1. bookVolume 62 (2004): Issue 2 (March 2004)
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Journal
eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Rezensionen

Published Online: 31 Mar 2004
Volume & Issue: Volume 62 (2004) - Issue 2 (March 2004)
Page range: 157 - 161
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eISSN
1869-4179
First Published
30 Jan 1936
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6 times per year
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German, English

Hutter, Gérard; Iwanow, Irene; Müller, Bernhard (Hrsg.): „Demographischer Wandel und Strategien der Bestandsentwicklung in Städten und Regionen“. – Dresden 2003. =IÖR-Schriften Bd. 41, 201 S., III., Abb.

Unter Schrumpfung verstehen wir im alltagsweltlichen Gebrauch einen Vorgang, bei dem ein Stoff eine stützende Substanz verliert und sich deshalb zusammenzieht. In der Folge wirft die Oberfläche des Stoffes Wellen und Falten, weil sie für den verbleibenden Stoff zu groß geworden ist. Äpfel schrumpfen, wenn sie zu lange gelagert wurden. Manche Werkstoffe schrumpfen, wenn man ihnen Feuchtigkeit entzieht. Organe können bei Erkrankungen schrumpfen.

Seit einigen Jahren wird der Begriff Schrumpfung immer häufiger auch gebraucht, um die Entwicklung von Städten mit starkem Bevölkerungsrückgang zu beschreiben. Der Terminus drängt sich auf, weil auch hier Substanzverlust und das Zu-Groß-Werden der äußeren Hülle als Phänomene ins Auge springen. Zu den bisher am meisten angesprochenen konkreten Folgen der Schrumpfung zählen leerstehende (Wohn)Gebäude, überdimensionierte und dadurch teure und wartungsanfällige Infrastruktur, ökonomische Schieflagen bei Wohnungsunternehmen und Einnahmeausfälle für die öffentlichen Haushalte.

Die große Herausforderung für die Politik und Wohnungswirtschaft besteht wohl darin, zu erkennen, dass Schrumpfung nicht nur ein zyklischer Abschwung bzw. das temporäre Ausbleiben von Wachstum ist, sondern ein stetiger lang anhaltender Prozess. Deshalb muss auf Schrumpfung anders reagiert werden als auf Wachstumspausen oder konjunkturelle Schwächephasen. Die Hoffnung, aktuelle Probleme würden sich in einem nächsten Aufschwungzyklus von allein lösen, bleibt eine Illusion.

Vielerorts wird derzeit zur Schrumpfung von Städten geforscht und ganz praktisch auf die Folgeprobleme reagiert. Wissenschaft, Stadtplanung, Wohnungswirtschaft und Politik stellen sich dabei in unterschiedlicher Weise den Herausforderungen. Mit dem aus einer Tagung hervorgegangenen Sammelband „Demographischer Wandel und Strategien der Bestandsentwicklung in Städten und Regionen“ möchte das Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden – so Iwanow/ Hutter/Müller in der Einführung – „zum Ergebnisaustausch zwischen Forschungsinstitutionen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis beitragen“. In zehn Fachbeiträgen widmen sich dann 13 Autoren (davon neun vom IÖR) unterschiedlichen Aspekten des Themenbereichs.

Der Band gliedert sich in zwei Hauptblöcke, die auf die zentralen Fragen des Schrumpfungsprozesses ausgerichtet sind. Die erste Fragenkomplex lautet: Mit welchen Veränderungen müssen wir rechnen? Welchen neuen Quantitäten und Qualitäten ergeben sich im Zuge des demographischen Wandels vor Ort in den Städten und Regionen? Der zweite Fragenkomplex thematisiert die Handlungsansätze und Handlungsmöglichkeiten: Was ist zu tun? Auf welche Erfahrungen kann man aufbauen?

Dementsprechend widmet sich der erste Hauptteil des Bandes mit fünf Beiträgen von Siedentop/Kausch, Flöthman, Tovote, Iwanow und Deilmann der Ex-post-Betrachtung, Analyse und Prognostik demographischer Entwicklungen. Die Beiträge schlagen den Bogen von den demographischen Ursachen der Schrumpfung mit ihren regionalen Unterschieden bis hin zu den Auswirkungen auf Wohnungsnachfrage und Wohnungsnutzung. Große Überraschungen bieten diese Beiträgen nicht. Gleichwohl ist es interessant, in ihnen zu stöbern. Besonders deutlich macht Irene Ivanow in ihren „Szenarien zur Wohnungsnachfrageentwicklung in ostdeutschen Kommunen und Regionen“, warum es sich immer wieder lohnt, auf die demographischen Grundlagen einzugehen. Ihre über ein einfaches Modell handhabbar gemachten Bevölkerungsszenarien transformieren das abstrakte Thema Bevölkerungsschrumpfung in eine lokale Herausforderung und machen es damit der Politik und der Wohnungswirtschaft zugänglich. Auch wenn jeder weiß, dass die prognostischen Rechenergebnisse mit Unsicherheit behaftet sind, liefern sie doch eine einheitliche Plattform für den Diskurs und die abgestimmten Aktivitäten der Beteiligten. Damit schaffen sie eine wesentliche Voraussetzung für strategisches Handeln.

Der zweite Hauptteil des Bandes mit vier Beiträgen von Wiechmann, Hutter/Westphal, Glatter und Franz ist den „Strategien der Bestandsentwicklung“ in Städten und Regionen gewidmet. Dies ist vermutlich der Teil, dem sich die meisten Rezipienten des Bandes als Erstes zuwenden werden. Denn die Frage „was tun?” drängt. Dank der verschiedenartigen Beiträge, die jeweils unterschiedliche Akteure (Kommune, Wohnungswirtschaft, Bund, Länder) in das Zentrum der Betrachtungen stellen, ergibt sich ein breites Spektrum an Best Practise, Anregungen und Kritik.

Angesichts des grundsätzlichen Umdenkens, das der Übergang von der Wachstumsbewältigung zur Schrumpfungsbewältigung erfordert, spricht Hutter im Schlussbeitrag des Bandes von einem „Wandel des Planungsparadigmas“. Partiell mag das stimmen. So brechen die im Beitrag von Wiechmann angesprochenen kommunalen Strategien der Festsetzung von Zonen unterschiedlicher Handlungsnotwendigkeit (rote, grau, grüne Zonen) sicherlich mit dem Instrumentarium der klassischen Flächennutzungsplanung, das von einer gleichwertigen Behandlung des Gesamtraumes ausgeht. Andererseits gehören die im Beitrag von Glatter angesprochenen Verhandlungslösungen, die Kommunen und Wohnungswirtschaft in ein Boot holen, längst zum etablierten Instrumentarium der Planung. Bei nüchterner Betrachtung kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass die Bewältigung starker und rascher Veränderungen – sei es Wachstum oder Schrumpfung – in jedem Fall eine große Herausforderung darstellt. In beiden Fällen verschärfen sich die Probleme durch Aussitzen. Insofern stellt die Forderung nach schnellem Handeln, die sich aus den Schrumpfungsprozessen ergibt, vielleicht am ehesten einen Paradigmenwechsel für Politik und Planung da, denn politische Langsamkeit und eine zögerliche Veränderungsbereitschaft sind in den letzten Jahrzehnten zu hervorstechenden Eigenschaften in Deutschland geworden.

Die Stärke des vorliegenden Sammelbandes liegt in seinem Aufbau mit den Hauptkomplexen „Demographische Analyse und Prognostik“ und „Strategien der Bestandsentwicklung“. Damit wird auf zwei zentrale Fragen der Schrumpfungsdebatte Bezug genommen. Die aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit stark divergierenden Schwerpunkten stammenden Beiträge setzen sich wie ein Blumenstrauß zu einem ansprechenden Ganzen zusammen. Diese Struktur ist gleichzeitig aber auch – typisch für einen Sammelband – seine Schwäche. Die Beiträge ergänzen einander, aber sie münden nicht in ein geschlossenes Gesamtbild. Der Werkstattcharakter wird spürbar und zwingt den Leser zum Weiterdenken. Das ist von den Herausgebern aber durchaus beabsichtigt. Der Tagungsband – so heißt es in der Einleitung – „kann und will den Zusammenhang von demographischem Wandel, Konsequenzen für die Wohnungswirtschaft und Umwelt sowie den Strategien lokaler Akteure nicht vollständig erfassen. Er leistet jedoch einen strukturierten Beitrag zu diesem übergeordneten Forschungsthema.“ Dieser Feststellung kann man uneingeschränkt zustimmen. Zwar ist es mühsam, den Band systematisch von der ersten bis zu letzten Seite zu lesen. Aber es ist anregend, in ihm zu stöbern und dabei manche Impulse gewinnen zu können.

Jürgen Aring (Meckenheim)

Keim, Karl-Dieter (Hrsg.): Regenerierung schrumpfender Städte. Zur Umbaudebatte in Ostdeutschland. – Erkner: Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung 2001. = Reihe REGIO Transfer, Bd. 1

Jahrhundertelang waren die deutschen Städte durch Bevölkerungs- und (überproportionales) Flächenwachstum geprägt – durch einen „Flächenverbrauch“, der seit der Jahrhundertmitte als „Zersiedlung“ beklagt, aber durch die Eigenheimförderung begünstigt wird und inzwischen auch als ökologische Gefährdung erkannt ist. Die dadurch bedingte Verringerung der Siedlungsdichte erschwert die infrastrukturelle Versorgung und verstärkt die Abhängigkeit vom Privatauto.

Solche Probleme der „Entdichtung“ gewinnen neue Dimensionen, wenn die Bevölkerung tatsächlich schrumpft, wie dies in spektakulärer Weise in Städten der östlichen Bundesländer geschieht – Vorboten einer Entwicklung, die auch anderen deutschen Städten bevorsteht. „Schrumpfende Städte fordern neue Strategien für die Stadtentwicklung“, hieß im Jahre 2001 das Thema eines wissenschaftlichen Kolloquiums, das die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung in Leipzig abhielt. Inzwischen gibt es eine Reihe von Veröffentlichungen, die sich mit den verschiedenen Aspekten dieser Entwicklung auseinandersetzen. Einen guten Überblick über deren Spannweite bietet der vom Direktor des Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin herausgegebene Sammelband zur „Regenerierung schrumpfender Städte“, der neun Einzelbeiträge von insgesamt fünfzehn Autoren und Autorinnen enthält.

In seinem einleitenden Beitrag geht der Herausgeber der Frage nach, was die Forschung zur Analyse und zur Bewältigung der neuen Probleme beitragen könne – von der Definition eines wissenschaftlichen Bezugsrahmens und der Klärung der Begriffe bis zur konkreten Politikberatung in den Städten. Zugleich umreißt er den Hintergrund – die historische Einbettung des Phänomens, die Logik eigendynamischer Prozesse, die Neigung, den Systemcharakter von Entwicklungen zu verkennen und mit Einzelmaßnahmen negative Nebenwirkungen auszulösen. Wichtige Einsichten in solche Systemzusammenhänge vermittelt der Artikel „Schrumpfung und Alltagskultur: Blinde Flecken im Stadtumbau-Diskurs“, der insbesondere auf die Überlagerung von demographischen und ökonomischen Komponenten beim Bevölkerungsrückgang hinweist und die Wirkungen auf den Alltag der Bürger erörtert.

Zwei weitere Beiträge behandeln die Problematik des Wohnungsleerstandes – einerseits mit dem Blick auf die typischen Plattenbau-Großsiedlungen aus DDR-Zeiten, wobei auch die negativen Folgen einer Unterauslastung der Infrastruktur ins Blickfeld kommen, andererseits unter dem Thema „Stadtumbau aus Akteursperspektive“; als Akteure stehen dabei Behörden, Wohnungsunternehmen, Banken, Infrastruktur- und Versorgungsbetriebe im Vordergrund. Solche Akteure zu gemeinsamem Handeln zusammenzuführen, ist das Ziel der vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen herausgegebenen Richtlinien für „integrierte wohnungswirtschaftliche und städtebauliche Konzepte zur Gestaltung des Strukturwandels auf dem Wohnungsmarkt der neuen Länder“, die im Mittelpunkt eines weiten Artikels stehen. Als Ergebnis dieser Konzepte soll eine Gliederung in Erhaltungs-, Umstrukturierungs- und Schrumpfungsgebiete, als Handlungsorientierung verstanden – vorgenommen werden; als mögliche „Rückbaukonzepte” werden Auflockerung der Bebauungsdichten, flächenhafter Abriss und Stilllegung ungenutzter Bestände genannt. Dabei gilt es, das Konfliktpotenzial zwischen städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen Kriterien nüchtern ins Auge zu fassen.

An den Beispielen von Bautzen und Leipzig wird das Problem der durch Wohnungsleerstände und Gewerbebrachen bedingten „perforierten Stadt“ mit unausgelasteter Infrastruktur dargestellt; nicht nur die Eigentümer von Wohn- und Bürogebäuden, sondern auch Einzelhandel, öffentlicher Nahverkehr und Versorgungssysteme sehen sich mit schrumpfender Nachfrage konfrontiert. Das Phänomen eines „Mietermarktes“, in dem die Vermieter sich um Mieter bemühen, ist höchst ungewohnt und macht deutlich, dass hier mit der seit Jahrzehnten beschworenen „Deregulierung“ nichts zu erreichen ist. Aber neben den bedenklichen Entwicklungen werden mit Recht auch die Chancen für einen Zuwachs an Stadtqualität betont, der sich durch Auflockerung und Freiflächengewinn ergeben kann.

Eine Sonderstellung nimmt der Text eines britischen Autors ein, der – als Übersetzung aus dem Buch „The Creative City. A Toolkit for Urban Innovations“ – die Bedeutung kreativer und innovativer Denkansätze für die Stadtentwicklung hervorhebt und hierfür methodische Hinweise gibt; hier besteht offenkundig ein Zusammenhang mit der 1998 in Großbritannien eingeleiteten Kampagne für eine „Urban Renaissance“.

Ein abschließender Beitrag unter dem Titel „Planung mit erhöhtem Risiko“ fasst die Besonderheiten der neuen Situation zusammen, die vermehrte Unsicherheiten und damit Risiken für die Planung mit sich bringen – von der Ungewissheit der Prognose über die Bestimmung des Handlungsbedarfs und die Beurteilung der Marktkräfte bis zum Risiko konzeptioneller Illusionen.

Gewiss weisen die Beiträge eine Reihe inhaltlicher Überschneidungen auf, aber das ist bei einer solchen Zusammenstellung eigenständiger Artikel wohl unvermeidlich – und trägt manchmal auch zur Verdeutlichung komplexer Zusammenhänge bei. So schließt sich die Vielfalt der Beiträge zu einem facettenreichen Bild der Probleme zusammen, die zwar im öffentlichen Bewusstsein heute noch auf die östlichen Bundesländer beschränkt scheinen, sich aber – angesichts eindeutiger demographischer Daten – in den kommenden Jahrzehnten in vielen anderen deutschen Städten stellen dürften. Um so wichtiger ist es, sich bald mit ihnen vertraut zu machen.

Gerd Albers (Germering)

Schönwandt, Walter L.: Planung in der Krise? Theoretische Orientierungen für Architektur, Stadt- und Raumplanung. – Stuttgart: Kohlhammer 2002. 177 S.

Der Titel in Frageform – mit dramatischem Unterton – lässt eine Antwort erwarten, die sich auf eine Auseinandersetzung mit Gründen und Symptomen einer solchen Krise stützt. Aber die Erwartung wird nicht erfüllt; Erörterung und Antwort bleiben aus. So muss man sich an den Untertitel halten: „Theoretische Orientierungen für Architektur, Stadt- und Raumplanung“; er verdeutlicht das Anliegen des Autors, wenn auch ein Bezug zur Architektur nur schwer zu erkennen ist.

Die „Orientierungen“ weisen in drei Richtungen: Im ersten Abschnitt werden verschiedene „Planungsmodelle“ – hier, im Sinne von „Planungsverständnis“ – dargestellt und erläutert, im zweiten wird eine Abfolge von drei Generationen der Planungstheorie postuliert und deren dritte – gegenwärtige – modellhaft verdeutlicht; diese Abschnitte wurden bereits früher in ähnlicher Form veröffentlicht. Im dritten Teil – der drei Fünftel des Textes beansprucht – wird das „semiotische Dreieck” als „gedankliches Werkzeug beim Planen“ erörtert und ausgelotet.

Die einleitend dargestellten sieben Planungsmodelle erweisen sich bei näherer Betrachtung als nicht ganz so vielfältig, wie die Zahl andeutet: Es geht vor allem einerseits um das „rationale Planungsmodell“ der sechziger Jahre – mit seinem präzisen Ablauf einzelner Schritte und seinem Anspruch auf eine „optimale“ Lösung – und andererseits um eine Reihe von kritischen Gegenmodellen, die sich untereinander weniger streng unterscheiden; sie richten sich nicht so sehr auf die Strukturierung des Planungsvorgangs als auf die Artikulierung spezifischer Interessen – im Gegensatz zur Fiktion des „öffentlichen Wohls“, das dem rationalen Planungsmodell zugrunde liegt. Dessen Qualität liegt vor allem in dem Bemühen um die Definition einer sinnvollen Abfolge von Planungsschritten; die spätere Kritik zielte im Grunde eher auf das spezifische Planungsklima der 60er Jahre, das durch eine Überschätzung des Planbaren, eine „Machbarkeitseuphorie“ gekennzeichnet war.

Was die Generationenfolge der Planungstheorien angeht, so steht eben jenes rationale Planungsmodell für die erste Generation, während die zweite Generation durch Horst Ritteis Entdeckung des „bösartigen“ Planungsproblems – das nicht auf beweisbar beste Weise zu lösen ist und auch sonst einige Tücken aufweist – definiert wird. Die Planungstheorie der dritten Generation indes – als zeitgemäße Antwort auf die heutigen Probleme bewertet – stützt sich weitgehend auf Arbeiten von C. Heidemann (TU Karlsruhe) zum System-Umwelt-Paradigma, das der Autor im „Funktionskreis“ des Biologen Jacob von Uexküll vorformuliert sieht. Hierzu werden Ablaufdiagramme (mit der Quelle Heidemann 1992) vorgestellt, die eine deutliche Verwandtschaft mit dem Planungsmodell des Amerikaners Britton Harris aufweisen – 1967 unter dem Titel „The Limits of Science and Humanism in Planning“ im Journal of the American Institute of Planners veröffentlicht. Leider ist diese in der amerikanischen Planungsdiskussion vielbeachtete Arbeit in der umfangreichen Bibliographie – mehr als 250 Titel, davon viele aus den USA – nicht erfasst. Der Vergleich der ersten und der dritten „Generation“ betont gegenüber dem früheren Anspruch auf Rationalität und optimale Lösungen die heutige Einsicht in die Ungewissheiten und subjektiven Elemente des Planens.

Im dritten Teil wird ein Teilaspekt jener „dritten Generation“ weiterverfolgt – die Frage nach dem „Verständnis der Sachlage“ als Voraussetzung zur Klärung der Planungsaufgabe. Ein Kernanliegen des Verfassers ist die Auseinandersetzung mit dem „semiotischen Dreieck“, dem Verhältnis von Sprache und Zeichen einerseits, Gegenständen und Ereignissen andererseits und Begriffen („Konstrukten“) zum Dritten. Diesen Zusammenhängen wird in großer Ausführlichkeit nachgegangen, wobei das philosophische Werk von Mario Bunge als Grundlage dient und vielfach zitiert wird – im englischen Originaltext und mit dem Hinweis, dass dieser beim Versuch der Übersetzung ins Deutsche „meist an Klarheit verliert“. Das mag zutreffen, aber auch dieser Verzicht bedeutet einen Verlust – denn gerade eine Übersetzung zwingt zur eingehenden gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Gemeinten. Auch des Autors Definition des „Schemas“ als „Cluster von Begriffen” weicht der Suche nach einer geeigneten deutschen Formulierung aus.

Das Schwergewicht dieses dritten Teils liegt auf der Erörterung des „Konstrukts“ als eines „begrifflichen Objekts” und seiner Bedeutung für das planerische Vorgehen; außer Begriffen fallen auch „Propositionen“ (Vorstellungen von Zusammenhängen), Kontexte und Theorien in diese Kategorie. Zudem wird das Konstrukt durch weitere, in der deutschen Planungsdiskussion bisher ungeläufige Begriffe erläutert – Purport, Intension, Import, Extension und Reference – nicht ganz leichte Kost für den orientierungsbedürftigen Planer. Indessen zielen die Abschnitte über „Wirkungsmechanismen“, „Konsequenzen für die Planung“, „Fehlermöglichkeiten“ und „planerische Regeln“ auf den Nutzen solcher Theorie für die Planungspraxis, die mit zahlreichen Beispielen ins Blickfeld kommt. Daraus erwächst allerdings manchmal ein eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen theoretischer Abstraktion und der Banalität erläuternder Aussagen.

Zu seinem Erstaunen fand der Rezensent in diesem theoriebetonten Kapitel auch ein von ihm entworfenes Diagramm, das der Autor allerdings aus zweiter Hand übernommen und – vielleicht deshalb – fehlinterpretiert hat: Es handelt sich nicht um ein „System möglicher Stadtmodelle“, sondern um den Versuch, reale „Konzepte für die räumliche Stadtstruktur“ – erwirklichte und vorgeschlagene – in eine „topologische“ Ordnung zu bringen, fernab jeder theoretischen Ambition.

Das „Fazit“ dieses Abschnitts nimmt nicht für sich in Anspruch, ein Stück schlüssiger Planungstheorie zu verkünden, sondern beschränkt sich darauf, eine Liste von Fragen vorzulegen, mit denen sich der Planende im Einzelfalle auseinandersetzen sollte – eine Aufforderung zum kritischen Nachdenken über Begriffe, Zusammenhänge und Regeln, das gleichsam den Hintergrund des Planungsvorgangs zu erhellen vermag. Wenn der lesende Planer bis hierher durchgehalten und sich mit der Begriffswelt des vorangegangenen Textes vertraut gemacht hat, wird er daraus manchen Gewinn ziehen können.

Gerd Albers (Germering)

Brüggemann, Heinz: Architekturen des Augenblicks. Raum-Bilder und Bild-Räume einer urbanen Moderne in Literatur, Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts. – Hannover: Offizin-Verl. 2002. 580 S., III. (Kultur und Gesellschaft; 4)

Die Schriftstellerin Tanja Dückers hat unlängst in der Süddeutschen Zeitung eine zunehmende „Literarisierung des Politischen“ konstatiert. Dabei scheint es sich durchaus um eine eher grundsätzliche Entwicklung zu handeln, unterliegt doch auch das Städtische seit geraumer Zeit einer augenscheinlichen Literarisierung. Die Metaphern mehren sich; Diskurs wird sie genannt, als Sprache oder Schrift wird sie bezeichnet – die Großstadt. Wer sich in ihr bewegt, sei, so wird es suggeriert, eine Art Leser, und sie verfüge wie ein literarischer Text über so viele Interpretationen, wie jener Leser habe. Diese Richtung der Erklärung hat berühmte Vordenker zu verzeichnen: Ludwig Wittgenstein versuchte das Phänomen Sprache mit der (antiken) Stadt zu beschreiben. Heute, das wäre festzuhalten, ist die Stadt selbst zum Kommunikationssystem geworden.

In dieser Sphäre operiert auch der Germanist Heinz Brüggemann. Mit seinem Buch „Architekturen des Augenblicks“ spürt er jenem „neuen Sehen“ nach, das als konstitutiv für die Entwicklungsgeschichte der Moderne am Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden werden kann, weil es den radikalen Bruch mit dem cartesianischen Perspektivismus vollzog. Die besondere Bedeutung der materialreichen Studie besteht in ihrem interdisziplinären Ansatz, der die getrennten Diskurse überblendet. „Raum-Bilder und Bild-Räume“ – so der Untertitel – in Literatur, Kunst und Architektur werden gleichermaßen behandelt. Dabei verfolgt der Autor, in welchem Maße die Dominanz des Sehsinns einer synästhetischen, sämtliche Sinne tangierenden Wahrnehmung des Urbanen weicht. Von der Stadtwahrnehmung der italienischen Futuristen spannt sich der Bogen über die New-York-Visionen Franz Kafkas, das Berlin Alfred Döblins und Benjamins Pariser „Passagenwerk“ bis hin zu Joyces „Ulysses“ und Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Freilich birgt der Versuch, Architektur mit Literatur, Städtebau mit Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Urbanität mit bildender Kunst in Verbindung zu bringen, naturgemäß einige Unabwägbarkeiten. Vergleiche hinken mitunter. Gleichwohl macht vor allem der Umstand, dass die Bedeutung der „Stadt“ für das Individuum nicht allein dem Augenblick der Wahrnehmung, sondern auch der späteren Erinnerung geschuldet ist, den Vergleich mit „Text” plausibel. Und in gewisser Hinsicht ist das, was man Apperzeption nennen könnte, nämlich die Aufnahmebereitschaft für den Glanz reiner Dinglichkeit, Leitfaden des Buches insofern, als seinem Inhalt eine entschiedene Neugier für die Welt der Objekte, für das Phänomen Großstadt zugrunde liegt.

Die Kernfragen des Autors geben nicht nur Auskunft über die argumentative Zielrichtung, sondern auch über seine weiteren Ambitionen: Worin besteht die Identität der Stadt als ein Ort? Wie sind ihre konkreten und symbolischen Konstruktionen des Raumes, ihr soziales und kulturelles Gedächtnis beschaffen? Ist sie womöglich zum überall gleichen, uniform ausgestatteten Transitraum, zum Nicht-Ort einer Übermoderne geworden? Wird die moderne Stadt des 20. Jahrhunderts bestimmt durch die Vorherrschaft des Sehens, durch eine Hegemonie raum-zeitlicher Ordnungen? Spricht sie zu uns nur noch im visuellen Vokabular technischfunktionaler Neutralität? Sind partizipatorische, involvierte Erfahrungsweisen der nächsten Umwelt längst getilgt? Indem Brüggemann in seinen Antworten auf die Anfänge der urbanen Moderne zurückgreift und sie mit den Beiträgen der Bildenden Kunst, der Literatur, der Architektur- und Kulturtheorie konfrontiert, erzeugt er ein Panoptikum, welches zumindest jene in den Bann zu ziehen vermag, denen ein Faible für umgreifende Theorien zu eigen ist.

Dennoch – oder gerade deshalb – wäre es naiv, anzunehmen, dass dieser eigenwillige Versuch einer Inhaltsbestimmung von Stadt zur Vereinfachung ihrer planerischen Handhabung beiträgt. Darum ist es dem Autor nicht zu tun. Vielmehr spürt er der Veränderung ästhetischer Wahrnehmung auf allen Ebenen nach, handele es sich um die Auflösung des Ich, die Dynamisierung der Objektwelt oder den Sprachwirrwarr der Metropolen. Zweifelsfrei stellt Brüggemanns Buch ein Plädoyer dar für die Komplexität der realen und fiktiven, der architektonischen wie literarischen Stadt der Moderne. Monokausale Erklärungen und Eindimensionalität sind seine Sache nicht, was auch in Kapitelüberschriften wie „Die fordistische Stadt und die ungeheuere Oberfläche des. modernen Durcheinanders“’ zum Ausdruck kommt. Und es kann kaum verwundern, dass nicht nur vor den Verengungen eines mittlerweile tradierten „Funktionalismus“ gewarnt wird, sondern auch vor jenen aktuellen Tendenzen, die räumliche und ästhetische „Ordnung“ um den Preis einer historisierend camouflierten Obsession erkaufen wollen.

Gewiss ist diese bildungsgesättigte, an aufschlussreichen Quer- und Quellenverweisen reiche Studie eher an litararischen denn an fachspezifischen Maßstäben zu messen. Innerhalb derer jedoch verfügt sie über ein enormes Eigengewicht. Denn die Stadt mag in der Tat eine Schrift sein, wie es Victor Hugo noch reichlich metaphorisch – und wohl als erster – aussprach, ein Text, in dem die einzelnen Namen ein lesbares Ganzes bilden. Auch Walter Benjamin wird es mehr geahnt als gewusst haben, als er davon sprach, dass die Straße den Flanierenden in eine „entschwundene Zeit“ führt. Nach der so opulenten wie beredten Studie von Brüggemann wissen wir es jetzt genauer.

Robert Kaltenbrunner (Bonn/Berlin)

Hutter, Gérard; Iwanow, Irene; Müller, Bernhard (Hrsg.): „Demographischer Wandel und Strategien der Bestandsentwicklung in Städten und Regionen”. — Dresden 2003. =IÖR-Schriften Bd. 41, 201 S., Ill., Abb.Hutter, Gérard; Iwanow, Irene; Müller, Bernhard (Hrsg.): „Demographischer Wandel und Strategien der Bestandsentwicklung in Städten und Regionen”. — Dresden 2003. =IÖR-Schriften Bd. 41, 201 S., Ill., AbbSearch in Google Scholar

Keim, Karl-Dieter (Hrsg.): Regenerierung schrumpfender Städte. Zur Umbaudebatte in Ostdeutschland. — Erkner: Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung 2001. = Reihe REGIO Transfer, Bd. 1Keim, Karl-Dieter (Hrsg.): Regenerierung schrumpfender Städte. Zur Umbaudebatte in Ostdeutschland. — Erkner: Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung 2001. = Reihe REGIO Transfer, Bd. 1Search in Google Scholar

Schönwandt, Walter L.: Planung in der Krise? Theoretische Orientierungen für Architektur, Stadt- und Raumplanung. 2002. Stuttgart, Kohlhammer.Schönwandt, Walter L.: Planung in der Krise? Theoretische Orientierungen für Architektur, Stadt- und Raumplanung. 2002. Stuttgart, Kohlhammer10.1007/978-3-663-01234-4Search in Google Scholar

Brüggemann, Heinz: Architekturen des Augenblicks. Raum-Bilder und Bild-Räume einer urbanen Moderne in Literatur, Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts. 2002. Hannover, Offizin-Verl.Brüggemann, Heinz: Architekturen des Augenblicks. Raum-Bilder und Bild-Räume einer urbanen Moderne in Literatur, Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts. 2002. Hannover, Offizin-VerlSearch in Google Scholar

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