Annahmen in doppel-logarithmischer Spezifikation ökonometrisch geschätzt. Dabei ist a ein Niveauparameter, und der Parameter mißt die partielle Elastizität der regionalen Beschäftigung im Sektor j in bezug auf die westdeutsche Beschäftigung in diesem Sektor. Schwankt die regionale Beschäftigung im Beobachtungszeitraum starker als ihr Pendant im Bund, dann ergibt sich eine Beschäftigungselastizität ß von äber Eins. Umgekehrt signalisieren Werte unter eins eine gedampfte Abhängigkeit des regionalen Wirtschaftszweigs von der Branchenkonjunktur. Ein nicht signifikant von Null verschiedener Koeffizient impliziert eine Abkopplung von der Bundesentwicklung.

Läßt man für ² einen Wertebereich um Eins zu, dann ergibt sich eine modifizierte Interpretation der Standorteinflüsse. Der Parameter y erfaßt autonome Beschäftigungsänderungen und gibt an, in welchem Ausmaß sich die regionale Beschäftigung in einem Wirtschaftszweig unabhängig von der Entwicklung desselben Wirtschaftszweigs im Bund verändert. Die Trendvariable t ist als Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit der betrachteten Region anzusehen. Dahinter können sich aber auch die skizzierten Verlagerungen im Zuge einer sich ändernden Arbeitsteilung verbergen. Im Gegensatz zur Elastizitätßkann die autonome Beschäftigungsentwicklung y positive oder negative Vorzeichen annehmen: Im ersten Fall waren Standortvorteile und im zweiten eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Region zu konstatieren. Ergibt sich ein Schatzwert von Null, dann unterscheiden sich die regionalen Standortbedingungen nicht signifikant von denen im Bund. Wenn zudem eine Beschäftigungselastizität von Eins vorliegt, laufen die sektoralen Beschäftigungsentwicklungen in der Bundesrepublik und in der Region parallel.

Je kleinräumiger die empirische Analyse angelegt ist, desto wahrscheinlicher sind Brüche im Datenmaterial - neben Modifikationen der Datenerhebung kommen als Ursachen Marktein- und Marktaustritte oder Umsiedlungen Größerer Unternehmen in Frage. Diese Brüche werden als Veränderungen der Störvariablen aufgefaßt und durch Dummyvariablen bezüglich des Niveauparameters berücksichtigt - die Beschäftigungselastizität und die autonome Beschäftigungsänderungen andern sich dadurch nicht. Kann dies nicht unterstellt werden, dann wird der Stützzeitraum um instabile Beobachtungen gekürzt.

Die Schätzergebnisse

Insgesamt wurden 115 Regressionsschatzungen des skizzierten Typs durchgeführt.

Eine detaillierte Dokumentation aller Schätzergebnisse findet sich in: Meyer, Bernd; Ewerhart, Georg; Siebe, Thomas: Strukturwandel,… a.a.O. [siehe Anm. (5)], S. 15-41

Deren Ergebnisse weisen im Detail Gemeinsamkeiten, aber auch einige wesentliche Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen des Regierungsbezirks auf, die im folgenden aufzuzeigen sind. Die Schätzergebnisse lassen sich in 6 Klassen einteilen (Tab. 1).

Klassifikation der geschützten Beschüftigungsgleichungen

0 < ß < 1

ß > i

y < 0

1. Standortnachteile und eine teilweise Abkopplung von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Kreditinstitute/Versicherungen in Münster

Übrige private Dienste in Gelsenkirchen

Handel in Bottrop

4. Standortnachteile und eine überdurchschnittliche Abhängigkeit von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Baugewerbe in Münster und Gelsenkirchen

Chemische Industrie in Gelsenkirchen und Recklinghausen

y = 0

2. Standortneutralität und eine teilweise Abkopplung von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Gesundheitswesen in Münster

Versorger/Bergbau im Kreis Warendorf

Kreditinstitute/Versicherungen in Gelsenkirchen

5. Standortneutralität und eine überdurchschnittliche Abhängigkeit von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Übrige private Dienste im Kreis Coesfeld

Baugewerbe in den Kreisen Steinfurt und Warendorf

Öffentl. Dienste im Kreis Recklinghausen

y > 0

3. Standortvorteile und eine teilweise Abkopplung von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Investitionsgüterindustrie in den Kreisen Borken, Coesfeld und Warendorf

Kreditinstitute und Versicherungen in den Kreisen Borken und Wurendorf

6. Standortvorteile und eine überdurchschnittliche Abhängigkeit von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Baugewerbe in den Kreisen Borken und Coesfeld

Verkehr und Nachrichtenübermittlung in den Kreisen Borken und Steinfurt

Fall 1 als „worst case” erfaßt Standortnachteile bei gleichzeitiger Abkoppelung von der Beschäftigungsentwicklung der entsprechenden Branche im Bund. Günstigere Befunde können sich dagegen ergeben, wenn die jeweilige Bezugsbranche im Bund in Größerem Umfang Beschäftigung abbaut. Im Fall 2 unterscheiden sich die branchenspezifischen Standortbedingungen nicht von denen im Bund, allerdings hinkt die regionale Beschäftigungsentwicklung hinter der des Bundes her. Dies kann wiederum vorteilhaft sein, wenn die Branche im Bund kontinuierliche Beschäftigungsrückgänge aufweist.

Im dritten Fall ergibt sich eine stärkere Beschäftigungsdynamik, solange im Bund geringe Beschäftigungsänderungen auftreten. Durch die als Standortvorteile interpretierten autonomen Beschäftigungszuwachse kann sich die Beschäftigung in der Region selbst dann noch steigern, wenn die entsprechende Beschäftigung im Bund stagniert. Fall 4 kennzeichnet die umgekehrte Situation: Erst eine starke Beschäftigungsdynamik führt aufgrund der überdurchschnittlichen Konjunkturabhängigkeit zu einem Ausgleich der Standortnachteile. Demgegenüber erfaßt Fall 5 eine standortneutrale Situation, in der eine steigende Beschäftigung im Bund in der Region zu stärkeren prozentualen Zuwachsen führt. Schließlich beschreibt der letzte Fall eine überdurchschnittliche Abhängigkeit von der Branchenkonjunktur zusammen mit Standortvorteilen, im Regelfall ein Kennzeichen stark wachsender Branchen. Sinkt allerdings die entsprechende Beschäftigung in der Bundesrepublik, dann ergeben sich u.U. stärkere regionale Rückgange.

Die in Tabelle I aufgeführten Beispiele deuten schon auf die schwächere Position der Emscher-Lippe-Region gegenüber dem Münsterland hin. Für den gesamten Regierungsbezirk weisen 15 % der Schatzungen auf Standortschwachen hin. Für die Emscher-Lippe-Region liegt dieser Anteil mit 27 % deutlich hoher. Zudem sind Branchen mit Standortvorteilen dort schwacher als im Regierungsbezirk vertreten (17 gegenüber 40 %). Dieser Eindruck festigt sich anhand der aggregierten Beschäftigungselastizitäten und Standortbedingungen, die im Modellzusammenhang über alle Branchen einer Region berechnet wurden (Tab. 2):

Aggregierte Beschäftigungselastizität und Standortbedingungen

ß

y

Regierungsbezirk Münster

0,9

0,2

Münsterland

1,0

0,8

 Kreis Borken

1,0

1,0

 Kreis Coesfeld

1,2

1,5

 Kreis Steinfurt

1,2

0,5

 Kreis Warendorf

1,1

0,7

 Stadt Münster

0,8

0,6

Emscher Lippe

0,8

-0,7

 Stadt Bottrop

0,8

0,9

 Stadt Gelsenkirchen

0,7

-1,6

 Kreis Recklinghausen

0,9

-0,4

Quelle: Eigene Berechnungen

Der Regierungsbezirk insgesamt weist kaum Standortvorteile auf: Seine Beschäftigung verändert sich nahezu parallel zu der im Bund. Bezüglich der Konjunktursensitivität gilt für das Münsterland Ahnliches. Allerdings liegen hier erhebliche Standortvorteile vor: Die Beschäftigung wachst grundsätzlich um 0,8 % starker als im Bund. Entsprechend weist die Emscher-Lippe-Region einen erheblichen Standortnachteil auf. Zusammengenommen verdeutlichen die Ergebnisse, daß sich die disaggregierte Analyse lohnt. Je tiefer die sektorale bzw. regionale Gliederung der Daten, um so starker varüeren die geschätzten Parameterwerte.

Die Kreise des Münsterlands weisen im Untersuchungszeitraum relative Beschäftigungszuwachse auf, die durchweg in den Industriesektoren und überwiegend durch vorteilhafte Standortbedingungen zustande gekommen sind. Dies gilt insbesondere für die Kreise Borken und Coesfeld. Etwas ungünstiger ist der Befund für die Kreise Steinfurt und Warendorf. Mit dem Textilbereich bestehen in den Kreisen Steinfurt und Borken sowie mit dem Bergbau in den Kreisen Warendorf und Steinfurt absehbare Strukturrisiken fort. Das Baugewerbe hangt im gesamten Münsterland extrem von der Branchenkonjunktur ab, die gemessenen Beschäftigungselastizitäten liegen zwischen 2,2 (Steinfurt) und 1,6 (Borken). Im falle einer weiterhin schwachen Baunachfrage konnte hier ein kurzfristiger Anpassungsbedarf auftreten.

Mit Ausnahme des Kreises Coesfeld gelang es bisher kaum, bestehende Dienstleistungslücken zu schließen. Wahrend ehemalige Defizite im Handel aufgrund hoher Beschäftigungselastizitäten weitgehend aufgeholt sind, konnte allein der Kreis Steinfurt im Verkehrswesen Terrain gewinnen. Bei den finanzintermediären ergaben sich parallele Entwicklungen mit den Banken und Versicherungen im Bund. Dies gilt analog für das Gesundheitswesen und die unternehmensbezogenen Dienste, die überwiegend Beschäftigungselastizitäten in der Nahe von Eins ohne nennenswerte autonome Beschäftigungszuwachse aufweisen.

Der Beschäftigungspfad der Stadt Münster ist durch eine schwache Konjunktursensitivität gekennzeichnet. Dies mag in rezessiven Phasen ein Vorteil sein.Umgekehrt sind die Beschäftigungsreaktionen auf ein erhöhtes volkswirtschaftliches Aktivitätsniveau aber ebenfalls schwach. Die Beschäftigungsstruktur Münsters ist vom Öffentlichen Dienst gepragt; einschlieB!ich privater Organisationen, Gesundheitswesen und Wissenschaft waren 1995 mehr als 35 % der Beschäftigten in diesem Sektor beschäftigt. Auch das Ubrige Dienstleistungsgewerbe erweist sich als unterdurchschnittlich dynamisch. Die Industrie weist in Münster zwar eine positive Entwicklung auf, ihr Anteil ist aber zu klein, um fühlbare Beschaftigungsimpulse zu geben.

In der Emscher-Lippe-Region hebt sich die Entwicklung Gelsenkirchens von der der übrigen Regionen ab. Der Bergbau Gelsenkirchens sah sich mit einem stärkeren Beschaftigungsabbau als andere Zechenstandorte konfrontiert (hohe Beschaftigungselastizitat). Viele der ubrigen Industriebranchen leiden unter Standortnachteilen. Zudem hat sich das Dienstleistungsgewerbe teilweise von der vorteilhaften Beschäftigungsentwicklung im Bund abgekoppelt. Obwohl die mit dem Bergbau verbundenen Risiken in Bottrop und im Kreis Recklinghausen nach wie vor hoch sind, fallt die Diagnose für die meisten Branchen dort gunstiger aus.

Eine Ex-post-Simulation dient abschließend zur Abschatzung der Validitat des Regionalmodells. Dabei zeigt sich, daß das Modell die beobachtete Beschäftigungsentwicklung im Regierungsbezirk unter Vorgabe der tatsachlichen sektoralen Beschaftigungsdaten auf Bundesebene verlaB!ich nachzeichnet. Die mittleren absoluten prozentualen Pehler für die einzelnen Sektoren liegen zwischen 0,5 (Ubrige private Dienste) und 2,0 % (Versorger und Bergbau). Werden die Pehler uber die Branchen einer Region aggregiert, dann schneidet der Kreis Steinfurt mit einer Pehlermarge von 0,3 % am besten ab. Am schwierigsten ist die Beschäftigungsentwicklung der Stadt Gelsenkirchen nachzuzeichnen, hier betragt der durchschnittliche Pehler 1,0 % Pur die gesamte sozialversicherungspflichtige Beschaftigung im Regierungsbezirk ergibt sich ein mittlerer absoluter Pehler von 2 150 bei durchschnittlich 710 000 Beschäftigten im Sttitzzeitraum.

Projektionen der Beschäftigungsentwicklung

Nach bestandener Validitatsprufung wird nun das Regionalmodell dazu verwendet, die Implikationen einer nach Sektoren disaggregierten Beschäftigungsprognose für das Bundesgebiet auf die Branchen und Teilregionen des Regierungsbezirks Münster abzuschatzen. Zunachst wird die Basisprognose des INPORGE-Modells vorgestellt, die eine plausible sektorale und gesamtwirtschaftliche Entwicklung für Deutschland bis zum Jahr 2000 beschreibt. Anschließend werden dem INPORGE-Modell alternativ gunstigere Rahmenbedingungen für die industriellen Sektoren vorgegeben. Da das Modell über einen InputOutput-Kern verfügt, laßt sich abschatzen, welche direkten und indirekten Beschäftigungseffekte die sich ergebende zusatzliche Industrieproduktion generiert. Bei den indirekten Effekten handelt es sich im wesentlichen um Anpassungen der Vorleistungsnachfrage und um Einkommensmultiplikatoren. Diese Alternativprognose dient wiederum als Vorgabe für das Regionalmodell. Aus den Differenzen zwischen Basis und Alternativprognose laßt sich eine Aussage über die Bedeutung des Verarbeitenden Gewerbes für die Beschäftigung im Regierungsbezirk Münster ableiten.

Die Basisprognose bis zum Jahr 2000

Aus einem Kranz von hier nicht im einzelnen darzugestellenden Annahmen ergibt sich für die Jahre 1997 bis 2000 eine jahresdurchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 1,9 %

Ebenda, S. 45–50

Dabei entwickeln sich die Komponenten des Bruttoinlandsprodukts recht unterschiedlich. Die Ausfuhr steigt jahresdurchschnittlich um 3,5 % Da das Wachstum der Importe schwacher ausfallt, ergibt sich im Prognosezeitraum ein weiterhin steigender Außenbeitrag. Die Ausrüstungsinvestitionen stellen eine weitere Stütze des Wachstums dar, wahrend sich der Private Verbrauch und die Bauinvestitionen in der INFORGE-Basisprognose schwacher entwickeln.

Für die Beschäftigung bedeutet das folgendes: Im Bund setzt sich der Beschäftigungsrückgang mit -0,7 % jahrlich bis zum Jahr 2000 moderat fort. Alie Industriebereiche werden weiterhin Beschäftigung abbauen, wobei die konsumnahen Branchen aufgrund des retardierenden Privaten Verbrauchs besonders stark betroffen sind. Im Dienstleistungssektor sind - abgesehen vom Handel sowie Kreditinstituten und Versicherungen - Beschüchse zu erwarten(Tab. 3).Aus dieser Beschäftigungsentwicklung ist unter der Annahme parameterstabiler Gleichungen des Regionalmodells ein wahrscheinlicher Beschäftigungspfad für den Regierungsbezirk abzuleiten. Wie im Bund ergeben sich im Regierungsbezirk insgesamt leichte Beschaftigungseinbußen. In einzelnen Branchen ergeben sich deutliche Abweichungen gegenüber der Bundesentwicklung:

Bemerkenswert sind die projizierten Beschäftigungsänderungen in weiten Teilen der Industrie und bei den Dienstleistungen mit distributivem Charakter. Hier schneidet der Regierungsbezirk jeweils deutlich besser als Westdeutschland ab.

Der Regierungsbezirk hat einen erheblichen Teil der im Kohlekompromiß festgelegten Anpassungslasten zu tragen. Ebenfalls deutlich schlechter als im Bund wird die Entwicklung im regionalen Baugewerbe verlaufen. Dies liegt vor allem daran, daß deren Beschäftigung sehr empfindlich auf die schwache Branchenkonjunktur reagiert.

Für die übrigen Industrie- und Dienstleistungszweige ergeben sich Differenzen zwischen Region und Bund von weniger als einem Prozentpunkt zwischen Region und Bund. Ab dieser Marge kann man nicht mehr von gravierenden Unterschieden sprechen.

Die Basisprognose - Sektorale Beschäftigung in Westdeutschland und im Regierungsbezirk Münster

Westdeutschland

Regierungsbezirk Münster

Prognose1996/2000

Prognose1996/2000

historisch1990/1995

Versorger und Bergbau

-4,5

-6,5

-4,4

Vorleistungen produzierendes Gewerbe

-1,9

-1,3

-1,5

Investitionsgüter prod. Gewerbe

-1,7

-0,1

-0,7

Konsumgüter produzierendes Gewerbe

-2,4

-1,1

-1,2

Baugewerbe

-3,5

-5,7

1,5

Handel

-2,7

-1,8

1,1

Verkehr und Nachrichtenübermittlung

-1,6

-0,4

2,1

Kreditinstitute und Versicherungen

-0.3

-0,3

0,6

Obrige private Dienste

2,6

2,5

3,6

Insgesamt

-0,7

-0,6

0,5

Quelle: Eigene Berechnungen

Durch Zusammenfassen der sektoralen Entwicklungen ergibt sich eine Beschüftigungsprognose in regionaler Auflösung. Demnach werden die Kreise Borken und Coesfeld bis 2000 jahresdurchschnittliche Beschaftigungszuwachse von 1,2 bzw. 1,6 % erzielen. In Münster steigt die Beschäftigung dagegen deutlich schwacher. Eine im Vergleich zu 1996 nahezu unveränderte Beschäftigung ist in den Kreisen Steinfurt und Warendorf zu erwarten. Dagegen ergeben sich den Berechnungen zufolge in Bottrop und im Kreis Recklinghausen Beschäftigungsverluste vom jeweils 0,5 % p.a. Schließlich wird die Beschäftigung in Gelsenkirchen um mehr als 1 % pro Jahr sinken.

Für die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region ergibt sich daraus das folgende Bild (Abb. 3): Nach den Einbußen des Jahres 1997 setzt sich der positive Beschäftigungstrend im Münsterland fort. Bis zum Jahr 2000 steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten pro Jahr um durchschnittlich knapp 3 000 Personen. Nicht zuletzt aufgrund der Anpassungslasten im Bergbau setzt sich der negative Beschäftigungstrend im Emscher-Lippe-Region fort. Zwischen 1998 und 2000 gehen den vorliegenden Berechnungen zufolge jahresdurchschnittlich etwa 2 000 Arbeitsplatze verloren.

Abbildung 3

Die Basisprognose: Münsterland, Emscher-Lippe und Regierungsbezirk

Ein alternativer Beschüftigungspfad

Wie einleitend dargestellt wurde, sind Industrie und Dienstleistungssektor zunehmend wechselseitig miteinander verbunden. Nicht zuletzt aufgrund von Outsourcing und steigenden Serviceanteilen seiner Waren ist das Verarbeitende Gewerbe Nettoempfänger von Vorleistungen - d.h. es erhült mehr Dienstleistungsinputs, als es selbst Waren an das Dienstleistungsgewerbe liefert. In dieser Hinsicht besonders bedeutsam sind der Groß- und Einzelhandel und die sonstigen privaten Dienste - gemeinsam lieferten sie der letzten westdeutschen Input-Output-Tabelle (1990) folgend allein etwa 20 % aller Vorleistungen des Verarbeitenden Gewerbes.

Um die Abhüngigkeit des Dienstleistungsgewerbes von der Industrie abzuschützen, wird im folgenden eine Alternativprognose mit der soeben dargestellten Basisprognose verglichen. Diese Alternativrechnung unterstellt für 1998 bis 2000 eine verringerte Intensitüt des Strukturwandels - der Tertiarisierungstrend wird durch eine unterstellte Zusatznachfrage nach Industriegütern gedümpft. Dabei stellt sich zunüchst auf Bundesebene die Frage, in welchem Maß Dienstleistungen in die zusützliche Industrieproduktion eingehen. Die Auswirkungen auf die Beschüftigung im Regierungsbezirk werden schließlich mit Hilfe des Regionalmodells bestirhmt.

Die Nachfrageveründerungen bleiben nicht auf die unmittelbar betroffenen Sektoren beschrünkt. Vielmehr ist durch die veründerte Vorleistungsnachfrage des Produzierenden Gewerbes eine Vielzahl vorgelagerter Sektoren betroffen. Die Unternehmen dieser Branchen erfahren dadurch eine Ausdehnung von Produktion und Beschüftigung. Zudem entstehen in den betroffenen Sektoren zusützliche Einkommen. Uber eine veründerte Konsumnachfrage hat dies Konsequenzen für konsumnahe Industrie- und Dienstleistungsbereiche. Wiederum über die Vorleistungsverflechtung streuen auch diese Effekte relativ breit über die gesamte Volkswirtschaft. Dies sind die wesentlichen Anpassungsmechanismen des INFORGE-Modells.

Abweichend von der Basisprognose wird für die Jahre 1998 bis 2000 nachfolgend eine exogene Zuwachsnachfrage nach Industriegütem unterstellt: Im Jahr 1998 handelt es sich um 30 Mrd. DM, in den beiden Folgejahren wachst dieser Betrag noch einmal um jeweils 10 Mrd. DM (alles in jeweiligen Preisen). Diese Betrage werden proportional verteilt, so daß die Endnachfrage aller Industriezweige im Jahr 2000 um 2,5 % über den Werten der Basisprognose liegt. Die InputOutput-Architektur des INFORGE-Modells erlaubt es, die direkten und indirekten Effekte einer derartigen Storung simultan zu bestimmen. Alles in allem führt die Nachfragesteigerung zu einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts von maximal 3,3 % Die relativ starken Multiplikatorwirkungen ergeben sich durch den hohen Endogenisierungsgrad des Modells.

Eine ausführliche Diskussion von Multiplikatoreffekten in verschiedenen ökonometrischen Modellen für die Bundesrepublik bieten z.B. Löbbe, Klaus; Siebe, Thomas: Die Bau- und Wohnungswirtschaft als Konjunkturlokomotive? In: Jenkis, Helmut (Hrsg.): Kompendium der Wohnungswirtschaft, 3. Aufl. - München 1996, S. 267-296

Wesentlich für die regionale Bedeutung dieses Szenarios sind weniger die Niveaueffekte als vielmehr die veranderten Produktions- und Beschäftigungsstrukturen (Tab. 4): Die Produktionszuwachse sind in den direkt betroffenen Industrien erwartungsgemaß starker als im Dienstleistungssektor. Bei nahezu unveränderteen Produktivitaten gilt dies auch für die Beschäftigung. Ein Produktionszuwachs im industriellen Bereich strahlt demnach intensiv auf das Dienstleistungsgewerbe aus. Dies ist zum einen durch die skizzierten Vorleistungsbeziehungen bedingt. Außerdem steigt aufgrund der induzierten Einkommen der Private Verbrauch, der mehr als zur Halfte in Form von Dienstleistungen nachgefragt wird. Damit sind sowohl die untemehmensals auch die haushaltsbezogenen Dienste in den AnpassungsprozeB einbezogen. SchlieBüch kommt hinzu, daß von den induzierten Importen nach wie vor hauptsachlich die Industrie betroffen ist.

Wirkungen einer erhöhten Nachfrage nach Industrieprodukten auf die sektorale Produktion und Beschäftigung in Westdeutschland

Produktion

Beschäftigung

1998

2000

1998

2000

Land- und Forstwirtschaft

1,7

3,7

1,4

3,1

Versorger und Bergbau

13

3,2

1,1

2,8

Vorleistungen produzierendes Gewerbe

1,7

3,4

1,4

2,9

Investitionsgüter produzierendes Gewerbe

2,0

3,7

2,1

4,0

Konsumgüter produzierendes Gewerbe

2,2

4,5

2,1

4,1

Baugewerbe

0,3

2,3

0,1

2,1

Handel

1,3

3,5

1,3

3,7

Verkehr und Nachrichtenübermittlung

LO

2,6

1,1

2,6

Kreditinstitute und Versicherungen

1,2

3,5

0,8

2,3

Obrige private Dienste

I,]

3. 1

1,0

2,9

Öffentliche Dienste

0,3

2,8

0,4

2,7

Insgesamt

1,3

3,3

1,1

3,1

Quelle: Eigene Berechnungen

Bei den Effekten der ersten Simulationsperiode (1998) stehen der direkte Nachfrageimpuls und die induzierte Vorleistungsnachfrage im Vordergrund, so daß die Zuwachse der lndustriebeschäftigung entsprechend günstiger ausfallen. Die zeitverzögert einsetzenden Endnachfrageeffekte wirken überwiegend zugunsten des Dienstleistungssektors. Die zusatzlichen Investitionen kommen freilich primar dem Verarbeitenden Gewerbe und dem Baugewerbe zugute.

Nachfolgend wird gezeigt, welche Folgen diese Ergebnisse für den Regierungsbezirk Münster haben. Der autonome Beschäftigungstrend wird in der Basis- und in der Altemativprognose wirksam und spielt bei der Betrachtung der Differenzen zwischen beiden Prognosen keine Rolle. Entscheidend für die regionalen Beschäftigungseffekte sind allein die Beschäftigungselastizitäten und die in Tabelle 4 aufgeführten Veranderungen der Beschäftigung auf Bundesebene. Der Beschäftigungsanstieg von 3,1 % im Jahr 2000 in Westdeutschland impliziert einen fast genauso starken Zuwachs von 3,0 % in der Region. Dieser Gleichlauf reflektiert den Befund im Beobachtungszeitraum (vgl. Tab. 2). Zudem ergeben sich im Regierungsbezirk folgende sektorale Effekte (Abb. 3):

Kurzfristig profitieren vor allem die Industrie und die distributiven Dienste von den direkten Effekten und der induzierten Vorleistungsnachfrage. Dabei reagieren gerade Handel und Verkehr in der Region elastisch auf die für die Bundesrepublik ermittelten Beschäftigungssteigerungen, wahrend die ftigung im Vergleich zu ihrem Pendant im Bund leicht unterproportional steigt.

Die Beschäftigung der verbleibenden Dienstleistungsbereiche reagiert zunachst schwacher auf die industrielle Mehrproduktion. Mit den einsetzenden Einkommenseffekten steigt jedoch die Bedeutung der haushaltsbezogenen Dienstleistungen.

Die Landwirtschaft und das Baugewerbe sind indirekt und über die induzierten Endnachfrageeffekte vom unterstellten Impuls betroffen. Die Zuwachse im Bausektor sind auf die sehr hohen regionalen Beschäftigungselastizitaten zuruckzuführen. Im Bergbau wurde die Umsetzung der Bundesentwicklung modelltechnisch verhindert: Das gedeckelte Subventionsvolumen laßt bei gegebenem Preisabstand zur Importkohle keine spurbaren Produktionszuwachse zu.

Abbildung 4

Die Alternativprognose - Sektorale Beschäftigungseffekte im Regierungsbezirk Münster

Das Regionalmodell bestimmt die Branchenergebnisse aber nicht nur für den Regierungsbezirk insgesamt, sondern auch für die Teilregionen. Tabelle 5 gibt einen Uber blick über die Gewinner und Verlierer des Industrialisierungsszenarios in der Region. Gewinner sind dabei Wirtschaftszweige mit überdurchschnittlich hohen Beschäftigungszuwachsen gegenuber der Basisprognose, als Verlierer werden Bereiche mit schwachen Beschaftigungseffekten angesehen.

Gewinner und Verlierer der Alternativprognose im Jahr 2000

Überdurchschnittliche Zuwächse

Unterdurchschnittliche Zuwächse

Chemische Industrie/Mineralöl

Recklinghausen

7,7

Gastgewerbe

Steinfurt

1,4

Konsumgüterindustrie

Warendorf

6,5

Investitionsgütergewerbe

Münster

1,0

Nahrungsmittelindustrie

Borken

5,7

Kreditinstitute/Versicherungen

Borken

1,0

Handel

Steinfurt

5,7

Kreditinstitute/Versicherungen

Recklinghausen

0,9

Handel

Coesfeld

5,4

Kreditinstitute/Versicherungen

Steinfurt

0,9

Beratungsdienste

Münster

5,0

Konsumgüterindustrie

Recklinghausen

0,8

Schiffahrt, Speditionen Luftverkehr

Steinfurt

5.0

Kreditinstitute/Versicherungen

Gelsenkirchen

0,7

Handel

Warendorf

5,0

Kreditinstitute Versicherungen

Bottrop

0,7

Quelle: Eigene Berechnungen

Die Gewinner streuen relativ breit, von den acht aufgeführten Branchen sind drei der Industrie zuzuordnen. Die Stadt Münster und die Emscher-Lippe-Region sind nur je einmal vertreten. Für die industriell gepragte Emscher-Lippe-Region mag dies uberraschen. Behalten die oben dargestellten Beschäftigungselastizitaten ihre Gültigkeit, dann werden weitergehende positive Effekte im nordlichen Ruhrgebiet durch eine nur unterdurchschnittliche Reaktion auf die Bundesentwicklung verhindert. Eine Ausnahme ist die Chemische Industrie im Kreis Recklinghausen. Wie alle überdurchschnittlich begunstigten Branchen zeichnet sich dieser Bereich durch eine hohe Beschäftigungselastizität aus, der Bundeszuwachs der Chemischen Industrie von 3,6 % wird mit einem Faktor von 2, I umgesetzt. Ahnlich wird der Handel in den Münsterlandkreisen begunstigt, auffallig sind ferner die Zuwachse im Verkehrswesen des Kreises Steinfurt. Die Dominanz der Finanzintermediare unter den Sektoren mit schwachen Zuwachsen ist nicht standortbedingt - hier spielt der geringe gesamtwirtschaftliche Impuls eine Rolle. Unter den acht ausgewiesenen Verlierern sind die Münsterlandkreise dreimal vertreten, wahrend Emscher-Lippe auf vier Nennungen kommt.

Die regionalen Beschäftigungseffekte ergeben sich durch Aggregation uber die Sektoren (Abb. 5). Dabei bestatigt sich das bisher gezeichnete Bild: Das unterstellte Produktions- und Beschäftigungswachstum der Industrie strahlt vor allem in den Kreisen des Münsterlands in erheblichem Maße auf die Dienstleistungen aus. Am starksten sind die ermittelten Zuwachse in den Kreisen Coesfeld und Steinfurt (3,7 %). In der Emscher-Lippe-Region partizi pie rt das Verarbei ten de Gewerbe tendenziell unterdurchschnittlich am Industrieboom. Der fiktive Beschäftigungszuwachs der Stadt Gelsenkirchen liegt immerhin einen halben Prozentpunkt unter dem des Regierungsbezirks.

Abbildung 5

Die Alternativprognose - Regionale Beschliftigungseffekte im Regierungsbezirk Münster

Schlußlicht bei diesem Szenario ist aber die Stadt Münster (2,2 %). Die Industrie hat dort eine zu geringe Bedeutung, um an das Ergebnis im Regierungsbezirk anzuschließen. Dies engt die Beschäftigungschancen bei den haushalts- wie bei den unternehmensbezogenen Dienstleistungen ein - ein weiteres Indiz dafür, daß die Beziehungen zwischen industrieller Produktion und Dienstleistungen überwiegend komplementarer Art sind. Die Zentrumsfunktion Münsters bleibt auf wenige Dienste beschrankt. Die Stadt profitiert vor allem durch das Beratungswesen, und auch das Verkehrswesen steigert seine Beschäftigung kraftig. Alie anderen Dienstleistungsbereiche der Stadt liegen unter dem durchschnittlichen Zuwachs im Regierungsbezirk. Zuma! der öffentliche Bereich (einschlieB!ich Wissenschaft und Gesundheitswesen) ein Beschäftigungsschwerpunkt der Stadt ist, der weitgehend vom unterstellen Boom abgekoppelt ist, fallt die Beschäftigungsreaktion insgesamt gering aus.

Da man von der Stadt Münster als Dienstleistungszentrum im Falle eines Industriebooms a priori keine starken Beschäftigungsreaktionen erwartet, kann die Emscher-Lippe-Region als eigentlicher Verlierer des lndustrialisierungsszenarios angesehen werden. Dort waren im Falle gunstigerer Beschäftigungselastizitaten stärkere Effekte denkbar. Dies gilt für die Industrie ebenso wie für die induzierte Beschäftigung im Dienstleistungssektor. Die Analyse zeigt aber, daß eine breite und wettbewerbsfahige industrielle Basis auch hier eine notwendige Voraussetzung für eine dynamische Entwicklung im Dienstleistungsbereich darstellt.

Fazit

In methodischer Hinsicht weist der verwendete okonometrische Ansatz gegenuber Shift-Share-Analysen einige Vorzuge auf. In der Expost-Betrachtung zeichnet er sich durch eine Großere Allgemeinheit aus, weil die sektoralen Beschäftigungselastizitäten von Eins abweichen können. Entsprechend beziehen sich die geschätzten Modellparameter auf einen Zeitraum und nicht auf lediglich zwei Beobachtungspunkte. Der gewählte Ansatz erlaubt zudem verlaB!ichere Exante-Analysen. Gegenuber anderen Prognoseverfahren wird nicht nur die gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsentwicklung der Region zugerechnet, sondern es gehen regionale Informationen uber die einzelnen Branchen ein. Kritisch bleibt anzumerken, daß eine Top-down-Modellierung nur dann sinnvoll angewendet werden kann, wenn eine „kleine” Region untersucht wird. Andernfalls waren spurbare Ruckwirkungen von der Region auf die Gesamtwirtschaft zu erwarten. Zudem muß gerade in Zusammenhang mit kleinraumigen Prognosen stets auf die erhohte Gefahr von Strukturbruchen hingewiesen werden. Die geschätzten Strukturgleichungen lassen daher langerfristige Prognosen kaum zu.

Die vorliegenden Ergebnisse lassen sich analog auf Rezessionen ubertragen - diese gehen ja im allgemeinen ebenfalls von der Industrie aus und führen zu gedampften Sekundarwirkungen im Dienstleistungsgewerbe. Die Region wurde davon wohl durchschnittlich betroffen sein - allerdings wiederum mit erheblichen sektoralen und regionalen Unterschieden. Weniger konjunktursenshive Dienstleistungsbereiche, die sich vor allem in der Stadt Münster häufen, wurden davon weitgehend verschont bleiben. Die Landkreise des Münsterlands litten zwar aufgrund ihres hohen Industrieanteils und den uberdurchschnittlichen Beschäftigungselastizitäten. Sie können drohende Beschaftigungseinbußen aber teilweise aufgrund der festgestellten Standortqualität kompensieren. Hier wäre die Emscher-Lippe-Region aufgrund ihrer zusatzlichen Standortschwachen starker betroffen.

Die vorgelegten Ergebnisse machen deutlich, daß die These vom „Wachstumsmotor Dienstleistungen” viel zu allgemein formuliert ist, um konkreten regionalen Gegebenheiten gerecht werden zu können. Sie erscheint daher als Leitlinie für die regionale Beschäftigungsforderung nicht geeignet. Die resultierende Empfehlung an die regionale Wirtschaftspolitik lautet vielmehr, trotz der historisch realisierten und weiterhin zu erwartenden Beschäftigungszuwächse im Dienstleistungsbereich keine einseitige Forderung dieses Bereichs zu verfolgen. Die Pflege der industriellen Basis muß eine wesentliche, integrale Komponente einer nachhaltigen regionalen Beschäftigungsstrategie bleiben.

Abbildung 1

Lageskizze des Untersuchungsraums
Lageskizze des Untersuchungsraums

Abbildung 2

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Regierungsbezirk Münster (1978=100)
Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Regierungsbezirk Münster (1978=100)

Abbildung 3

Die Basisprognose: Münsterland, Emscher-Lippe und Regierungsbezirk
Die Basisprognose: Münsterland, Emscher-Lippe und Regierungsbezirk

Abbildung 4

Die Alternativprognose - Sektorale Beschäftigungseffekte im Regierungsbezirk Münster
Die Alternativprognose - Sektorale Beschäftigungseffekte im Regierungsbezirk Münster

Abbildung 5

Die Alternativprognose - Regionale Beschliftigungseffekte im Regierungsbezirk Münster
Die Alternativprognose - Regionale Beschliftigungseffekte im Regierungsbezirk Münster

Gewinner und Verlierer der Alternativprognose im Jahr 2000

Überdurchschnittliche Zuwächse

Unterdurchschnittliche Zuwächse

Chemische Industrie/Mineralöl

Recklinghausen

7,7

Gastgewerbe

Steinfurt

1,4

Konsumgüterindustrie

Warendorf

6,5

Investitionsgütergewerbe

Münster

1,0

Nahrungsmittelindustrie

Borken

5,7

Kreditinstitute/Versicherungen

Borken

1,0

Handel

Steinfurt

5,7

Kreditinstitute/Versicherungen

Recklinghausen

0,9

Handel

Coesfeld

5,4

Kreditinstitute/Versicherungen

Steinfurt

0,9

Beratungsdienste

Münster

5,0

Konsumgüterindustrie

Recklinghausen

0,8

Schiffahrt, Speditionen Luftverkehr

Steinfurt

5.0

Kreditinstitute/Versicherungen

Gelsenkirchen

0,7

Handel

Warendorf

5,0

Kreditinstitute Versicherungen

Bottrop

0,7

Aggregierte Beschäftigungselastizität und Standortbedingungen

ß

y

Regierungsbezirk Münster

0,9

0,2

Münsterland

1,0

0,8

 Kreis Borken

1,0

1,0

 Kreis Coesfeld

1,2

1,5

 Kreis Steinfurt

1,2

0,5

 Kreis Warendorf

1,1

0,7

 Stadt Münster

0,8

0,6

Emscher Lippe

0,8

-0,7

 Stadt Bottrop

0,8

0,9

 Stadt Gelsenkirchen

0,7

-1,6

 Kreis Recklinghausen

0,9

-0,4

Wirkungen einer erhöhten Nachfrage nach Industrieprodukten auf die sektorale Produktion und Beschäftigung in Westdeutschland

Produktion

Beschäftigung

1998

2000

1998

2000

Land- und Forstwirtschaft

1,7

3,7

1,4

3,1

Versorger und Bergbau

13

3,2

1,1

2,8

Vorleistungen produzierendes Gewerbe

1,7

3,4

1,4

2,9

Investitionsgüter produzierendes Gewerbe

2,0

3,7

2,1

4,0

Konsumgüter produzierendes Gewerbe

2,2

4,5

2,1

4,1

Baugewerbe

0,3

2,3

0,1

2,1

Handel

1,3

3,5

1,3

3,7

Verkehr und Nachrichtenübermittlung

LO

2,6

1,1

2,6

Kreditinstitute und Versicherungen

1,2

3,5

0,8

2,3

Obrige private Dienste

I,]

3. 1

1,0

2,9

Öffentliche Dienste

0,3

2,8

0,4

2,7

Insgesamt

1,3

3,3

1,1

3,1

Die Basisprognose - Sektorale Beschäftigung in Westdeutschland und im Regierungsbezirk Münster

Westdeutschland

Regierungsbezirk Münster

Prognose1996/2000

Prognose1996/2000

historisch1990/1995

Versorger und Bergbau

-4,5

-6,5

-4,4

Vorleistungen produzierendes Gewerbe

-1,9

-1,3

-1,5

Investitionsgüter prod. Gewerbe

-1,7

-0,1

-0,7

Konsumgüter produzierendes Gewerbe

-2,4

-1,1

-1,2

Baugewerbe

-3,5

-5,7

1,5

Handel

-2,7

-1,8

1,1

Verkehr und Nachrichtenübermittlung

-1,6

-0,4

2,1

Kreditinstitute und Versicherungen

-0.3

-0,3

0,6

Obrige private Dienste

2,6

2,5

3,6

Insgesamt

-0,7

-0,6

0,5

Klassifikation der geschützten Beschüftigungsgleichungen

0 < ß < 1

ß > i

y < 0

1. Standortnachteile und eine teilweise Abkopplung von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Kreditinstitute/Versicherungen in Münster

Übrige private Dienste in Gelsenkirchen

Handel in Bottrop

4. Standortnachteile und eine überdurchschnittliche Abhängigkeit von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Baugewerbe in Münster und Gelsenkirchen

Chemische Industrie in Gelsenkirchen und Recklinghausen

y = 0

2. Standortneutralität und eine teilweise Abkopplung von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Gesundheitswesen in Münster

Versorger/Bergbau im Kreis Warendorf

Kreditinstitute/Versicherungen in Gelsenkirchen

5. Standortneutralität und eine überdurchschnittliche Abhängigkeit von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Übrige private Dienste im Kreis Coesfeld

Baugewerbe in den Kreisen Steinfurt und Warendorf

Öffentl. Dienste im Kreis Recklinghausen

y > 0

3. Standortvorteile und eine teilweise Abkopplung von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Investitionsgüterindustrie in den Kreisen Borken, Coesfeld und Warendorf

Kreditinstitute und Versicherungen in den Kreisen Borken und Wurendorf

6. Standortvorteile und eine überdurchschnittliche Abhängigkeit von der Entwicklung im Bund.

Beispiele:

Baugewerbe in den Kreisen Borken und Coesfeld

Verkehr und Nachrichtenübermittlung in den Kreisen Borken und Steinfurt

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